Die Gedanken der Einwohner von Vrndavana weilten
stets bei Krsna.
Jeder erinnerte
sich an Seine
transzendentalen Spiele und war auf diese
Weise ständig
in den Ozean
der transzendentalen Glückseligkeit
getaucht. Doch die materielle Welt ist so unrein, daß die
asuras, die Dämonen, selbst in
Vrndavana versuchten,
den Frieden zu stören.
Eines Tages kam ein Dämon namens Aristasura in der
Gestalt eines gigantischen Stiers mit
riesigen Hörnern in
das Dorf gestürmt, wobei er mit
seinen Hufen die Erde
aufwarf. Als der Stier in das
Gebiet von Vrndavana
eindrang, schien das ganze Land wie bei einem Erdbeben
zu erzittern. Er brüllte furchterregend, und nachdem er die
Erde am Flußufer durchgepflügt hatte,
rannte er auf das
Dorf zu. Das fürchterliche Gebrüll
des Stiers war so
durchdringend, daß einige
der trächtigen Kühe und
schwangeren Frauen Fehlgeburten erlitten.
Sein Körper
war so gewaltig und
groß, daß Wolken über
ihm
schwebten wie über einem Berggipfel. Als Aristasura auf
das Dorf Vrndavana zustürmte, sah
er so furchterregend
aus, daß schon beim bloßen Anblick
des Dämons alle
Männer und Frauen in Angst und
Schrecken versetzt
wurden und daß die Kühe und
all die anderen Tiere aus
dem Dorf flohen.
Die Lage war so bedrohlich, daß
die Einwohner von
Vrndavana alle laut um Hilfe riefen: "Krsna! Krsna, bitte
rette uns!" Als Krsna diese
Hilferufe vernahm und dazu
noch sah, daß die Kühe wegrannten, antwortete Er sofort
mit lauter Stimme: "Habt keine Angst! Habt keine Angst!"
Dann stellte Er Sich dem Dämon entgegen und rief: "Du
bist das niedrigste Geschöpf unter der Sonne. Wie kannst
du es wagen, die
Einwohner von Vrndavana zu
erschrecken? Was versprichst du dir
davon? Wenn du
gekommen bist, um Meine Autorität
herauszufordern, so
bin Ich zum Kampf bereit." Mit
diesen Worten forderte
Krsna Aristasura heraus, wodurch der
wutschnaubende
Dämon bis aufs Blut gereizt wurde.
Krsna hatte Sich
einfach auf den Weg gestellt und
schaute dem Stier entgegen, und dabei ruhte Seine Hand auf der Schulter eines
Freundes. Vor Wut kochend, stürzte Aristasura auf Krsna
zu. Er pflügte mit seinen Hufen die Erde auf, und seinen
Schwanz streckte er hoch in die Luft, so daß er bis in die
Wolken zu reichen schien. Seine blutunterlaufenen Augen
rollten grimmig hin und her, als Er mit gesenkten Hörnern
wie ein von Indra gesandter Blitz
auf Krsna zuschoß.
Doch Krsna packte ihn unvermittelt bei den Hörnern und
schleuderte ihn durch die Luft, genau wie ein gewaltiger
Elefant einen kleinen feindlichen Elefanten aus dem Weg
stößt. Obwohl der Dämon ziemlich angeschlagen war und
am ganzen Körper schwitzte, raffte
er sich noch einmal
auf und erhob sich mutig. Getrieben
von gewaltigem
Zorn, startete er noch einmal einen Angriff, und während
er mit neuem Anlauf auf Krsna
zustürmte, schnaubte er
sehr schwer. Doch auch diesmal bekam Krsna den Dämon
bei den Hörnern zu fassen, und Er schmetterte ihn auf den
Boden, wobei Er ihm
die Hörner abbrach. Darauf
versetzte Ihm Krsna Fußtritte, genau
wie man auf nasse
Wäsche tritt, um sie auszuwringen. Als Aristasura so von
Krsna getreten wurde, rollte er über den Boden und schlug
mit seinen Beinen heftig um sich. Er blutete und ließ Kot
und Urin, und seine Augäpfel quollen aus dem Schädel —
so ging er in das Königreich des Todes ein.
Die Halbgötter auf den himmlischen
Planeten ließen
daraufhin Blumen auf Krsna herabregnen,
um Ihn für
Seinen wunderbaren Sieg zu verherrlichen.
Krsna war
bereits das Leben und die Seele
der Einwohner von
Vrndavana, doch nachdem Er den Stierdämon erschlagen
hatte, wurde Er zum Anziehungspunkt aller Augen. Unter
den lauten Jubelrufen der Bewohner
von Vrndavana zog
Er zusammen mit Balarama im Triumph in das Dorf von
Vrndavana ein. Wenn man
eine wundervolle Tat
vollbringt, ist es ganz natürlich,
daß die Verwandten,
Bekannten und Freunde voller Freude sind.
Nach diesem Vorfall geschah es, daß der große Weise
Narada das Geheimnis über Krsnas
Geburt enthüllte.
Narada Muni wird
gewöhnlich als deva-darsana
bezeichnet, was bedeutet, daß er nur von Halbgöttern oder
Lebewesen, die sich auf der
gleichen Ebene wie die
Halbgötter befinden, gesehen werden kann.
Trotzdem
ging Narada zu Kamsa und wurde
ihm auf diese Weise
sichtbar, obwohl sich Kamsa nicht
im geringsten mit
einem Halbgott vergleichen ließ. Natürlich hatte er schon
die Gelegenheit gehabt, Krsna zu sehen, und deshalb war
es eigentlich nichts Besonderes, daß er auch Narada Muni
sehen konnte; doch im allgemeinen
ist es so, daß man
gereinigte Augen haben muß, um den
Herrn und Seine
Geweihten sehen zu können. Wenn man mit einem reinen
Gottgeweihten zusammenkommt, hat das natürlich seinen
Nutzen, selbst wenn man den reinen Gottgeweihten nicht
als solchen erkennt. Dieser unbewußte
Fortschritt heißt
ajnata sukrti, das heißt, man kann
nicht verstehen, auf
welche Weise man Fortschritt macht, aber dennoch ist der
Fortschritt da, weil man einen
Geweihten des Herrn
gesehen hat.
Narada Munis Aufgabe war es, die
Ereignisse zu
einem raschen Ende zu
führen, denn Krsna war
erschienen, um die Dämonen zu töten, und Kamsa war ihr
Anführer. Weil Narada
also den Ablauf der
Dinge
beschleunigen wollte, begab
er sich unvermittelt zu
Kamsa, um ihm die Wahrheit
mitzuteilen. "Dir ist es
vorherbestimmt, vom achten Sohn Vasudevas
getötet zu
werden", sagte Narada zu Kamsa. "Dieser achte Sohn ist
Krsna. Vasudeva täuschte dich, indem
er dich glauben
ließ, sein achtes Kind
sei ein Mädchen, doch in
Wirklichkeit wurde Vasudevas angebliche
Tochter von
Yasoda, der Frau Nanda Maharajas,
zur Welt gebracht.
Vasudeva vertauschte seinen Sohn mit dieser Tochter und
führte dich so hinters Licht. Krsna
ist also, genau wie
Balarama, ein Sohn Vasudevas. Weil
sich Vasudeva vor
deinem grausamen Wesen fürchtete, hat
er die beiden
wohlweislich nach Vrndavana gebracht, um
Sie dort vor
dir zu verstecken." Narada enthüllte
Kamsa noch mehr:
"Krsna und Balarama haben bis jetzt
unerkannt in der
Obhut Nanda Maharajas gelebt, und
Sie haben all deine
Freunde, die asuras, getötet, die
du nach Vrndavana
geschickt hast, um dort verschiedene Kinder zu morden."
Als Kamsa diese Worte Narada Munis
hörte, zog er
sofort sein scharfes Schwert und
wollte zu Vasudeva
gehen, um ihn für seinen Betrug
hinzurichten. Narada
beschwichtigte ihn jedoch. "Du wirst
doch nicht von
Vasudeva getötet", hielt er ihm
entgegen, "warum willst
du ihn also umbringen? Es ist
viel klüger, Krsna und
Balarama zu töten." Doch um seinen Zorn zu besänftigen,
nahm Kamsa Vasudeva und Devaki erneut gefangen und
ließ sie in eiserne
Ketten legen. Angesichts dieser
Neuigkeiten wollte Kamsa sofort zur Tat schreiten, und so
ließ er den Dämon Kesi herbeirufen
und trug ihm auf,
sofort nach Vrndavana zu gehen, um sich
dort Balarama
und Krsna zu holen. Im Grunde war dies genauso, als ob
Kamsa dem
Kesi-Dämon aufgetragen
hätte, nach
Vrndavana zu gehen, um dort von
Krsna und Balarama
getötet zu werden und auf diese
Weise Befreiung zu
erlangen. Danach
rief Kamsa
die erfahrensten
Elefantenbändiger zu sich, wie Canura,
Mustika, Sala,
Tosala und andere, und sprach zu
ihnen: "Meine lieben
Freunde, hört mir bitte
aufmerksam zu! In Nanda
Maharajas Haus in Vrndavana leben
die beiden Brüder
Krsna und Balarama, die eigentlich
Söhne Vasudevas
sind. Wie ihr wißt, soll es mein Schicksal sein, von Krsna
getötet zu werden. Es gibt eine
deutliche Prophezeiung,
die dies besagt. Aus diesem Grund will ich, daß ihr einen
großen Ringkampf vorbereitet, und Leute aus allen Teilen
des Landes sollen kommen, um diesem Fest beizuwohnen.
Ich meinerseits werde dafür
sorgen, daß die beiden
Jungen hierhergebracht werden, und ihr werdet versuchen,
Sie in der Kampfarena zu töten."
Ringkampfspiele erfreuen sich auch heute
noch bei
den Einheimischen Nordindiens großer
Beliebtheit, und
wie aus dieser Stelle des Srimad-Bhagavatam hervorgeht,
waren Ringkämpfe bereits vor 5000 Jahren sehr populär.
Kamsa heckte den Plan aus, einen
solchen Kampf zu
veranstalten und viele Leute dazu einzuladen, und zuletzt
befahl er seinen Elefantenbändigern:
"Bringt vor allem
den Elefanten Kuvalayapida zur Arena
und postiert ihn
direkt am Tor des Kampfplatzes.
Dort müßt ihr dann
versuchen, Krsna und Balarama gleich bei Ihrer Ankunft
abzufangen und umzubringen."
Kamsa hatte seinen Freunden auch angeraten, Siva zu
verehren. Zu diesem Zweck sollten
sie Tieropferungen
und den dhanur-yajna wie auch das
Caturdasi-Opfer
durchführen, das am vierzehnten Tag
nach Neu- und
Vollmond vollzogen wird. Caturdasi fallt
auf den dritten
Tag nach Ekadasi und ist eigens für die Verehrung Sivas
vorgesehen. Eine der vollständigen
Erweiterungen Sivas
heißt Kalabhairava, und die Dämonen
verehren diese
Erweiterung Sivas, indem sie enthäutete Tiere opfern, die
vor ihm getötet werden. Dieser
Opfervorgang wird auch
heute noch
an einem
Ort in
Indien, in
Vaidyanatha-dhama, durchgeführt, wo die
Dämonen der
Bildgestalt Kalabhairavas Tieropfer
darbringen. Auch
Kamsa gehörte zu dieser Art von Dämonen. Da er zudem
auch ein geschickter Diplomat war,
fand er sofort Mittel
und Wege, seine
dämonischen Freunde
dafür zu
gewinnen, sich um Krsnas und Balaramas Ermordung zu
kümmern.
Schließlich ließ er Akrura zu sich
kommen. Akrura
war ein Angehöriger der Yadu-Dynastie, in der Krsna als
Sohn Vasudevas erschienen war. Als Akrura vor ihn trat,
schüttelte Kamsa ihm mit aller Herzlichkeit die Hand und
sagte: "Mein lieber Akrura, es gibt für mich in der ganzen
Bhoja- und Yadu-Dynastie zweifelsohne keinen besseren
Freund als dich. Du bist der großmütigste Mensch, den ich
kenne, und daher bitte ich dich
als Freund um einen
Gefallen. Ich suche bei dir
Zuflucht, genau wie König
Indra bei Sri Visnu Zuflucht sucht.
Ich bitte dich, sofort
nach Vrndavana zu gehen und dort die beiden Jungen mit
Namen Krsna und Balarama ausfindig zu
machen. Diese
beiden fraglichen
Jungen sind die
Söhne Nanda
Maharajas. Nimm diese prachtvolle Kutsche
mit dir, die
eigens für die Jungen gebaut wurde,
und bring Sie so
schnell wie möglich hierher. Das ist meine Bitte an dich.
Ich habe nämlich vor, diese beiden Jungen zu beseitigen.
Sobald Sie durch das Tor treten,
werden Sie von dem
gigantischen Elefanten
Kuvalayapida in Empfang
genommen, der Sie höchstwahrscheinlich
auf der Stelle
zermalmen wird. Doch selbst wenn es
Ihnen irgendwie
gelingen sollte, ihm zu
entkommen, werden Sie als
nächstes auf die Ringer treffen, und das wird Ihr sicheres
Ende sein. So lautet mein Plan. Wenn die beiden Jungen
dann tot sind, werde ich auch
Vasudeva und Nanda, die
Gönner der Vrsni- und Bhoja-Dynastie,
aus dem Weg
schaffen. Auch meinen Vater Ugrasena und dessen Bruder
Devaka werde ich töten, denn sie sind im
Grunde meine
Gegner und
deshalb
Hindernisse
für meine
diplomatischen Pläne und politischen
Ambitionen. Auf
diese Weise werde ich alle meine
Feinde beseitigen.
Jarasandha ist mein Schwiegervater, und
außerdem habe
ich einen Riesenaffen namens Dvivida
zum Freund. Mit
ihrer Hilfe wird es mir ein leichtes sein, alle Könige, die
auf seiten der Halbgötter stehen,
von der Erdoberfläche
verschwinden zu lassen. So lauten meine weiteren Pläne,
und wenn ich sie alle verwirklicht habe, werde ich keine
Gegner mehr zu fürchten haben. Dann
kann ich endlich
völlig unbeschwert über die Welt
herrschen. Vielleicht
interessiert es dich auch, daß
Sambara, Narakasura und
Banasura meine engen Freunde sind,
und wenn ich den
Krieg gegen die Könige, die die Halbgötter unterstützen,
beginne, werden sie mir eine
bedeutende Hilfe sein.
Deshalb besteht nicht der geringste
Zweifel, daß ich all
meine Feinde
besiegen werde.
Begib dich also
unverzüglich nach Vrndavana und lade
die Jungen ein,
hierherzukommen; sage Ihnen einfach, Sie
sollten Sich
einmal die schöne Stadt Mathura
anschauen, und es sei
ein Ringkampf geplant, an dem Sie bestimmt Ihre Freude
haben würden."
Nachdem Akrura den Plan Kamsas vernommen hatte,
erwiderte er:
"Lieber König, du
hast dir einen
vorzüglichen Plan zurechtgelegt, um alle Hindernisse für
deine Politik aus dem Weg zu räumen.
Doch sei auf der
Hut, denn deine Pläne können
genausogut fehlschlagen.
Nicht umsonst sagt man: Der Mensch
denkt, Gott lenkt.
Wir mögen welterobernde Pläne schmieden, aber solange
sie nicht von der höchsten Autorität gebilligt werden, sind
sie zum Scheitern verurteilt. Jeder in der materiellen Welt
weiß, daß letztlich alles von den übernatürlichen Kräften
gelenkt wird. Man mag zwar mit
seinem findigen Hirn
viele große Pläne entwerfen, doch
man sollte dabei stets
bedenken, daß man am Ende gezwungen ist, die Früchte,
nämlich Glück und Leid, zu ernten. Aber ich habe nichts
gegen deinen Vorschlag einzuwenden. Als Freund werde
ich deinen Auftrag selbstverständlich
erfüllen und Krsna
und Balarama hierherbringen, wie du es wünschst."
Nachdem Kamsa seinen Freunden diese verschiedenen
Anweisungen gegeben hatte,
zog er sich in seine
Gemächer zurück, und Akrura machte sich
auf den Weg
zurück nach Hause.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 35. Kapitel des Krsna-Buches:
"Kamsa schickt Akrura nach Vrndavana".