79. Kapitel: Der brahmana Sudama
besucht Sri Krsna
König Pariksit hörte die Erzählungen
über die Spiele
Sri Krsnas und Sri Balaramas aus dem
Mund Sukadeva
Gosvamis. Über
diese Spiele zu
hören bereitet
transzendentale Freude, und so sagte Maharaja Pariksit zu
Sukadeva Gosvami: "Mein
lieber Herr, die Höchste
Persönlichkeit Gottes gewährt gleichzeitig
Befreiung wie
auch Liebe zu Gott. Jeder, der
ein Geweihter des Herrn
wird, erlangt automatisch Befreiung, ohne
dafür eine
getrennte Anstrengung unternehmen zu müssen. Der Herr
ist unbegrenzt, und
deshalb sind auch Seine
transzendentalen Spiele und Taten in
bezug auf Schöpfung,
Erhaltung und Vernichtung der kosmischen Manifestation
unbegrenzt. Daher möchte ich auch
von Seinen anderen
Spielen hören, von denen du mir noch nicht erzählt hast.
Mein lieber Meister,
die bedingten Seelen in
der
materiellen Welt werden bei ihren
Versuchen, aus der
Befriedigung ihrer Sinne Freude zu
gewinnen, ständig
enttäuscht. Solche Wünsche nach
materiellem Genuß
durchbohren ständig die Herzen der
bedingten Seelen.
Indes erfahre ich nun tatsächlich,
daß man durch das
Hören über die transzendentalen Spiele Sri Krsnas davor
bewahrt werden kann, von materiellem
Trachten nach
Sinnenbefriedigung beeinflußt
zu werden. Meiner
Meinung nach kann kein intelligentes Wesen die Methode
ablehnen, immer wieder über die transzendentalen Spiele
des Herrn zu hören, denn einfach durch dieses Hören kann
man ständig in transzendentale Freude
vertieft sein. Auf
diese Weise wird man sich nicht
mehr zu materieller
Sinnenbefriedigung hingezogen fühlen."
In seiner Erklärung gebrauchte Maharaja Pariksit zwei
sehr wichtige Worte, nämlich visannah
und visesajnah.
Visannah bedeutet
"verdrießlich". Die Materialisten
erfinden ständig neue Mittel und
Wege, um völlige
Zufriedenheit zu erlangen, doch in
Wirklichkeit sind sie
trotzdem immer verdrießlich. An dieser Stelle könnte man
einwenden, daß manchmal auch Transzendentalisten verdrießlich sind; deswegen
jedoch gebrauchte Pariksit
Maharaja auch das Wort visesajnah. Es gibt nämlich zwei
Arten von
Transzendentalisten -
die Unpersönlichkeitsvertreter und
die Persönlichkeitsvertreter.
Visesajnah bezieht
sich auf
die Vertreter der
Persönlichkeitslehre, die sich
zu spiritueller Vielfalt
hingezogen fühlen. Diese Gottgeweihten
erfahren große
Freude, wenn sie die Schilderungen
der persönlichen
Taten des Höchsten
Herrn hören, wohingegen die
Unpersönlichkeitsphilosophen,
die
mehr dem
unpersönlichen Aspekt des Herrn zugetan
sind, sich nur
oberflächlich zu den persönlichen Spielen
des Herrn
hingezogen fühlen. Obwohl die
Unpersönlichkeitsphilosophen mit den Spielen
des Herrn
in Kontakt kommen, erfahren sie nicht den vollen Nutzen
und bleiben deswegen aufgrund ihrer
fruchtbringenden
Mentalität ebenso verdrießlich wie die Materialisten.
König Pariksit fuhr fort: "Die
Fähigkeit zu sprechen
kann nur dann vervollkommnet werden,
wenn sie dafür
verwendet wird, die transzendentalen
Eigenschaften des
Herrn zu beschreiben. Die Fähigkeit, mit den Händen zu
arbeiten, kann man nur
dann zur Vollkommenheit
bringen, wenn man die Hände im
Dienst des Herrn
gebraucht. Ebenso kann der Geist nur dann friedvoll sein,
wenn er ständig in völligem Krsna-Bewußtsein an
Krsna
denkt. Das bedeutet jedoch nicht, daß man sehr tiefsinnig
sein muß; man muß einfach nur verstehen, daß Krsna, die
Absolute Wahrheit, durch Seinen lokalisierten Aspekt als
Paramatma alldurchdringend ist. Um die
Funktionen des
Geistes -
Denken, Fühlen
und Wollen
- zu
vervollkommnen, genügt es, einfach nur daran zu denken,
daß Krsna als Paramatma überall,
selbst in den Atomen,
gegenwärtig ist. Der vollkommene Gottgeweihte sieht die
materielle Welt nicht, wie sie den
materiellen Augen
erscheint, sondern er nimmt überall
die Anwesenheit
Seines verehrenswerten Herrn in Form
des Paramatma
wahr."
Maharaja Pariksit sagte weiter, daß
die Tätigkeit des
Ohres die Vollkommenheit erreiche, wenn
man das Ohr
dazu gebrauche, über die transzendentalen
Taten des
Herrn zu hören. Er erklärte auch,
daß die Funktion des
Kopfes vollkommen genutzt sei, wenn
man ihn vor dem
Herrn und Seinem Repräsentanten verneige. Daß der Herr
im Herzen aller Lebewesen gegenwärtig ist, ist eine Tatsache, und deshalb erweist der
wirklich fortgeschrittene
Gottgeweihte jedem Lebewesen seine Achtung, da er den
Körper als Tempel des Herrn
betrachtet. Es ist jedoch
nicht allen
Menschen möglich,
sofort auf diese
Lebensstufe zu gelangen, denn sie ist dem Gottgeweihten
ersten Ranges vorbehalten. Der
Gottgeweihte zweiten
Ranges ist imstande, die Vaisnavas,
die Geweihten des
Herrn, als Vertreter
Krsnas zu erkennen, und
der
Gottgeweihte, der noch am Anfang
steht - der Neuling
oder drittrangige Gottgeweihte -, kann
sich nur vor der
Bildgestalt Gottes im Tempel und
vor dem spirituellen
Meister, der
direkten Manifestation
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, verneigen. Aber auf allen drei Stufen - der unerfahrenen, mittleren und vollkommenen Stufe
- kann man die Tätigkeit des Kopfes zur Vollkommenheit
bringen, wenn man sich vor dem
Herrn und Seinem
Repräsentanten verneigt. Ebenso kann man
die Tätigkeit
Seiner Augen auf die vollkommene
Stufe bringen, wenn
man sie auf den Herrn und Seinen Repräsentanten richtet.
Jeder kann die
Tätigkeiten seiner verschiedenen
Körperteile zur höchsten
Stufe der Vollkommenheit
führen, wenn er sie einfach in den Dienst des Herrn und
Seines Repräsentanten stellt. Auch wenn man nicht fähig
ist, mehr zu tun, sollte man sich zumindest vor dem Herrn
und Seinem Repräsentanten verneigen
und von dem
caranamrta, dem Wasser, mit dem die
Lotosfüße des
Herrn oder Seines Geweihten gewaschen wurden, trinken.
Als Sukadeva Gosvami diese Worte Maharaja Pariksits,
die
von
einem
tiefen
Verständnis der
Vaisnava-Philosophie zeugten,
hörte, wurde er von
ekstatischer Liebe zu Krsna ergriffen. Sukadeva Gosvami
hatte bereits viele Taten des Herrn
beschrieben, und als
ihn Maharaja Pariksit bat, weiterzuerzählen, fuhr er voller
Freude fort, das Srimad-Bhagavatam vorzutragen.
Es lebte einst ein brahmana, der
ein guter Freund Sri
Krsnas war. Als vollkommener brahmana
war er im
transzendentalen Wissen wohlbewandert, und
aufgrund
seiner fortgeschrittenen Erkenntnis fühlte er sich in keiner
Weise zu materiellen Genüssen hingezogen. Er war daher
sehr friedvoll und beherrschte seine
Sinne vollkommen.
Das bedeutet, daß der
brahmana ein vollkommener
Gottgeweihter war;
denn ohne ein
vollkommener
Gottgeweihter zu sein, kann man die
höchste Stufe des
Wissens nicht erreichen.
In der Bhagavad-gita wird
erklärt, daß sich jemand, der die
Vollkommenheit des
Wissens erlangt hat, der Höchsten
Persönlichkeit Gottes
ergibt. Mit anderen Worten, wer
sein Leben dem Dienst
der Höchsten Persönlichkeit Gottes
hingegeben hat, hat
die Stufe des
vollkommenen Wissens erreicht. Das
Ergebnis vollkommenen Wissens besteht
darin, daß man
seine Anhaftung an die
materialistische Lebensweise
aufgibt. Diese Loslösung bedeutet völlige
Beherrschung
der Sinne, die stets zu materiellem
Genuß drängen. Auf
dieser Stufe der Reinigung werden
die Sinne des Gottgeweihten im Dienst des Herrn
beschäftigt. Dies umfaßt
den ganzen Bereich des hingebungsvollen Dienstes.
Obwohl Sri Krsnas brahmana-Freund ein Haushälter
war, bemühte er sich nicht darum,
Reichtum für ein
bequemes Leben zu horten. Er war
mit dem zufrieden,
was er von selbst bekam,
wie es ihm bereits vom
Schicksal bestimmt
war. Das
ist ein Zeichen
vollkommenen Wissens. Wer über vollkommenes Wissen
verfügt, weiß, daß man nicht glücklicher werden kann, als
es einem vorausbestimmt ist. In der materiellen Welt ist es
jedem vorausbestimmt, ein gewisses Maß
an Leid zu
ertragen und ein gewisses Maß an
Freude zu genießen.
Glück und Leid ist
bereits für jedes Lebewesen
vorausbestimmt, und niemand
kann sein Glück im
materialistischen Leben steigern oder
vermindern. Aus
diesem Grunde
unternahm der
brahmana keine
Anstrengungen für mehr
materielles Glück, sondern
nutzte seine
Zeit, um
auf dem
Pfad des
Krsna-Bewußtseins Fortschritte zu machen.
Nach außen
hin schien er sehr arm zu sein, denn er selbst hatte keine
guten Kleider und vermochte auch
seiner Frau kein
sonderlich vornehmes Kleid zu kaufen. Materiell gesehen
waren sie so arm, daß sie
nicht einmal genug zu essen
hatten, und deshalb waren beide sehr mager. Die Frau des
brahmana kümmerte sich nicht
viel um ihr eigenes
Wohlergehen, doch sie machte sich
Sorgen um ihren
Mann, der ein solch frommer
brahmana war. Sie selbst
zitterte aufgrund ihrer empfindlichen
Gesundheit, und
eines Tages wandte sie sich an
ihren Mann, obwohl sie
ihm eigentlich keine Vorschriften machen
wollte, und
sprach:
"Mein lieber Herr, ich weiß, daß Sri Krsna, der Gemahl
der Glücksgöttin, dein persönlicher
Freund ist. Darüber
hinaus bist du Sein Geweihter, und
Er ist immer bereit,
Seinen Geweihten zu helfen. Selbst wenn du glaubst, daß
du Ihm nicht den geringsten
hingebungsvollen Dienst
darbringst, so bist du Ihm dennoch ergeben, und der Herr
ist der Beschützer der Ihm
ergebenen Seelen. Nicht nur
das, ich weiß auch, daß Sri Krsna
die vorbildlichste
Persönlichkeit der vedischen Kultur ist.
Er ist immer ein
Freund der brahmanischen Kultur, und als solcher zeigt Er
große Zuneigung zu den qualifizierten
brahmanas. Und
du bist so sehr vom Glück
begünstigt, daß du diese
Höchste Persönlichkeit Gottes
deinen Freund nennen
darfst. Sri Krsna
ist die einzige
Zuflucht für
Persönlichkeiten wie dich, der du Ihm völlig ergeben bist.
Du bist ein Heiliger und ein
Weiser, der vollkommene
Meister deiner Sinne, und deshalb stellt Sri Krsna für dich
die einzige Zuflucht dar. Weil dem
so ist, bitte ich dich,
Sri Krsna einmal besuchen zu gehen. Ich bin sicher, daß
Er für deine Armut sofort großes Verständnis zeigen wird.
Denke auch daran, daß du ein Haushälter bist; ohne Geld
wirst du in große Schwierigkeiten
und Nöte geraten.
Sowie Er sieht, in welcher Lage du dich befindest, wird Er
dir sicher so viel schenken, daß du ein sorgenfreies Leben
führen kannst. Sri Krsna ist nun
der König der Bhoja-,
Vrsni- und Andhaka-Dynastie, und wie
ich gehört habe,
verläßt Er Seine Hauptstadt Dvaraka
nie. Er lebt dort, ohne daß
Ihn irgendeine Pflicht
anderswo hinruft. Er ist so gütig
und großzügig, daß Er
jedem, der sich Ihm ergeben hat, sofort alles gibt - sogar
Sich Selbst. Und da Er bereit ist, Seinen Geweihten sogar
Sich Selbst zu schenken, ist es nichts außergewöhnliches,
wenn Er etwas
materiellen Reichtum verschenkt.
Natürlich gewährt Er einem Geweihten,
der nicht sehr
gefestigt ist, nicht viel materiellen
Wohlstand, aber was
dich betrifft, so glaube ich, daß
Er sehr wohl weiß, wie
tief du im
hingebungsvollen Dienst verankert
bist.
Deshalb wird Er nicht
zögern, dich mit einigen
materiellen Gaben zu segnen, damit
du zumindest den
grundlegenden Lebensnotwendigkeiten
gerecht werden
kannst."
Auf diese Weise bat die Frau
des brahmana ihren
Mann immer wieder mit großer Demut und Ergebenheit,
Sri Krsna besuchen zu gehen. Der brahmana hielt es zwar
nicht für notwendig, den Herrn, Sri
Krsna, um eine
materielle Segnung zu bitten, aber
schließlich wurde er
durch das wiederholte
Bitten seiner Frau trotzdem
umgestimmt, und er dachte bei sich:
"Wenn ich nach
Dvaraka gehe, werde ich den Herrn
persönlich sehen
können. Dies wäre für mich ein großes Glück, selbst wenn
ich Ihn gar nicht um etwas Materielles bitte." Als er sich
auf diese Weise entschlossen hatte,
Krsna zu besuchen,
fragte er seine Frau, ob sie etwas
im Hause habe, das er
Krsna anbieten könne, da es sich
gehöre, einem Freund
ein Geschenk mitzubringen. Die Frau
ging sogleich zu
den befreundeten Nachbarinnen und sammelte von ihnen
vier Handvoll Flachreis, den sie in ein taschentuchgroßes
Stück Stoff knüpfte und ihrem Mann
als Geschenk für
Krsna mitgab. Der brahmana nahm den
Beutel und
machte sich unverzüglich auf den Weg nach Dvaraka, um
seinen Herrn zu sehen. Während seiner Wanderung war er
völlig in den Gedanken vertieft,
daß er Sri Krsna bald
sehen würde. Er dachte im Herzen an nichts anderes als an
Krsna.
Natürlich war es nicht
leicht, in die Paläste
der
Yadu-Könige zu gelangen, doch den
brahmanas war es
erlaubt, sie zu
besuchen. Als Krsnas
Freund, der
brahmana Sudama, dort ankam, mußte er zusammen mit
anderen brahmanas drei Wachbefestigungen
passieren.
Bei jeder dieser Befestigungen gab es riesige Tore, durch
die er ebenfalls hindurchschreiten mußte. Als er dies alles
hinter sich gelassen hatte, sah er
unvermittelt 16.000
gewaltige Paläste - die Residenzen
der Königinnen Sri
Krsnas. Der brahmana ging auf ein
besonders prächtig
ausgestattetes Gebäude zu, und als
er den herrlichen
Palast betrat, war es ihm, als
schwimme er in einem
Ozean transzendentaler Freude, in dem
er immer wieder
unterging und auftauchte.
Zu diesem Zeitpunkt saß Sri Krsna gerade auf Königin
Rukminis Bettstatt. Schon von weitem
hatte Er den
brahmana kommen sehen und ihn als
Seinen Freund
erkannt. Er erhob Sich sofort und
ging Seinem Freund
entgegen, um ihn zu begrüßen, und als Er den brahmana
erreichte, schloß Er ihn in Seine Arme. Sri Krsna ist der
Quell aller transzendentalen Freude, und
dennoch freute
Er Sich sehr, als Er den armen brahmana umarmte, denn
dieser war Sein geliebter Freund. Sri
Krsna ließ den
brahmana alsdann auf Seiner Bettstatt Platz nehmen und
bot ihm die verschiedensten Früchte und Getränke an, wie
es sich beim Empfang eines
ehrwürdigen Gastes gehört.
Sri Krsna ist der höchste Reine,
doch weil Er die Rolle
eines gewöhnlichen Menschen spielte, wusch Er sogleich
dem brahmana die Füße und sprengte Sich das Wasser zu
Seiner eigenen Läuterung über das Haupt. Dann salbte Er
den brahmana mit Sandelholz, aguru,
Safran und vielen
anderen duftenden Substanzen. Er zündete
verschiedene
Arten von Räucherstäbchen an, und
Er brachte dem
brahmana, wie es Brauch ist, mit
brennenden Lampen
eine arati dar. Als der brahmana
nach diesem würdigen
Empfang gegessen und getrunken hatte,
sagte Sri Krsna:
"Mein teurer Freund,
Ich darf Mich sehr
glücklich
schätzen, daß du gekommen bist."
Aufgrund seiner Armut war der brahmana nur
dürftig
gekleidet. Seine Kleider waren zerrissen
und schmutzig,
und dazu war sein Körper sehr
mager. Er schien auch
nicht besonders
sauber zu sein,
und an seinem
abgezehrten Körper zeichneten sich deutlich die Knochen
ab. Die Glücksgöttin Rukminidevi begann persönlich, ihm
mit dem camara Luft zuzufächeln;
doch als die anderen
Frauen im Palast diesen Empfang
sahen, erstaunte es sie
sehr, daß Sri Krsna gerade diesen
brahmana so herzlich
begrüßte, und sie fragten sich, aus
welchem Grund Sri
Krsna persönlich einen brahmana empfing,
der arm,
ungepflegt und nur
dürftig gekleidet war; zugleich
verstanden sie aber auch, daß
dieser brahmana kein gewöhnliches Lebewesen sein konnte. Sie
wußten, daß er
viele fromme Werke vollbracht haben mußte, denn warum
sonst würde Sich Sri Krsna, der Gemahl der Glücksgöttin,
so sehr um ihn bemühen? Noch mehr erstaunte es sie, daß
der brahmana auf Sri Krsnas Bettstatt
sitzen durfte. Vor
allem aber staunten sie, als Sri
Krsna ihn genau wie
Seinen älteren Bruder Balaramaji umarmte; Sri
Krsna
pflegte nämlich sonst nur Rukmini und
Balarama zu
umarmen, und niemand anderen.
Nachdem Sri Krsna den brahmana herzlich empfangen
und ihm Seine gepolsterte Bettstatt
als Sitz angeboten
hatte, sagte Er: "Mein lieber
brahmana-Freund, du bist
eine überaus intelligente Persönlichkeit,
und du kennst
dich in den Prinzipien des religiösen Lebens sehr gut aus.
Ich nehme an,
daß du nach
Beendigung deiner
Ausbildung im Hause unseres Lehrers,
nachdem du ihn
gebührend belohntest, nach Hause zurückgekehrt bist und
eine geeignete Frau geheiratet hast.
Wie Ich sehr wohl
weiß, fühltest du dich von Anfang an nicht im geringsten
zum materiellen Leben hingezogen, und
du begehrtest
auch niemals materiellen Reichtum, und deshalb befindest
du dich nun in Geldnot. In
der materiellen Welt sind
Menschen, die nicht an materiellen
Gütern hängen, sehr
selten. Solche Menschen, die frei
von Anhaftung sind,
haben nicht das geringste Verlangen,
Wohlstand und
Reichtum für ihre eigene Sinnenbefriedigung zu erlangen.
Und wenn sie manchmal trotzdem Geld
erwerben, dann
tun sie das nur, um ein beispielhaftes Leben als Haushälter
zu führen und zu zeigen, wie
man durch die richtige
Verteilung seines Reichtums ein vorbildlicher Haushälter
und zugleich ein großer Gottgeweihter
sein kann. Von
solchen idealen Haushältern kann man
sagen, daß sie
Meinem Beispiel auf vollkommene Weise
folgen. Mein
lieber Freund, Ich hoffe, daß du
dich noch an die Tage
unserer Schulzeit erinnerst, als wir
beide im asrama
unseres Lehrers lebten. Alles Wissen, das wir in unserem
Leben bekommen haben, haben wir uns
im Grunde
während dieser gemeinsamen Schulzeit angeeignet."
"Wenn jemand unter der
Anleitung eines fähigen
Lehrers während seiner Schulzeit eine
gute Ausbildung
genießt, wird sein Leben später ein
Erfolg. Er ist in der
Lage, den Ozean der Unwissenheit ohne Schwierigkeit zu
überqueren, und er befindet sich
nicht mehr unter dem
Einfluß der illusionierenden Energie. Lieber Freund, jeder
sollte seinen Vater als seinen
ersten Lehrer betrachten,
denn durch die Gnade des Vaters
bekommt man seinen
Körper. Der Vater gilt
deshalb als der natürliche
spirituelle Meister. Unser nächster
Lehrer ist der spirituelle Meister, der uns in das
transzendentale Wissen
einweiht, und er muß in gleichem
Maße verehrt werden
wie Ich Selbst. Der spirituelle
Meister braucht nicht nur
eine einzige Person sein. Der spirituelle Meister, der den
Schüler im
spirituellen Bereich
unterweist, wird
siksa-guru genannt, und den spirituellen Meister, der den
Schüler einweiht, nennt man diksa-guru.
Sie sind beide
Meine Repräsentanten. Es kann viele
spirituelle Meister
geben, die einem Unterweisungen erteilen,
doch es gibt
immer nur einen einweihenden spirituellen
Meister. Wer
sich an diese spirituellen Meister
wendet und mit Hilfe
des Wissens, das er von ihnen
empfängt, den Ozean des
materiellen Daseins überquert, hat die menschliche Form
des Lebens richtig genutzt. Er
besitzt das verwirklichte
Wissen, daß das höchste Ziel des Lebens, das man nur in
der menschlichen Form erreichen kann, darin besteht, die
spirituelle Vollkommenheit zu erlangen und nach Hause,
zu Gott, zurückzukehren."
"Mein lieber Freund, Ich
bin der Paramatma, die
Überseele im Herzen eines jeden, und es ist Meine direkte
Anweisung, daß die
menschliche Gesellschaft den
Prinzipien des varna und asrama folgen muß. Wie Ich in
der Bhagavad-gita erklärt habe,
sollte die menschliche
Gesellschaft entsprechend
den Eigenschaften und
Tätigkeiten der Menschen
in vier varnas eingeteilt
werden. Ebenso sollte man sich auch
sein Leben in vier
Abschnitte einteilen. Den ersten
Abschnitt seines Lebens
sollte man dazu nutzen, ein echter
Schüler zu werden,
wobei man ausreichend
Wissen empfangen und das
Gelübde des brahmacarya einhalten sollte,
so daß man
sein Leben vollständig
dem Dienst des spirituellen
Meisters widmen kann, ohne der Befriedigung der
Sinne
nachzugehen. Ein brahmacari
muß ein Leben der
Entsagung und der Buße führen. Der Haushälter darf ein
Leben regulierter
Sinnenbefriedigung führen, aber
niemand sollte während des dritten
Lebensabschnittes
Haushälter bleiben. Im dritten
Lebensabschnitt muß man
wieder zu Entsagungen und Bußen
zurückkehren, wie
man sie früher als brahmacari auf
sich genommen hat,
und sich so von der Anhaftung
an das Haushälterleben
lösen. Wenn man sich in der Folge von allen Anhaftungen
an die materialistische Lebensweise befreit hat, kann man
in den sannyasa-Stand eintreten."
"Als Überseele weile Ich im Herzen
aller Lebewesen
und beobachte ihre Handlungen in jedem Lebensstadium.
Wenn Ich sehe, daß jemand
aufrichtig und ernsthaft die
Pflichten erfüllt, die
ihm sein spiritueller Meister
aufgetragen hat, und
sein Leben dem Dienst
des
spirituellen Meisters weiht, wird ein solcher Mensch Mir
sehr lieb, ganz gleich, auf welcher Stufe er sich befindet.
Was nun das Leben auf der brahmacarya-Stufe betrifft, so
ist es sehr zu begrüßen, wenn
man unter der Anleitung
eines spirituellen Meisters ein brahmacari
bleiben kann.
Wenn man jedoch während des
brahmacari-Lebens den
Wunsch nach geschlechtlicher Betätigung verspürt, sollte
man das Haus seines guru verlassen, ihn zuvor aber ganz
nach dessen Wünschen zufriedenstellen. Nach vedischem
Prinzip macht man dem spirituellen Meister ein Geschenk,
die guru-daksina; dann
sollte der Schüler in
den
Lebensstand des Haushälters treten, indem er gemäß den
religiösen Riten heiratet."
Diese Unterweisungen, die Sri Krsna
während des
Gespräches mit Seinem Freund, dem gelehrten brahmana,
gab, eignen sich sehr
gut als Anleitung für
die
menschliche Gesellschaft. Eine Zivilisation, die nicht das
System des varna und asrama
fördert, ist nichts anderes
als eine
polierte
tierische
Gesellschaft. Geschlechtsverkehr zwischen unverheirateten
Männern und
Frauen ist in der menschlichen Gesellschaft nicht zulässig.
Ein Mann sollte
entweder strikt den
Prinzipien des
brahmacari-Lebens folgen
oder mit
Erlaubnis des
spirituellen Meisters heiraten. Unverheiratet
zu sein und
unzulässiger Sexualität nachzugehen ist
ein tierisches
Leben. Für Tiere gibt es keine Heirat.
Die heutige Gesellschaft
strebt nicht danach, der
Bestimmung des menschlichen Lebens gerecht zu werden.
Die Bestimmung des menschlichen Lebens besteht darin,
nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Um dieses Ziel zu
erreichen, muß man dem System des
varna und asrama
folgen. Wenn dieses System strikt
und bewußt befolgt
wird, führt es zur Erfüllung der Bestimmung des Lebens;
wenn sich die Menschen jedoch
indirekt ein solches
System schaffen, ohne sich an die Führung einer höheren
Autorität zu halten, richtet dies
in der menschlichen
Gesellschaft nur Schaden
an, und für eine solche
Gesellschaft gibt es weder Frieden noch Wohlstand.
Krsna fuhr fort: "Lieber Freund, Ich bin überzeugt, daß
du dich noch gut an unsere
Schulzeit erinnerst, während
der wir gemeinsam so viele Dinge
erlebten. Sicherlich
weißt du noch, wie wir einmal
auf Anweisung der Frau
unseres guru in den Wald gingen,
um Brennholz zu
sammeln. Als wir dann das dürre Holz zusammensuchten,
gerieten wir unmerklich tief in den
Wald hinein und
verliefen uns. Auf einmal zog ein
Sandsturm auf, dem
dunkle Wolken, Blitze und krachende
Donnerschläge
folgten. Bald darauf ging die Sonne unter, und wir irrten
mitten im finsteren Dschungel umher.
Dann setzte ein
strömender Regen ein, so daß der
Boden mit Wasser
überflutet wurde, und wir waren nicht mehr imstande, den
Weg zum asrama unseres guru zurückzufinden. Erinnerst
du dich noch an
diesen furchtbaren Regen? Doch
eigentlich war es kein Regen,
sondern mehr eine Art
Sintflut. Wir litten sehr unter dem
Sandsturm und dem
heftigen Regen, und wohin wir uns
auch wandten, wir
fanden uns nicht zurecht. Wir
faßten uns in der Not bei
der Hand und versuchten, irgendwie zurückzufinden. Auf
diese Weise verbrachten
wir die ganze Nacht im
Dschungel. Als am nächsten Morgen
in der Frühe unser
gurudeva unsere Abwesenheit bemerkte,
sandte er seine
anderen Schüler aus, um uns zu
suchen. Er ging sogar
persönlich mit ihnen, und als sie
uns schließlich im
Dschungel fanden, sahen sie, daß
wir völlig erschöpft
waren.
Unser gurudeva sagte damals voller
Mitleid: Meine
lieben Jungen, es ist bewundernswert,
daß ihr so viele
Schwierigkeiten für
mich durchgestanden
habt.
Gewöhnlich neigt jeder
dazu, zuallererst an seinen
eigenen Körper zu denken, doch eure
Tugend und euer
Vertrauen gegenüber eurem guru ist so groß, daß ihr viele
Beschwerlichkeiten für mich in Kauf
genommen habt,
ohne euch um euer körperliches Wohl
zu kümmern. Es
freut mich sehr zu sehen, daß
redliche Schüler wie ihr
bereit
sind,
jedwede
Unannehmlichkeit zur
Zufriedenstellung des spirituellen Meisters
auf sich zu
nehmen. Nur so kann ein Schüler
seine Schuldigkeit
gegenüber dem spirituellen Meister
abtragen. Es ist die
Pflicht des Schülers, sein Leben
dem Dienst für den
spirituellen Meister zu widmen. Meine lieben Schüler, die
ihr die besten der Zweimalgeborenen seid, ich freue mich
sehr über euch, und meine Segnung
wird euch immer
begleiten: Mögen all eure Wünsche
und Bestrebungen
ihre Erfüllung finden, und möge euer Verständnis von den
Veden, das ihr von mir erworben
habt, immer in eurem
Gedächtnis bleiben, so daß ihr euch
zu jeder Zeit an die
Lehren der Veden
erinnern und ihre Anweisungen
mühelos zitieren könnt. Dadurch werdet
ihr weder in
diesem noch im
nächsten Leben Enttäuschungen
erfahren.' "
Krsna fuhr fort: "Lieber Freund, wie du dich bestimmt
noch erinnerst, erlebten wir viele
solcher Begebenheiten,
als wir im asrama unseres
spirituellen Meisters lebten.
Wir können jetzt verstehen, daß
ohne die Segnung des
spirituellen Meisters niemand glücklich sein kann. Durch
die Barmherzigkeit des spirituellen
Meisters und durch
seine Segnungen kann man Frieden
und Wohlstand erlangen und
befähigt werden,
die Mission des
menschlichen Lebens zu erfüllen."
Als der weise brahmana Krsnas Worte
vernommen
hatte, erwiderte er: "Lieber Krsna,
Du bist der Höchste
Herr und der höchste spirituelle Meister eines jeden, und
weil ich das Glück hatte, mit Dir im Hause unseres guru
zu leben, glaube ich, daß ich nichts mehr mit den in den
Veden vorgeschriebenen Pflichten zu tun
habe. Lieber
Herr, die
verschiedenen Hymnen,
die rituellen
Zeremonien, die religiösen Tätigkeiten
und alle anderen
Notwendigkeiten, die
das menschliche
Leben zur
Vollkommenheit führen, wie wirtschaftliche Entwicklung,
Sinnenbefriedigung und Befreiung, entspringen
alle dem
einen Ursprung, nämlich Deiner Höchsten Persönlichkeit.
Alle verschiedenen Lebenssysteme haben
letztlich das
Ziel, Deine Person zu erkennen; mit anderen Worten, sie
alle stellen verschiedene Teile Deiner
transzendentalen
Gestalt dar. Aber trotzdem hast Du
die Rolle eines
Schülers gespielt und
mit uns zusammen im
Hause
unseres guru gelebt. Das bedeutet,
daß Du Deine Spiele
einzig zu Deiner Freude vollführst,
denn sonst gäbe es
keinen Grund, warum Du die Rolle
eines Menschen zu
spielen brauchtest. "
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 79. Kapitel des Krsna-Buches:
"Der brahmana Sudama besucht Sri Krsna".