Die gopis aus Vrndavana liebten
Krsna so sehr, daß
der nächtliche
rasa-Tanz nicht
genügte, um sie
zufriedenzustellen; sie wollten sich auch
tagsüber Seiner
Gemeinschaft erfreuen. Wenn
Krsna zusammen mit
Seinen Kuhhirtenfreunden und den Kühen
in den Wald
zog, konnten die gopis zwar nicht
persönlich mit Ihm
gehen, doch mit ihren Herzen waren sie bei Ihm. Und weil
ihre Herzen Ihn begleiteten, war es
den gopis möglich,
durch ihre starken Gefühle der Trennung weiterhin Krsnas
Gemeinschaft zu haben.
Dieses starke Gefühl der
Trennung zu erlangen
ist das Ziel der
Lehren Sri
Caitanyas und der Gosvamis, Seiner direkten Nachfolger
in der Linie der Schülernachfolge.
Wie die gopis, so
können auch wir, wenn wir nicht
persönlich mit Krsna
zusammensein können, durch Gefühle der
Trennung in
Seine Gemeinschaft gelangen. Krsnas transzendentale Gestalt, Seine Eigenschaften,
Seine Spiele und Seine
Umgebung sind mit Ihm
identisch. Es gibt neun
verschiedene Arten
des hingebungsvollen Dienstes.
Hingebungsvoller Dienst für
Krsna in Gefühlen der
Trennung erhebt den Gottgeweihten auf die höchste Stufe
der Vollkommenheit, auf die Stufe der gopis.
Srinivasacarya sagt in seinen Gebeten
zu den sechs
Gosvamis, daß die Gosvamis ihre
materiell einträglichen
Regierungsämter
niederlegten
und dem
damit
verbundenen fürstlichen Leben
entsagten, um nach
Vrndavana zu
gehen, wo sie
wie gewöhnliche
Bettelmönche von Tür zu Tür zogen.
Doch sie waren so
sehr von den Trennungsgefühlen der gopis erfüllt, daß sie
in jedem Augenblick transzendentale
Freude genossen.
Ebenso offenbarte Sri Caitanya, als Er Sich in Jagannatha
Puri aufhielt und das Wesen Radharanis annahm, Gefühle
der Trennung von Krsna. Die
Gottgeweihten, die sich in
der
Nachfolge
der Madhva-Gaudiya-sampradaya
befinden, sollten ebenfalls Trennungsgefühle
von Krsna
entwickeln, während sie Seine
transzendentale Gestalt
verehren und miteinander über Seine
transzendentalen
Lehren, Seine
Spiele, Seine
Eigenschaften, Seine
Umgebung und Seine Gefährten sprechen. Die spirituellen
Meister ihrerseits sollten die Gottgeweihten erleuchten, so
daß diese die höchste
Vollkommenheit der Hingabe
erreichen. Ständige Trennung zu
empfinden, während
man im Dienst des Herrn beschäftigt
ist, bildet die
Vollkommenheit des Krsna-Bewußtseins.
Die gopis pflegten ständig miteinander über Krsna zu
reden. So sagte
eine der gopis:
"Meine lieben
Freundinnen, wußtet ihr schon, daß
Sich Krsna auf den
linken Ellbogen aufstützt, wem Er
Sich auf den Boden
legt, und daß Er dann Seinen
Kopf in der linken Hand
ruhen läßt? Wenn Er mit Seinen zierlichen Fingern auf der
Flöte spielt, tanzen Seine Augenbrauen
auf betörende
Weise hin und her, und der
Klang Seiner Flöte erzeugt
eine solch wunderbare Stimmung, daß die Bewohner der
himmlischen Planeten, die mit ihren Frauen und Bekannten durch den Weltraum reisen, ihre
Himmelsflugzeuge
anhalten, da sie vom Klang der Flöte überwältigt sind. Die
Frauen der Halbgötter schämen sich
dann ihrer geringen
Fähigkeiten des Singens und Musizierens,
doch darüber
hinaus erwachen in ihnen solch
starke Gefühle ehelicher
Liebe, daß sich ihr
Haar löst und daß
sich ihre
enganliegenden Kleider lockern."
Eine andere gopi sagte: "Meine lieben
Freundinnen,
Krsna ist so wunderschön, daß sich
die Glücksgöttin
ständig an Seiner Brust aufhält,
und Er wird immer von
einer goldenen Halskette
geschmückt. Unser schöner
Krsna spielt auf Seiner Flöte, um
die Herzen unzähliger
Gottgeweihter zu beleben. Er ist
der einzige Freund der
leidenden Lebewesen. Wenn Er auf
Seiner Flöte spielt,
halten all die Kühe und die
anderen Tiere Vrndavanas
mitten im Kauen inne und stehen mit vollem Maul da. Sie
spitzen ihre Ohren und sind wie gelähmt. Sie scheinen gar
nicht mehr am Leben zu sein, sondern stehen nur noch da
wie gemalte Kühe auf einer Leinwand. Krsnas Flötenspiel
ist so bezaubernd, daß selbst die
Tiere wie gebannt
zuhören — ganz zu schweigen dann also von uns."
Eine andere der
gopis sagte:
"Meine lieben
Freundinnen, nicht nur
die Tiere, sondern auch
die
unbeseelten Dinge wie
die Flüsse und Seen von
Vrndavana werden reglos, wenn Krsna, dessen Haupt mit
Pfauenfedern geschmückt ist und dessen
Körper mit
Erdfarben aus Vrndavana bemalt ist, an ihnen vorbeizieht.
Mit den Blättern und Blumen, die Ihn schmücken, sieht Er
aus wie ein Held. Wenn Er auf
Seiner Flöte spielt und
gemeinsam mit Balarama die Kühe
zusammenruft, hält
die Yamuna in ihrem
Lauf inne und wartet
voller
Hoffnung, daß der Wind
den Staub von Seinen
Lotosfüßen zu ihr herüberweht. Die
Yamuna ist ebenso
unglücklich wie
wir, denn
sie erhält Krsnas
Barmherzigkeit nicht. Der Fluß bleibt
einfach nur wie
erstarrt stehen und hält seine
Wellen zurück, genau wie
auch wir in unserem hoffnungslosen
Sehnen nach Krsna
manchmal aufhören zu weinen."
In Krsnas Abwesenheit vergossen die
gopis ständig
Tränen, und manchmal, wenn sie
meinten, Krsna kehre
zurück, hörten sie auf zu weinen. Doch wenn sie
sich in
ihrer Hoffnung getäuscht sahen, brachen
sie erneut in
Tränen aus. Krsna ist die
ursprüngliche Persönlichkeit
Gottes, der Ursprung aller Visnu-Erweiterungen,
und die
Kuhhirtenjungen waren alles Halbgötter. Sri
Visnu ist
immer von den verschiedensten Halbgöttern
wie Siva,
Brahma, Indra und Candra umgeben,
die Ihm alle ihre
Verehrung darbringen. Deshalb wurde Krsna
immer von
den Kuhhirtenjungen begleitet, ob Er nun durch den Wald
von Vrndavana zog oder Sich auf den Govardhana-Hügel
begab. Dabei spielte Er oft auf Seiner Flöte, um die Kühe
zu Sich zu rufen. Allein durch Krsnas Gegenwart wurden
die Bäume, Sträucher und alle anderen Pflanzen im Wald
augenblicklich Krsna-bewußt, obwohl ihr
Bewußtsein in
dieser Lebensform nicht sehr
fortgeschritten war. Genau
wie ein Mensch, der
Krsna-bewußt ist, alles Krsna
darbringt, so wollten auch die
Bäume und die anderen
Pflanzen, die durch die Gegenwart von Krsna und Seinen
Freunden gesegnet worden waren, alles, was sie besaßen,
Krsna darbringen — ihre Früchte,
ihre Blüten und den
Honig, der unaufhörlich von ihren Ästen tropfte.
Krsna ging oft am Ufer der Yamuna entlang, die Stirn
mit tilaka gezeichnet, mit einer Girlande aus Waldblumen
um den Hals und den Körper
mit Sandelholzpaste und
tulasi-Blättern geschmückt. Die Hummeln
waren wie
berauscht vom Schatz des süßen
Nektars, der die Luft
erfüllte. Weil Sich Krsna über das
Summen der Bienen
und Hummeln freute, spielte Er dazu auf Seiner Flöte, und
vereinigt wurden die Klänge so
lieblich, daß sogar die
Fische im Wasser wie auch die
Kraniche, die Schwäne,
die Enten und die
anderen Vögel wie verzaubert
lauschten. Statt weiter zu schwimmen
oder zu fliegen,
hielten sie überwältigt inne. Sie schlossen ihre Augen und
fielen in Trance, wobei sie in
tiefer Meditation Krsna
verehrten.
Eine gopi sagte: "Meine liebe Freundin,
wie schön
Krsna und
Balarama mit
Ihren Ohrringen und
Perlenhalsketten aussehen! Sie vergnügen
Sich oben auf
dem Govardhana-Hügel, und alles versinkt in einen Ozean
transzendentaler Freude, wenn Krsna auf
Seiner Flöte
spielt und die ganze Schöpfung
bezaubert. Wenn Er zu
spielen beginnt, stellen die Wolken
vor Ehrfurcht ihr
lautes Donnern ein, und statt den
Klang Seiner Flöte zu
stören, antworten sie mit einem sanften Donnerrollen, um
so Krsna, ihren Freund, zu beglückwünschen."
Krsna gilt als der Freund der Wolken, weil sowohl die
Wolken als auch Krsna den Menschen helfen, wenn sie in
Not sind. Wenn die Menschen unter
sengender Hitze
leiden, geben ihnen die Wolken die
Erquickung des
Regens. Ebenso läßt Krsna auch den
Menschen, die in
ihrem materialistischen Leben vom Feuer der materiellen
Leiden gequält werden, Hilfe zukommen. Deshalb gelten
Krsna und die Wolken als Freunde, und zudem haben sie
auch noch die gleiche Körpertönung.
Weil die Wolken
ihren höhergestellten Freund beglückwünschen
wollten,
ließen sie nicht Wasser, sondern kleine Blumen vom Himmel regnen und
zogen sich über
Seinem Haupt
zusammen, um Ihn vor der heißen Sonne zu schützen.
Eine der gopis sagte zu Mutter Yasoda: "Meine liebe
Mutter, dein Sohn ist
der geschickteste unter den
Kuhhirtenjungen. Er
beherrscht die verschiedensten
Künste, wie das Kühehüten und das
Flötenspiel. Er
komponiert Seine eigenen Lieder, und dann setzt Er Seine
Flöte an die Lippen, um sie
vorzuspielen. Immer wenn
Seine Flöte ertönt, sei es am
Morgen oder am Abend,
neigen alle Halbgötter, wie Siva,
Brahma, Indra und
Candra, ihr
Haupt und
lauschen mit großer
Aufmerksamkeit, doch obwohl sie alle
sehr gelehrt und
talentiert sind, gelingt es ihnen
nicht, die musikalische
Kunst von Krsnas Flötenspiel zu
verstehen. Sie lauschen
konzentriert, doch Krsnas
Kunst entzieht sich ihrem
Begriffsvermögen, und so stehen sie einfach da und sind
verwirrt."
Eine andere gopi sagte: "Meine liebe Freundin, wenn
Krsna mit Seinen Kühen heimkehrt, lassen die Abdrücke
Seiner Fußsohlen, die mit Fahne,
Blitz, Dreizack und
Lotosblume gezeichnet sind, die Erde
ihre Schmerzen
vergessen, die sie fühlt, wenn all
die Kühe über sie
hinwegziehen. Wenn Krsna so
dahinschreitet und Seine
Flöte trägt, bietet Er den anmutigsten Anblick. Wenn wir
Ihn nur schon von weitem sehen,
regt sich in uns die
brennende Sehnsucht, Seine Gemeinschaft zu genießen. In
solchen Momenten kommen all unsere Bewegungen zum
Stillstand. Wir stehen gelähmt da
wie Bäume, und wir
vergessen sogar, darauf zu achten, wie wir aussehen."
Krsna hütete viele Tausende von Kühen, die nach ihrer
Farbe in verschiedene Gruppen aufgeteilt waren. Sie alle
trugen unterschiedliche Namen, die sich
ebenfalls nach
ihrer Zeichnung
richteten. Wenn
Krsna von den
Weidegründen nach Hause aufbrechen wollte, hatten sich
die Kühe gewöhnlich schon versammelt.
Genau wie die
Vaisnavas auf einer Gebetskette mit
108 Perlen chanten,
die die 108 Haupt-gopis repräsentieren,
so hatte auch
Krsna 108 verschiedene Kuhherden, die
Er alle einzeln
mit Namen rief.
"Wenn Krsna heimkehrt", so vertraute eine gopi ihrer
Freundin an, "trägt Er eine Girlande aus tulasi-Blättern. Er
legt Seine Hand auf die Schulter eines Freundes, und dann
beginnt Er auf Seiner transzendentalen
Flöte zu spielen.
Wenn die Frauen der schwarzen
Hirsche den Klang von
Krsnas Flöte vernehmen, der an den
Klang der vina
erinnert, laufen sie wie verzaubert auf Krsna zu, bleiben in
Seiner Nähe unbeweglich
stehen und vergessen ihr
Zuhause und ihre Gatten. Die Hirschkühe werden ebenso
von den Klängen Seiner Flöte betört wie wir, die wir vom
Ozean der
transzendentalen Eigenschaften
Krsnas
überwältigt sind."
Eine andere gopi sagte zu Mutter
Yasoda: "Meine
liebe Mutter, wenn Dein Sohn ins
Dorf zurückkehrt,
schmückt Er Sich mit den Knospen der kunda-Blume und
spielt auf Seiner
Flöte, nur um Seine
Freunde zu
erleuchten und zu erfreuen. Der
Wind, der sanft vom
Süden her weht, ist sehr angenehm, weil er wohlriechende
Düfte mit sich trägt und
erfrischend kühl ist. Halbgötter
wie die
Gandharvas und
Siddhas nutzen diese
glückverheißenden Momente und
bringen Krsna ihre
Gebete dar, indem sie ihre Hörner und Trommeln ertönen
lassen. Krsna ist sehr gütig zu
den Einwohnern von
Vrajabhumi, Vrndavana, und wenn Er mit Seinen Kühen
und Freunden ins Dorf zurückkehrt,
erinnern sich alle
daran, wie Er den Govardhana-Hügel
in die Luft hob.
Selbst die mächtigsten Halbgötter wie
Brahma und Siva
nutzen die Gelegenheit, um vor Krsna zu erscheinen und
Ihm ihre Abendgebete darzubringen, und
zusammen mit
den Kuhhirtenjungen lobpreisen sie Krsnas Eigenschaften.
Krsna wird mit dem Mond verglichen,
der aus dem
Ozean von Devakis Schoß geboren
wurde. Wenn Er am
Abend heimkehrt, scheint Er müde zu
sein, doch auch
dann ist Er bestrebt, die Einwohner von Vrndavana durch
Seine glückspendende Anwesenheit zu
erfreuen. Wenn
Krsna so mit Blumen bekränzt ist,
erstrahlt Sein Gesicht
vor Schönheit. Er zieht in
Vrndavana ein wie ein majestätischer Elefant, und langsamen Schrittes geht Er nach
Hause. Sowie Krsna ins Dorf
zurückkehrt, vergessen die
Männer, Frauen und Kühe von
Vrndavana die sengende
Hitze des Tages."
Auf diese Weise erinnerten sich die
gopis an die
transzendentalen Spiele und Taten von
Krsna, wenn Er
nicht in Vrndavana war. Sie geben
uns eine Vorstellung
davon, wie anziehend Krsna ist. Jedes Wesen fühlt sich zu
Krsna hingezogen
— das ist
die vollkommene
Beschreibung von Krsnas allanziehendem
Wesen. Das
Beispiel der gopis ist
sehr lehrreich für
alle, die
versuchen, sich in das Krsna-Bewußtsein zu vertiefen. Es
zeigt uns, daß man sehr leicht
mit Krsna zusammensein
kann, wenn man sich einfach an
Seine transzendentalen
Spiele erinnert. Jeder hat die
Neigung, jemanden zu
lieben. Diese Liebe auf Krsna zu richten bildet den Kern
des Krsna-Bewußtseins. Wenn man ständig
den Hare-Krsna-mantra chantet und sich an Krsnas transzendentale
Spiele erinnert, erreicht man die
vollkommene Stufe des
Krsna-Bewußtseins, und auf diese Weise wird das Leben
erhaben und erfolgreich.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 34. Kapitel des Krsna-Buches:
"Die Trennungsgefühle der gopis".