Mit Kamsas Tod waren seine beiden
Frauen Witwen
geworden. In der vedischen Kultur
ist eine Frau niemals
unabhängig, in keiner der drei Stufen ihres Lebens: In der
Kindheit sollte sie in der Obhut
ihres Vaters leben; als
junge Frau sollte sie unter dem
Schutz ihres Ehemannes
stehen, und wenn ihr Ehemann
gestorben ist, sollte sie
entweder unter dem Schutz ihrer erwachsenen Kinder stehen oder, wenn sie keine
erwachsenen Kinder hat, zu
ihrem Vater zurückkehren und als
Witwe unter seinem
Schutz leben. Kamsa scheint keine
erwachsenen Söhne
gehabt zu haben, denn als seine Frauen
Witwen wurden,
kehrten sie wieder in die Obhut
ihres Vaters zurück.
Kamsa hatte zwei Frauen namens Asti
und Prapti, und
beide waren Töchter König Jarasandhas,
des Herrschers
über die Provinz Bihar. (Der Herrscher über diese Provinz
trug damals den
Titel Magadharaja.)
Zu Hause
angekommen, schilderten die beiden
Königinnen ihrem
Vater ihre mißliche Lage, in die
sie durch Kamsas Tod
geraten waren. Als der König von Magadha,
Jarasandha,
hörte, in welch beklagenswerter Lage
sich seine Töchter
befanden und wie Kamsa ein jähes Ende gefunden hatte,
fühlte er sich zutiefst gedemütigt.
Jarasandha entschied
auf der Stelle, alle Mitglieder der Yadu-Dynastie von der
Erdoberfläche verschwinden zu lassen; Krsna hatte Kamsa
getötet, und nun sollte die ganze
Yadu-Dynastie getötet
werden.
Jarasandha begann also, gewaltige
Vorkehrungen zu
treffen, um das Königreich von
Mathura anzugreifen. Er
mobilisierte seine gefürchteten Legionen,
die aus vielen
Tausenden von Kampfwagen, Pferden,
Elefanten und
Fußsoldaten bestanden. Jarasandha wollte König Kamsas
Tod vernichtend rächen, und so
stellte er insgesamt
dreizehn solche Streitheere auf. Dann
führte er seine
gigantische Armeenfront zum Angriff auf
Mathura, die
Hauptstadt der Yadu-Könige, und lies sie von allen Seiten
belagern. Sri Krsna, der die Rolle
eines gewöhnlichen
Menschen spielte,
sah die ungeheure
Streitmacht
Jarasandhas, die einem Ozean glich, der jeden Augenblick
den Strand zu überfluten droht. Dazu bemerkte Er, daß die
Bewohner von Mathura von Furcht ergriffen wurden, und
so begann Er, über
Seine Mission als Inkarnation
nachzudenken. Wie
konnte Er der
gegenwärtigen
Situation am besten begegnen? Krsnas
Mission war es,
den zur Last gewordenen
Teil der Bevölkerung zu
vernichten, und deshalb nahm Er diese Gelegenheit wahr,
als Ihm so viele Männer, Wagen,
Elefanten und Pferde
gegenüberstanden. Krsna
beabsichtigte nicht, das
Königreich Magadha zu erobern, und
deshalb sah Er
keinen Sinn darin, Jarasandha, den
König von Magadha,
zu töten. Nun aber
war die gesamte Streitmacht
Jarasandhas vor Ihm erschienen, und
so beschloß er,
Jarasandhas Heer vernichtend zu schlagen,
ihn selbst
jedoch am Leben zu lassen, damit
er in der Lage wäre,
zurückzukehren und erneut aufzurüsten.
Während Sri Krsna so überlegte, kamen zwei stattliche
Streitwagen aus
dem Weltall
herbei, die mit
Wagenlenkern, Waffen, Flaggen und anderem
Zubehör
ausgestattet waren. Als Krsna die beiden Wagen vor Sich
sah, sprach Er sogleich
zu Seinem älteren Bruder
Balarama, der auch als Sankarsana
bekannt ist: ,,Mein
lieber älterer Bruder, Du bist der
beste unter den Aryas,
Du bist der Herr des Universums, und vor allem bist Du
der Beschützer der Yadu-Dynastie. Die Abkömmlinge der
Yadu-Dynastie schweben in Gefahr, weil
sie von den
Soldaten Jarasandhas bedroht werden, und
Angst und
Schrecken erfüllt ihr Herz. Bitte beschütze sie — Dein mit
Waffen beladener Streitwagen
steht ebenfalls schon
bereit. Ich bitte Dich, ihn zu besteigen und alle
Soldaten
zu vernichten, die
gesamte Streitmacht des Feindes.
Schließlich sind Wir auf die Erde
herabgekommen, um
solche unnötigen Streitmächte
zu beseitigen und die
frommen Gottgeweihten zu beschützen. Nun
bietet sich
Uns die Gelegenheit, Unserer Mission gerecht zu werden.
Laß Uns nun zur Tat schreiten." Krsna und Balarama, die
Nachkommen Dasarhas, beschlossen auf diese Weise, alle
dreizehn Streitheere Jarasandhas zu vernichten.
Krsna bestieg Seinen Wagen, der von Daruka gelenkt
wurde, und zog zusammen mit einem kleinen Heer durch
Mathuras Stadttor hinaus, wobei sie
ihre Muschelhörner
ertönen ließen. Die Gegner
waren zahlenmäßig weit
überlegen, doch merkwürdigerweise erbebten
sie bis ins
Innerste ihres Herzens, als sie den
Klang von Krsnas
Muschelhorn vernahmen. Als Jarasandha Krsna und Balarama erblickte, tat es ihm ein wenig leid um Sie, denn die
beiden hätten dem Alter nach seine
Enkel sein können.
Dann wandte er sich an Krsna
und rief Ihm den Namen
Purusadhama zu, was nichts anderes
bedeutet als „der
niedrigste der Menschen", obwohl Krsna
eigentlich in
allen vedischen Schriften als
Purusottama, ,,der höchste
unter den Menschen", bezeichnet wird.
Jarasandha hatte
bestimmt nicht die
Absicht, Krsna als Purusottama
anzusprechen,
doch
große
Gelehrte haben
herausgefunden, was die ursprüngliche
Bedeutung des
Wortes purusadhama ist: ,,derjenige,
neben dem alle
anderen Persönlichkeiten
niedrig erscheinen". Dies
entspricht der Wahrheit, denn niemand
kann dem Herrn,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes,
gleichkommen oder
Ihn übertreffen.
Jarasandha fuhr fort: ,,Es wird eine große Schande für
mich sein, mit kleinen Jungen wie Krsna und Balarama zu
kämpfen." Weil Krsna Kamsa getötet
hatte, bezeichnete
Jarasandha Ihn
auch als ,,Mörder
der eigenen
Verwandten". Daß Kamsa selbst viele
seiner eigenen
Neffen umgebracht hatte, kümmerte
Jarasandha nicht im
geringsten; das aber Krsna Seinen Onkel mütterlicherseits
getötet hatte, nahm er zum Anlaß, Ihn auf grobe Weise zu
schmähen. Dies ist
typisch für das
Verhalten der
Dämonen: Dämonen versuchen niemals, ihre
eigenen
Fehler zu erkennen, sondern bemühen sich ständig, Fehler
an anderen zu finden. Jarasandha
hielt Krsna außerdem
vor, nicht einmal ein ksatriya zu sein. Weil Krsna nämlich
von Maharaja Nanda aufgezogen worden war, war Er kein
ksatriya, sondern
ein vaisya.
Vaisyas werden im
allgemeinen guptas genannt, und manchmal
wird das
Wort gupta auch im Sinne von
,,versteckt" gebraucht.
Beides traf auf Krsna zu, denn
Er war von Maharaja
Nanda sowohl versteckt als auch
aufgezogen worden.
Jarasandha beschuldigte also Krsna, drei Fehler zu haben:
Seinen eigenen Onkel getötet zu haben, in Seiner Kindheit
versteckt worden zu sein und nicht einmal ein ksatriya zu
sein. Aus diesen Gründen, so sagte Jarasandha, müsse er
sich schämen, mit Krsna zu kämpfen.
Dann wandte er sich an Balarama
und rief Ihm zu:
,,Du, Balarama! Wenn Du willst, kannst Du Seite an Seite
mit Ihm kämpfen, und wenn Du
dazu noch ein wenig
Geduld hast und ein wenig wartest,
dann wirst auch Du
von meinen Pfeilen durchbohrt. Auf
diese Weise kannst
Du auf die himmlischen Planeten erhoben werden." In der
Bhagavad-gita wird in diesem Zusammenhang
erklärt,
das ein ksatriya auf zweierlei Art
aus einem Kampf
Vorteil ziehen kann: Wenn er siegt,
kann er sich am
Ergebnis seines Erfolges erfreuen, und wenn er im Kampf
sein Leben läßt, wird er zum
himmlischen Königreich
erhoben.
Nachdem Krsna Jarasandhas
Reden eine Zeitlang
zugehört hatte, antwortete Er ihm:
,,Mein lieber König
Jarasandha, wahre Helden machen keine
großen Worte,
sondern zeigen ihre Stärke in der
Tat. Weil du so viel
redest, scheint dir dein Tod in
dieser Schlacht gewiß zu
sein. Wir sind es leid, dir
länger zuzuhören, denn es ist
nutzlos, den Worten von Menschen
Gehör zu schenken,
die vor dem Tode stehen oder
die von Angst gequält
werden." Daraufhin gab Jarasandha das
Zeichen zum
Kampf und umzingelte Krsna von allen Seiten mit seinen
gewaltigen Heeren. Genauso wie die Sonne durch Wolken
und Staub scheinbar verdeckt wird, wurde auch Krsna, die
höchste Sonne, von Jarasandhas Heer
verdeckt. Krsnas
und Balaramas Streitwagen waren mit Bildern von Garuda
und Palmen verziert. Alle Frauen
von Mathura standen
auf den Dächern ihrer Häuser und
Paläste oder auf den
Stadttoren, um den wunderbaren Kampf
zu beobachten.
Doch als Krsnas Wagen von
Jarasandhas Streitheer umzingelt wurde und sie ihn nicht
mehr sehen konnten,
überkam sie solche Angst, daß
manche in Ohnmacht
fielen. Krsna sah, wie Ihn die
militärische Übermacht
Jarasandhas zu erdrücken drohte. Seine
kleine Schar
Soldaten geriet bereits in schwere
Bedrängnis, und so
nahm Er kurzentschlossen Seinen Bogen
namens Sarnga
in die Hand.
Er zog Seine Pfeile aus dem
Köcher, legte sie einen
nach dem anderen an die Sehne und schoß sie dem Feind
entgegen,
und unter
diesem unausweichlichen
Geschoßhagel fanden die feindlichen
Elefanten, Pferde
und Fußsoldaten ein schnelles Ende.
Der unablässige
Pfeilhagel war wie ein
lodernder Feuersturm, der
Jarasandhas gesamte Streitmacht
austilgte. Als Krsna
immer neue Pfeile abschoß, stürzten
nach und nach alle
Elefanten mit abgetrennten Köpfen zu
Boden. Ebenso
brachen alle Pferde mit abgetrennten
Beinen zusammen
und rissen ihre Streitwagen und die Banner mit sich, und
die Wagenkämpfer und Wagenlenker fanden
das gleiche
Ende. Dazu wurde
praktisch das gesamte Fußvolk
umgemäht und lag mit abgetrennten Köpfen, Armen und
Beinen auf dem Schlachtfeld. Auf
diese Weise wurden
viele Tausende von Elefanten und Pferden getötet, und ihr
Blut floß wie die
Wellen eines Flusses.
In diesem
Blutstrom sahen die abgetrennten Arme
der Krieger wie
Schlangen aus und ihre Köpfe wie Schildkröten; die toten
Elefanten glichen
kleinen Inseln,
und die toten
Pferdeleiber glichen Haifischen.
Durch den höchsten
Willen war auf diese Weise ein
riesiger Blutstrom mit
allerlei Treibgut entstanden. Die Hände
und Beine der
Infanteriesoldaten trieben wie verschiedenartige Fische an
der Oberfläche,
die Köpfe der
Soldaten glichen
umhertreibendem Seetang
und Moos,
und die
schwimmenden Bogen der Soldaten waren
wie Wellen.
Die Juwelen von den
Körpern der Soldaten und
Kommandanten glichen zahllosen Kieselsteinen, die vom
Blutstrom mitgerissen wurden.
Sri Balarama, der auch als Sankarsana
bekannt ist,
kämpfte mit Seiner Keule derart
heldenhaft, daß der
Blutstrom, den Krsna geschaffen hatte,
überquoll. Die
Feiglinge wurden von panischer Angst
ergriffen, als sie
diese fürchterliche, grausige Szene sahen, und die Helden
begannen begeistert den Heldenmut der beiden Brüder zu
preisen. Obgleich Jarasandhas Streitmacht
gewaltig wie
ein Ozean war, verwandelten Sri Krsna und Balarama das
ganze Schlachtfeld in eine grauenvolle Szene, die nicht im
geringsten mit einem gewöhnlichen Kampf zu vergleichen
war. Gewöhnliche Menschen können sich natürlich nicht
vorstellen, wie dies alles möglich war, doch wenn man in
diesen Taten die transzendentalen Spiele
des Höchsten
Persönlichen Gottes sieht, unter dessen
Willen nichts
unmöglich ist, vermag man in diese
Beschreibungen
einzudringen und sie in Wahrheit zu verstehen. Der Herr,
die Höchste Persönlichkeit Gottes,
erschafft, erhält und
zerstört die kosmische Manifestation
allein durch Seinen
Willen. Daher ist es nichts
außerordentliches für Ihn, im
Kampf mit Seinem Feind eine
derartige Vernichtung zu
verursachen. Aber weil Krsna und
Balarama mit Jarasandha wie gewöhnliche Menschen kämpften,
bot dieser
Kampf trotzdem einen höchst wunderbaren Anblick.
Alle Soldaten
Jarasandhas wurden
auf dem
Schlachtfeld getötet, und er selbst war der einzige, der am
Leben geblieben war. Der Anblick seiner Streitmacht muß
ihn bestimmt sehr deprimiert haben. Sri
Balarama nahm
ihn ohne zu zögern gefangen, genau
wie ein Löwe, der
mit großer Kraft einen anderen Löwen packt. Doch als Sri
Balarama gerade daran war, Jarasandha mit dem Seil von
Varuna und auch mit gewöhnlichen Seilen zu fesseln, bat
Ihn Sri Krsna, der einen größeren
Plan vor Augen hatte,
den König nicht in Gewahrsam zu nehmen, und so wurde
Jarasandha von Krsna befreit. Als großer Kriegsheld war
Jarasandha zutiefst beschämt, und so
entschloß er sich,
abzudanken und auf alle Königswürden zu verzichten. Er
wollte in den Wald
gehen, um dort unter
strengen
Entsagungen und Bußen zu meditieren.
Doch als er mit einigen adligen Freunden nach Hause
zurückkehrte, rieten ihm diese, nicht aufzugeben, sondern
neue Kräfte anzusammeln, um in
naher Zukunft noch
einmal mit Krsna zu kämpfen. Seine
Fürstenfreunde
überzeugten ihn davon, daß er, wäre
es mit rechten
Dingen zugegangen, unmöglich von den
Yadu-Königen
hätte besiegt werden können. Seine Niederlage sei nur auf
eine zufällige unglückliche Fügung
zurückzuführen. Auf
diese Weise machten die Fürstenkönige Jarasandha neuen
Mut. Sie sagten, daß er ohne Zweifel heldenhaft gekämpft
habe; er solle seine Niederlage
also nicht allzu tragisch
nehmen. Sie sei lediglich auf ein paar vergangene Fehler
zurückzuführen, denn schließlich
gebe es an seiner
Kampftechnik nichts auszusetzen.
So blieb Jarasandha, dem König von Magadha, nichts
anderes übrig, als die Herrschaft
über sein Königreich
wieder aufzunehmen, obwohl er alle Streitmächte verloren
hatte und durch die Gefangennahme und die nachträgliche
Freilassung gedemütigt worden war. Auf
diese Weise
besiegte Sri Krsna alle Soldaten von
Jarasandha, neben
denen Krsnas Armee verschwindend klein erschienen war.
Auf Krsnas Seite jedoch gab es
nicht den geringsten
Verlust zu beklagen, wohingegen Jarasandhas Männer alle
tot waren.
Die Bewohner des Himmels waren
außer sich vor
Freude und brachten Krsna ihre
Ehrerbietungen dar,
indem sie Seinen Ruhm lobpriesen
und Ihn mit Blumen
überschütteten. Alle bewunderten Krsnas Sieg. Jarasandha
war in sein Königreich zurückgekehrt,
und die Stadt
Mathura war vor dem drohenden Angriff gerettet worden.
Die Bürger von Mathura
luden die verschiedensten
Berufssänger ein, wie sutas, magadhas und Künstler, die
wohlklingende, poetische Lieder verfassen
konnten, und
in einer gemeinsamen Veranstaltung
verherrlichten sie
alle Sri Krsnas Sieg mit Lobgesängen. Als der siegreiche
Herr, Sri Krsna,
die Stadt betrat,
ertönten viele
Büffelhörner, Muschelhörner und
Kesselpauken, und
verschiedene andere
Musikinstrumente, wie bheris,
turyas, vinas, Flöten und mrdangas,
stimmten ein, um
Ihm einen herrlichen Empfang zu
bereiten. Zu diesem
Anlaß hatte man die Stadt gründlich
gereinigt und alle
Straßen und Wege mit
Wasser besprengt, und die
Einwohner schmückten vor Freude ihre
Hauser, Straßen
und Geschäfte mit
Flaggen und
Girlanden. Die
brahmanas versammelten sich auf
zahlreichen Plätzen
und chanteten
vedische mantras.
Die Einwohner
errichteten Durchgänge und Triumphbogen
sowie auch
Straßen und Kreuzungen, und als dann Sri Krsna feierlich
in die wundervoll geschmückte Stadt
einzog, stellten die
Mädchen und
Frauen der Stadt
verschiedenartige
Blumenketten her, um das Siegesfest
noch freudiger zu
gestalten. Nach vedischer Sitte nahmen
sie mit frischem
grünem Gras vermischten Joghurt und verspritzten ihn in
alle Richtungen, wodurch sie das
Siegesfest sogar noch
glückverheißender machten. Als
Krsna so durch die
Straßen schritt, ließen die Frauen
ihre liebevollen Blicke
auf Ihm ruhen. Krsna
und Balarama hatten Ihre
Kriegsbeute, wie Schmuck
und Edelsteine, die Sie
sorgfältig vom Schlachtfeld aufgesammelt
hatten, mitgebracht und überreichten sie nun
König Ugrasena. Damit
bezeugte Krsna Seinem Großvater die
gebührende Ehre,
denn zu jener Zeit war Ugrasena der gekrönte König der
Yadu-Dynastie.
Jarasandha, der König von Magadha, beließ es jedoch
nicht bei dem einen Angriff;
insgesamt versuchte er
siebzehnmal, die Stadt Mathura
einzunehmen, wobei er
jedesmal eine gleich große Streitmacht
aufbrachte. Doch
immer wieder wurde er besiegt, und
alle seine Soldaten
wurden getötet, und
jedesmal mußte er enttäuscht
zurückkehren. In jeder Schlacht nahmen
ihn die Fürsten
der Yadu-Dynastie auf die gleiche
Weise gefangen, um
ihn dann wieder mit Schimpf und Schande laufenzulassen,
und jedesmal wagte es Jarasandha,
trotz der Schmach
wieder nach Hause zurückzukehren.
Als Jarasandha seinen achtzehnten Angriff unternahm,
beschloß ein Yavana-König, der über
ein Land südlich
von Mathura regierte und es auf
den Reichtum der
Yadu-Dynastie abgesehen hatte,
die Stadt Mathura
ebenfalls anzugreifen. Es
heißt, daß der König der
Yavanas, der als Kalayavana bekannt
war, von Narada
Muni zum Angriff verleitet wurde. Diese Geschichte wird
im Visnu Purana erzählt: Einst
wurde Gargamuni, der
Priester der Yadu-Dynastie,
von seinem Schwager
verhöhnt, und als die Könige der
Yadu-Dynastie diese
spöttischen Worte hörten, lachten sie
über Gargamuni,
was diesen sehr erzürnte. Er
beschloß, jemanden zu
erzeugen, der die Yadu-Dynastie in
Schrecken versetzen
würde, und mit dieser Absicht verehrte er Siva, von dem
er dann die Segnung erhielt, einen
Sohn zu bekommen.
Dieser Sohn war Kalayavana, der von Gargamuni mit der
Frau eines
Yavana-Königs gezeugt
wurde. Dieser
Kalayavana nun hatte Narada die
Frage gestellt, welches
die mächtigsten Könige der Welt
seien, worauf Narada
ihm zur Antwort gegeben hatte, daß niemand so mächtig
sei wie die Yadus. Als Kalayavana
dies von Narada
erfuhr, zog er sogleich zum Angriff auf die Stadt Mathura
los, und zwar zur selben Zeit,
als Jarasandha zum achtzehnten Mal versuchte, Mathura zu
erobern. Kalayavana
war sehr begierig, einem Weltherrscher
den Krieg zu
erklären, der ihm ein ebenbürtiger
Gegner sein würde,
doch bis dahin hatte er keinen solchen finden können. Als
ihm Narada von Mathura erzählte,
beschloß er daher
sogleich, diese Stadt anzugreifen, und
an der Spitze von
dreißig Millionen Yavana-Soldaten machte er sich auf den
Weg nach Mathura.
Als Mathura auf diese Weise bedroht
wurde, beriet Sich Sri Krsna mit Baladeva über die ernste
Notlage der Yadu-Dynastie, die den Angriff von zwei so
schrecklichen Feinden wie Jarasandha und Kalayavana zu
fürchten hatte. Die Gefahr rückte
immer näher, und es
galt, keine Zeit zu
verlieren: Kalayavana belagerte
Mathura bereits von allen Seiten,
und für den nächsten
Tag wurden Jarasandhas Legionen erwartet,
mit dem
gleichen Umfang wie bei den vorangegangenen siebzehn
Angriffen. Krsna war überzeugt, daß
Jarasandha angesichts von Kalayavanas
Offensive die Gelegenheit
nutzen würde, um zum entscheidenden Schlag gegen die
Stadt Mathura auszuholen. Krsna hielt es daher für klug,
einige Vorsichtsmaßnahmen
zu treffen, um
zwei
strategisch wichtige Punkte
Mathuras zu verteidigen.
Wenn Er und Balarama nämlich gleichzeitig an derselben
Stelle mit
Kalayavana kämpfen
würden, konnte
Jarasandha von einer anderen Seite her angreifen und
an
der ganzen Yadu-Familie
furchtbare Rache nehmen.
Jarasandha war
sehr mächtig, und
da er bereits
siebzehnmal eine Niederlage hatte
hinnehmen müssen,
war zu befürchten, daß er, wenn sich ihm die Gelegenheit
böte, aus
Rachsucht an
allen Mitgliedern der
Yadu-Familie ein schreckliches Massaker vollziehen oder
sie gefangennehmen und in sein Königreich verschleppen
würde. Krsna beschloß deshalb, an
einem Ort, den kein
zweibeiniges Tier — weder Mensch
noch Dämon —
erreichen konnte, eine mächtige Festung
zu errichten.
Dort wollte Er Seine Verwandten unterbringen, so daß Er
ungehindert mit den Feinden kämpfen
konnte. Dvaraka
gehörte früher offensichtlich ebenfalls
zum Königreich
von Mathura, denn im
Srimad-Bhagavatam wird gesagt,
daß Krsna mitten im Meer eine Festung errichtete. Heute
noch sind in der Bucht von
Dvaraka Überreste dieser
Festung zu finden.
Als erstes baute Krsna im Meer eine gewaltige Mauer,
die eine Fläche von 249
Quadratkilometern umgrenzte.
Diese Mauer, die ein wundervolles
Bauwerk war, wurde
von Visvakarma
entworfen und
errichtet. Ein
gewöhnlicher Architekt konnte unmöglich
eine solche
Festung im Meer bauen, doch
Visvakarma, der als der
Baumeister der
Halbgötter gilt,
kann solch ein
wunderbares Kunstwerk jederzeit an jedem beliebigen Ort
des Universums schaffen. Wenn durch
den Willen der
Höchsten Persönlichkeit
Gottes riesige Planeten
schwerelos im
Weltall schweben
können, ist die
Errichtung einer Festung im Meer,
die eine Flache von
249
Quadratkilometern
einnimmt, nichts
außergewöhnliches.
Im Srimad-Bhagavatam finden sich Beschreibungen
dieser neuen, uneinnehmbaren
Stadt, die im Meer
entstand. Es gab viele kunstvoll
angelegte Wege und
Parkanlagen, in denen
kalpa-vrksas, Wunschbäume,
wuchsen. Diese Wunschbäume sind keine
gewöhnlichen
Bäume, wie sie in der materiellen
Welt zu finden sind;
Wunschbäume gibt es nur in der spirituellen
Welt. Doch
für Krsnas höchsten Willen ist
alles möglich, und als
Krsna im Meer die Stadt Dvaraka errichtete, ließ Er auch
Wunschbäume wachsen. Darüber hinaus gab es in dieser
Stadt viele Paläste und gopuras,
mächtige Tore. Solche
gopuras, die auch heute
noch in einigen größeren
Tempeln zu sehen sind, sind sehr
hoch und zeugen von
künstlerischer Meisterschaft. Auf solchen Toren wie auch
in den Palästen
befanden sich
goldene kalasas,
Wassergefäße, die als sehr glückverheißend gelten.
Fast alle Paläste waren hoch wie
Wolkenkratzer, und
in den Kellergemächern eines jeden Hauses wurden große
Töpfe gelagert, die mit
Gold, Silber und Getreide
angefüllt waren. In den einzelnen
Wohnräumen standen
viele goldene Wassertöpfe. Die Schlafgemächer bestanden
aus zahllosen Edelsteinornamenten, und
die Fußböden
waren mit Mosaiken aus marakata-Juwelen ausgelegt. Die
Bildgestalt Visnus, die
von den Angehörigen der
Yadu-Dynastie verehrt wurde, fehlte in keinem Haus. Die
Wohnbezirke waren so angelegt, daß
jede Kaste — die
brahmanas, ksatriyas, vaisyas und sudras
— in einem
eigenen Teil der Stadt lebte. Aus dieser Feststellung geht
hervor, daß das System der varnas
schon zu jener Zeit
existierte. Im Stadtzentrum stand ein
eigens für König
Ugrasena gebautes Residenzgebäude, und
dieser Palast
war das prunkvollste aller Bauwerke.
Als die Halbgötter sahen, daß Krsna
nach Seinem
eigenen Willen eine ganze Stadt
erbaute, sandten sie die
vielgepriesene parijata-Blume von
den himmlischen
Planeten, um sie in der neuen Stadt einpflanzen zu lassen,
und sie sandten auch ein
Versammlungshaus, das den
Namen Sudharma trug. Die Besonderheit dieses Gebäudes
war, daß jeder, der
darin an einer Zusammenkunft
teilnahm, die Gebrechlichkeit des Alters
überwand. Der
Halbgott Varuna überbrachte ein Pferd, das bis auf seine
schwarzen Ohren völlig weiß war und
das mit der Geschwindigkeit des Geistes zu laufen
vermochte. Kuvera,
der Schatzmeister der Halbgötter,
offenbarte die Kunst,
wie man die acht
vollkommenen Stufen materiellen
Reichtums erlangt. Auf
diese Weise brachten alle
Halbgötter ein besonderes
Geschenk dar, das ihrer
jeweiligen Befähigung entsprach.
Es gibt insgesamt
dreiunddreißig Millionen Halbgötter, und jeder von ihnen
hat eine ganz bestimmte Aufgabe in
der Regelung des
Universums zu erfüllen. Doch als
Krsna, die Höchste
Persönlichkeit Gottes, die Stadt Seines
eigenen Willens
erbaute, nutzte jeder
dieser dreiunddreißig Millionen
Halbgötter die Gelegenheit, dem Herrn
eine bestimmte
Gabe darzubringen. Auf diese Weise
wurde Dvaraka zu
einer Stadt, die im ganzen Universum nicht ihresgleichen
findet. Aus dieser Schilderung kann man schließen, daß es
zweifellos unzählige Halbgötter gibt, daß aber keiner von
ihnen von Krsna unabhängig ist.
Ebenso wird auch im
Caitanya-caritamrta gesagt, daß
Krsna der höchste
Meister ist und daß alle anderen Seine Diener sind. Somit
nahmen also alle Diener die Gelegenheit wahr,
Krsna zu
dienen, während Er persönlich in
diesem Universum
gegenwärtig war. Diesem Beispiel sollte
jeder folgen,
besonders diejenigen, die
sich im Krsna-Bewußtsein
befinden, denn sie sollten Krsna
mit ihren jeweiligen
Fähigkeiten dienen.
Als der Bau der
neuen Stadt genau nach
Plan
abgeschlossen war,
brachte Krsna
alle Einwohner
Mathuras dorthin und machte Sri Balarama zum Stadtvater von Dvaraka.
Schließlich besprach Er
Sich mit
Balarama und verließ
dann, mit einer
Girlande aus
Lotosblumen bekränzt, die Stadt, um mit Kalayavana zu-
sammenzutreffen, der
Mathura bereits kampflos
eingenommen hatte.
Kalayavana hatte Krsna noch nie zuvor
gesehen, und
als Krsna dann, in gelbe Gewänder
gekleidet, aus der
Stadt herauskam,
fiel Kalayavana
zuerst dessen
außergewöhnliche Schönheit auf. Während der Herr durch
die Reihen der Soldaten Kalayavanas schritt, glich Er dem
Mond, der durch die am Himmel
versammelten Wolken
zieht. Kalayavana war so sehr vom Glück begünstigt, das
er das Kaustubha-Juwel und die
Srivatsa-Linien sah, die
ein besonderes Zeichen auf Krsnas Brust sind. Kalayavana
sah Krsna
jedoch in
Seiner Visnu-Form, mit
wohlgeformtem Körper, vier Armen und
mit Augen, die
den frisch aufgeblühten Blütenblättern
einer Lotosblume
glichen. Mit Seiner edlen Stirn,
Seinem schönen Antlitz,
Seinen lächelnden Augen, Seinen rastlosen
Augenbrauen
und den tanzenden Ohrringen strahlte Krsna vollkommene
Glückseligkeit aus. Narada hatte Kalayavana bereits über
Krsna erzählt, und nun, wo Kalayavana Krsna zum ersten
Mal sah, bestätigten sich Naradas Beschreibungen. Er bemerkte Krsnas besondere Zeichen und
die Juwelen auf
Seiner Brust, die schöne Girlande aus Lotosblumen, Seine
lotosgleichen Augen und Seine
übrigen wunderbaren
Merkmale. Jede
Einzelheit stimmte
mit Naradas
Beschreibungen überein, und so kam
Kalayavana zu der
Überzeugung, daß
diese leuchtende
Erscheinung
Vasudeva sein mußte. Kalayavana war sehr erstaunt, wie
der Herr einfach zu
Fuß, ohne Waffen und
ohne
Streitwagen, durch die
Reihen der Soldaten schritt.
Kalayavana war gekommen, um mit
Krsna zu kämpfen,
aber dennoch respektierte er die
Kampfregeln in dem
Maße, daß er einen unbewaffneten
Gegner nicht mit
Waffen angriff. Er entschloß sich,
mit bloßen Händen
gegen Krsna zu kämpfen, und auf diese Weise schickte er
sich an, Krsna herauszufordern.
Krsna Seinerseits wandelte
einfach weiter, ohne
Kalayavana auch
nur anzublicken.
Darauf begann
Kalayavana, der entschlossen war, Krsna zu fangen, hinter
Ihm herzulaufen; doch so schnell er auch rannte, er
kam
nicht an Krsna heran. Krsna kann
nicht einmal von den
großen yogis
erreicht werden,
die sich mit der
Geschwindigkeit des Geistes fortbewegen.
Er läßt Sich
allein durch hingebungsvollen
Dienst einfangen, und
darin hatte Kalayavana keine Erfahrung. Er wollte Krsna
fangen, und da ihm dies nicht gelang,
folgte er Krsna in
einer gewissen Distanz, um Ihn
zumindest nicht aus den
Augen zu verlieren.
Kalayavana rannte immer schneller, und
er dachte:
,,Nun bin ich Ihm schon ganz nah; gleich habe ich
Ihn",
doch immer wieder sah er sich getäuscht. Krsna führte ihn
auf diese Weise weit weg vom Heer, bis Er schließlich auf
einem Hügel in einer Höhle
verschwand. Kalayavana
dachte, Krsna versuche, den Kampf
zu vermeiden, und
habe Sich deshalb in
die Höhle geflüchtet,
und so
beschimpfte er Krsna mit folgenden Worten: ,,He, Krsna!
Ich habe gehört, daß Du ein großer Held bist, der von der
Yadu-Dynastie abstammt; doch nun sehe
ich, daß Du
tatsächlich wie ein Feigling vor dem Kampf davonläufst.
Ein solches Verhalten ist Deines guten Rufes und Deiner
Familientradition nicht würdig."
Obwohl Kalayavana
Krsna verfolgt hatte und so schnell
gelaufen war, wie er
konnte, war es ihm nicht gelungen, Krsna zu fangen, denn
er war nicht von allen
Verunreinigungen des sündhaften
Lebens befreit.
Jeder, der nicht die regulierenden
Lebensprinzipien
befolgt, die von den
höheren Kasten, nämlich den
brahmanas, ksatriyas und vaisyas und
sogar von den
Arbeitern, eingehalten werden, wird in
der vedischen
Kultur als mleccha oder yavana bezeichnet. Der vedische
Gesellschaftsaufbau ist
so eingerichtet,
daß selbst
Menschen, die als sudras gelten, nach und nach zur Stufe
von brahmanas erhoben werden können,
wenn sie sich
dem Vorgang
des kulturellen
Fortschritts, dem
sogenannten
samskara
oder Reinigungsvorgang,
unterziehen. Die vedischen
Schriften erklären, daß
niemand allein durch Geburt in einer bestimmten Familie
ein brahmana oder ein mleccha wird; von Geburt her gilt
jeder als sudra. Man
muß sich daher durch den
Reinigungsvorgang zur Stufe des
brahmanischen Lebens
erheben. Wenn man sich diese Gelegenheit entgehen läßt
und sich statt dessen noch mehr erniedrigt, wird man als
mleccha bezeichnet. Kalayavana gehörte
zur Klasse der
mlecchas und yavanas, und als
solcher war er durch
sündhafte Tätigkeiten verunreinigt, weshalb er sich Krsna
nicht nähern konnte.
Das Leben der mlecchas
und
yavanas beinhaltet alle sündhaften Tätigkeiten, denen sich
die Menschen der höheren Klassen
enthalten, nämlich
unzulässige Sexualität,
das Essen
von Fleisch,
Berauschung und die
Teilnahme an Glücksspielen.
Solange man durch diese sündhaften Tätigkeiten gefesselt
wird, kann man in der Gotteserkenntnis keinen Fortschritt
machen. Die Bhagavad-gita bestätigt, daß nur jemand, der
von allen sündhaften
Reaktionen völlig befreit ist,
hingebungsvollen Dienst, Krsna-Bewußtsein, ausführen
kann.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 49. Kapitel des Krsna-Buches:
"Krsna errichtet die Festung Dvaraka".