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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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50. Kapitel: Die Erlösung Mucukundas


Als Krsna die Höhle betrat, folgte Ihm Kalayavana, wobei er Krsna mit groben Worten beschimpfte. Das erste, worauf der Dämon in der dunklen Höhle stieß, war eine Gestalt, die schlafend am Boden lag. Kalayavana, der sehr darauf brannte, mit Krsna zu kämpfen, Ihn aber nirgends finden konnte, dachte deshalb, es sei Krsna, der vor ihm auf dem Höhlenboden schlafe. Kalayavana war so eingebildet und stolz auf seine Stärke, daß er dachte, Krsna scheue den Kampf mit ihm, und weil er den schlafenden Mann für Krsna hielt, versetzte er ihm einen heftigen Tritt. Doch es war nicht Krsna, sondern jemand, der schon seit langer Zeit in der Höhle geschlafen hatte, und als er nun von Kalayavana getreten wurde und aufwachte, öffnete er sogleich seine Augen und sah sich nach allen Seiten um. Dann fiel sein Blick auf Kalayavana, der in seiner Nähe stand. Der Schläfer war zu unpassender Zeit geweckt worden, und daher war er sehr zornig. Als er Kalayavana voller Zorn anblickte, schossen Feuerstrahlen aus seinen Augen hervor, und Kalayavana wurde auf der Stelle zu Asche verbrannt.

Als Maharaja Pariksit die Geschichte hörte, wie Kalayavana zu Asche verbrannt wurde, wollte er Näheres über den schlafenden Mann erfahren und fragte deshalb Sukadeva Gosvami: ,,Wer war er? Warum schlief er dort? Wie war er zu solcher Kraft gelangt, daß allein sein Blick genügte, um Kalayavana auf der Stelle zu Asche zu verbrennen? Und wie kam es, daß er in einer Berghöhle lag?" Maharaja Pariksit stellte viele Fragen, und Sukadeva Gosvami beantwortete sie wie folgt:

,,Lieber König, dieser Mann wurde in der berühmten Familie König Iksvakus, in der auch Sri Ramacandra erschien, geboren, und er war der Sohn des großen Königs Mandhata. Er selbst war auch eine große Seele, und man kannte ihn überall unter dem Namen Mucukunda. König Mucukunda befolgte die vedischen Prinzipien der brahmanischen Kultur sehr strikt, und er stand zu seinem Wort. Er war so mächtig, daß selbst Halbgötter wie Indra zu ihm kamen und ihn baten, ihnen gütigerweise bei den Kämpfen gegen die Dämonen zu helfen; deshalb kämpfte er oft gegen die Dämonen, um die Halbgötter zu beschützen."

Der Oberbefehlshaber der Halbgötter namens Karttikeya war sehr zufrieden mit König Mucukundas Hilfe, doch schließlich bat er den König, der so viele Beschwerlichkeiten in den Schlachten mit den Dämonen auf sich genommen hatte, sich vom Kampf zurückzuziehen und sich auszuruhen. Karttikeya sprach: "Mein lieber König, du hast alles für die Halbgötter geopfert. Du regiertest über ein blühendes Königreich, das von keinem Feind jemals bedroht wurde, doch du hast dein Reich zurückgelassen, hast dich weder um deinen Reichtum noch um deinen Besitz gekümmert und hast nie an die Erfüllung deiner persönlichen Wünsche gedacht. In der langen Zeit deiner Abwesenheit, da du mit den Halbgöttern gegen die Dämonen gekämpft hast, sind deine Königinnen, deine Kinder, deine Verwandten und deine Minister alle gestorben. Die Zeit macht vor keinem Lebewesen halt. Selbst wenn du nun nach Hause zurückkehrtest, würdest du dort niemanden mehr antreffen, der dich kennt. Die Zeit ist sehr mächtig, und unter ihrem Einfluß sind inzwischen all deine Verwandten gestorben. Die Zeit ist ein Repräsentant der Höchsten Persönlichkeit Gottes, und deshalb ist sie stärker als der Stärkste. Der Einfluß der Zeit bewirkt ohne Schwierigkeit auch die Veränderung des Feinstofflichen, und niemand kann den Vormarsch der Zeit aufhalten. Genau wie der Tierbändiger die Tiere nach seinem Willen abrichtet, greift die Zeit nach ihrem Willen in den Ablauf der Dinge ein. Niemand kann den Beschluß der erhabenen Zeit aufheben."

Mit diesen Worten erklärten sich die Halbgötter bereit, Mucukunda jegliche Segnung zu erfüllen, die er sich wünschte, mit Ausnahme der Segnung der Befreiung. Befreiung kann kein anderes Lebewesen außer der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Visnu, gewähren. Daher heißt Visnu, oder Krsna, auch Mukunda, "derjenige, der Befreiung gewähren kann".

König Mucukunda hatte viele Jahre lang nicht mehr geschlafen, denn er hatte während der ganzen Zeit voller Pflichtbewußtsein gekämpft. Er war sehr müde, und als die Halbgötter ihm eine Segnung anboten, dachte Mucukunda deshalb nur noch ans Schlafen. Er erwiderte: "Lieber Karttikeya, bester unter den Halbgöttern, ich möchte mich nun schlafenlegen, und so erbitte ich von dir folgende Segnung: Bitte gib mir die Macht, jeden, der es wagt, meinen Schlaf zu stören und mich zu früh zu wecken, durch meinen bloßen Blick zu Asche zu verbrennen. Bitte gewähre mir diese Segnung." Der Halbgott war einverstanden und gab ihm dazu auch die Segnung, daß er sich ungestört und vollständig ausruhen könne. Darauf hatte sich König Mucukunda in die Höhle dieses Berges begeben.

Es war also auf die Macht von Karttikeyas Segnung zurückzuführen, daß Kalayavana einfach nur durch Mucukundas Blick zu Asche verbrannt worden war. Nachdem Kalayavana auf diese Weise sein Ende gefunden hatte, trat Krsna vor König Mucukunda. In Wirklichkeit hatte Sich Krsna in die Höhle begeben, um König Mucukunda zu erlösen, doch Er hatte Sich dem König nicht sogleich gezeigt, sondern es so eingerichtet, daß zuerst Kalayavana vor Mucukunda trat. Wenn Krsna, die Höchste Persönlichkeit Gottes, eine Tat vollbringt, dann ist damit immer die Erfüllung vieler anderer Zwecke verbunden. Er wollte König Mucukunda aus seinem Schlaf in der Höhle erlösen, und zugleich wollte er Kalayavana töten, der die Stadt Mathura angegriffen hatte. Auf diese Weise erfüllte Er alle Seine Absichten.

Als Sri Krsna vor König Mucukunda erschien, sah dieser, daß der Herr in ein gelbes Gewand gekleidet war, daß sich auf Seiner Brust das Srivatsa-Zeichen befand und daß um Seinen Hals der Kaustubha-mani hing. Krsna zeigte Sich ihm als vierarmiger Visnu-murti; Er trug eine vaijayanti-Girlande, die vom Hals bis hinunter zu Seinen Knien reichte. Von Ihm ging ein helles Strahlen aus, und ein bezauberndes Lächeln spielte auf Seinen Lippen, und Er trug kunstvolle Juwelenohrringe. In dieser Erscheinung sah Krsna schöner aus, als daß es sich ein Mensch vorstellen konnte, und dazu schenkte Er Mucukunda einen leuchtenden Blick, der den König tief faszinierte. Obwohl Krsna die Höchste Persönlichkeit Gottes war, der Älteste von allen, sah Er wie ein blühender Jüngling aus, und Seine Bewegungen glichen denen eines Hirsches im Wald. Krsnas Erscheinung offenbarte erhabene Macht, und diese Macht ist so unvergleichlich, daß sich jeder Mensch vor Ihm fürchten sollte.

Als König Mucukunda Krsnas herrliche Gestalt sah, fragte er sich, wer dies wohl sein mochte, und voller Demut sprach er zum Herrn: "Mein lieber Herr, darf ich fragen, aus welchem Grunde Du in diese Berghöhle gekommen bist? Wer bist Du? Ich sehe, daß Deine Füße zarten Lotosblumen gleichen. Wie konntest Du nur diesen Wald emporkommen, der voller Gestrüpp und Dornen ist? All dies verwundert mich sehr. Bist Du vielleicht die Höchste Persönlichkeit Gottes, der Mächtigste der Mächtigen? Bist Du der Ursprung des Lichts und des Feuers? Bist Du vielleicht einer der großen Halbgötter, wie der Sonnengott, der Mondgott oder Indra, der König des Himmels? Oder bist Du die herrschende Gottheit irgendeines anderen Planeten?"

Mucukunda wußte, daß jedes höhere Planetensystem von einem bestimmten Halbgott beherrscht wird. Er war nicht so unwissend wie die Menschen von heute, die denken, es gäbe nur auf dem Planeten Erde Lebewesen und alle anderen Planeten seien unbewohnt. Die Frage Mucukundas, ob Krsna die herrschende Gottheit eines anderen, ihm unbekannten Planeten sei, war also nicht unbegründet. Weil König Mucukunda ein reiner Geweihter des Herrn war, erkannte er sogleich, daß Sri Krsna, der ihm in einer solch herrlichen Gestalt er- schienen war, nicht einer der Halbgötter sein konnte, die über die materiellen Planeten herrschen. Er mußte die Höchste Persönlichkeit Gottes, Krsna, sein, der Sich in unzählige Visnu-Formen erweitert. Somit erkannte Mucukunda die Gestalt vor ihm als Purusottama, Sri Visnu. Dazu kam, daß die tiefe Finsternis in der Berghöhle durch die Anwesenheit des Herrn gewichen war, und daher konnte die wundervolle Gestalt niemand anders sein als die Höchste Persönlichkeit Gottes. Mucukunda war sich nämlich darüber bewußt, daß überall dort, wo der Herr durch Seinen transzendentalen Namen, Seine Eigenschaften, Seine Gestalt usw. persönlich anwesend ist, die Dunkelheit der Unwissenheit nicht bestehen kann. Der Herr ist wie eine Fackel in der Dunkelheit; Er überflutet alles mit Licht.

König Mucukunda verlangte es sehr danach, Sri Krsnas Identität kennenzulernen, und deshalb sagte er: "O Bester unter den Menschen, wenn Du mich für würdig erachtest, Deine Identität kennenzulernen, so sage mir bitte, wer Du bist. Wer sind Deine Eltern, welcher stellungsgemäßen Pflicht gehst Du nach, und welcher Familiendynastie gehörst Du an?" König Mucukunda hielt es jedoch für angebracht, sich selbst dem Herrn vorzustellen, denn vorher war er nicht dazu berechtigt, sich nach der Identität des Herrn zu erkundigen. Es ist vedische Sitte, daß man eine höherstehende Person nicht nach Rang und Namen fragen darf, ohne sich nicht zuvor selbst vorgestellt zu haben. Deshalb sagte Mucukunda zu Sri Krsna: "O Herr, erlaube bitte, daß ich mich Dir vorstelle. Ich gehöre der berühmten Dynastie König Iksvakus an, doch ich persönlich bin nicht so bedeutend wie mein Vorvater. Mein Name ist Mucukunda, mein Vater hieß Mandhata, und mein Großvater war der große König Yuvanasva. Ich war von großer Müdigkeit befallen worden, weil ich schon seit Tausenden von Jahren nicht mehr geschlafen hatte; alle meine Glieder waren erschöpft, und ich konnte mich kaum mehr bewegen. Um wieder zu Kräften zu kommen, legte ich mich zum Schlafen in diese abgelegene Höhle, doch nun bin ich von einem Eindringling gewaltsam geweckt worden, obwohl ich noch gar nicht aufwachen wollte. Wegen dieses Vergehens habe ich ihn mit meinem Blick zu Asche verbrannt. Jetzt ist es mir vergönnt, Dich in Deiner herrlichen, würdevollen Gestalt zu sehen, und ich glaube deshalb, daß es Dein Wille war, der den Tod dieses Feindes verursacht hat. O Herr, ich muß gestehen, daß die Strahlen Deines Körpers meinen Augen unerträglich sind und daß ich Dich deshalb nicht richtig sehen kann. Im Anblick Deiner leuchtenden Erscheinung wird mir klar, wie unbedeutend meine Macht und Kraft ist. O Herr, Du bist würdig, von allen Lebewesen verehrt zu werden."

Als Sri Krsna sah, daß Mucukunda so begierig war zu erfahren, wer Er war, entgegnete Er lächelnd: "Mein lieber König, es ist so gut wie unmöglich, etwas über Meine Geburt, Mein Erscheinen, Mein Fortgehen und Meine Taten zu erzählen. Wie du vielleicht weißt, hat Meine Inkarnation Anantadeva unzählige Münder, und er versucht seit unvordenklichen Zeiten, Meinen Namen, Meinen Ruhm, Meine Eigenschaften, Meine Taten, Mein Erscheinen, Mein Fortgehen und Meine Inkarnationen vollständig zu beschreiben, und doch ist es ihm nicht gelungen, ein Ende zu finden. Deshalb ist es unmöglich, sich vorzustellen, wie viele Namen und Formen Ich besitze. Die materiellen Wissenschaftler mögen vielleicht in der Lage sein, die Anzahl der Atome zu berechnen, aus denen die Erde besteht, doch es wird ihnen niemals gelingen, Meine zahllosen Namen, Formen und Taten zu ermessen. Es gibt viele große Weise und Heilige, die versucht haben, eine Liste Meiner verschiedenen Formen und Taten zusammenzutragen, doch auch ihnen ist es nie gelungen, eine vollständige Liste aufzustellen. Weil du aber so begierig bist, etwas über Mich zu erfahren, will Ich dir sagen, daß Ich gegenwärtig auf diesem Planeten erschienen bin, um die dämonischen Prinzipien der Menschen zu beseitigen und die religiösen Prinzipien, die in den Veden vorgeschrieben sind, wieder einzuführen. Weil Mich Brahma, der höchste Halbgott in diesem Universum, gebeten hat, zu diesem Zweck auf die Erde herabzusteigen, bin Ich nun in der Dynastie der Yadus als einer ihrer Abkömmlinge erschienen. Ich habe in der Yadu-Dynastie Vasudeva als Meinen Vater auserkoren, und deshalb kennen Mich die Menschen als Vasudeva, den Sohn Vasudevas. Des weiteren will Ich dir sagen, daß Ich Kamsa, der in einem seiner früheren Leben Kalanemi hieß, wie auch Pralambasura und viele andere Dämonen getötet habe. Sie verhielten sich Mir gegenüber als Feinde und wurden allesamt von Mir vernichtet. Der Dämon, der vor dir gestanden hat, hatte sich ebenfalls als Feind aufgeführt, doch du hast ihn gütigerweise durch deinen Blick zu Asche verbrannt. Mein lieber König Mucukunda, du bist ein großer Geweihter von Mir, und nur um dir Meine grundlose Barmherzigkeit zu erweisen, bin Ich in dieser Höhle erschienen. Ich bin Meinen Geweihten sehr zugetan, und weil du bereits in deinem vorangegangenen Leben ein großer Gottgeweihter warst und um Meine grundlose Barmherzigkeit gebetet hast, bin Ich nun zu dir gekommen, um dir deinen Wunsch zu erfüllen. Nun siehst du Mich von Angesicht zu Angesicht, wie es dein Herz begehrte. Mein lieber König, du kannst Mich um jede Segnung bitten, die du dir wünschst, denn Ich bin bereit, dir alles zu gewähren. Es ist Mir ein ewiger Grundsatz, jedem, der sich in Meine Obhut begibt, durch Meine Gnade alle Wünsche zu erfüllen."

Als Sri Krsna König Mucukunda eine Bitte freistellte, wurde der König von Freude überwältigt, denn er erinnerte sich plötzlich an die Vorhersage Gargamunis, der vor langer Zeit prophezeit hatte, Sri Krsna werde im achtundzwanzigsten Zeitalter von Vaivasvata Manu auf dem Erdplaneten erscheinen. Als ihm diese Prophezeiung einfiel, wurde ihm sofort klar, daß die Höchste Person, Narayana, nun als Sri Krsna vor ihm gegenwärtig war. Auf der Stelle fiel er zu Seinen Lotosfüßen nieder und brachte Ihm seine Gebete dar: "O Herr, o Höchste Persönlichkeit Gottes, ich weiß, daß alle Lebewesen auf diesem Planeten durch Deine äußere Energie verblendet und von der illusorischen Zufriedenheit der Sinnenbefriedigung bezaubert sind. Weil sie völlig in illusorische Tätigkeiten vertieft sind, widerstrebt es ihnen, Deine Lotosfüße zu verehren, und da sie nichts von dem Segen wissen, den man erfährt, wenn man sich Deinen Lotosfüßen ergibt, sind sie den verschiedensten leidvollen Bedingungen des materiellen Daseins ausgesetzt. Sie hängen törichterweise an sogenannter Gesellschaft, Freundschaft und Liebe, aus denen lediglich verschiedene Arten leidvoller Zustände entstehen. Von Deiner äußeren Energie getäuscht, ist jeder, ob Mann oder Frau, ans materielle Dasein angehaftet, und alle betrügen einander in einer großangelegten Gesellschaft von Betrügern und Betrogenen. Diese törichten Menschen wissen das Glück, daß sie die menschliche Lebensform erlangt haben, nicht zu schätzen und wollen Deine Lotosfüße nicht verehren. Unter dem Einfluß Deiner äußeren Energie haften sie am Glanz materieller Tätigkeiten. Sie haften an sogenannter Gesellschaft, Freundschaft und Liebe und gleichen in diesem Zustand unwissenden Tieren, die in ein dunkles Brunnenloch gefallen sind." Auf Feldern und Weiden gibt es manchmal Brunnen, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurden und daher von Gras überwuchert worden sind. Oft fallen bedauernswerte Tiere, die nichts davon wissen, in solche Brunnenlöcher hinein und müssen dort sterben, wenn man sie nicht herauszieht. Verlockt von ein paar Grashalmen, fallen sie in den finsteren Brunnen und sterben eines elenden Todes. Ebenso ruinieren törichte Menschen, die die Bedeutung der menschlichen Lebensform nicht kennen, ihr Leben, indem sie der Befriedigung ihrer Sinne nachjagen, und sterben, ohne irgend etwas Sinnvolles erreicht zu haben.

"Lieber Herr", fuhr Mucukunda fort, "auch ich bilde keine Ausnahme für dieses universale Gesetz der materiellen Natur. Ich gehöre ebenfalls zu diesen törichten Menschen, die ihre Zeit für nichts verschwendet haben, und meine Lage ist besonders bedenklich, denn weil ich dem königlichen Stand angehörte, war ich hochmütiger als gewöhnliche Menschen. Ein gewöhnlicher Mensch sieht sich als der Besitzer und Beherrscher seines Körpers oder seiner Familie, und ich hatte die gleiche Geisteshaltung, nur in einem viel größeren Maßstab. Ich wollte Herr über die ganze Welt werden, und als mit meinen Plänen zur Sinnenbefriedigung mein Hochmut immer größer wurde, verstärkte sich auch meine körperliche Lebensauffassung mehr und mehr. Meine Anhaftung an Haus, Frau und Kinder, Geld und Herrschaft über die Welt vertiefte sich immer mehr, und sie kannte schließlich keine Grenzen mehr. Daher kreisten alle meine Gedanken nur noch um die Angelegenheiten meines materiellen Lebens. "

"Daher, o Herr, habe ich bereits so viel meiner wertvollen Lebensdauer sinnlos verschwendet. Weil sich meine falschen Vorstellungen vom Leben immer mehr verdichteten, hielt ich meinen materiellen Körper, der doch nichts weiter ist als ein Sack aus Fleisch und Knochen, für das ein und alles, und in meiner Eitelkeit bildete ich mir ein, ich sei der König der Menschheit geworden. Mit dieser falschen, körperlichen Auffassung vom Leben begann ich, mit meiner Streitmacht von Soldaten, Streitwagen, Elefanten und Reitern über die ganze Welt zu ziehen. Unterstützt von vielen Generälen und stolz wegen meiner materiellen Macht, war ich nicht imstande, Dich, o Herr, zu erkennen, der Du stets als der beste Freund in meinem Herzen weilst. Ich wollte nichts von Dir wissen, und das war der grundlegende Fehler meiner sogenannten erhabenen materiellen Stellung. Ich glaube, daß sich, gleich mir, alle Menschen nicht im geringsten um spirituelle Erkenntnis bemühen, sondern ständig voller Ängste sind und denken: ,Was soll ich tun? Was kommt morgen auf mich zu?' Und weil wir von materiellen Wünschen straff gefesselt werden, fahren wir fort, ein wahnsinniges Leben zu führen."

"Aber obwohl wir so sehr in materielle Gedanken vertieft sind, kommt die unausweichliche Zeit, die nur eine Deiner vielen Formen ist, stets gewissenhaft ihrer Pflicht nach, und sowie unsere Frist abgelaufen ist, beendest Du, o Herr, unsere materiellen Träume. In der Form des Zeitfaktors gebietest Du all unseren Tätigkeiten Einhalt, gleich der hungrigen Python, die ohne Nachsicht eine kleine Maus mit einem Bissen verschlingt. Durch die Macht der grausamen Zeit geschieht es, daß der königliche Körper, der einst stets mit goldenem Geschmeide geschmückt war und der von einem Streitwagen gezogen wurde, vor den elegante Pferde gespannt waren, oder der von einem mit Gold geschmückten Elefanten getragen wurde — dieser Körper, den man als König der gesamten Menschheit pries, verfällt und zersetzt sich unter dem Einfluß der unausweichlichen Zeit und wird entweder ein Fraß für Würmer und Insekten oder wird zu Asche verbrannt oder verwandelt sich in den Kot eines Tieres. Dieser bewunderte Körper mag im lebenden Zustand sehr schön erscheinen, doch nach dem Tod wird selbst der Körper eines Königs von einem Tier gefressen und verwandelt sich so zu Kot, oder er wird auf einem Leichenfeuer verbrannt und verwandelt sich so zu Asche, oder er wird in ein Grab gelegt, so daß nach einiger Zeit Würmer und Insekten aus ihm hervorkriechen."

"Lieber Herr, wir sind nicht nur zur Stunde des Todes der Herrschaft der unausweichlichen Zeit unterworfen, sondern auch, in unterschiedlicher Form, bereits während des ganzen Lebens. Ich mag zum Beispiel ein mächtiger König sein, doch wenn ich als Welteneroberer nach Hause zurückkehre, gerate ich dennoch unter die verschiedensten materiellen Umstände. Es ist zwar möglich, daß bei einer siegreichen Rückkehr alle unterworfenen Könige vor mich treten und mir ihre Ehrerbietungen erweisen, doch wenn ich mich dann ins Innere des Palastes zurückziehe, werde ich ein Spielzeug in den Händen der Königinnen und muß der Sinnenbefriedigung willen Frauen zu Füßen fallen. Die materielle Existenz ist so verwickelt, daß man, bevor man aus dem materiellen Leben einen Genuß ziehen kann, so schwer arbeiten muß, daß einem kaum einmal die Möglichkeit bleibt, etwas zu genießen. Und wenn man einen jugendlichen Körper mit all den damit verbundenen materiellen Vorteilen erlangen will, muß man sich schwere Entsagungen und Bußen auferlegen, um sich auf die himmlischen Planeten zu erheben. Selbst wenn man das Glück hat, in einer reichen oder königlichen Familie geboren zu werden, muß man sich fortgesetzt um die Erhaltung des eigenen Lebensstandards bemühen und sich auf das nächste Leben vorbereiten, indem man die verschiedensten Opfer ausführt und Spenden verteilt. Selbst als König ist man ständig voller Sorgen, nicht nur der politischen Verwaltung wegen, sondern auch wegen des Wunsches, auf die himmlischen Planeten erhoben zu werden."

"Es ist also sehr schwierig, der materiellen Verstrickung zu entkommen, doch wenn man irgendwie von Dir begünstigt wird, erhält man allein durch Deine Barmherzigkeit die Möglichkeit, einen reinen Gottgeweihten zu treffen. Dies bildet den Anfang für die Befreiung aus der Verstrickung des materiellen Lebens. Lieber Herr, nur durch die Gemeinschaft mit reinen Gottgeweihten ist es möglich, sich Dir zu nähern, der Du der Herr der materiellen und der spirituellen Welt bist. Du bist das höchste Ziel aller reinen Gottgeweihten, und wenn man sich in der Gemeinschaft dieser reinen Gottgeweihten befindet, kann man seine schlummernde Liebe zu Dir wiedererwecken. Deshalb ist Krsna-Bewußtsein, das in der Gemeinschaft reiner Gottgeweihter kultiviert wird, die Kraft, die uns aus dieser materiellen Verstrickung befreit "

"Lieber Herr, Du bist unsagbar barmherzig, denn obwohl ich unwillig war, die Gemeinschaft großer Gottgeweihter aufzusuchen, hast Du mir Deine grenzenlose Barmherzigkeit erwiesen, nur weil ich einmal eine kurze Begegnung mit einem reinen Gottgeweihten wie Gargamuni gehabt habe. Allein durch Deine grundlose Barmherzigkeit habe ich allen materiellen Reichtum, mein Königreich und meine Familie verloren. Ich glaube nicht, daß ich ohne Deine grundlose Barmherzigkeit jemals von all diesen Verstrickungen hätte frei werden können."

"Könige und Fürsten unterziehen sich manchmal einem Leben der Entsagung, um die Zeit ihres königlichen Daseins zu vergessen, doch weil Du mir Deine besondere grundlose Barmherzigkeit gezeigt hast, habe ich mein Leben als König bereits hinter mir lassen können. Andere Könige bemühen sich, der Anhaftung an Königreich und Familie zu entkommen, indem sie die Mühseligkeiten der Entsagung auf sich nehmen, doch durch Deine Barmherzigkeit brauche ich nicht erst ein Bettelmönch zu werden oder Entsagung zu üben."

"Lieber Herr, ich bete deshalb, einfach nur im transzendentalen liebevollen Dienst zu Deinen Lotosfüßen beschäftigt sein zu dürfen. Dies ist der einzige Wunsch Deiner reinen Geweihten, die von aller materiellen Verunreinigung befreit sind. Du bist die Höchste Persönlichkeit Gottes, und Du kannst mir alles geben, was ich möchte, sogar Befreiung. Doch wer könnte so dumm sein, daß er Dich, nachdem er Dich erfreut hat, noch um etwas bittet, was zu weiterer Verstrickung in der materiellen Welt führt? Ich glaube nicht, daß ein vernünftiger Mensch Dich um solch eine Segnung bitten würde. Deshalb ergebe ich mich Deinen Lotosfüßen, denn Du bist die Höchste Persönlichkeit Gottes, die Überseele im Herzen eines jeden sowie auch die unpersönliche Brahman-Ausstrahlung. Darüber hinaus bist Du auch die materielle Welt, denn diese materielle Welt ist lediglich die Manifestation Deiner äußeren Energie. Daher bist Du die höchste Zuflucht eines jeden, unabhängig davon, von welchem Gesichtspunkt aus man Dich betrachtet. Jeder, ob er sich auf der materiellen oder auf der spirituellen Ebene befindet, muß bei Deinen Lotosfüßen Zuflucht suchen. Daher gebe ich mich Dir hin, o Herr. Während unvorstellbar vieler Leben habe ich mich unter dem Einfluß der dreifachen Leiden des materiellen Daseins befunden, und ich bin dessen nun müde geworden. Nachdem ich einfach nur von meinen Sinnen umhergetrieben worden bin, ohne daß ich jemals Zufriedenheit gefunden hätte, suche ich nun Zuflucht bei Deinen Lotosfüßen, die der Ursprung aller friedvollen Lebensumstände sind und die alles Wehklagen, das auf materieller Verunreinigung beruht, beseitigen. Lieber Herr, Du bist die Überseele eines jeden, und Dein Wissen ist unbegrenzt. Ich bin nun von der Verunreinigung der materiellen Wünsche befreit worden. Ich möchte weder die materielle Welt genießen noch mit Deiner spirituellen Ausstrahlung verschmelzen, noch möchte ich über Deinen lokalisierten Paramatma-Aspekt meditieren, denn ich weiß, daß ich völligen Frieden und Gleichmut erlangen werde, wenn ich einfach bei Dir Zuflucht suche."

Nachdem König Mucukunda sein Gebet beendet hatte, erwiderte Sri Krsna: "Mein lieber König, Ich freue Mich sehr über deine Worte. Du warst einstmals der Herrscher über alle Länder der Erde, und daher überrascht es mich, daß dein Geist nun von aller materiellen Verunreinigung völlig frei ist. Du bist nun in der Lage, hingebungsvollen Dienst auszuführen. Ich bin vor allem deswegen sehr zufrieden, weil du Mich nicht um irgendwelche materiellen Vorteile gebeten hast, als Ich dir anbot, jeden Deiner Wünsche zu erfüllen. Ich weiß, daß dein Geist nun fest auf Mich gerichtet ist und von keiner materiellen Unvollkommenheit mehr beeinträchtigt wird."

"Es gibt drei materielle Erscheinungsweisen: Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit. Wenn man sich unter dem gemischten Einfluß von Leidenschaft und Unwissenheit befindet, wird man aufgrund von Unreinheit und lustvollen Wünschen dazu getrieben, in der materiellen Welt nach Annehmlichkeiten zu streben. Wenn man sich jedoch in der materiellen Erscheinungsweise der Tugend befindet, versucht man, sich durch Bußen und Opfer zu läutern. Hat man dann die Stufe eines echten brahmana erreicht, trachtet man danach, in die Existenz des Herrn einzugehen. Doch wenn jemand nur noch den Lotosfüßen des Höchsten Herrn dienen will, so befindet er sich auf einer Stufe, die transzendental zu allen drei materiellen Erscheinungsweisen ist. Ein reiner Gottgeweihter im Krsna-Bewußtsein ist daher immer frei von allen materiellen Erscheinungsweisen. Mein lieber König, als Ich dir die Gelegenheit gab, dir irgend etwas zu wünschen, tat Ich dies nur, um zu prüfen, wie weit du im hingebungsvollen Dienst fortgeschritten bist. Jetzt weiß Ich, daß du auf der Stufe der reinen Gottgeweihten stehst, denn dein Geist wird weder durch materielle Wünsche noch durch Gier oder Lust agitiert. Die yogis hingegen, die versuchen, sich durch Sinnenbeherrschung zu erheben, oder die mit Hilfe der Atemübungen des pranayama über Mich meditieren, sind nicht so gründlich von allen materiellen Wünschen befreit. Es ist schon oft vorgekommen, daß solche yogis schon bei der geringsten Verlockung wieder auf die materielle Ebene gefallen sind."

Ein anschauliches Beispiel für ein solches Zufallkommen ist Visvamitra Muni. Er war ein großer yogi, der seit langer Zeit pranayama, die Kunst der Atemübung, praktiziert hatte, doch als er von Menaka, einem Gesellschaftsmädchen der himmlischen Planeten, besucht wurde, verlor er jegliche Beherrschung und zeugte mit ihr eine Tochter namens Sakuntala. Im Gegensatz dazu wurde der reine Gottgeweihte Haridasa Thakura niemals in seiner Ruhe gestört, nicht einmal dann, als ihn verschiedene Prostituierte zu verführen versuchten.

"Mein lieber König", fuhr Sri Krsna fort, "Ich gebe dir die besondere Segnung, daß du immer an Mich denken wirst. Auf diese Weise wirst du die materielle Welt leicht hinter dir lassen können, ohne von den materiellen Erscheinungsweisen verunreinigt zu werden." Der Herr bestätigt mit dieser Aussage, daß jemand, der in wahrem Krsna-Bewußtsein verankert ist und sich unter der Führung des spirituellen Meisters im liebevollen Dienst des Herrn beschäftigt, niemals von den materiellen Erscheinungsweisen verunreinigt wird.

Der Herr fuhr fort: "Mein lieber König, weil du ein ksatriya bist, hast du die Sünde begangen, Tiere zu schlachten —sowohl auf der Jagd als auch bei politischen Unternehmungen. Um davon gereinigt zu werden, mußt du einfach bhakti-yoga praktizieren und deinen Geist ausschließlich auf Mich richten. So wirst du schon sehr bald von allen Reaktionen auf solche widerwärtigen Tätigkeiten befreit sein." Aus dieser Aussage geht hervor, daß es den ksatriyas zwar erlaubt ist, während der Jagd Tiere zu töten, daß sie aber trotzdem nicht von den Reaktionen auf solche sündhaften Tätigkeiten befreit sind. Daher ist es letztlich unwichtig, ob man ksatriya, vaisya oder brahmana ist, denn jedem wird empfohlen, am Ende seines Lebens sannyasa anzunehmen, um sich völlig dem Dienst des Herrn zu widmen und somit von allen sündhaften Reaktionen seines Lebens frei zu werden. Darauf versicherte der Herr König Mucukunda: "In deinem nächsten Leben wirst du als erstklassiger Vaisnava, der beste der brahmanas, geboren werden, und in diesem Leben wirst du ausschließlich in Meinem transzendentalen Dienst tätig sein." Ein Vaisnava ist ein brahmana ersten Ranges, denn jemand, der nicht die Eigenschaften eines echten brahmana erworben hat, kann kein Vaisnava werden. Wenn man die Stufe eines Vaisnavas erreicht, ist man nur noch für das Wohl aller Lebewesen tätig. Die höchste Wohltätigkeit für alle Lebewesen ist das Predigen von Krsna-Bewußtsein. Sri Krsna weist mit Seiner Aussage darauf hin, daß diejenigen, die Seine besondere Gunst bekommen haben, vollkommenes Krsna-Bewußtsein erlangen und im Verbreiten und Predigen der Vaisnava-Philosophie beschäftigt werden.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 50. Kapitel des Krsna-Buches: "Die Erlösung Mucukundas".