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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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35. Kapitel: Kamsa schickt Akrura nach Vrndavana


Die Gedanken der Einwohner von Vrndavana weilten stets bei Krsna. Jeder erinnerte sich an Seine transzendentalen Spiele und war auf diese Weise ständig in den Ozean der transzendentalen Glückseligkeit getaucht. Doch die materielle Welt ist so unrein, daß die asuras, die Dämonen, selbst in Vrndavana versuchten, den Frieden zu stören.

Eines Tages kam ein Dämon namens Aristasura in der Gestalt eines gigantischen Stiers mit riesigen Hörnern in das Dorf gestürmt, wobei er mit seinen Hufen die Erde aufwarf. Als der Stier in das Gebiet von Vrndavana eindrang, schien das ganze Land wie bei einem Erdbeben zu erzittern. Er brüllte furchterregend, und nachdem er die Erde am Flußufer durchgepflügt hatte, rannte er auf das Dorf zu. Das fürchterliche Gebrüll des Stiers war so durchdringend, daß einige der trächtigen Kühe und schwangeren Frauen Fehlgeburten erlitten. Sein Körper war so gewaltig und groß, daß Wolken über ihm schwebten wie über einem Berggipfel. Als Aristasura auf das Dorf Vrndavana zustürmte, sah er so furchterregend aus, daß schon beim bloßen Anblick des Dämons alle Männer und Frauen in Angst und Schrecken versetzt wurden und daß die Kühe und all die anderen Tiere aus dem Dorf flohen.

Die Lage war so bedrohlich, daß die Einwohner von Vrndavana alle laut um Hilfe riefen: "Krsna! Krsna, bitte rette uns!" Als Krsna diese Hilferufe vernahm und dazu noch sah, daß die Kühe wegrannten, antwortete Er sofort mit lauter Stimme: "Habt keine Angst! Habt keine Angst!" Dann stellte Er Sich dem Dämon entgegen und rief: "Du bist das niedrigste Geschöpf unter der Sonne. Wie kannst du es wagen, die Einwohner von Vrndavana zu erschrecken? Was versprichst du dir davon? Wenn du gekommen bist, um Meine Autorität herauszufordern, so bin Ich zum Kampf bereit." Mit diesen Worten forderte Krsna Aristasura heraus, wodurch der wutschnaubende Dämon bis aufs Blut gereizt wurde. Krsna hatte Sich einfach auf den Weg gestellt und schaute dem Stier entgegen, und dabei ruhte Seine Hand auf der Schulter eines Freundes. Vor Wut kochend, stürzte Aristasura auf Krsna zu. Er pflügte mit seinen Hufen die Erde auf, und seinen Schwanz streckte er hoch in die Luft, so daß er bis in die Wolken zu reichen schien. Seine blutunterlaufenen Augen rollten grimmig hin und her, als Er mit gesenkten Hörnern wie ein von Indra gesandter Blitz auf Krsna zuschoß. Doch Krsna packte ihn unvermittelt bei den Hörnern und schleuderte ihn durch die Luft, genau wie ein gewaltiger Elefant einen kleinen feindlichen Elefanten aus dem Weg stößt. Obwohl der Dämon ziemlich angeschlagen war und am ganzen Körper schwitzte, raffte er sich noch einmal auf und erhob sich mutig. Getrieben von gewaltigem Zorn, startete er noch einmal einen Angriff, und während er mit neuem Anlauf auf Krsna zustürmte, schnaubte er sehr schwer. Doch auch diesmal bekam Krsna den Dämon bei den Hörnern zu fassen, und Er schmetterte ihn auf den Boden, wobei Er ihm die Hörner abbrach. Darauf versetzte Ihm Krsna Fußtritte, genau wie man auf nasse Wäsche tritt, um sie auszuwringen. Als Aristasura so von Krsna getreten wurde, rollte er über den Boden und schlug mit seinen Beinen heftig um sich. Er blutete und ließ Kot und Urin, und seine Augäpfel quollen aus dem Schädel — so ging er in das Königreich des Todes ein.

Die Halbgötter auf den himmlischen Planeten ließen daraufhin Blumen auf Krsna herabregnen, um Ihn für Seinen wunderbaren Sieg zu verherrlichen. Krsna war bereits das Leben und die Seele der Einwohner von Vrndavana, doch nachdem Er den Stierdämon erschlagen hatte, wurde Er zum Anziehungspunkt aller Augen. Unter den lauten Jubelrufen der Bewohner von Vrndavana zog Er zusammen mit Balarama im Triumph in das Dorf von Vrndavana ein. Wenn man eine wundervolle Tat vollbringt, ist es ganz natürlich, daß die Verwandten, Bekannten und Freunde voller Freude sind.

Nach diesem Vorfall geschah es, daß der große Weise Narada das Geheimnis über Krsnas Geburt enthüllte. Narada Muni wird gewöhnlich als deva-darsana bezeichnet, was bedeutet, daß er nur von Halbgöttern oder Lebewesen, die sich auf der gleichen Ebene wie die Halbgötter befinden, gesehen werden kann. Trotzdem ging Narada zu Kamsa und wurde ihm auf diese Weise sichtbar, obwohl sich Kamsa nicht im geringsten mit einem Halbgott vergleichen ließ. Natürlich hatte er schon die Gelegenheit gehabt, Krsna zu sehen, und deshalb war es eigentlich nichts Besonderes, daß er auch Narada Muni sehen konnte; doch im allgemeinen ist es so, daß man gereinigte Augen haben muß, um den Herrn und Seine Geweihten sehen zu können. Wenn man mit einem reinen Gottgeweihten zusammenkommt, hat das natürlich seinen Nutzen, selbst wenn man den reinen Gottgeweihten nicht als solchen erkennt. Dieser unbewußte Fortschritt heißt ajnata sukrti, das heißt, man kann nicht verstehen, auf welche Weise man Fortschritt macht, aber dennoch ist der Fortschritt da, weil man einen Geweihten des Herrn gesehen hat.

Narada Munis Aufgabe war es, die Ereignisse zu einem raschen Ende zu führen, denn Krsna war erschienen, um die Dämonen zu töten, und Kamsa war ihr Anführer. Weil Narada also den Ablauf der Dinge beschleunigen wollte, begab er sich unvermittelt zu Kamsa, um ihm die Wahrheit mitzuteilen. "Dir ist es vorherbestimmt, vom achten Sohn Vasudevas getötet zu werden", sagte Narada zu Kamsa. "Dieser achte Sohn ist Krsna. Vasudeva täuschte dich, indem er dich glauben ließ, sein achtes Kind sei ein Mädchen, doch in Wirklichkeit wurde Vasudevas angebliche Tochter von Yasoda, der Frau Nanda Maharajas, zur Welt gebracht. Vasudeva vertauschte seinen Sohn mit dieser Tochter und führte dich so hinters Licht. Krsna ist also, genau wie Balarama, ein Sohn Vasudevas. Weil sich Vasudeva vor deinem grausamen Wesen fürchtete, hat er die beiden wohlweislich nach Vrndavana gebracht, um Sie dort vor dir zu verstecken." Narada enthüllte Kamsa noch mehr: "Krsna und Balarama haben bis jetzt unerkannt in der Obhut Nanda Maharajas gelebt, und Sie haben all deine Freunde, die asuras, getötet, die du nach Vrndavana geschickt hast, um dort verschiedene Kinder zu morden."

Als Kamsa diese Worte Narada Munis hörte, zog er sofort sein scharfes Schwert und wollte zu Vasudeva gehen, um ihn für seinen Betrug hinzurichten. Narada beschwichtigte ihn jedoch. "Du wirst doch nicht von Vasudeva getötet", hielt er ihm entgegen, "warum willst du ihn also umbringen? Es ist viel klüger, Krsna und Balarama zu töten." Doch um seinen Zorn zu besänftigen, nahm Kamsa Vasudeva und Devaki erneut gefangen und ließ sie in eiserne Ketten legen. Angesichts dieser Neuigkeiten wollte Kamsa sofort zur Tat schreiten, und so ließ er den Dämon Kesi herbeirufen und trug ihm auf, sofort nach Vrndavana zu gehen, um sich dort Balarama und Krsna zu holen. Im Grunde war dies genauso, als ob Kamsa dem Kesi-Dämon aufgetragen hätte, nach Vrndavana zu gehen, um dort von Krsna und Balarama getötet zu werden und auf diese Weise Befreiung zu erlangen. Danach rief Kamsa die erfahrensten Elefantenbändiger zu sich, wie Canura, Mustika, Sala, Tosala und andere, und sprach zu ihnen: "Meine lieben Freunde, hört mir bitte aufmerksam zu! In Nanda Maharajas Haus in Vrndavana leben die beiden Brüder Krsna und Balarama, die eigentlich Söhne Vasudevas sind. Wie ihr wißt, soll es mein Schicksal sein, von Krsna getötet zu werden. Es gibt eine deutliche Prophezeiung, die dies besagt. Aus diesem Grund will ich, daß ihr einen großen Ringkampf vorbereitet, und Leute aus allen Teilen des Landes sollen kommen, um diesem Fest beizuwohnen. Ich meinerseits werde dafür sorgen, daß die beiden Jungen hierhergebracht werden, und ihr werdet versuchen, Sie in der Kampfarena zu töten."

Ringkampfspiele erfreuen sich auch heute noch bei den Einheimischen Nordindiens großer Beliebtheit, und wie aus dieser Stelle des Srimad-Bhagavatam hervorgeht, waren Ringkämpfe bereits vor 5000 Jahren sehr populär. Kamsa heckte den Plan aus, einen solchen Kampf zu veranstalten und viele Leute dazu einzuladen, und zuletzt befahl er seinen Elefantenbändigern: "Bringt vor allem den Elefanten Kuvalayapida zur Arena und postiert ihn direkt am Tor des Kampfplatzes. Dort müßt ihr dann versuchen, Krsna und Balarama gleich bei Ihrer Ankunft abzufangen und umzubringen."

Kamsa hatte seinen Freunden auch angeraten, Siva zu verehren. Zu diesem Zweck sollten sie Tieropferungen und den dhanur-yajna wie auch das Caturdasi-Opfer durchführen, das am vierzehnten Tag nach Neu- und Vollmond vollzogen wird. Caturdasi fallt auf den dritten Tag nach Ekadasi und ist eigens für die Verehrung Sivas vorgesehen. Eine der vollständigen Erweiterungen Sivas heißt Kalabhairava, und die Dämonen verehren diese Erweiterung Sivas, indem sie enthäutete Tiere opfern, die vor ihm getötet werden. Dieser Opfervorgang wird auch heute noch an einem Ort in Indien, in Vaidyanatha-dhama, durchgeführt, wo die Dämonen der Bildgestalt Kalabhairavas Tieropfer darbringen. Auch Kamsa gehörte zu dieser Art von Dämonen. Da er zudem auch ein geschickter Diplomat war, fand er sofort Mittel und Wege, seine dämonischen Freunde dafür zu gewinnen, sich um Krsnas und Balaramas Ermordung zu kümmern.

Schließlich ließ er Akrura zu sich kommen. Akrura war ein Angehöriger der Yadu-Dynastie, in der Krsna als Sohn Vasudevas erschienen war. Als Akrura vor ihn trat, schüttelte Kamsa ihm mit aller Herzlichkeit die Hand und sagte: "Mein lieber Akrura, es gibt für mich in der ganzen Bhoja- und Yadu-Dynastie zweifelsohne keinen besseren Freund als dich. Du bist der großmütigste Mensch, den ich kenne, und daher bitte ich dich als Freund um einen Gefallen. Ich suche bei dir Zuflucht, genau wie König Indra bei Sri Visnu Zuflucht sucht. Ich bitte dich, sofort nach Vrndavana zu gehen und dort die beiden Jungen mit Namen Krsna und Balarama ausfindig zu machen. Diese beiden fraglichen Jungen sind die Söhne Nanda Maharajas. Nimm diese prachtvolle Kutsche mit dir, die eigens für die Jungen gebaut wurde, und bring Sie so schnell wie möglich hierher. Das ist meine Bitte an dich. Ich habe nämlich vor, diese beiden Jungen zu beseitigen. Sobald Sie durch das Tor treten, werden Sie von dem gigantischen Elefanten Kuvalayapida in Empfang genommen, der Sie höchstwahrscheinlich auf der Stelle zermalmen wird. Doch selbst wenn es Ihnen irgendwie gelingen sollte, ihm zu entkommen, werden Sie als nächstes auf die Ringer treffen, und das wird Ihr sicheres Ende sein. So lautet mein Plan. Wenn die beiden Jungen dann tot sind, werde ich auch Vasudeva und Nanda, die Gönner der Vrsni- und Bhoja-Dynastie, aus dem Weg schaffen. Auch meinen Vater Ugrasena und dessen Bruder Devaka werde ich töten, denn sie sind im Grunde meine Gegner und deshalb Hindernisse für meine diplomatischen Pläne und politischen Ambitionen. Auf diese Weise werde ich alle meine Feinde beseitigen. Jarasandha ist mein Schwiegervater, und außerdem habe ich einen Riesenaffen namens Dvivida zum Freund. Mit ihrer Hilfe wird es mir ein leichtes sein, alle Könige, die auf seiten der Halbgötter stehen, von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. So lauten meine weiteren Pläne, und wenn ich sie alle verwirklicht habe, werde ich keine Gegner mehr zu fürchten haben. Dann kann ich endlich völlig unbeschwert über die Welt herrschen. Vielleicht interessiert es dich auch, daß Sambara, Narakasura und Banasura meine engen Freunde sind, und wenn ich den Krieg gegen die Könige, die die Halbgötter unterstützen, beginne, werden sie mir eine bedeutende Hilfe sein. Deshalb besteht nicht der geringste Zweifel, daß ich all meine Feinde besiegen werde. Begib dich also unverzüglich nach Vrndavana und lade die Jungen ein, hierherzukommen; sage Ihnen einfach, Sie sollten Sich einmal die schöne Stadt Mathura anschauen, und es sei ein Ringkampf geplant, an dem Sie bestimmt Ihre Freude haben würden."

Nachdem Akrura den Plan Kamsas vernommen hatte, erwiderte er: "Lieber König, du hast dir einen vorzüglichen Plan zurechtgelegt, um alle Hindernisse für deine Politik aus dem Weg zu räumen. Doch sei auf der Hut, denn deine Pläne können genausogut fehlschlagen. Nicht umsonst sagt man: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Wir mögen welterobernde Pläne schmieden, aber solange sie nicht von der höchsten Autorität gebilligt werden, sind sie zum Scheitern verurteilt. Jeder in der materiellen Welt weiß, daß letztlich alles von den übernatürlichen Kräften gelenkt wird. Man mag zwar mit seinem findigen Hirn viele große Pläne entwerfen, doch man sollte dabei stets bedenken, daß man am Ende gezwungen ist, die Früchte, nämlich Glück und Leid, zu ernten. Aber ich habe nichts gegen deinen Vorschlag einzuwenden. Als Freund werde ich deinen Auftrag selbstverständlich erfüllen und Krsna und Balarama hierherbringen, wie du es wünschst." Nachdem Kamsa seinen Freunden diese verschiedenen Anweisungen gegeben hatte, zog er sich in seine Gemächer zurück, und Akrura machte sich auf den Weg zurück nach Hause.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 35. Kapitel des Krsna-Buches: "Kamsa schickt Akrura nach Vrndavana".