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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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34. Kapitel: Die Trennungsgefühle der gopis

Die gopis aus Vrndavana liebten Krsna so sehr, daß der nächtliche rasa-Tanz nicht genügte, um sie zufriedenzustellen; sie wollten sich auch tagsüber Seiner Gemeinschaft erfreuen. Wenn Krsna zusammen mit Seinen Kuhhirtenfreunden und den Kühen in den Wald zog, konnten die gopis zwar nicht persönlich mit Ihm gehen, doch mit ihren Herzen waren sie bei Ihm. Und weil ihre Herzen Ihn begleiteten, war es den gopis möglich, durch ihre starken Gefühle der Trennung weiterhin Krsnas Gemeinschaft zu haben. Dieses starke Gefühl der Trennung zu erlangen ist das Ziel der Lehren Sri Caitanyas und der Gosvamis, Seiner direkten Nachfolger in der Linie der Schülernachfolge. Wie die gopis, so können auch wir, wenn wir nicht persönlich mit Krsna zusammensein können, durch Gefühle der Trennung in Seine Gemeinschaft gelangen. Krsnas transzendentale Gestalt, Seine Eigenschaften, Seine Spiele und Seine Umgebung sind mit Ihm identisch. Es gibt neun verschiedene Arten des hingebungsvollen Dienstes. Hingebungsvoller Dienst für Krsna in Gefühlen der Trennung erhebt den Gottgeweihten auf die höchste Stufe der Vollkommenheit, auf die Stufe der gopis.

Srinivasacarya sagt in seinen Gebeten zu den sechs Gosvamis, daß die Gosvamis ihre materiell einträglichen Regierungsämter niederlegten und dem damit verbundenen fürstlichen Leben entsagten, um nach Vrndavana zu gehen, wo sie wie gewöhnliche Bettelmönche von Tür zu Tür zogen. Doch sie waren so sehr von den Trennungsgefühlen der gopis erfüllt, daß sie in jedem Augenblick transzendentale Freude genossen. Ebenso offenbarte Sri Caitanya, als Er Sich in Jagannatha Puri aufhielt und das Wesen Radharanis annahm, Gefühle der Trennung von Krsna. Die Gottgeweihten, die sich in der Nachfolge der Madhva-Gaudiya-sampradaya befinden, sollten ebenfalls Trennungsgefühle von Krsna entwickeln, während sie Seine transzendentale Gestalt verehren und miteinander über Seine transzendentalen Lehren, Seine Spiele, Seine Eigenschaften, Seine Umgebung und Seine Gefährten sprechen. Die spirituellen Meister ihrerseits sollten die Gottgeweihten erleuchten, so daß diese die höchste Vollkommenheit der Hingabe erreichen. Ständige Trennung zu empfinden, während man im Dienst des Herrn beschäftigt ist, bildet die Vollkommenheit des Krsna-Bewußtseins.

Die gopis pflegten ständig miteinander über Krsna zu reden. So sagte eine der gopis: "Meine lieben Freundinnen, wußtet ihr schon, daß Sich Krsna auf den linken Ellbogen aufstützt, wem Er Sich auf den Boden legt, und daß Er dann Seinen Kopf in der linken Hand ruhen läßt? Wenn Er mit Seinen zierlichen Fingern auf der Flöte spielt, tanzen Seine Augenbrauen auf betörende Weise hin und her, und der Klang Seiner Flöte erzeugt eine solch wunderbare Stimmung, daß die Bewohner der himmlischen Planeten, die mit ihren Frauen und Bekannten durch den Weltraum reisen, ihre Himmelsflugzeuge anhalten, da sie vom Klang der Flöte überwältigt sind. Die Frauen der Halbgötter schämen sich dann ihrer geringen Fähigkeiten des Singens und Musizierens, doch darüber hinaus erwachen in ihnen solch starke Gefühle ehelicher Liebe, daß sich ihr Haar löst und daß sich ihre enganliegenden Kleider lockern."

Eine andere gopi sagte: "Meine lieben Freundinnen, Krsna ist so wunderschön, daß sich die Glücksgöttin ständig an Seiner Brust aufhält, und Er wird immer von einer goldenen Halskette geschmückt. Unser schöner Krsna spielt auf Seiner Flöte, um die Herzen unzähliger Gottgeweihter zu beleben. Er ist der einzige Freund der leidenden Lebewesen. Wenn Er auf Seiner Flöte spielt, halten all die Kühe und die anderen Tiere Vrndavanas mitten im Kauen inne und stehen mit vollem Maul da. Sie spitzen ihre Ohren und sind wie gelähmt. Sie scheinen gar nicht mehr am Leben zu sein, sondern stehen nur noch da wie gemalte Kühe auf einer Leinwand. Krsnas Flötenspiel ist so bezaubernd, daß selbst die Tiere wie gebannt zuhören — ganz zu schweigen dann also von uns."

Eine andere der gopis sagte: "Meine lieben Freundinnen, nicht nur die Tiere, sondern auch die unbeseelten Dinge wie die Flüsse und Seen von Vrndavana werden reglos, wenn Krsna, dessen Haupt mit Pfauenfedern geschmückt ist und dessen Körper mit Erdfarben aus Vrndavana bemalt ist, an ihnen vorbeizieht. Mit den Blättern und Blumen, die Ihn schmücken, sieht Er aus wie ein Held. Wenn Er auf Seiner Flöte spielt und gemeinsam mit Balarama die Kühe zusammenruft, hält die Yamuna in ihrem Lauf inne und wartet voller Hoffnung, daß der Wind den Staub von Seinen Lotosfüßen zu ihr herüberweht. Die Yamuna ist ebenso unglücklich wie wir, denn sie erhält Krsnas Barmherzigkeit nicht. Der Fluß bleibt einfach nur wie erstarrt stehen und hält seine Wellen zurück, genau wie auch wir in unserem hoffnungslosen Sehnen nach Krsna manchmal aufhören zu weinen."

In Krsnas Abwesenheit vergossen die gopis ständig Tränen, und manchmal, wenn sie meinten, Krsna kehre zurück, hörten sie auf zu weinen. Doch wenn sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sahen, brachen sie erneut in Tränen aus. Krsna ist die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes, der Ursprung aller Visnu-Erweiterungen, und die Kuhhirtenjungen waren alles Halbgötter. Sri Visnu ist immer von den verschiedensten Halbgöttern wie Siva, Brahma, Indra und Candra umgeben, die Ihm alle ihre Verehrung darbringen. Deshalb wurde Krsna immer von den Kuhhirtenjungen begleitet, ob Er nun durch den Wald von Vrndavana zog oder Sich auf den Govardhana-Hügel begab. Dabei spielte Er oft auf Seiner Flöte, um die Kühe zu Sich zu rufen. Allein durch Krsnas Gegenwart wurden die Bäume, Sträucher und alle anderen Pflanzen im Wald augenblicklich Krsna-bewußt, obwohl ihr Bewußtsein in dieser Lebensform nicht sehr fortgeschritten war. Genau wie ein Mensch, der Krsna-bewußt ist, alles Krsna darbringt, so wollten auch die Bäume und die anderen Pflanzen, die durch die Gegenwart von Krsna und Seinen Freunden gesegnet worden waren, alles, was sie besaßen, Krsna darbringen — ihre Früchte, ihre Blüten und den Honig, der unaufhörlich von ihren Ästen tropfte.

Krsna ging oft am Ufer der Yamuna entlang, die Stirn mit tilaka gezeichnet, mit einer Girlande aus Waldblumen um den Hals und den Körper mit Sandelholzpaste und tulasi-Blättern geschmückt. Die Hummeln waren wie berauscht vom Schatz des süßen Nektars, der die Luft erfüllte. Weil Sich Krsna über das Summen der Bienen und Hummeln freute, spielte Er dazu auf Seiner Flöte, und vereinigt wurden die Klänge so lieblich, daß sogar die Fische im Wasser wie auch die Kraniche, die Schwäne, die Enten und die anderen Vögel wie verzaubert lauschten. Statt weiter zu schwimmen oder zu fliegen, hielten sie überwältigt inne. Sie schlossen ihre Augen und fielen in Trance, wobei sie in tiefer Meditation Krsna verehrten.

Eine gopi sagte: "Meine liebe Freundin, wie schön Krsna und Balarama mit Ihren Ohrringen und Perlenhalsketten aussehen! Sie vergnügen Sich oben auf dem Govardhana-Hügel, und alles versinkt in einen Ozean transzendentaler Freude, wenn Krsna auf Seiner Flöte spielt und die ganze Schöpfung bezaubert. Wenn Er zu spielen beginnt, stellen die Wolken vor Ehrfurcht ihr lautes Donnern ein, und statt den Klang Seiner Flöte zu stören, antworten sie mit einem sanften Donnerrollen, um so Krsna, ihren Freund, zu beglückwünschen."

Krsna gilt als der Freund der Wolken, weil sowohl die Wolken als auch Krsna den Menschen helfen, wenn sie in Not sind. Wenn die Menschen unter sengender Hitze leiden, geben ihnen die Wolken die Erquickung des Regens. Ebenso läßt Krsna auch den Menschen, die in ihrem materialistischen Leben vom Feuer der materiellen Leiden gequält werden, Hilfe zukommen. Deshalb gelten Krsna und die Wolken als Freunde, und zudem haben sie auch noch die gleiche Körpertönung. Weil die Wolken ihren höhergestellten Freund beglückwünschen wollten, ließen sie nicht Wasser, sondern kleine Blumen vom Himmel regnen und zogen sich über Seinem Haupt zusammen, um Ihn vor der heißen Sonne zu schützen.

Eine der gopis sagte zu Mutter Yasoda: "Meine liebe Mutter, dein Sohn ist der geschickteste unter den Kuhhirtenjungen. Er beherrscht die verschiedensten Künste, wie das Kühehüten und das Flötenspiel. Er komponiert Seine eigenen Lieder, und dann setzt Er Seine Flöte an die Lippen, um sie vorzuspielen. Immer wenn Seine Flöte ertönt, sei es am Morgen oder am Abend, neigen alle Halbgötter, wie Siva, Brahma, Indra und Candra, ihr Haupt und lauschen mit großer Aufmerksamkeit, doch obwohl sie alle sehr gelehrt und talentiert sind, gelingt es ihnen nicht, die musikalische Kunst von Krsnas Flötenspiel zu verstehen. Sie lauschen konzentriert, doch Krsnas Kunst entzieht sich ihrem Begriffsvermögen, und so stehen sie einfach da und sind verwirrt."

Eine andere gopi sagte: "Meine liebe Freundin, wenn Krsna mit Seinen Kühen heimkehrt, lassen die Abdrücke Seiner Fußsohlen, die mit Fahne, Blitz, Dreizack und Lotosblume gezeichnet sind, die Erde ihre Schmerzen vergessen, die sie fühlt, wenn all die Kühe über sie hinwegziehen. Wenn Krsna so dahinschreitet und Seine Flöte trägt, bietet Er den anmutigsten Anblick. Wenn wir Ihn nur schon von weitem sehen, regt sich in uns die brennende Sehnsucht, Seine Gemeinschaft zu genießen. In solchen Momenten kommen all unsere Bewegungen zum Stillstand. Wir stehen gelähmt da wie Bäume, und wir vergessen sogar, darauf zu achten, wie wir aussehen."

Krsna hütete viele Tausende von Kühen, die nach ihrer Farbe in verschiedene Gruppen aufgeteilt waren. Sie alle trugen unterschiedliche Namen, die sich ebenfalls nach ihrer Zeichnung richteten. Wenn Krsna von den Weidegründen nach Hause aufbrechen wollte, hatten sich die Kühe gewöhnlich schon versammelt. Genau wie die Vaisnavas auf einer Gebetskette mit 108 Perlen chanten, die die 108 Haupt-gopis repräsentieren, so hatte auch Krsna 108 verschiedene Kuhherden, die Er alle einzeln mit Namen rief.

"Wenn Krsna heimkehrt", so vertraute eine gopi ihrer Freundin an, "trägt Er eine Girlande aus tulasi-Blättern. Er legt Seine Hand auf die Schulter eines Freundes, und dann beginnt Er auf Seiner transzendentalen Flöte zu spielen. Wenn die Frauen der schwarzen Hirsche den Klang von Krsnas Flöte vernehmen, der an den Klang der vina erinnert, laufen sie wie verzaubert auf Krsna zu, bleiben in Seiner Nähe unbeweglich stehen und vergessen ihr Zuhause und ihre Gatten. Die Hirschkühe werden ebenso von den Klängen Seiner Flöte betört wie wir, die wir vom Ozean der transzendentalen Eigenschaften Krsnas überwältigt sind."

Eine andere gopi sagte zu Mutter Yasoda: "Meine liebe Mutter, wenn Dein Sohn ins Dorf zurückkehrt, schmückt Er Sich mit den Knospen der kunda-Blume und spielt auf Seiner Flöte, nur um Seine Freunde zu erleuchten und zu erfreuen. Der Wind, der sanft vom Süden her weht, ist sehr angenehm, weil er wohlriechende Düfte mit sich trägt und erfrischend kühl ist. Halbgötter wie die Gandharvas und Siddhas nutzen diese glückverheißenden Momente und bringen Krsna ihre Gebete dar, indem sie ihre Hörner und Trommeln ertönen lassen. Krsna ist sehr gütig zu den Einwohnern von Vrajabhumi, Vrndavana, und wenn Er mit Seinen Kühen und Freunden ins Dorf zurückkehrt, erinnern sich alle daran, wie Er den Govardhana-Hügel in die Luft hob. Selbst die mächtigsten Halbgötter wie Brahma und Siva nutzen die Gelegenheit, um vor Krsna zu erscheinen und Ihm ihre Abendgebete darzubringen, und zusammen mit den Kuhhirtenjungen lobpreisen sie Krsnas Eigenschaften.

Krsna wird mit dem Mond verglichen, der aus dem Ozean von Devakis Schoß geboren wurde. Wenn Er am Abend heimkehrt, scheint Er müde zu sein, doch auch dann ist Er bestrebt, die Einwohner von Vrndavana durch Seine glückspendende Anwesenheit zu erfreuen. Wenn Krsna so mit Blumen bekränzt ist, erstrahlt Sein Gesicht vor Schönheit. Er zieht in Vrndavana ein wie ein majestätischer Elefant, und langsamen Schrittes geht Er nach Hause. Sowie Krsna ins Dorf zurückkehrt, vergessen die Männer, Frauen und Kühe von Vrndavana die sengende Hitze des Tages."

Auf diese Weise erinnerten sich die gopis an die transzendentalen Spiele und Taten von Krsna, wenn Er nicht in Vrndavana war. Sie geben uns eine Vorstellung davon, wie anziehend Krsna ist. Jedes Wesen fühlt sich zu Krsna hingezogen — das ist die vollkommene Beschreibung von Krsnas allanziehendem Wesen. Das Beispiel der gopis ist sehr lehrreich für alle, die versuchen, sich in das Krsna-Bewußtsein zu vertiefen. Es zeigt uns, daß man sehr leicht mit Krsna zusammensein kann, wenn man sich einfach an Seine transzendentalen Spiele erinnert. Jeder hat die Neigung, jemanden zu lieben. Diese Liebe auf Krsna zu richten bildet den Kern des Krsna-Bewußtseins. Wenn man ständig den Hare-Krsna-mantra chantet und sich an Krsnas transzendentale Spiele erinnert, erreicht man die vollkommene Stufe des Krsna-Bewußtseins, und auf diese Weise wird das Leben erhaben und erfolgreich.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 34. Kapitel des Krsna-Buches: "Die Trennungsgefühle der gopis".