
Die Reise zum wirklichen Selbst
Original Artikel aus dem Deutschen BTG 12/1976
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Die Reise zum wirklichen Selbst
Der spirituelle Körper - unsere wirkliche Identität - ist vom groben materiellen Körper, zusammengesetzt aus Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, und vom feinen materiellen Körper, der aus Geist, Intelligenz und falschem Ich besteht, bedeckt. Knochen, Fleisch und Muskeln bestehen hauptsächlich aus Wasser; Feuer ist der Energievermittler, der die Verdauung unterhält und das System arbeiten läßt; Luft ist die Atemkraft, die die grobstofflichen Elemente mit Sauerstoff versorgt; und Äther ist die feinere Art Luft, die vorwiegend im Gehirn zirkuliert und die Tätigkeit des Geistes am Leben erhält. Dies alles zusammen ergibt den materiellen Körper, der die Rolle des Werkzeuges spielt.
Der
Geist läßt die Sinne arbeiten und veranlaßt sie,
sich auf diese oder jene Weise geltend zu machen. Nebenbei empfängt
und bewahrt er die Sinneseindrücke. Der Geist denkt, nimmt
wahr, fühlt und bringt Wünsche hervor. Die Intelligenz
ist der Lenker des Geistes und die Urteilskraft, die zwischen
Materie und spirituellem Geist unterscheiden kann. Durch die Intelligenz
hat man die Möglichkeit, aus Erfahrung, Vernunft und Unterscheidungsvermögen
zu lernen und Dinge zu verstehen. In dem Maße, in dem sich
Intelligenz entwickelt, steigt man auf der Evolutionsleiter. Im
Körper ist die Intelligenz König, und der Geist ist
Vizekönig; er dient als Mittler zwischen Intelligenz und
Erscheinungswelt.
Die Intelligenz ist feinstofflicher als der Geist (es ist schwieriger, sie materiell wahrzunehmen), und noch feiner als die Intelligenz ist das falsche Ich. Das wahre Ich ist die Selbstidentität, durch die sich das Individuum von anderen unterscheidet. Es ist die feinstoffliche Substanz, auf der sich Erfahrungen ablagern. Es ist die Instanz, die nach innen schaut und von dort eine Reihe Handlungen und Geisteszustände, die der materielle Körper erfährt, verwertet und speichert.
Dieses Ich, die "Individualität, die alle Komponenten in sich vereinigt, existiert nicht nur in der intellektuellen Vorstellung. Es kann direkt erfahren werden. Beispielsweise verlieren wir in großen Menschenmengen nicht unseren Sinn für Selbstidentität und verwechseln unseren Körper nicht mit dem anderer. Ebenso fühlen wir uns, zum Beispiel, in Träumen als Individuum anwesend, das von anderen Einzelpersonen im Traum verschieden ist. Tatsächlich' können wir in manchen Träumen verschiedene Körper bewohnen, aber dennoch dieses besondere Verständnis des "Ich" behalten, und in wieder anderen Träumen sind wir vielleicht lediglich eine Erscheinung, die Zeuge einer Handlung ist und keinen Körper hat.
Die Wanderung des feinstofflichen Körpers
Solange wir keine Befreiung erlangt haben, sind wir vorn materiellen
Körper bedeckt. Beim Tode streift der feinstoffliche Körper,
der sich aus Geist, Intelligenz und falschem Ich zusammensetzt,
den sterblichen grobstofflichen Körper ab und trägt
Eindrücke und Neigungen in einen anderen sterblichen Körper.
"Das Lebewesen in der materiellen Welt trägt seine verschiedenen
Auffassungen des Lebens von einem Körper zum anderen, wie
die Luft Düfte mit sich trägt." (Bg. 15.8) Daher
kann die Wiedergeburt mit dem Wechseln von Kleidung verglichen
werden.
Bewußt kann der feinstoffliche Körper sein früheres Leben insofern vergessen, als er sich an einzelne Handlungen nicht mehr erinnert, nichtsdestoweniger aber bestimmen diese Handlungen den nächsten Körper, den er annimmt. Tatsächlich bleiben die Eindrücke immer erhalten, und in einigen seltenen Fällen - durch den Willen und die Gnade Gottes - kann man sich an bestimmte Handlungen seines früheren Lebens erinnern. Die Wünsche, die man in diesem Leben erfahren hat, werden durch den Geist, die Intelligenz und das falsche Ich von Körper zu Körper getragen.
Im Augenblick benutzen wir diesen grobstofflichen Körper, und wenn er unbrauchbar geworden ist, wechseln wir in einen anderen. Jetzt bereiten wir mit unseren Handlungen unseren nächsten Körper vor.
Die Vorbereitung zukünftiger Körper
Diese
Vorbereitung wird Karma genannt. Wenn wir wollen, können
wir uns auch darauf Vorbereiten, einen Körper auf einem anderen
Planeten anzunehmen. Als Mittel dazu empfehlen die Veden und andere
Schriften bestimmte Formen frommer Aktivitäten, Bußen,
Opferhandlungen, etc. Nachdem jedoch der Gewinn solcher frommen
Aktivitäten erschöpft ist, muß der feinstoffliche
Körper wieder zu einem mittleren Planeten wie die Erde zurückkehren
und einen grobstofflichen Körper annehmen, um weiteres gutes
karma anzuhäufen, damit er sich wieder zu höheren Planeten
erheben kann. Und so geht dieser Kreislauf immer weiter.
"Diejenigen, die Veden studieren und den Soma-Trank trinken, verehren Mich indirekt, indem sie nach höheren Planeten streben. Sie werden auf Indraloka geboren, wo sie sich göttlicher Genüsse erfreuen können. Wenn sie auf diese Weise himmlische Sinnesfreuden genossen haben, kehren sie wieder zu diesem sterblichen Planeten zurück. So kommen sie nach vedischem Prinzip nur zu vorübergehendem Glück." (Bg. 9.29-21)
Aus der Sicht spiritueller Intelligenz sind solche Aktivitäten nutzlos. In einem Augenblick mag man, wie Indra, ein Halbgott sein, und im nächsten ist man vielleicht ein Schwein. Dieser Wechsel des Anzuges ist sehr schmerzvoll, denn in jedem Falle muß man die Leiden der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes ertragen. Wer so handelt, muß nicht nur die Last eines einzigen, sondern unzähliger Körper auf sich nehmen.
Die Entwicklung eines spirituellen Körpers
Wie Krishna in der Bhagavad-Gita sagt, braucht man keinen neuen
Körper mehr anzunehmen, wenn man sich zu dem Planeten erhebt,
auf dem Krishna residiert. "Vom höchsten Planeten in der
materiellen Welt bis herab zum niedrigsten, sind alle Orte des
Leids, wo sich Geburt und Tod wiederholen. Wer aber in Mein Reich
kommt, o Sohn Kuntis (Arjuna), wird niemals, wiedergeboren."
(Bg. 8.16)
Es ist die Pflicht des Individuums zu lernen, wie man sich in diese spirituelle Welt versetzen kann, in der man der Wiedergeburt nicht länger unterworfen ist. Das wirkliche Selbst des Individuums befindet sich jenseits des grobstofflichen und feinstofflichen Körpers. Es liegt jenseits des materiellen Universums, jenseits des Geistes, der Intelligenz und des Ichs. Es existiert ewig in der spirituellen Welt. Wenn allem materiellen Verlangen ein Ende bereitet ist, kann man seine ursprüngliche, reine, unbefleckte Form des Bewußtseins wiedererlangen, nämlich den spirituellen Körper von sac-cid-ananda, ewigem Sein, ewigem Wissen und ewiger Glückseligkeit. Es ist die Kultivierung des Krishna-Bewußtseins, durch die man den eigenen grobstofflichen und feinstofflichen Körper überschreiten kann. Auf diese Weise kann man in die spirituelle Welt eingehen und dort seine wahre Gestalt erlangen.
"Wisse, daß alle herrlichen und mächtigen Schöpfungen nur einem Funken meiner Macht entspringen. Mit einem einzigen Teil Meines Selbsts durchdringe und erhalte Ich das gesamte Universum." (Bhagavad-Gita 10,41-42)
Das Erwachen aus dem Traum der Körper
Wenn der feinstoffliche Körper in einen grobstofflichen
eingeht, betritt er das Reich der Dunkelheit. Wenn wir einen Schacht
hinunterfallen, können wir nicht mehr das Tageslicht sehen.
So betrachten auch die, die vedisches Wissen haben, d. h. die,
die sich an ihre vorherige erleuchtete Existenz erinnern, diesen
grobstofflichen Körper und die Welt, die man mit ihm wahrnimmt,
als einen Ort der Dunkelheit und Unwissenheit. Die Annahme eines
grobstofflichen Körpers wird auch mit dem Übergang vom
Wach- ins Schlaf- oder Traumbewußtsein verglichen. Wenn
wir einschlafen, verlassen wir unsere eigentliche Umgebung und
reisen in ein unwirkliches Land der Phantasie. Wenn wir aber erwachen,
sind wir wieder in unserer ursprünglichen Umgebung. Wenn
der Traum schön war, mag man sich danach sehnen noch einmal
zu träumen, wenn es aber ein Alptraum war, ist man sehr froh,
wieder zu erwachen. In jedem Falle ist der Zustand des Träumens
zeitweilig, und in keinem Fall möchte man ewig in dieser
Situation bleiben.
Befreiung bedeutet nichts anderes als zu erkennen, daß man geschlafen hat und erwacht ist.
Wer aufwacht, geht in die spirituelle Welt ein. Dort leuchten alle Planeten aus sich selbst heraus. Die Bewohner sind voller Glückseligkeit und Wissen, und das Leben ist ewig. Die im Traum des materiellen Körpers gefangen sind, erleiden so viel Elend. Eigentlich wollen sie nicht alt werden. Sie wollen nicht sterben. All dies aber wird ihnen aufgezwungen. Sie sind sich über ihre Position außerhalb des Traumes nicht bewußt.
Wenn man den Menschen vom Standpunkt des grobstofflichen Körpers beurteilt, so ist er den Tieren nicht überlegen. Tatsächlich sind die meisten Tiere stärker, schneller, selbständiger und in der Natur lebensfähiger. Der menschliche Körper mag ästhetischer erscheinen, aber von der praktischen Seite her gesehen ist er nicht so nutzbringend wie der des Gorillas. Trotzdem ist der Mensch das höhere Lebewesen, und er ist der Überlegenere, weil er einen höherentwickelten Geist und eine höherentwickelte Intelligenz hat, die ihn von den Tieren unterscheidet. Und nur mit seinem Geist und seiner Intelligenz kann er verstehen, was er ist und Fragen über die Bedeutung seines Daseins stellen. Er steht höher als das Tier, weil er die transzendentale Wissenschaft erlernen kann, mit der er aus dem materiellen Körper in die spirituelle Welt gelangt. Die Bhagavad-gita, eine vorbereitende Studie zur Selbstverwirklichung, bietet diese transzendentale Wissenschaft kurz zusammengefaßt und systematisch geordnet an.
Was ist Selbstverwirklichung?
Selbstverwirklichung bedeutet, daß man sich selbst erkennt
und sieht, daß man getrennt vom Körper existiert. Selbstverwirklichung
bedeutet die Erkenntnis des Selbstes als getrennt vom materiellen
Körper in seiner veranlagungsgemäßen nichtmateriellen
Position (als spirituelle Seele). Man erkennt diese Position,
indem man sich der Absoluten Wahrheit bewußt wird und in
eine Beziehung zu Ihr tritt. In der Bhagavad-gita wird diese Absolute
Wahrheit "Krishna" genannt. In der Gita ist Krishna
die Urerste Person, die alles Bestehende und alles darüber
hinaus in Sich birgt. Er sagt: "Ich bin das Bestehende und
das Nicht-Bestehende und das, was jenseits von beidem liegt."
In der Bhagavad-gita erläutert Krishna den Lehrplan für
die bedingte Seele. Er bietet drei verschiedene Vorgänge
an: Den Vorgang der Handlung, den der Meditation und den der Hingabe,
d. h. karma-yoga, jnana-yoga und bhakti-yoga.
Diese drei Wissenschaften handeln von der veranlagungsmäßigen Position des Selbstes, und wenn er sie studiert, kann der Schüler erfahren, wie er in den materiellen Körper verstrickt ist, wie er die Anhaftung an ihn verlieren und wohin er gehen kann, wenn er ihn verlassen hat.
"Diejenigen, die sich auf diesem Pfad befinden, sind entschlossen in ihrem Vorhaben, und ihr Ziel ist eins. Die Intelligenz der Unentschlossenen jedoch ist vielverzweigt." (Bhagavad-Gita 2,41)
Krishna erklärt die unveränderliche und ewige Natur der vom Körper verschiedenen Seele.
Anschließend
ermahnt er seinen Schüler Arjuna, im Geiste des Nichtanhaftens
und der Hingabe zu handeln. Beim Fortschreiten des Lehrgangs führt
Krishna das Verhältnis der individuellen Seele zur Überseele
näher aus und erläutert unterschiedliche Methoden, mit
denen das Begrenzte das Unbegrenzte erkennen kann. Diese Methoden
der Selbstverwirklichung schließen unangehaftete Handlungen
ein, Entsagung vom materiellen Bewußtsein, Kultivierung
des Wissens über die Seele und die Überseele, Meditation
über die Überseele, durch Kontrolle der Körperorgane,
Erkenntnis der Fülle und Eigenschaften des Absoluten, die
Funktion der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur, nämlich
Reinheit, Leidenschaft und Unwissenheit, die Eigenschaften der
Menschen und ihres unterschiedlichen Glaubens, Vollkommenheit
der Entsagung und den transzendentalen Vorgang des hingebungsvollen
Dienstes. Zum Schluß dieser Ausführungen ist Arjuna
über seine Position und Handlungen erleuchtet und entschließt
sich, sich dem Willen der Absoluten Person hinzugeben, die ihn
unterwiesen hat.
Zukunft des materiell Nicht-Angehafteten
Würde solch ein Lehrgang in den Universitäten angeboten,
gäbe es bei uns keine Traumschulen mehr, sondern wirkliche
Zentren des Wissens. Und unsere Studenten würden sich nicht
zu Automaten, Hippies und Fanatikern entwickeln, sondern zu Menschen
wie Arjuna; Menschen, die höchste Qualitäten verkörpern.
Sie würden sich tatsächlich zu Halbgöttern entwickeln,
denn ihre Gedanken und Handlungen würden das Göttliche
ausdrücken. Sie wären die Tapfersten der Menschheit,
weil sie wüßten, daß die Seele auch nach dem
Vergehen des Körpers noch existiert; und dieses Wissen würde
sie weise machen, denn sie würden nicht in einer körperlichen,
sondern in einer spirituellen Auffassung leben. Weil sie sich
nicht mit ihren Körpern identifizieren würden, hielten
sie sich weder für Amerikaner noch für Chinesen, weder
für Deutsche noch für Russen. All dies hielten sie für
Namen, für Objekte, die man im Traum wahrnimmt, und sie empfänden
Mitleid mit denen, die immer noch träumen und im Alptraum
der Dualität gefangen sind. Sie würden auf der Erde
leben wie die Wasserlilie auf dem Wasser. Kein Tropfen materiellen
Bewusstseins würde sie berühren, und sie sähen
alle Männer und Frauen, alle Städte und Dörfer,
alle Nationen, Kontinente, Planeten und das weite Universum "als
Einöde, als Ichlosigkeit, als inhaltlos, als Himmel, als
Sonnenlicht, als Finsternis, als Phantom, als Traum, als Blitz,
als Blase" (Budda, Abhandlung über das Prajna-paranita).
Weil sie alles Materielle in dieser Weise sehen würden, wären
sie im eigentlichen Sinne Krishna-bewußt.
Wirkliche Erziehung
Buddhi bedeutet Intelligenz. Nur mit der Intelligenz kann ich
verstehen, daß der Körper nicht mir gehört. Manchmal
sage ich: "Meine Hand, mein Arm, mein Kopf". Der Gebrauch
des besitzanzeigenden Pronomens weist darauf hin, daß dies
meine Besitztümer sind und daß ich jemand anderes bin.
Um den Unterschied zwischen den Besitztümern und dem besitzenden
Individuum zu verstehen, müssen wir den Unterschied zwischen
der spirituellen und der materiellen Natur verstehen. Dieses Verständnis
sollte das Ziel der Erziehung sein. Hier ist die Etymologie des
lateinischen Fremdwortes "Edukation", Erziehung, von
Bedeutung. Es stammt vom lateinischen Wort educere ab; e bedeutet
aus, ducere heißt führen, ziehen, bringen. Der Zweck
der Edukation, der Erziehung, sollte es sein, jemanden aus der
Dunkelheit des materiellen Bewußtseins herauszuführen
- die spirituelle Seele aus dem Käfig ihres Körpers
zum Licht des Wissens zu bringen, zum Krishna-Bewußtsein.
Das ist wirkliche Erziehung, und das ist der größte
Dienst, den man dem Individuum und der Gesellschaft leisten kann.
Alle Lehrpläne der Menschheit könnten durch die Botschaft der Bhagavad-gita belebt werden. Diese große Wissenschaft der Seele kann die ganze Menschheit befreien, wenn sie auf breiter Ebene eingeführt wird. Sri Krishna lädt uns ein: "Höre Meinem erhabenen Wort zu, das Ich dir zu deinem Nutzen mitteilen werde und das große Freude über dich kommen lassen wird.
HARE
KRISHNA, HARE KRISHNA, KRISHNA KRISHNA, HARE HARE,
HARE RAMA, HARE RAMA, RAMA RAMA, HARE HARE.