Nachdem König Pariksit von der
Bestrafung Kaliyas
gehört hatte, fragte er Sukadeva Gosvami, warum Garuda
Kaliya so feindlich gesinnt war und
warum Kaliya sein
paradiesisches Eiland
verließ. Sukadeva Gosvami
berichtete dem König daraufhin von
einer Insel namens
Nagalaya, die von Schlangen bewohnt wurde, von denen
Kaliya einer der Anführer war.
Garuda, der es liebt,
Schlangen zu fressen, pflegte diese Insel zubesuchen und
nach Belieben viele Schlangen zutöten. Einige von ihnen
fraß er tatsächlich,
aber viele wurden auch
unnötig
getötet. Die Schlangengemeinschaft wurde
dadurch so
verängstigt, daß Vasuki, ihr Führer,
Brahma um Schutz
bat. Brahma traf daraufhin eine
Vorkehrung, die Garuda
künftig davon abhalten sollte, die Schlangen zu plagen: In
jeder Halbmondnacht sollte die
Schlangengemeinschaft
Garuda eine Schlange als Opfer unter einen Baum legen.
Garuda war damit zufrieden und tat
von da an keiner
anderen Schlange etwas zuleide.
Aber nach einiger Zeit wollte sich
Kaliya diese neue
Situation zunutze machen. Durch die
Giftmenge, die er
angesammelt hatte, und durch seine
materielle Macht
hochmütig geworden, dachte er: "Warum
soll gerade
Garuda dieses Opfer erhalten?" Er
stellte deshalb jede
Opferung ein und fraß
statt dessen die für
Garuda
bestimmte Opfergabe selbst.
Als Garuda, der große
Gottgeweihte und gefiederte Träger Visnus, erkannte, daß
Kaliya diese Opfergaben
selbst fraß, überfiel ihn
gewaltiger Zorn, und sofort flog er zudieser Insel hin, um
die frevlerische Schlange zu töten. Zuerst wagte es Kaliya,
gegen Garuda zu kämpfen, und bot ihm mit seinen vielen
Häuptern Widerstand, indem er ihn
mit seinen scharfen
Giftzähnen zu beißen versuchte; aber
Garuda, der Sohn
Tarksyas, schlug voller Ingrimm mit
seinen strahlenden,
goldenen Schwingen auf Kaliya ein
und entfaltete dabei
eine gewaltige Kraft, wie sie dem
Träger Sri Visnus gebührt. Kaliya, der auch Kadrusuta,
der Sohn Kadrus,
genannt wird, floh daraufhin zu einem
See, der sich im
Unterlauf der Yamuna befand und
später als Kaliyadaha
bekannt werden sollte. Diesem See
konnte sich Garuda
nicht nähern.
Kaliya suchte aus folgenden Gründen
im Wasser der
Yamuna Zuflucht: So,
wie Garuda die Insel der
Kaliya-Schlange aufsuchte, liebte er es,
zur Yamuna zu
fliegen, um dort Fische zufangen. Es lebte dort jedoch ein
großer yogi namens Saubhari Muni, der unter Wasser zu
meditieren pflegte und den Fischen sehr zugeneigt war. Er
bat Garuda, die Fische in Frieden zulassen. Weil Garuda
der Träger Visnus ist, kann ihm niemand etwas befehlen,
doch er wollte die
Weisung des großen yogi
nicht
mißachten. Deshalb verzichtete Garuda darauf, für längere
Zeit dort zu bleiben und viele
Fische zu fangen, und so
entfernte er sich, fing zuerst aber
noch einen großen,
letzten Fisch. Dieser große Fisch
war jedoch einer der
Führer der anderen Fische, und weil Saubhari Muni über
dessen Tod so bekümmert war und die Fische beschützen
wollte, verhängte er über Garuda
einen Fluch: "Vom
heutigen Tag an soll Garuda nie
mehr hierherkommen.
Erscheint er dennoch an diesem Ort, so soll er - und das
sage ich mit aller Macht, die ich besitze - augenblicklich
sterben."
Von diesem Fluch wußte nur Kaliya,
und da er
überzeugt war, daß Garuda sich
diesem See nicht zu
nähern wagte, hielt er es für
das klügste, bei Saubhari
Muni Zuflucht zu suchen. Doch auch das
konnte Kaliya
nicht retten, denn er wurde
von Krsna, dem Herrn
Garudas, aus der Yamuna
vertrieben. Hierbei muß
bemerkt werden, daß Garuda in
direkter Beziehung zur
Höchsten Persönlichkeit Gottes
steht und daher so
mächtig ist, daß er keinem Befehl
und keinem Fluch
unterworfen ist. Im Grunde beging Saubhari Muni deshalb
ein schweres Vergehen, als er Garuda verfluchte, der, wie
im Srimad-Bhagavatam gesagt wird, von
gleichem Rang
ist wie Bhagavan, die Höchste
Persönlichkeit Gottes.
Obwohl Garuda nicht versuchte, sich zu
rächen, blieben
die Folgen für den Muni nicht aus,
denn er hatte ein
Vergehen gegen einen
großen Vaisnava begangen.
Saubhari fiel später wegen seines
Vergehens von seiner
fortgeschrittenen Stufe als yogi herunter
und wurde ein
Haushälter und Sinnengenießer in der
materiellen Welt.
Das Zufallkommen Saubhari Munis, von welchem gesagt
wird, er habe sich durch seine Meditation bereits auf der
Stufe spiritueller
Glückseligkeit befunden,
ist eine
Warnung für diejenigen, die sich Vergehen gegen Vaisnavas zuschulden kommen lassen.
Als Krsna schließlich dem See Kaliyas entstieg, kamen
Ihm alle Seine Freunde und
Verwandten am Ufer der
Yamuna entgegen,
und sie sahen,
wie prächtig
geschmückt Er vor ihnen erschien. Er war über und über
mit candana-Paste betupft, Er trug wertvolle Juwelen und
Edelsteine und eine Fülle von goldenem Schmuck. Als die
Einwohner von Vrndavana - die
Kuhhirtenjungen, die
erwachsenen Hirten, Mutter Yasoda, Nanda Maharaja und
die Kühe und Kälber - sahen,
wie Krsna der Yamuna
entstieg, war es, als hätten sie ihr Leben wiedergewonnen.
Wenn ein Mensch zu neuem Leben
gelangt, ist es ganz
natürlich, daß er von Freude und
Glück erfüllt wird. Sie
alle drückten Krsna an ihre Brust,
wobei sie große
Erleichterung fühlten. Mutter Yasoda,
Rohini, Maharaja
Nanda und die Kuhhirten waren so
glücklich, daß sie
Krsna immer wieder umarmten, und sie dachten,
daß sie
ihr höchstes Lebensziel erreicht hatten.
Auch Balarama umarmte Krsna, doch
Er lachte, weil
Er die ganze Zeit über gewußt
hatte, was mit Krsna
geschehen würde, während
alle anderen von Angst
überwältigt waren. Alle Bäume am Ufer der Yamuna, alle
Kühe, Stiere und Kälber waren überglücklich, weil Krsna
wieder bei ihnen war. Die brahmanas
von Vrndavana
kamen mit ihren Frauen herbei, um
Krsna und Seine
FamiIienmitglieder zubeglückwünschen. Die brahmanas
werden als die
spirituellen Meister der
Gesellschaft
angesehen, und so gaben sie Krsna und Seiner Familie zu
Seiner glücklichen Rettung ihren Segen,
und dazu baten
sie Nanda Maharaja, ihnen anläßlich
des Ereignisses
Spenden zu überreichen.
Maharaja Nanda war über
Krsnas Wiederkehr so froh, daß er
den brahmanas viele
Kühe und eine Menge Gold schenkte.
Während sich Nanda Maharaja den brahmanas
widmete, hielt Mutter
Yasoda Krsna einfach auf ihrem Schoß und umarmte Ihn,
wobei sie unaufhörlich Tränen vergoß.
Weil es schon dämmerte und alle
Einwohner von
Vrndavana einschließlich der Kühe und Kälber sehr müde
waren, beschlossen sie,
am Ufer des Flusses zu
übernachten. Mitten in der Nacht
jedoch, als sie fest
schliefen, brach plötzlich ein ungeheurer Waldbrand aus,
und es schien, als würde das
Feuer bald alle Einwohner
von Vrndavana verschlingen. Sowie sie von der Hitze des
Feuers geweckt wurden, suchten sie bei
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes Zuflucht, obwohl Er die Rolle ihres
Kindes spielte, und sie riefen:
"Lieber Krsna, o Höchste
Persönlichkeit Gottes! Lieber Balarama, o
Quelle aller
Kraft! Bitte rettet uns vor diesem
allesverschlingenden
und verwüstenden Feuer; wir haben keine andere Zuflucht
als Euch. Dieses
vernichtende Feuer wird
uns alle
verschlingen." So beteten sie zu Krsna,
und sie sagten,
daß sie nirgends Zuflucht suchen
könnten außer bei
Seinen Lotosfüßen. Sri
Krsna, der Mitleid mit
den
Bewohnern Vrndavanas hatte, verschluckte daraufhin den
gesamten Waldbrand, und sie waren gerettet. Dies war für
Krsna nichts außergewöhnliches, denn Er ist
unbegrenzt.
Krsna besitzt unbegrenzte Kräfte, um
alles zu tun, was
Ihm beliebt.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 17. Kapitel des Krsna-Buches:
"Wie Krsna einen Waldbrand löschte".