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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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79. Kapitel: Der brahmana Sudama besucht Sri Krsna


König Pariksit hörte die Erzählungen über die Spiele Sri Krsnas und Sri Balaramas aus dem Mund Sukadeva Gosvamis. Über diese Spiele zu hören bereitet transzendentale Freude, und so sagte Maharaja Pariksit zu Sukadeva Gosvami: "Mein lieber Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes gewährt gleichzeitig Befreiung wie auch Liebe zu Gott. Jeder, der ein Geweihter des Herrn wird, erlangt automatisch Befreiung, ohne dafür eine getrennte Anstrengung unternehmen zu müssen. Der Herr ist unbegrenzt, und deshalb sind auch Seine transzendentalen Spiele und Taten in bezug auf Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung der kosmischen Manifestation unbegrenzt. Daher möchte ich auch von Seinen anderen Spielen hören, von denen du mir noch nicht erzählt hast. Mein lieber Meister, die bedingten Seelen in der materiellen Welt werden bei ihren Versuchen, aus der Befriedigung ihrer Sinne Freude zu gewinnen, ständig enttäuscht. Solche Wünsche nach materiellem Genuß durchbohren ständig die Herzen der bedingten Seelen. Indes erfahre ich nun tatsächlich, daß man durch das Hören über die transzendentalen Spiele Sri Krsnas davor bewahrt werden kann, von materiellem Trachten nach Sinnenbefriedigung beeinflußt zu werden. Meiner Meinung nach kann kein intelligentes Wesen die Methode ablehnen, immer wieder über die transzendentalen Spiele des Herrn zu hören, denn einfach durch dieses Hören kann man ständig in transzendentale Freude vertieft sein. Auf diese Weise wird man sich nicht mehr zu materieller Sinnenbefriedigung hingezogen fühlen."

In seiner Erklärung gebrauchte Maharaja Pariksit zwei sehr wichtige Worte, nämlich visannah und visesajnah. Visannah bedeutet "verdrießlich". Die Materialisten erfinden ständig neue Mittel und Wege, um völlige Zufriedenheit zu erlangen, doch in Wirklichkeit sind sie trotzdem immer verdrießlich. An dieser Stelle könnte man einwenden, daß manchmal auch Transzendentalisten verdrießlich sind; deswegen jedoch gebrauchte Pariksit Maharaja auch das Wort visesajnah. Es gibt nämlich zwei Arten von Transzendentalisten - die Unpersönlichkeitsvertreter und die Persönlichkeitsvertreter. Visesajnah bezieht sich auf die Vertreter der Persönlichkeitslehre, die sich zu spiritueller Vielfalt hingezogen fühlen. Diese Gottgeweihten erfahren große Freude, wenn sie die Schilderungen der persönlichen Taten des Höchsten Herrn hören, wohingegen die Unpersönlichkeitsphilosophen, die mehr dem unpersönlichen Aspekt des Herrn zugetan sind, sich nur oberflächlich zu den persönlichen Spielen des Herrn hingezogen fühlen. Obwohl die Unpersönlichkeitsphilosophen mit den Spielen des Herrn in Kontakt kommen, erfahren sie nicht den vollen Nutzen und bleiben deswegen aufgrund ihrer fruchtbringenden Mentalität ebenso verdrießlich wie die Materialisten.

König Pariksit fuhr fort: "Die Fähigkeit zu sprechen kann nur dann vervollkommnet werden, wenn sie dafür verwendet wird, die transzendentalen Eigenschaften des Herrn zu beschreiben. Die Fähigkeit, mit den Händen zu arbeiten, kann man nur dann zur Vollkommenheit bringen, wenn man die Hände im Dienst des Herrn gebraucht. Ebenso kann der Geist nur dann friedvoll sein, wenn er ständig in völligem Krsna-Bewußtsein an Krsna denkt. Das bedeutet jedoch nicht, daß man sehr tiefsinnig sein muß; man muß einfach nur verstehen, daß Krsna, die Absolute Wahrheit, durch Seinen lokalisierten Aspekt als Paramatma alldurchdringend ist. Um die Funktionen des Geistes - Denken, Fühlen und Wollen - zu vervollkommnen, genügt es, einfach nur daran zu denken, daß Krsna als Paramatma überall, selbst in den Atomen, gegenwärtig ist. Der vollkommene Gottgeweihte sieht die materielle Welt nicht, wie sie den materiellen Augen erscheint, sondern er nimmt überall die Anwesenheit Seines verehrenswerten Herrn in Form des Paramatma wahr."

Maharaja Pariksit sagte weiter, daß die Tätigkeit des Ohres die Vollkommenheit erreiche, wenn man das Ohr dazu gebrauche, über die transzendentalen Taten des Herrn zu hören. Er erklärte auch, daß die Funktion des Kopfes vollkommen genutzt sei, wenn man ihn vor dem Herrn und Seinem Repräsentanten verneige. Daß der Herr im Herzen aller Lebewesen gegenwärtig ist, ist eine Tatsache, und deshalb erweist der wirklich fortgeschrittene Gottgeweihte jedem Lebewesen seine Achtung, da er den Körper als Tempel des Herrn betrachtet. Es ist jedoch nicht allen Menschen möglich, sofort auf diese Lebensstufe zu gelangen, denn sie ist dem Gottgeweihten ersten Ranges vorbehalten. Der Gottgeweihte zweiten Ranges ist imstande, die Vaisnavas, die Geweihten des Herrn, als Vertreter Krsnas zu erkennen, und der Gottgeweihte, der noch am Anfang steht - der Neuling oder drittrangige Gottgeweihte -, kann sich nur vor der Bildgestalt Gottes im Tempel und vor dem spirituellen Meister, der direkten Manifestation der Höchsten Persönlichkeit Gottes, verneigen. Aber auf allen drei Stufen - der unerfahrenen, mittleren und vollkommenen Stufe - kann man die Tätigkeit des Kopfes zur Vollkommenheit bringen, wenn man sich vor dem Herrn und Seinem Repräsentanten verneigt. Ebenso kann man die Tätigkeit Seiner Augen auf die vollkommene Stufe bringen, wenn man sie auf den Herrn und Seinen Repräsentanten richtet. Jeder kann die Tätigkeiten seiner verschiedenen Körperteile zur höchsten Stufe der Vollkommenheit führen, wenn er sie einfach in den Dienst des Herrn und Seines Repräsentanten stellt. Auch wenn man nicht fähig ist, mehr zu tun, sollte man sich zumindest vor dem Herrn und Seinem Repräsentanten verneigen und von dem caranamrta, dem Wasser, mit dem die Lotosfüße des Herrn oder Seines Geweihten gewaschen wurden, trinken.

Als Sukadeva Gosvami diese Worte Maharaja Pariksits, die von einem tiefen Verständnis der Vaisnava-Philosophie zeugten, hörte, wurde er von ekstatischer Liebe zu Krsna ergriffen. Sukadeva Gosvami hatte bereits viele Taten des Herrn beschrieben, und als ihn Maharaja Pariksit bat, weiterzuerzählen, fuhr er voller Freude fort, das Srimad-Bhagavatam vorzutragen.

Es lebte einst ein brahmana, der ein guter Freund Sri Krsnas war. Als vollkommener brahmana war er im transzendentalen Wissen wohlbewandert, und aufgrund seiner fortgeschrittenen Erkenntnis fühlte er sich in keiner Weise zu materiellen Genüssen hingezogen. Er war daher sehr friedvoll und beherrschte seine Sinne vollkommen. Das bedeutet, daß der brahmana ein vollkommener Gottgeweihter war; denn ohne ein vollkommener Gottgeweihter zu sein, kann man die höchste Stufe des Wissens nicht erreichen. In der Bhagavad-gita wird erklärt, daß sich jemand, der die Vollkommenheit des Wissens erlangt hat, der Höchsten Persönlichkeit Gottes ergibt. Mit anderen Worten, wer sein Leben dem Dienst der Höchsten Persönlichkeit Gottes hingegeben hat, hat die Stufe des vollkommenen Wissens erreicht. Das Ergebnis vollkommenen Wissens besteht darin, daß man seine Anhaftung an die materialistische Lebensweise aufgibt. Diese Loslösung bedeutet völlige Beherrschung der Sinne, die stets zu materiellem Genuß drängen. Auf dieser Stufe der Reinigung werden die Sinne des Gottgeweihten im Dienst des Herrn beschäftigt. Dies umfaßt den ganzen Bereich des hingebungsvollen Dienstes.

Obwohl Sri Krsnas brahmana-Freund ein Haushälter war, bemühte er sich nicht darum, Reichtum für ein bequemes Leben zu horten. Er war mit dem zufrieden, was er von selbst bekam, wie es ihm bereits vom Schicksal bestimmt war. Das ist ein Zeichen vollkommenen Wissens. Wer über vollkommenes Wissen verfügt, weiß, daß man nicht glücklicher werden kann, als es einem vorausbestimmt ist. In der materiellen Welt ist es jedem vorausbestimmt, ein gewisses Maß an Leid zu ertragen und ein gewisses Maß an Freude zu genießen. Glück und Leid ist bereits für jedes Lebewesen vorausbestimmt, und niemand kann sein Glück im materialistischen Leben steigern oder vermindern. Aus diesem Grunde unternahm der brahmana keine Anstrengungen für mehr materielles Glück, sondern nutzte seine Zeit, um auf dem Pfad des Krsna-Bewußtseins Fortschritte zu machen. Nach außen hin schien er sehr arm zu sein, denn er selbst hatte keine guten Kleider und vermochte auch seiner Frau kein sonderlich vornehmes Kleid zu kaufen. Materiell gesehen waren sie so arm, daß sie nicht einmal genug zu essen hatten, und deshalb waren beide sehr mager. Die Frau des brahmana kümmerte sich nicht viel um ihr eigenes Wohlergehen, doch sie machte sich Sorgen um ihren Mann, der ein solch frommer brahmana war. Sie selbst zitterte aufgrund ihrer empfindlichen Gesundheit, und eines Tages wandte sie sich an ihren Mann, obwohl sie ihm eigentlich keine Vorschriften machen wollte, und sprach:

"Mein lieber Herr, ich weiß, daß Sri Krsna, der Gemahl der Glücksgöttin, dein persönlicher Freund ist. Darüber hinaus bist du Sein Geweihter, und Er ist immer bereit, Seinen Geweihten zu helfen. Selbst wenn du glaubst, daß du Ihm nicht den geringsten hingebungsvollen Dienst darbringst, so bist du Ihm dennoch ergeben, und der Herr ist der Beschützer der Ihm ergebenen Seelen. Nicht nur das, ich weiß auch, daß Sri Krsna die vorbildlichste Persönlichkeit der vedischen Kultur ist. Er ist immer ein Freund der brahmanischen Kultur, und als solcher zeigt Er große Zuneigung zu den qualifizierten brahmanas. Und du bist so sehr vom Glück begünstigt, daß du diese Höchste Persönlichkeit Gottes deinen Freund nennen darfst. Sri Krsna ist die einzige Zuflucht für Persönlichkeiten wie dich, der du Ihm völlig ergeben bist. Du bist ein Heiliger und ein Weiser, der vollkommene Meister deiner Sinne, und deshalb stellt Sri Krsna für dich die einzige Zuflucht dar. Weil dem so ist, bitte ich dich, Sri Krsna einmal besuchen zu gehen. Ich bin sicher, daß Er für deine Armut sofort großes Verständnis zeigen wird. Denke auch daran, daß du ein Haushälter bist; ohne Geld wirst du in große Schwierigkeiten und Nöte geraten. Sowie Er sieht, in welcher Lage du dich befindest, wird Er dir sicher so viel schenken, daß du ein sorgenfreies Leben führen kannst. Sri Krsna ist nun der König der Bhoja-, Vrsni- und Andhaka-Dynastie, und wie ich gehört habe, verläßt Er Seine Hauptstadt Dvaraka nie. Er lebt dort, ohne daß Ihn irgendeine Pflicht anderswo hinruft. Er ist so gütig und großzügig, daß Er jedem, der sich Ihm ergeben hat, sofort alles gibt - sogar Sich Selbst. Und da Er bereit ist, Seinen Geweihten sogar Sich Selbst zu schenken, ist es nichts außergewöhnliches, wenn Er etwas materiellen Reichtum verschenkt. Natürlich gewährt Er einem Geweihten, der nicht sehr gefestigt ist, nicht viel materiellen Wohlstand, aber was dich betrifft, so glaube ich, daß Er sehr wohl weiß, wie tief du im hingebungsvollen Dienst verankert bist. Deshalb wird Er nicht zögern, dich mit einigen materiellen Gaben zu segnen, damit du zumindest den grundlegenden Lebensnotwendigkeiten gerecht werden kannst."

Auf diese Weise bat die Frau des brahmana ihren Mann immer wieder mit großer Demut und Ergebenheit, Sri Krsna besuchen zu gehen. Der brahmana hielt es zwar nicht für notwendig, den Herrn, Sri Krsna, um eine materielle Segnung zu bitten, aber schließlich wurde er durch das wiederholte Bitten seiner Frau trotzdem umgestimmt, und er dachte bei sich: "Wenn ich nach Dvaraka gehe, werde ich den Herrn persönlich sehen können. Dies wäre für mich ein großes Glück, selbst wenn ich Ihn gar nicht um etwas Materielles bitte." Als er sich auf diese Weise entschlossen hatte, Krsna zu besuchen, fragte er seine Frau, ob sie etwas im Hause habe, das er Krsna anbieten könne, da es sich gehöre, einem Freund ein Geschenk mitzubringen. Die Frau ging sogleich zu den befreundeten Nachbarinnen und sammelte von ihnen vier Handvoll Flachreis, den sie in ein taschentuchgroßes Stück Stoff knüpfte und ihrem Mann als Geschenk für Krsna mitgab. Der brahmana nahm den Beutel und machte sich unverzüglich auf den Weg nach Dvaraka, um seinen Herrn zu sehen. Während seiner Wanderung war er völlig in den Gedanken vertieft, daß er Sri Krsna bald sehen würde. Er dachte im Herzen an nichts anderes als an Krsna. Natürlich war es nicht leicht, in die Paläste der Yadu-Könige zu gelangen, doch den brahmanas war es erlaubt, sie zu besuchen. Als Krsnas Freund, der brahmana Sudama, dort ankam, mußte er zusammen mit anderen brahmanas drei Wachbefestigungen passieren. Bei jeder dieser Befestigungen gab es riesige Tore, durch die er ebenfalls hindurchschreiten mußte. Als er dies alles hinter sich gelassen hatte, sah er unvermittelt 16.000 gewaltige Paläste - die Residenzen der Königinnen Sri Krsnas. Der brahmana ging auf ein besonders prächtig ausgestattetes Gebäude zu, und als er den herrlichen Palast betrat, war es ihm, als schwimme er in einem Ozean transzendentaler Freude, in dem er immer wieder unterging und auftauchte.

Zu diesem Zeitpunkt saß Sri Krsna gerade auf Königin Rukminis Bettstatt. Schon von weitem hatte Er den brahmana kommen sehen und ihn als Seinen Freund erkannt. Er erhob Sich sofort und ging Seinem Freund entgegen, um ihn zu begrüßen, und als Er den brahmana erreichte, schloß Er ihn in Seine Arme. Sri Krsna ist der Quell aller transzendentalen Freude, und dennoch freute Er Sich sehr, als Er den armen brahmana umarmte, denn dieser war Sein geliebter Freund. Sri Krsna ließ den brahmana alsdann auf Seiner Bettstatt Platz nehmen und bot ihm die verschiedensten Früchte und Getränke an, wie es sich beim Empfang eines ehrwürdigen Gastes gehört. Sri Krsna ist der höchste Reine, doch weil Er die Rolle eines gewöhnlichen Menschen spielte, wusch Er sogleich dem brahmana die Füße und sprengte Sich das Wasser zu Seiner eigenen Läuterung über das Haupt. Dann salbte Er den brahmana mit Sandelholz, aguru, Safran und vielen anderen duftenden Substanzen. Er zündete verschiedene Arten von Räucherstäbchen an, und Er brachte dem brahmana, wie es Brauch ist, mit brennenden Lampen eine arati dar. Als der brahmana nach diesem würdigen Empfang gegessen und getrunken hatte, sagte Sri Krsna: "Mein teurer Freund, Ich darf Mich sehr glücklich schätzen, daß du gekommen bist."

Aufgrund seiner Armut war der brahmana nur dürftig gekleidet. Seine Kleider waren zerrissen und schmutzig, und dazu war sein Körper sehr mager. Er schien auch nicht besonders sauber zu sein, und an seinem abgezehrten Körper zeichneten sich deutlich die Knochen ab. Die Glücksgöttin Rukminidevi begann persönlich, ihm mit dem camara Luft zuzufächeln; doch als die anderen Frauen im Palast diesen Empfang sahen, erstaunte es sie sehr, daß Sri Krsna gerade diesen brahmana so herzlich begrüßte, und sie fragten sich, aus welchem Grund Sri Krsna persönlich einen brahmana empfing, der arm, ungepflegt und nur dürftig gekleidet war; zugleich verstanden sie aber auch, daß dieser brahmana kein gewöhnliches Lebewesen sein konnte. Sie wußten, daß er viele fromme Werke vollbracht haben mußte, denn warum sonst würde Sich Sri Krsna, der Gemahl der Glücksgöttin, so sehr um ihn bemühen? Noch mehr erstaunte es sie, daß der brahmana auf Sri Krsnas Bettstatt sitzen durfte. Vor allem aber staunten sie, als Sri Krsna ihn genau wie Seinen älteren Bruder Balaramaji umarmte; Sri Krsna pflegte nämlich sonst nur Rukmini und Balarama zu umarmen, und niemand anderen.

Nachdem Sri Krsna den brahmana herzlich empfangen und ihm Seine gepolsterte Bettstatt als Sitz angeboten hatte, sagte Er: "Mein lieber brahmana-Freund, du bist eine überaus intelligente Persönlichkeit, und du kennst dich in den Prinzipien des religiösen Lebens sehr gut aus. Ich nehme an, daß du nach Beendigung deiner Ausbildung im Hause unseres Lehrers, nachdem du ihn gebührend belohntest, nach Hause zurückgekehrt bist und eine geeignete Frau geheiratet hast. Wie Ich sehr wohl weiß, fühltest du dich von Anfang an nicht im geringsten zum materiellen Leben hingezogen, und du begehrtest auch niemals materiellen Reichtum, und deshalb befindest du dich nun in Geldnot. In der materiellen Welt sind Menschen, die nicht an materiellen Gütern hängen, sehr selten. Solche Menschen, die frei von Anhaftung sind, haben nicht das geringste Verlangen, Wohlstand und Reichtum für ihre eigene Sinnenbefriedigung zu erlangen. Und wenn sie manchmal trotzdem Geld erwerben, dann tun sie das nur, um ein beispielhaftes Leben als Haushälter zu führen und zu zeigen, wie man durch die richtige Verteilung seines Reichtums ein vorbildlicher Haushälter und zugleich ein großer Gottgeweihter sein kann. Von solchen idealen Haushältern kann man sagen, daß sie Meinem Beispiel auf vollkommene Weise folgen. Mein lieber Freund, Ich hoffe, daß du dich noch an die Tage unserer Schulzeit erinnerst, als wir beide im asrama unseres Lehrers lebten. Alles Wissen, das wir in unserem Leben bekommen haben, haben wir uns im Grunde während dieser gemeinsamen Schulzeit angeeignet."

"Wenn jemand unter der Anleitung eines fähigen Lehrers während seiner Schulzeit eine gute Ausbildung genießt, wird sein Leben später ein Erfolg. Er ist in der Lage, den Ozean der Unwissenheit ohne Schwierigkeit zu überqueren, und er befindet sich nicht mehr unter dem Einfluß der illusionierenden Energie. Lieber Freund, jeder sollte seinen Vater als seinen ersten Lehrer betrachten, denn durch die Gnade des Vaters bekommt man seinen Körper. Der Vater gilt deshalb als der natürliche spirituelle Meister. Unser nächster Lehrer ist der spirituelle Meister, der uns in das transzendentale Wissen einweiht, und er muß in gleichem Maße verehrt werden wie Ich Selbst. Der spirituelle Meister braucht nicht nur eine einzige Person sein. Der spirituelle Meister, der den Schüler im spirituellen Bereich unterweist, wird siksa-guru genannt, und den spirituellen Meister, der den Schüler einweiht, nennt man diksa-guru. Sie sind beide Meine Repräsentanten. Es kann viele spirituelle Meister geben, die einem Unterweisungen erteilen, doch es gibt immer nur einen einweihenden spirituellen Meister. Wer sich an diese spirituellen Meister wendet und mit Hilfe des Wissens, das er von ihnen empfängt, den Ozean des materiellen Daseins überquert, hat die menschliche Form des Lebens richtig genutzt. Er besitzt das verwirklichte Wissen, daß das höchste Ziel des Lebens, das man nur in der menschlichen Form erreichen kann, darin besteht, die spirituelle Vollkommenheit zu erlangen und nach Hause, zu Gott, zurückzukehren."

"Mein lieber Freund, Ich bin der Paramatma, die Überseele im Herzen eines jeden, und es ist Meine direkte Anweisung, daß die menschliche Gesellschaft den Prinzipien des varna und asrama folgen muß. Wie Ich in der Bhagavad-gita erklärt habe, sollte die menschliche Gesellschaft entsprechend den Eigenschaften und Tätigkeiten der Menschen in vier varnas eingeteilt werden. Ebenso sollte man sich auch sein Leben in vier Abschnitte einteilen. Den ersten Abschnitt seines Lebens sollte man dazu nutzen, ein echter Schüler zu werden, wobei man ausreichend Wissen empfangen und das Gelübde des brahmacarya einhalten sollte, so daß man sein Leben vollständig dem Dienst des spirituellen Meisters widmen kann, ohne der Befriedigung der Sinne nachzugehen. Ein brahmacari muß ein Leben der Entsagung und der Buße führen. Der Haushälter darf ein Leben regulierter Sinnenbefriedigung führen, aber niemand sollte während des dritten Lebensabschnittes Haushälter bleiben. Im dritten Lebensabschnitt muß man wieder zu Entsagungen und Bußen zurückkehren, wie man sie früher als brahmacari auf sich genommen hat, und sich so von der Anhaftung an das Haushälterleben lösen. Wenn man sich in der Folge von allen Anhaftungen an die materialistische Lebensweise befreit hat, kann man in den sannyasa-Stand eintreten."

"Als Überseele weile Ich im Herzen aller Lebewesen und beobachte ihre Handlungen in jedem Lebensstadium. Wenn Ich sehe, daß jemand aufrichtig und ernsthaft die Pflichten erfüllt, die ihm sein spiritueller Meister aufgetragen hat, und sein Leben dem Dienst des spirituellen Meisters weiht, wird ein solcher Mensch Mir sehr lieb, ganz gleich, auf welcher Stufe er sich befindet. Was nun das Leben auf der brahmacarya-Stufe betrifft, so ist es sehr zu begrüßen, wenn man unter der Anleitung eines spirituellen Meisters ein brahmacari bleiben kann. Wenn man jedoch während des brahmacari-Lebens den Wunsch nach geschlechtlicher Betätigung verspürt, sollte man das Haus seines guru verlassen, ihn zuvor aber ganz nach dessen Wünschen zufriedenstellen. Nach vedischem Prinzip macht man dem spirituellen Meister ein Geschenk, die guru-daksina; dann sollte der Schüler in den Lebensstand des Haushälters treten, indem er gemäß den religiösen Riten heiratet."

Diese Unterweisungen, die Sri Krsna während des Gespräches mit Seinem Freund, dem gelehrten brahmana, gab, eignen sich sehr gut als Anleitung für die menschliche Gesellschaft. Eine Zivilisation, die nicht das System des varna und asrama fördert, ist nichts anderes als eine polierte tierische Gesellschaft. Geschlechtsverkehr zwischen unverheirateten Männern und Frauen ist in der menschlichen Gesellschaft nicht zulässig. Ein Mann sollte entweder strikt den Prinzipien des brahmacari-Lebens folgen oder mit Erlaubnis des spirituellen Meisters heiraten. Unverheiratet zu sein und unzulässiger Sexualität nachzugehen ist ein tierisches Leben. Für Tiere gibt es keine Heirat. Die heutige Gesellschaft strebt nicht danach, der Bestimmung des menschlichen Lebens gerecht zu werden. Die Bestimmung des menschlichen Lebens besteht darin, nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Um dieses Ziel zu erreichen, muß man dem System des varna und asrama folgen. Wenn dieses System strikt und bewußt befolgt wird, führt es zur Erfüllung der Bestimmung des Lebens; wenn sich die Menschen jedoch indirekt ein solches System schaffen, ohne sich an die Führung einer höheren Autorität zu halten, richtet dies in der menschlichen Gesellschaft nur Schaden an, und für eine solche Gesellschaft gibt es weder Frieden noch Wohlstand.

Krsna fuhr fort: "Lieber Freund, Ich bin überzeugt, daß du dich noch gut an unsere Schulzeit erinnerst, während der wir gemeinsam so viele Dinge erlebten. Sicherlich weißt du noch, wie wir einmal auf Anweisung der Frau unseres guru in den Wald gingen, um Brennholz zu sammeln. Als wir dann das dürre Holz zusammensuchten, gerieten wir unmerklich tief in den Wald hinein und verliefen uns. Auf einmal zog ein Sandsturm auf, dem dunkle Wolken, Blitze und krachende Donnerschläge folgten. Bald darauf ging die Sonne unter, und wir irrten mitten im finsteren Dschungel umher. Dann setzte ein strömender Regen ein, so daß der Boden mit Wasser überflutet wurde, und wir waren nicht mehr imstande, den Weg zum asrama unseres guru zurückzufinden. Erinnerst du dich noch an diesen furchtbaren Regen? Doch eigentlich war es kein Regen, sondern mehr eine Art Sintflut. Wir litten sehr unter dem Sandsturm und dem heftigen Regen, und wohin wir uns auch wandten, wir fanden uns nicht zurecht. Wir faßten uns in der Not bei der Hand und versuchten, irgendwie zurückzufinden. Auf diese Weise verbrachten wir die ganze Nacht im Dschungel. Als am nächsten Morgen in der Frühe unser gurudeva unsere Abwesenheit bemerkte, sandte er seine anderen Schüler aus, um uns zu suchen. Er ging sogar persönlich mit ihnen, und als sie uns schließlich im Dschungel fanden, sahen sie, daß wir völlig erschöpft waren. Unser gurudeva sagte damals voller Mitleid: Meine lieben Jungen, es ist bewundernswert, daß ihr so viele Schwierigkeiten für mich durchgestanden habt. Gewöhnlich neigt jeder dazu, zuallererst an seinen eigenen Körper zu denken, doch eure Tugend und euer Vertrauen gegenüber eurem guru ist so groß, daß ihr viele Beschwerlichkeiten für mich in Kauf genommen habt, ohne euch um euer körperliches Wohl zu kümmern. Es freut mich sehr zu sehen, daß redliche Schüler wie ihr bereit sind, jedwede Unannehmlichkeit zur Zufriedenstellung des spirituellen Meisters auf sich zu nehmen. Nur so kann ein Schüler seine Schuldigkeit gegenüber dem spirituellen Meister abtragen. Es ist die Pflicht des Schülers, sein Leben dem Dienst für den spirituellen Meister zu widmen. Meine lieben Schüler, die ihr die besten der Zweimalgeborenen seid, ich freue mich sehr über euch, und meine Segnung wird euch immer begleiten: Mögen all eure Wünsche und Bestrebungen ihre Erfüllung finden, und möge euer Verständnis von den Veden, das ihr von mir erworben habt, immer in eurem Gedächtnis bleiben, so daß ihr euch zu jeder Zeit an die Lehren der Veden erinnern und ihre Anweisungen mühelos zitieren könnt. Dadurch werdet ihr weder in diesem noch im nächsten Leben Enttäuschungen erfahren.' "

Krsna fuhr fort: "Lieber Freund, wie du dich bestimmt noch erinnerst, erlebten wir viele solcher Begebenheiten, als wir im asrama unseres spirituellen Meisters lebten. Wir können jetzt verstehen, daß ohne die Segnung des spirituellen Meisters niemand glücklich sein kann. Durch die Barmherzigkeit des spirituellen Meisters und durch seine Segnungen kann man Frieden und Wohlstand erlangen und befähigt werden, die Mission des menschlichen Lebens zu erfüllen." Als der weise brahmana Krsnas Worte vernommen hatte, erwiderte er: "Lieber Krsna, Du bist der Höchste Herr und der höchste spirituelle Meister eines jeden, und weil ich das Glück hatte, mit Dir im Hause unseres guru zu leben, glaube ich, daß ich nichts mehr mit den in den Veden vorgeschriebenen Pflichten zu tun habe. Lieber Herr, die verschiedenen Hymnen, die rituellen Zeremonien, die religiösen Tätigkeiten und alle anderen Notwendigkeiten, die das menschliche Leben zur Vollkommenheit führen, wie wirtschaftliche Entwicklung, Sinnenbefriedigung und Befreiung, entspringen alle dem einen Ursprung, nämlich Deiner Höchsten Persönlichkeit. Alle verschiedenen Lebenssysteme haben letztlich das Ziel, Deine Person zu erkennen; mit anderen Worten, sie alle stellen verschiedene Teile Deiner transzendentalen Gestalt dar. Aber trotzdem hast Du die Rolle eines Schülers gespielt und mit uns zusammen im Hause unseres guru gelebt. Das bedeutet, daß Du Deine Spiele einzig zu Deiner Freude vollführst, denn sonst gäbe es keinen Grund, warum Du die Rolle eines Menschen zu spielen brauchtest. "

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 79. Kapitel des Krsna-Buches: "Der brahmana Sudama besucht Sri Krsna".