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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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1. Kapitel: Die Ankunft Sri Krsnas

Es gab eine Zeit, da war die Welt mit übermäßig angewachsenen Streitmächten verschiedener Könige überladen, die in Wirklichkeit Dämonen waren, sich aber als Mitglieder des königlichen Standes ausgaben. Da zu jener Zeit die ganze Welt gestört war, begab sich die herrschende Gottheit der Erde, Bhumi, zu Brahma, um ihm von der bedrohlichen Situation zu berichten, in die sie aufgrund der dämonischen Könige geraten war. Bhumi nahm die Gestalt einer Kuh an und erschien mit Tränen in den Augen vor Brahma. Sie war zutiefst bekümmert und weinte, um sein Mitleid zu erwecken, und sie erzählte ihm von den fürchterlichen Zuständen auf der Erde. Als Brahma ihre Schilderung hörte, war er sehr betroffen, und so beschloß er, sich sofort zum Milchozean zu begeben, wo Sri Visnu residiert. Brahma wurde von allen Halbgöttern begleitet, allen voran Siva, und Bhumi folgte ihnen. Als sie ans Ufer des Milchozeans kamen, begann Brahma Gebete zu sprechen, um Sri Visnu günstig zu stimmen, welcher schon vor langer Zeit einmal den Erdplaneten vor dem Untergang gerettet hatte, indem Er die transzendentale Gestalt eines Ebers annahm.

In den vedischen mantras gibt es ein besonderes Gebet, Purusa-sukta genannt, das im allgemeinen die Halbgötter chanten, um Visnu, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, ihre Ehrerbietungen darzubringen. Man muß in diesem Zusammenhang verstehen, daß sich die herrschende Gottheit jedes Planeten an den höchsten Halbgott des Universums, Brahma, wenden kann, wenn Störungen auf dem jeweiligen Planeten auftreten. Brahma seinerseits kann sich dem Höchsten Herrn, Visnu, nähern, jedoch nicht direkt, sondern vom Ufer des Milchozeans aus. Es gibt im Universum einen Planeten namens Svetadvipa, und auf diesem Planeten befindet sich ein Ozean aus Milch. Aus den vedischen Schriften erfahren wir, daß es auf anderen Planeten verschiedene Arten von Ozeanen gibt, ähnlich wie auf unserem Planeten einen Ozean aus Salzwasser. So gibt es die verschiedensten Ozeane, wie zum Beispiel einen Ozean aus Milch, einen Ozean aus Öl, einen Ozean aus Alkohol und viele andere. Purusa-sukta ist das Standardgebet, das die Halbgötter sprechen, um die Höchste Persönlichkeit Gottes, Ksirodakasayi Visnu, günstig zu stimmen. Weil Er auf dem Milchozean ruht, wird Er Ksirodakasayi Visnu genannt. Er ist der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, von dem alle Inkarnationen in diesem Universum ausgehen.

Die Halbgötter brachten also das Purusa-sukta-Gebet dar, doch sie vernahmen keine Antwort. Daraufhin versank Brahma persönlich in Meditation, und so empfing er eine Botschaft von Visnu, die er dann an die Halbgötter weitergab. Das ist das System, vedisches Wissen zu empfangen. Das vedische Wissen wurde zuerst Brahma mitgeteilt, dem es die Höchste Persönlichkeit Gottes durch das Herz offenbarte. Dies wird auch am Anfang des Srimad-Bhagavatam erwähnt: tene brahma hrda — das transzendentale Wissen der Veden wurde Brahma in das Herz eingegeben. Ebenso konnte auch in diesem Fall nur Brahma die Botschaft verstehen, die von Visnu übermittelt wurde, und er gab sie an die Halbgötter weiter, damit diese sofort dementsprechend handeln konnten. Die Botschaft lautete: Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, wird sehr bald zusammen mit Seinen unvergleichlich mächtigen Energien auf der Erde erscheinen, und solange Er auf dem Erdplaneten bleibt, um Seine Mission, die Vernichtung der Dämonen und die Errettung der Geweihten, zu erfüllen, sollen auch die Halbgötter dort sein, um Ihn zu unterstützen. Sie alle sollen sich sofort darauf vorbereiten, in der Yadu-Dynastie geboren zu werden, in der auch der Herr sehr bald erscheinen werde.

Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Krsna, erschien als der Sohn Vasudevas. Bevor Er erschien, kamen alle Halbgötter mit ihren Frauen in verschiedenen frommen Familien auf die Erde, um den Herrn bei der Ausführung Seiner Mission zu unterstützen. Das genaue Wort, das hier gebraucht wird, lautet tat-priyartham; es bedeutet, daß die Halbgötter auf der Erde erschienen, um den Herrn zu erfreuen. Mit anderen Worten, jedes Lebewesen, das sein Leben nur dazu benutzt, den Höchsten zufriedenzustellen, ist ein Halbgott. Die Halbgötter wurden außerdem darüber informiert, daß die vollständige Erweiterung Krsnas, Ananta, der die Planeten des Universums mit Seinen Millionen von Köpfen in der Schwebe hält, ebenfalls vor der Ankunft Sri Krsnas auf der Erde erscheinen werde. Auch die äußere Energie Visnus (maya), die alle bedingten Seelen bezaubert, werde erscheinen, um Krsna, dem Höchsten Herrn, behilflich zu sein.

Nachdem Brahma allen Halbgöttern, auch Bhumi, diese Botschaft mitgeteilt und sie mit wohlmeinenden Worten beruhigt hatte, kehrte er, der Vater aller prajapatis (Vorväter der Bevölkerung im Universum), zu seinem Residenzort auf dem höchsten materiellen Planeten zurück, der Brahmaloka genannt wird.

Der Führer der Yadu-Dynastie, König Surasena, regierte über das Land Mathura (den Distrikt Mathura) sowie über den Distrikt Surasena. Unter der Herrschaft Surasenas wurde Mathura die Hauptstadt aller Yadu-Könige. Mathura wurde auch aus dem Grund zur Hauptstadt gewählt, weil die Yadus eine sehr fromme Familie waren und wußten, daß Mathura der Ort ist, an dem Sri Krsna, genau wie in Dvaraka, ewig lebt.

Es war am Tag, an dem Vasudeva, der Sohn Surasenas, Devaki heiratete, als er, Vasudeva, nach der Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten zusammen mit seiner jungen Braut auf eine Kutsche stieg, um nach Hause zu fahren. Der Vater Devakis, Devaka, der seine Tochter sehr liebte, hatte eine beträchtliche Mitgift beigesteuert, worunter sich unter anderem Hunderte von Kutschen befanden, die vollkommen mit Gold ausgestattet waren. Um seine Schwester Devaki zu erfreuen, hatte sich Kamsa, der Sohn Ugrasenas, anerboten, die Zügel von Vasudevas Wagen selbst zu lenken und das Brautpaar nach Hause zu fahren. Wenn ein Mädchen heiratet, bringt der Bruder nach vedischem Brauch die Schwester und den Schwager zu ihrem neuen Heim. Weil das frisch verheiratete Mädchen unter der Trennung von der Familie ihres Vaters leiden könnte, begleitet sie ihr Bruder bis zum Hause des Schwiegervaters. Die von Devaka beigesteuerte Mitgift bestand aus insgesamt vierhundert mit goldenen Girlanden geschmückten Elefanten, fünfzehntausend geschmückten Pferden und eintausendachthundert Kutschen. Außerdem hatte er zweihundert wunderschöne Mädchen ausgesucht, die seine Tochter begleiten sollten. Das ksatriya-System der Heirat, das in Indien noch heute Gültigkeit hat, besagt, daß bei der Heirat eines ksatriya zusammen mit der Braut einige Dutzend der Freundinnen der Braut zum Hause des Königs gehen. Die Begleiterinnen der Königin werden zwar Dienerinnen genannt, doch in Wirklichkeit sind sie ihre Freundinnen. Dieses System ist seit unvordenklichen Zeiten Brauch und läßt sich mindestens bis zur Zeit vor der Ankunft Sri Krsnas vor fünftausend Jahren zurückverfolgen. Vasudeva brachte also zusammen mit seiner Frau noch zweihundert schöne Mädchen mit nach Hause.

Während Braut und Bräutigam in der Kutsche dahinfuhren, wurden die verschiedensten Instrumente gespielt, um das glückverheißende Ereignis zu begleiten. Es ertönten Muschelhörner, Fanfaren, Trommeln und Pauken, die sich zu einem wohlklingenden Konzert vereinten. Die Hochzeitsgesellschaft war in freudiger Stimmung, und Kamsa lenkte den Wagen, als plötzlich eine geheimnisvolle Stimme vom Himmel ertönte, die besonders an Kamsa gerichtet war: "Kamsa, du Narr, du lenkst die Kutsche deiner Schwester und deines Schwagers und weißt nicht, daß das achte Kind deiner Schwester dich töten wird!"

Kamsa, der Sohn Ugrasenas, gehörte zur Bhoja-Dynastie, und es wird gesagt, daß er der dämonischste aller Könige der Bhoja-Dynastie war. Sowie er die Prophezeiung vom Himmel hörte, packte er Devaki bei den Haaren und zückte sein Schwert, um sie töten. Vasudeva war entsetzt, als er Kamsas Verhalten sah, doch um den grausamen, schamlosen Schwager zu besänftigen, richtete er mit großer Klarheit und Ruhe die folgenden Worte an ihn: "Mein lieber Kamsa, mein Schwager, du bist der berühmteste König der Bhoja-Dynastie, und jeder weiß, daß du ein tapferer Krieger und ein großer König bist. Wie kommt es, daß du dermaßen in Wut gerätst, daß du sogar bereit bist, eine Frau, die noch dazu deine Schwester ist, an ihrem Hochzeitstag zu töten? Warum hast du so große Angst vor dem Tod? Dein Tod wurde schon bei deiner Geburt mit dir geboren. Seit dem Tag, an dem du geboren wurdest, begannst du zu sterben. Du bist jetzt vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt; das bedeutet, daß du schon fünfundzwanzig Jahre lang gestorben bist. In jedem Moment, in jeder Sekunde stirbst du — warum solltest du also Angst vor dem Tode haben? Der Tod ist unvermeidlich. Du magst heute oder in hundert Jahren sterben — dem Tod kannst du nicht entrinnen. Warum solltest du dich also fürchten? In Wirklichkeit bedeutet der Tod lediglich die Vernichtung des gegenwärtigen Körpers. Sobald der Körper funktionsunfähig wird und sich mit den fünf Elementen der materiellen Natur verei- nigt, nimmt das Lebewesen, das sich im Körper befunden hat, je nach seinen früheren Taten einen anderen Körper an. Es ist wie mit einem Mann, der auf der Straße geht: Er setzt einen Fuß vor, und wenn er sicher ist, daß der Fuß auf festem Grund steht, hebt er den anderen Fuß. In ähnlicher Weise wandert die Seele von einem Körper zum anderen. Oder schau dir eine Raupe an, wenn sie vorsichtig von einem Zweig zum anderen kriecht. Ebenso wechselt das Lebewesen seinen Körper, sobald höhere Autoritäten über den nächsten Körper entscheiden. Solange ein Lebewesen in der materiellen Welt gefangen ist, muß es immer wieder, Geburt für Geburt, einen materiellen Körper annehmen. Der nächste Körper, den man erhält, wird durch die Gesetze der Natur entsprechend den Handlungen und den daraus resultierenden Reaktionen des vorherigen Lebens bestimmt.

Unser gegenwärtiger Körper gleicht genau den Körpern, die wir in unseren Träumen annehmen. Während wir schlafen, schaffen wir im Traum mit dem Geist die verschiedensten Körper. In unserer Erinnerung befinden sich viele Bilder von Dingen, die wir schon gesehen haben, wie zum Beispiel Gold und einen Berg, und so schaffen wir im Traum durch die Verbindung dieser beiden Bilder einen goldenen Berg. Manchmal träumen wir auch, fliegen zu können, und so vergessen wir unseren eigentlichen Körper völlig. Ebenso wechseln wir unseren materiellen Körper. Wenn du einen neuen Körper annimmst, vergißt du den alten. Während eines Traumes können wir so viele verschiedene Körper schaffen, doch wenn wir erwachen, vergessen wir sie alle wieder. Und in Wirklichkeit sind auch unsere grobstofflichen Körper nichts anderes als Schöpfungen unseres Geistes — nur können wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr an unsere vergangenen Körper erinnern.

Der Geist ist von Natur aus unstet. Manchmal nimmt er etwas an, und dann lehnt er es kurze Zeit später wieder ab. Annehmen und Ablehnen sind die Tätigkeiten des Geistes in Verbindung mit den fünf Objekten der Sinnenbefriedigung: Form, Geschmack, Geruch, Klang und Berührung. Wenn der ruhelose, ständig spekulierende Geist mit den Sinnesobjekten in Berührung kommt, entwickelt das Lebewesen nach und nach den Wunsch nach einem bestimmten Körper, den es dann bekommt. Auf diese Weise ist unser Körper ein Geschenk der Gesetze der materiellen Natur. Das Lebewesen kommt in die materielle Welt und nimmt einen Körper an, um dann entsprechend der Beschaffenheit des Körpers zu genießen und zu leiden. Ohne Körper können wir, trotz unserer mentalen Neigungen, die wir aus dem vorherigen Leben geerbt haben, weder genießen noch leiden. Der Körper, den man annimmt, wird von dem Bewußtsein bestimmt, in dem man sich zur Stunde des Todes befindet.

Leuchtende Planeten wie die Sonne, der Mond und die Sterne spiegeln sich auf Flüssigkeiten, wie zum Beispiel Wasser, Öl oder Butterfett, und ihr Spiegelbild bewegt sich zusammen mit den Flüssigkeiten. Der Mond spiegelt sich auf der Oberfläche eines Sees, und wenn sich das Wasser bewegt, scheint sich auch der Mond zu bewegen, obwohl er sich in Wirklichkeit nicht bewegt. In ähnlicher Weise nimmt das Lebewesen durch die Tätigkeit seines Geistes verschiedene Arten von Körpern an, obwohl es in Wirklichkeit mit solchen Körpern nichts zu tun hat. Doch weil sich das Lebewesen in Illusion befindet, bezaubert durch den Einfluß mayas, glaubt es, zu einem bestimmten Körper zu gehören. Auf diese Weise bleibt die Seele gefangen in ihrem bedingten Dasein. Wenn sich ein Lebewesen beispielsweise in einem menschlichen Körper befindet, glaubt es, es gehöre zur menschlichen Gesellschaft, zu einem bestimmten Land und zu einem bestimmten Ort. Es identifiziert sich mit all diesen Dingen und bereitet sich somit auf einen weiteren Körper vor, den es im Grunde nicht benötigt. Solche Neigungen und Vorstellungen sind die Ursachen der verschiedenen Körper. Der illusionierende Einfluß der materiellen Natur ist so stark, daß das Lebewesen in jedem Körper, den es erhält, zufrieden ist und sich freudig mit ihm identifiziert. Daher bitte ich dich — laß dich nicht vom Diktat deines Geistes und deines Körpers überwältigen!"

Mit diesen Worten bat Vasudeva Kamsa, auf seine neuvermählte Schwester nicht neidisch zu sein. Man sollte auf niemanden neidisch sein, denn Neid führt dazu, daß man sowohl im gegenwärtigen als auch im nächsten Leben, wenn man vor Yamaraja* steht, von großen Ängsten gequält wird. Vasudeva wandte sich im Namen Devakis an Kamsa und hielt ihm vor Augen, daß sie seine jüngere Schwester sei. Er erinnerte ihn auch daran, daß heute ein besonderer Tag sei. Eine jüngere Schwester oder ein jüngerer Bruder sollten wie die eigenen Kinder beschützt werden. "Überdies wäre eine solche Tat sehr riskant", warnte Vasudeva seinen Schwager, "denn wenn du sie tötest, wirst du deinen guten Ruf verlieren."

Vasudeva versuchte, Kamsa sowohl durch gute Worte als auch durch philosophische Argumente zu beschwichtigen, doch Kamsa konnte nicht besänftigt werden, da er aufgrund seiner Gemeinschaft mit Dämonen von dämonischem Wesen war, obwohl er aus einer sehr hohen königlichen Familie stammte. Ein Dämon kümmert sich niemals um gute Ratschläge. Es ist wie mit einem geborenen Dieb: Man kann ihm zwar moralische Anweisungen erteilen, doch es wird nichts nützen. Ebenso wird jemand, der von Natur aus dämonisch und atheistisch ist, schwerlich eine gute Belehrung annehmen, ganz gleich, wie begründet sie auch sein mag. Darin unterscheidet sich ein Halbgott von einem Dämon. Diejenigen, die gute Ratschläge bereitwillig annehmen und versuchen, danach zu handeln, werden Halbgötter genannt, wohingegen diejenigen, die unfähig sind, solche Belehrungen anzunehmen, als Dämonen bezeichnet werden.

Nachdem der Versuch, Kamsa zu beruhigen, gescheitert war, fragte sich Vasudeva, wie er seine Frau Devaki beschützen könne. Wenn Gefahr droht, sollte ein intelligenter Mensch versuchen, der Gefahr so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Wenn es dann trotz aller intelligenten Bemühungen nicht gelingt, die Gefahr abzuwenden, trifft einen keine Schuld. Man sollte versuchen, seine Pflichten nach bestem Vermögen auszuführen, und wenn es einem trotzdem nicht gelingt, ist man nicht schuldig.

Vasudeva dachte bei sich: "Erst einmal will ich das Leben Devakis retten, und später, wenn einmal die Kinder da sind, werde ich sehen, wie ich auch sie retten kann." Er dachte weiter: "Wenn in der Zukunft ein Kind geboren wird, das imstande ist, Kamsa zu töten, so wie Kamsa glaubt, dann werden sowohl Devaki als auch das Kind in Sicherheit sein, denn die Vorsehung waltet auf un- begreifliche Weise. Doch jetzt will ich vorerst einmal versuchen, das Leben Devakis zu retten."

Man kann nicht mit Bestimmtheit sagen, auf welche Weise ein Lebewesen mit einem bestimmten Körper in Kontakt kommt, ebenso wie es keine Gewißheit gibt, auf welche Weise das lodernde Feuer bei einem Waldbrand mit einem bestimmten Baum in Berührung kommt. Es ist beobachtet worden, daß die Funken durch den Wind manchmal einen Baum überspringen und einen anderen erfassen. Ebenso mag ein Mensch sehr aufmerksam und mit peinlichster Genauigkeit seinen Pflichten nachkommen, doch es ist für ihn immer noch sehr schwierig, mit Bestimmtheit vorauszusagen, welche Art von Körper er im nächsten Leben erhalten wird. Maharaja Bharata zum Beispiel erfüllte auf vorbildliche Weise die Pflichten, die zur Selbstverwirklichung vorgeschrieben sind, doch zufällig entwickelte er eine vorübergehende Zuneigung zu einem Reh und mußte daher in seinem nächsten Leben den Körper eines Rehs annehmen.

Nachdem Vasudeva überlegt hatte, wie er seine Frau retten könne, wandte er sich mit großer Ehrfurcht an Kamsa, obwohl dieser der sündigste aller Sünder war. Manchmal ist es notwendig, daß ein so vortrefflicher Mensch wie Vasudeva einer niederträchtigen Person vom Schlage Kamsas schmeicheln muß. Das kann bei allen diplomatischen Verhandlungen vorkommen. Vasudeva gab sich also nach außen hin unbeschwert, obwohl er tief bekümmert war. Weil der gewissenlose Kamsa einen solch grausamen Charakter besaß, mußte sich Vasudeva mit folgenden Worten an ihn wenden: "Mein lieber Schwager, bitte bedenke, daß dir von deiner Schwester keinerlei Gefahr droht. Du fürchtest dich, weil du eine orakelhafte Stimme vom Himmel gehört hast; aber die Gefahr soll von den Söhnen deiner Schwester kommen, die doch noch gar nicht geboren sind. Und wer weiß, ob sie überhaupt jemals geboren werden? Wenn du all dies berücksichtigst, wirst du zugeben müssen, daß du zur Zeit in Sicherheit bist. Von deiner Schwester hast du ohnehin nichts zu befürchten. Und falls sie tatsächlich männlichen Kindern das Leben schenken sollte, so verspreche ich dir, jedes einzelne vor dich zu bringen, so daß du tun kannst, was du für nötig hältst."

Kamsa kannte den Wert von Vasudevas Ehrenwort, und da er außerdem durch dessen Argumente überzeugt worden war, beschloß er, seine Schwester vorerst nicht zu töten. Vasudeva war sehr erleichtert, und er lobte Kamsas Entscheidung. Auf diese Weise kehrte er nach Hause zurück.

Im Laufe der Zeit wurden Vasudeva und Devaki acht männliche Kinder und eine Tochter geboren. Vasudeva hielt sein Ehrenwort und erschien gleich nach der Geburt seines ersten Sohnes vor Kamsa. Vasudeva war für seine Tugendhaftigkeit und sein Ehrenwort weithin berühmt, und er wollte diesem Ruhm gerecht werden. Während es für Vasudeva jedoch sehr schmerzlich war, das Kind 16 wegzugeben, war es für Kamsa eine große Freude, daß Vasudeva mit seinem Kind zu ihm gekommen war; doch als er Vasudeva so unglücklich sah, bekam er ein wenig Mitleid. Diese Szene ist beispielhaft: Für eine große Seele wie Vasudeva gibt es nichts, was zu schmerzhaft wäre, als daß es ihn von der Erfüllung seiner Pflicht abhalten könnte. Ein weiser Mensch wie Vasudeva führt seine Pflicht ohne Zögern aus. Auf der anderen Seite schreckt ein Dämon wie Kamsa vor keiner noch so abscheulichen Tat zurück. Es wird daher gesagt, daß es einem Heiligen nichts ausmacht, alle Arten von Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen; daß ein Gelehrter seine Pflicht erfüllen kann, ohne etwas dafür zu erwarten; daß ein verabscheuungswürdiger Mensch wie Kamsa zu jeder Sünde fähig ist und daß ein Gottgeweihter bereit ist, alles zu opfern, um die Höchste Persönlichkeit Gottes zu erfreuen.

Kamsa war mit Vasudeva zufrieden, und er war sehr überrascht, daß dieser sein Versprechen gehalten hatte. Mitleidig und erfreut zugleich sagte er: "Mein lieber Vasudeva, du brauchst mir dieses Kind nicht zu übergeben, denn es bedeutet keine Gefahr für mich. Es wurde mir gesagt, daß mich erst das achte Kind Devakis töten wird. Warum sollte ich dir also dieses Kind unnötig wegnehmen? Du kannst es behalten."

Als Vasudeva mit seinem erstgeborenen Kind nach Hause zurückkehrte, war er zwar erfreut, aber er konnte Kamsas Worten keinen Glauben schenken, denn er wußte, daß dieser unberechenbar war. Ein atheistischer Mensch kann nicht zu seinem Ehrenwort stehen. Wer seine Sinne nicht beherrschen kann, wankt in seinen Entschlüssen. Der große Politiker Canakya Pandita sagte einmal: "Traue niemals einem Diplomaten oder einer Frau." Wer der uneingeschränkten Sinnenbefriedigung verfallen ist, kann niemals ehrlich sein, und man kann ihm niemals trauen.

Zu jener Zeit kam der große Weise Narada zu Kamsa. Er wußte, daß Kamsa Mitleid mit Vasudeva bekommen und ihm sein erstgeborenes Kind zurückgegeben hatte. Narada war bestrebt, die Ankunft Sri Krsnas so weit wie möglich zu beschleunigen, und so teilte er Kamsa mit, daß sich alle Bewohner Vrndavanas — Nanda Maharaja, die Kuhhirten und deren Frauen und die Kuhhirtenmädchen — sowie Vasudeva, dessen Vater Surasena und alle Mitglieder der Familie Vrsnis in der Yadu-Dynastie auf das Erscheinen des Herrn vorbereiteten. Narada warnte Kamsa, sich vor den Freunden, Gönnern und all den Halbgöttern, die in diesen Familien erscheinen würden, in acht zu nehmen. Sowohl Kamsa als auch seine Freunde und Berater waren Dämonen, und Dämonen fürchten sich immer vor den Halbgöttern. Nachdem Kamsa von Narada über das Erscheinen der Halbgötter in den verschiedenen Familien unterrichtet worden war, wurde er sehr wachsam; er wußte nun, daß die Halbgötter bereits erschienen waren, und so kam er zur Schlußfolgerung, daß auch Sri Visnu bald erscheinen müsse.

Deshalb ließ er sofort seinen Schwager Vasudeva und seine Schwester Devaki festnehmen und ins Gefängnis werfen. Im Gefängnis, in eiserne Ketten gelegt, schenkten Vasudeva und Devaki Jahr für Jahr einem männlichen Kind das Leben, und Kamsa, der in jedem der Neu- geborenen die Inkarnation Visnus sah, tötete eines nach dem anderen. Er fürchtete sich zwar besonders vor dem achten Kind, doch nach dem Besuch Naradas war er zu dem Schluß gekommen, daß jedes Kind Krsna sein könnte. Daher hielt er es für besser, alle Kinder zu töten, die von Devaki und Vasudeva geboren wurden.

Das Verhalten Kamsas ist nicht schwer zu verstehen. In der Geschichte der Welt gibt es viele Beispiele von Menschen königlichen Geschlechts, die den eigenen Vater, den eigenen Bruder, ihre Freunde oder sogar die ganze Familie aus selbstsüchtigen Motiven ermordeten. Dies ist nichts erstaunliches, denn Dämonen sind in ihrem skrupellosen Ehrgeiz sogar bereit, über Leichen zu gehen.

Durch die Gnade Naradas war es Kamsa vergönnt, die Geschichte seines vorherigen Lebens zu erfahren. Er hörte, daß er in seinem letzten Leben ein Dämon namens Kalanemi gewesen sei und von Visnu getötet wurde. Kamsa, der in der Bhoja-Dynastie geboren worden war, beschloß daraufhin, ein Todfeind der Yadu-Dynastie zu werden; weil Krsna in dieser Familie geboren werden sollte, war es Kamsas große Sorge und Furcht, daß er auch diesmal von Krsna getötet werden würde, so wie es ihm schon in seinem letzten Leben widerfahren war.

Als erstes sperrte er seinen Vater Ugrasena ein, da dieser der führende König unter den Königen der Yadu-, Bhoja- und Andhaka-Dynastien war, und besetzte dann das Königreich Surasenas, des Vaters von Vasudeva. Daraufhin erklärte er sich selbst zum König all dieser Länder.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 1. Kapitel des Krsna-Buches: "Die Ankunft Sri Krsnas".