Brief von Jayagaura Prabhu
Krishna in der Gesellschaft
- von Jayagaura Prabhu, Hamburg -
Zu der Diskussion um Gottgeweihte innerhalb und außerhalb der Tempel möchte ich zu meiner und zur Erleuchtung aller Vaishnavas folgendes beitragen:
Ich meine, daß manche Gottgeweihte, die die Bewegung verlassen haben, ihr Verweilen darin als ein abgeschlossenes Lebensstadium ansehen und keinen aktiven Dienst mehr tun, wohl keinen weiteren spirituellen Fortschritt nach allgemeinem Verständnis mehr machen. Jedoch behalten viele von Ihnen Respekt für Srila Prabhupada und Krishna bei. Deshalb wird ihnen Srila Prabhupada bei nächster Gelegenheit (vielleicht auch im nächsten Leben) weiterhelfen. Als "gute spirituelle Söhne und Töchter" unseres spirituellen Vaters sollten wir Srila Prabhupadas Last der Verantwortung mindern, indem wir unseren Gottschwestern und Gottbrüdern helfen - ganz gleich, in welchen Umständen sie sich befinden mögen -, und versuchen, uns wieder zusammen mit ihnen in Krishnas Dienst zu beschäftigen. Es kostet viel Aufwand, jemanden zum Gottgeweihten zu machen; auf der anderen Seite können Fehler alle Errungenschaften wieder zerstören.
Wie Sri Caitanya Mahaprabhu voraussagt, soll in jeder Stadt und
in jedem Dorf der heilige Name des Herrn zu hören sein. Wenn
man unsere heutige Situation mit dieser Voraussage vergleicht,
sieht man, wie weit wir noch von der Verwirklichung unserer Ziele
entfernt sind. Doch auch der Weg zu dieser Vorgabe wird uns bewußt.
Der erste Schritt besteht darin, Srila Prabhupadas Bücher
zu verteilen. Dies wird heute in Deutschland mit großem
Erfolg getan.
Andererseits sagte Srila Prabhupada 1986, nur die Hälfte seiner Mission sei erfüllt, und die andere Hälfte bestünde in der Errichtung des varnashrama dharma-Gesellschaftssystems (siehe Vaidyanathas Artikel im ersten "Gemeinde-Forum"). Ebenso wie die Errichtung des Tempels in Mayapur einen intensiven Predigterfolg mit sich bringen wird, so kann auch eine funktionierende vedische Gesellschaft der Menscheit im allgemeinen die praktische Anwendung unserer Vaishnava-Philosophie nahe bringen.
Nachdem ich 6 Jahre im Tempel und 17 Jahre außerhalb gelebt habe, ist es für mich eine bewiesene Tatsache, daß die Ausübung eines Berufes außerhalb des Tempels mit spirituellem Leben einhergehen kann. Um dies zu ermöglichen, sollte man in der Nähe eines Tempels leben, so oft wie möglich an den Programmen dort teilnehmen und regelmäßig mit Gottgeweihten Gemeinschaft pflegen. Wie in einem Dorf die Kirche im Mittelpunkt steht, die Wirkungsstätte der Priester ist, während die Gemeinde um die Kirche herum wohnt, so sollten die Haushälter das Tempelgeschehen nach ihren Möglichkeiten unterstützen. Zwar können sie den sadhanader brahmacaris und sannyasis nicht aufrechterhalten, doch beschützt Krishna sie, weil sie ihre Pflicht erfüllen, ebenso wie die Prediger beschützt werden, wenn sie in der materiellen Welt predigen. Daß man Krishna durch die Erfüllung seiner Pflicht zufriedenstellen kann, sagt die Höchste Persönlichkeit Gottes in der Bhaga-vad-gita:
"Wer seine Pflicht ohne Anhaftung erfüllt und die Ergebnisse dem Höchsten Gott hingibt, wird von sündhafter Handlung nicht beeinflußt, ebenso wie ein Lotosblatt vom Wasser nicht berührt wird." "Wer Nichthandeln in Handeln und Handeln in Nichthandeln sieht, ist intelligent unter den Menschen, und er steht in der transzendentalen Stellung, obgleich er allen möglichen Tätigkeiten nachgehen mag." (BG 5.10 und 4.18)
Die Haushälter kümmern sich um die materielle Absicherung der Familie und arbeiten in der Gesellschaft dort, wo sich ihnen eine Gelegenheit bietet. Ihren Fähigkeiten entsprechend halten sie einen spirituellen Standard, ohne das Krishna-Bewußtsein zu verwässern. Jeder muß das Flugzeug seines materiellen Körpers allein fliegen, und spätestens zur Stunde des Todes müssen wir unser Krishnabewußtsein unabhängig von anderen entwickelt haben. Der Haushälter steht nicht mehr unter der Kontrolle des Tempels, was die materielle Seite des Lebens betrifft. Die Beziehung zu seinem spirituellen Meister bleibt selbstverständlich erhalten.
Wichtig
ist es für den Haushälter, die Bedeutung der regulierenden
Prinzipien zu verstehen: "niyamagrahah", d.h. "Ausüben
der in den Schriften gegebenen Regeln und Vorschriften nur um
des Befolgens und nicht um des spirituellen Fortschritts willen
oder Mißachten der Regeln und Regulierungen in den Schriften
und unabhängiges oder launenhaftes Handeln" (Der Nektar
der Unterweisung, Zweiter Vers) sollte vermieden werden. Das Wichtigste
für den Haushälter ist die Gemeinschaft von Gottgeweihten.
Da die vollkommene varna-ashrama-Gesellschaft noch weit entfernt ist, kann man den Umständen entsprechend darauf hinarbeiten. Es gibt viele Berufe, die nicht im Widerspruch zum Krishnabewußtsein stehen, und man kann einen Teil seines Einkommens für die Predigtarbeit zur Verfügung stellen. Dieser Vorgang des yajna wird die materiellen Tätigkeiten spiritualisieren und Einheit zwischen Gottgeweihten innerhalb und außerhalb des Tempels im gemeinsamen Dienst zum spirituellen Meister schaffen. Wenn die vaishnava-Gemeinde auf diesem Grundsatz wächst, kann der Tempel sich irgendwann einmal ausschließlich ums Predigen kümmern; dies ist das Vorbild der vedischen Kultur. Wenn viele Personen etwas geben, kann die Gesamtsumme sehr hoch sein.
Der Dienst des Tempels besteht darin, die Gemeinde spirituell zu inspirieren, d.h. allanziehend wie Krishna zu sein. Bei einer großen Gemeinde kann der Tempel nicht jedes Mitglied in Bezug auf das Befolgen von Regeln und Regulationen kontrollieren - das erledigt Krishna durch Seine materielle Natur, die auf sündhafte Handlungen Reaktionen verteilt, besonders bei Gottgeweihten, die um diese Zusammenhänge wissen. Jemand, der außerhalb des Tempels lebt, kann seinerseits die Wirkungsweisen der übermächtigen materiellen Natur viel leichter verstehen und sich Krishnas Allmacht und Gegenwart in der materiellen Welt vergegenwärtigen. Ganz gleich, ob innerhalb oder außerhalb des Tempels - wir leben immer in Krishnas Schöpfung, die Er völlig durchdringt.
Ein Beispiel können wir uns an frommen Indern nehmen, die selbst bei ihrer Arbeit im Westen noch in Anlehnung an das vedische varna-ashrama-System leben. Die Gottgeweihten sehen sie zum Tempel kommen und respektieren sie. So wird es auch den westlichen Gottgeweihten gehen. Anstatt sich Srila Prabhupadas Lehren gänzlich abzuwenden ist es doch viel besser, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und einen Standard beizubehalten, der unserer persönlichen Verwirklichung des Krishnabewußtseins entspricht. Von diesem Stand der Verwirklichung aus macht man dann weiter Fortschritte. Schließlich kommen wir von einem nach vedischem Gesichtspunkt unkultivierten westlichen Hintergrund - da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben.
Außerhalb der Tempel lebende Gottgeweihte haben schon viele "verlorene Seelen" zu den Tempeln gebracht. Ein brahmacari braucht nur seinen eigenen Körper zu kontrollieren, ein Haushälter aber steht mitten in der materiellen Welt mit allen Möglichkeiten zur Sinnenbefriedigung. Wenn er Krishna-bewußt bleiben will, muß er sich mehr anstrengen, weil er einer größeren Versuchung standzuhalten hat. Im Laufe des Lebens müssen wir alle Prüfungen bestehen, um fit zu sein für Krishnaloka, und um der nachfolgenden Generation verwirklichte Anweisungen geben zu können. Wir als Pioniere des Krishna-Bewußtseins werden am meisten gefordert, bekommen aber dadurch sehr viele Möglichkeiten, Krishna zu dienen.
HARE
KRISHNA, HARE KRISHNA, KRISHNA KRISHNA, HARE HARE,
HARE RAMA, HARE RAMA, RAMA RAMA, HARE HARE.