41. Kapitel: Krsna zerbricht den
Bogen in der Opferarena
Nachdem Krsna und
Balarama das Haus
des
Blumenhändlers verlassen hatten, begegneten Sie auf der
Straße einer buckligen jungen Frau,
die eine Schale mit
Sandelholzpaste bei sich trug. Da
Krsna das Behältnis
aller Freude ist, erlaubte Er Sich
mit der buckligen Frau
einen Scherz, um alle Seine
Gefährten zu erheitern "O
hochgewachsene junge Frau", sprach Krsna
sie an, "wer
bist du? Und sag Mir, für wen ist die Sandelholzpaste in
deinen Händen bestimmt? Ich glaube, am besten gibst du
dieses Sandelholz Mir, und wenn du das machst, so kann
Ich dir versichern, daß du sehr glücklich wirst." Krsna ist
die Höchste Persönlichkeit Gottes, und
Er wußte alles
über die bucklige Frau. Durch Seine
Fragen wollte Er
darauf hinweisen, daß es keinen
Sinn hat, einem Dämon
zu dienen; sie täte besser daran,
Krsna und Balarama zu
dienen und für ihren Dienst ein unmittelbares Ergebnis zu
bekommen.
Die Frau entgegnete: "Mein lieber
Syamasundara, o
schöner, dunkler Jüngling, Du mußt wissen, daß ich eine
Dienerin Kamsas bin,
und ich bringe ihm
täglich
Sandelholzpaste. Wegen dieses Dienstes
ist der König
sehr zufrieden mit mir, doch nun
sehe ich, daß dieses
wertvolle Sandelholz niemandem mehr gebührt als Euch,
Krsna und Balarama." Weil die bucklige
junge Frau von
Krsnas und Balaramas wunderschönem Aussehen, von der
Art, wie Sie sprachen, von Ihrem Lächeln, Ihren Blicken
und Ihrem ganzen Auftreten bezaubert
war, machte sie
sich voller
Freude und
Hingabe daran, die
Sandelholzpaste auf Ihre Körper aufzutragen. Die beiden
transzendentalen Brüder, Krsna und Balarama, waren von
Natur aus sehr
schön, und mit
Ihrer schönen
Körpertönung und Ihren
farbenprächtigen Gewändern
boten Sie einen unvergleichlichen
Anblick. Als dann die
bucklige Frau Krsnas und Balaramas
Oberkörper, die an
sich schon sehr anziehend waren,
mit Sandelholzpaste
schmückte, sahen die beiden noch
schöner aus. Krsna
freute Sich sehr über ihren Dienst
und überlegte, wie Er
sie belohnen könne. Mit
anderen Worten, um die
Aufmerksamkeit des Herrn auf sich
zu ziehen, muß der
Krsna-bewußte Gottgeweihte Ihm mit viel
Liebe und
Hingabe dienen. Krsna kann durch
nichts anderes als
durch transzendentalen liebevollen Dienst erfreut werden.
Nach diesen Gedanken stellte Sich Sri
Krsna mit Seinen
Zehen auf die Füße der buckligen Frau, und indem Er sie
mit Seinen Fingern an den Wangen
ergriff, zog Er ihren
Kopf mit einem Ruck nach oben,
um sie wieder gerade
aufzurichten. Augenblicklich
verwandelte sich die
ehemals bucklige
Frau in
ein wunderschönes,
gutgewachsenes Mädchen mit breiten
Hüften, schmaler
Taille und vollen, wohlgeformten Brüsten. Weil Krsna mit
der Buckligen sehr zufrieden war
und sie mit Seinen
Händen berührt hatte, wurde sie die
schönste unter allen
Frauen. Diese Begebenheit zeigt uns,
daß ein Gottgeweihter dadurch, daß er
Krsna dient, sogleich zur
höchsten Stufe erhoben wird. Hingebungsvoller Dienst ist
in jeder Hinsicht so mächtig, daß
jeder, der sich ihm
zuwendet, alle göttlichen Eigenschaften entwickelt. Krsna
war der buckligen Frau nicht wegen
ihrer Schönheit
zugetan, sondern wegen ihres Dienstes;
weil sie Ihm
diente, wurde sie sofort zur
schönsten aller Frauen. Ein
Krsna-bewußter Mensch braucht
nicht talentiert oder
hübsch zu sein; einfach indem er Krsna-bewußt wird und
Krsna dient, bekommt er alle Talente und alle Schönheit.
Als die Bucklige durch Krsnas
Barmherzigkeit in ein
hübsches junges Mädchen verwandelt worden war, fühlte
sie sich Krsna natürlich sehr zu Dank verpflichtet, und da
es ihr zudem auch Krsnas Schönheit angetan hatte, ergriff
sie ohne Scheu den hinteren Teil
Seines Gewandes und
hielt sich daran fest. Dabei lächelte sie verführerisch und
gestand, daß sie von lustvollen
Verlangen ergriffen sei.
Sie vergaß, daß sie sich auf
der Straße befand und daß
Krsnas älterer Bruder
Balarama und Seine Freunde
dabeistanden.
Sie schlug Krsna ganz unverblümt vor: "Mein liebster
Held, ich kann Dich nicht einfach
so verlassen. Bitte
komm zu mir nach Hause. Deine
Schönheit hat mich
bereits gefangen, und ich fühle
mich sehr stark zu Dir
hingezogen, und deshalb möchte ich Dich empfangen, wie
es sich gehört, denn Du bist
der beste aller Männer. Sei
auch Du bitte lieb zu mir." Ohne
große Umschweife lud
sie Krsna ein, zu ihr nach
Hause zu kommen, um ihre
lustvollen Wünsche zu
erfüllen. Krsna fühlte Sich
natürlich etwas verlegen vor Seinem älteren Bruder Balarama, doch Er wußte, daß das
Mädchen von einfacher
Natur war und sich lediglich zu
Ihm hingezogen fühlte.
Deshalb lächelte Er, als Er ihre Worte hörte, und während
Er Seinen Kuhhirtenfreunden zublinzelte,
erwiderte Er
ihr: "Mein liebes hübsches Mädchen, Ich freue Mich sehr
über deine Einladung, und Ich werde
bestimmt zu dir
kommen, sobald Ich Meine Angelegenheiten hier erledigt
habe. Solch ein hübsches Mädchen wie du ist das einzige,
was jemanden wie Mich trösten kann,
denn Ich bin fern
von zu Hause, und Ich bin nicht verheiratet. Gewiß kann
eine geeignete
Freundin wie du
Uns von aller
Rastlosigkeit befreien." Nachdem Krsna das Mädchen mit
diesen süßen Worten zufriedengestellt hatte, verließ Er sie
und ging die Straße hinunter, die zum Marktplatz führte.
Dort hatten sich bereits die Bürger
versammelt, um Ihn
mit verschiedenen Geschenken, wie Betelnüssen, Blumen
und Sandelholzpaste, zu empfangen.
Die Marktleute verehrten Krsna und
Balarama mit
großer Ehrfurcht. Als Krsna weiter die Straße entlangging,
kamen alle Frauen aus
den umliegenden Häusern
gelaufen, um Ihn zu sehen, und
einige der jüngeren
Frauen fielen, überwältigt von Seiner
Schönheit, fast in
Ohnmacht; ihr Haar und ihre
enganliegenden Kleider
lockerten sich, und sie vergaßen völlig, wo sie waren.
Dann erkundigte Sich Krsna bei
einigen der Bürger,
die Ihn empfingen, wo die angekündigte Opferzeremonie
stattfinden werde. Kamsa hatte in
der Zwischenzeit die
dhanur-yajna-Zeremonie
vorbereitet,
und als
Wahrzeichen für dieses besondere Opfer
hatte er neben
dem Opferaltar einen
gigantischen Bogen aufstellen
lassen. Der Bogen war von
atemberaubender Größe und
glich einem Regenbogen. In der Opferarena befanden sich
viele Schutzsoldaten und Wächter, die von König Kamsa
angestellt worden waren, um den Bogen zu bewachen. Als
Krsna und Balarama auf den Bogen zugingen, wurden Sie
gewarnt, nicht weiterzugehen, doch Krsna kümmerte Sich
nicht um diese Warnung. Gewaltsam verschaffte Er Sich
Durchlaß und nahm den gewaltigen Bogen blitzschnell in
die linke Hand. Vor den Augen der Menge zog Krsna an
der Sehne und spannte den Bogen so stark, daß Er ihn in
der Mitte zerbrach, genau wie ein
Elefant auf dem Feld
Zuckerrohr zerbricht. Alle
Anwesenden bewunderten
Krsnas Kraft. Das laute Krachen des brechenden Bogens
erfüllte Himmel und Erde und drang an Kamsas Ohr. Als
Kamsa erfuhr, was geschehen war,
begann er um sein
Leben zu bangen. Der Wärter des Bogens, der alles hatte
tatenlos mit ansehen müssen, bebte vor Zorn, und indem
er seinen Männern befahl, die Waffen zu ergreifen, stürzte
er sich auf Krsna und schrie: "Packt Ihn! Packt Ihn! Tötet
Ihn! Tötet Ihn!" Krsna und Balarama wurden umstellt. Als
Sie die drohenden Gesten der Wächter sahen, wurden Sie
sehr zornig. Sie
ergriffen die beiden
Hälften des
zerbrochenen Bogens und begannen, auf
Ihre Gegner
einzuschlagen. Während dieser Tumult losbrach, schickte
Kamsa den Wächtern eine kleine Gruppe von Soldaten zu
Hilfe, aber Krsna und Balarama kämpften auch mit ihnen
und töteten sie.
Danach ging Krsna nicht weiter in
die Opferarena
hinein, sondern schritt durch das
Tor hinaus und machte
Sich auf den Weg zu Ihrem Lager. Doch Er ließ es Sich
nicht
nehmen,
zuerst
noch verschiedene
Sehenswürdigkeiten der Stadt Mathura zu
besuchen. Die
Einwohner von Mathura, die Zeuge von Krsnas Taten und
Seiner wunderbaren Stärke geworden waren, sagten sich,
daß die beiden Brüder Halbgötter
sein müßten, die nach
Mathura gekommen waren, und sie
betrachteten Krsna
und Balarama mit ehrfürchtigem Staunen.
Die beiden
Brüder Ihrerseits schlenderten unbeschwert
durch die
Straßen, ohne Sich im geringsten um Kamsas Gesetz und
Ordnung zu kümmern.
Als der Abend anbrach, gingen
Krsna, Balarama und
Ihre Kuhhirtenfreunde wieder vor die
Stadttore, wo die
Ochsenwagen ein Lager gebildet hatten. Auf diese Weise
machten Krsna und Balarama Kamsa
warnend auf Ihre
Ankunft in Mathura aufmerksam, so daß der König ahnen
konnte, was ihn am nächsten Tag
in der Opferarena
erwartete.
Als Krsna und Balarama
aufbrachen, um von
Vrndavana nach Mathura
zu reisen, hatten sich
die
Bewohner von Vrndavana bereits das
Glück der Bürger
von Mathura ausgemalt,
die nun die Gelegenheit
bekommen würden, die
außergewöhnliche Schönheit
Krsnas zu sehen, der von Seinen reinen Geweihten sowie
von der Glücksgöttin verehrt wird.
Was die Einwohner
von Vrndavana in ihrer Vorstellung gesehen hatten, hatte
sich nun tatsächlich erfüllt, denn die Bürger von Mathura
waren glücklich und zufrieden, weil
sie Krsna gesehen
hatten.
Als Krsna in Sein Lager
zurückkehrte, kümmerten
Sich Diener um Ihn, die Seine
Lotosfüße wuschen, Ihm
einen bequemen Sitzplatz zurechtmachten und Ihm Milch
und wohlschmeckende Speisen brachten.
Krsna nahm
Sein Abendessen zu Sich, dachte
kurz über den Ablauf
des nächsten Tages nach und legte
Sich dann zur Ruhe.
Auf diese Weise verbrachte Er
friedvoll die Nacht im
Lager.
Ganz anders erging es Kamsa.
Nachdem er erfahren
hatte, daß Krsna seinen wunderbaren
Bogen zerbrochen
und seine Wächter und Soldaten
getötet hatte, bekam er
eine gewisse Vorstellung von der
Macht der Höchsten
Persönlichkeit Gottes. Ihm wurde klar, daß nun der achte
Sohn Devakis erschienen
war und daß sein Tod
unmittelbar bevorstand. Weil er immer
wieder an sein
bevorstehendes Ende denken mußte, konnte er die ganze
Nacht nicht richtig schlafen. Er
hatte viele unheilvolle
Visionen, und er verstand, daß
Krsna und Balarama, die
bereits die Tore seiner
Stadt erreicht hatten, die
Todesboten für ihn
waren. Kamsa sah sowohl
im
Wachzustand als auch in Träumen die
verschiedensten
unheilvollen Zeichen. Wenn er in
den Spiegel schaute,
konnte er seinen Kopf nicht mehr
sehen, obwohl dieser
immer noch da war. Er sah die
Sterne am Himmel
doppelt, obgleich es sie nur einmal gab. Er sah Löcher in
seinem Schatten, und ein hoher Ton
summte in seinen
Ohren. Die Bäume um ihn herum
schienen aus Gold zu
sein, und seine Fußspuren im Staub
oder in der aufgeweichten Erde
waren ihm
unsichtbar. Im Traum
erschienen ihm verschiedene Geister, die
in einer von
Eseln gezogenen Kutsche saßen. Er träumte auch, daß ihm
jemand einen Becher voller Gift
reiche, und er sah sich,
wie er den Becher austrank. Er träumte auch, daß er nackt,
nur mit einer Blumengirlande bekränzt,
umhergehe und
sich den ganzen Körper mit Öl
einreibe. Ob Kamsa also
wach war oder sich in Träumen wälzte, er wurde von den
verschiedensten Omen verfolgt, und er
begriff, daß ihm
der Tod gewiß war. Vor Angst konnte er die ganze Nacht
nicht schlafen. Sobald der Tag graute, stürzte sich Kamsa
deshalb in die Vorbereitungen für den Ringkampf.
Die Kampfarena wurde gründlich gereinigt
und mit
Fähnchen, Girlanden und
Blumen geschmückt; kurz
darauf ertönte das Dröhnen der
Kesselpauken, das den
Wettkampf ankündigte. Der Kampfplatz, der
mit vielen
Wimpeln und Flaggen dekoriert war, sah sehr festlich aus.
Für die ehrwürdigen Persönlichkeiten, wie die Könige, die
brahmanas und die ksatriyas, waren
mehrere Tribünen
errichtet worden; für
die Könige hatte man
Throne
reserviert, und auch
für andere Ehrengäste wurden
besondere Sitze bereitgehalten. Schließlich traf Kamsa in
Begleitung seiner Minister und Berater ein und setzte sich
auf ein erhöhtes Podium, das extra für ihn bestimmt war.
Doch obwohl er inmitten all seiner
Regierungsbeamten
saß, zitterte sein Herz vor Todesangst. Der grausame Tod
verschont offensichtlich nicht einmal einen so mächtigen
Menschen wie Kamsa. Wenn der Tod kommt, ist es ihm
gleichgültig, wie hoch die Stellung seines Opfers ist.
Als alles kampfbereit war, marschierten
die Ringer,
die ihre Kraft und ihre Fähigkeiten vor der Menge zeigen
sollten, in die Arena ein. Sie trugen prachtvolle Kleidung
und glänzende Schmuckstücke. Die
berühmtesten unter
ihnen waren Canura, Mustika, Sala,
Kuta und Tosala.
Angefeuert durch das Konzert der
Musiker, schritten sie
ausgelassen und zuversichtlich durch die Arena. Auch die
ehrwürdigen Kuhhirten, die, angeführt von
Nanda, von
Vrndavana gekommen
waren, wurden von
Kamsa
willkommen geheißen. Nachdem die Kuhhirten ihrerseits
Kamsa die
mitgebrachten Milchprodukte
überreicht
hatten, nahmen sie auf der für
sie bestimmten Tribüne
Platz, die sich neben dem König befand.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 41. Kapitel des Krsna-Buches:
"Krsna zerbricht den Bogen in der Opferarena".