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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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61. Kapitel: Die Begegnung Usas mit Aniruddha


Die Begegnung Usas mit Aniruddha, die die Ursache für einen schweren Kampf zwischen Sri Krsna und Siva war, ist sehr geheimnisvoll und fesselnd. Maharaja Pariksit war begierig, darüber zu hören, und so erzählte Sukadeva Gosvami die ganze Geschichte. "Mein lieber König", sagte er, "sicherlich hast du schon einmal von König Bali gehört. König Bali war derjenige große Gottgeweihte, der alles, was er besaß, nämlich die ganze Welt, Sri Vamana gab, der Inkarnation Visnus als Zwerg-brahmana. König Bali hatte hundert Söhne, und der älteste von ihnen war Banasura."

Der berühmte Held Banasura war ein großer Geweihter Sivas, und er zögerte niemals, ihm zu dienen. Wegen seiner Hingabe erlangte er eine hohe Stellung in der Gesellschaft und wurde in jeder Hinsicht geehrt. Er war sehr intelligent und dazu freigebig, und all seine Taten sind rühmenswert, denn er brach niemals sein Versprechen oder sein Ehrenwort; er war sehr wahrheitsliebend und hielt sich strikt an seine Gelübde. Zu jener Zeit herrschte er über die Stadt Sonitapura. Durch Sivas Gnade besaß Banasura tausend Arme, und seine Macht wurde so groß, daß sich selbst Halbgötter wie König Indra als seine ergebenen Diener sahen.

Als Siva vor langer Zeit einmal seinen berühmten Tanz, den tandava-nrtya, vollführte, für den er auch als Nataraja bekannt ist, begleitete Banasura diesen Tanz, indem er mit seinen tausend Händen rhythmisch auf vielen Trommeln spielte. Ein berühmter Name Sivas lautet Asutosa, "derjenige, der schnell zufrieden ist", und er ist seinen Geweihten sehr zugetan. Er ist der Meister aller Lebewesen in der materiellen Welt, und er beschützt alle, die bei ihm Zuflucht suchen. So war Siva auch mit Banasura sehr zufrieden gewesen, und er sagte zu ihm: "Du kannst von mir haben, was immer du begehrst, denn du hast mich sehr zufriedengestellt." Banasura entgegnete: "Mein lieber Herr, wenn es dir gefällt, dann bleibe bitte in meiner Stadt und beschütze mich vor meinen Feinden."

Eines Tages kam Banasura zu Siva, um ihm seine Achtung zu erweisen. Während er Siva seine Ehrerbietungen darbrachte und dabei mit dem Helm, der wie die Sonne glänzte, dessen Lotosfüße berührte, sagte er: "O Herr, jeder, der unerfüllte Wünsche hat, kann sich diese Wünsche erfüllen, wenn er Zuflucht bei deinen Lotosfüßen sucht, die wie Wunschbäume sind - man kann von ihnen alles bekommen, was man begehrt. O Herr, du hast mir tausend Arme gegeben, doch ich weiß nicht, wozu ich sie verwenden soll. Bitte verzeihe mir, wenn ich sage, daß es keinen Kampf gibt, in dem ich sie richtig einsetzen kann; ich kann niemanden finden, der imstande wäre, mit mir zu kämpfen, außer dir, o Herr, dem ursprünglichen Vater der materiellen Welt. Manchmal verspüre ich ein starkes Verlangen danach, mit meinen Armen zu kämpfen, und dann suche ich nach einem ebenbürtigen Krieger. Doch leider flieht jeder vor mir, denn sie alle kennen meine außergewöhnliche Stärke. Da es mir nicht gelingt, einen Gegner zu finden, befriedige ich das Verlangen meiner Arme dadurch, daß ich auf Berge einschlage. Auf diese Weise habe ich schon viele Berge zerschmettert."

Siva erkannte, daß seine Segnung für Banasura eine Störung geworden war, und so sprach er zu ihm: "O Elender! Es gelüstet dich danach, zu kämpfen, und weil du keinen Gegner hast, bist du sehr bekümmert. Du denkst zwar, es gäbe niemanden außer mir auf der Welt, der sich mit dir messen könne, doch ich sage dir, daß du zu gegebener Zeit einen solchen Gegner finden wirst. Dann sind deine Tage gezählt, und deine Siegesfahnen, die so lange wehten, werden eingezogen werden. Dann wirst du erleben, wie dein Hochmut zu einem jähen Ende kommt."

Nachdem Banasura Sivas Worte vernommen hatte, stieg ihm seine Macht erst recht zu Kopf, und die Vorstellung, eines Tages einen Gegner zu treffen, der ihn bezwingen würde, ließ in ihm ein erregtes Hochgefühl aufsteigen. Freudig kehrte er nach Hause zurück und wartete gespannt auf den Tag, an dem sein ebenbürtiger Gegner kommen würde, um seine Stärke niederzuringen. Ein solch törichter Dämon war er. Wenn törichte, dämonische Menschen durch materielle Güter übermäßig mächtig werden, wollen sie ihren Reichtum zur Schau stellen, und solche wahnsinnigen Menschen fühlen Befriedigung, wenn sie allen Reichtum verlieren. Weil diese Leute den Nutzen des Krsna-Bewußtseins nicht kennen, wissen sie nicht, welches die richtigen Ziele sind, für die sie ihre Mittel einsetzen sollten. Im Grunde gibt es nur zwei Arten von Menschen: diejenigen, die Krsna-bewußt sind, und diejenigen, die nicht Krsna-bewußt sind. Die nicht Krsna-bewußten Menschen verehren für gewöhnlich die Halbgötter, wohingegen die Krsna-bewußten Menschen der Höchsten Persönlichkeit Gottes hingegeben sind, und sie verwenden alles im Dienst des Herrn. Diejenigen dagegen, die nicht Krsna-bewußt sind, verwenden alles für Sinnenbefriedigung, und Banasura ist ein typisches Beispiel dafür. Er war sehr begierig, seine außergewöhnliche Kampfkraft zu seiner eigenen Befriedigung zu gebrauchen, und weil er keinen Gegner finden konnte, schlug er mit seinen mächtigen Händen gegen die Berge und zerstörte sie. Arjuna besaß ebenfalls eine außergewöhnliche Kampfkraft, doch im Gegensatz zu Banasura verwendete er sie ausschließlich in Krsnas Dienst.

Banasura hatte eine wunderhübsche Tochter namens Usa. Als Usa ins heiratsfähige Alter kam, träumte sie eines Nachts, als sie neben ihren vielen Freundinnen im Schlaf lag, Aniruddha sei an ihrer Seite und sie erfreue sich mit ihm einer ehelichen Beziehung, und das, obwohl sie ihn niemals zuvor gesehen oder von ihm gehört hatte. Sie erwachte aus ihrem Traum, wobei sie laut ausrief: "Mein Geliebter, wo bist du?" Aber als sie sich der Gegenwart ihrer Freundinnen bewußt wurde, geriet sie in Verlegenheit und schwieg beschämt. Eine von Usas Freundinnen war Citralekha, die Tochter des ersten Ministers in Banasuras Regierung. Die beiden Mädchen waren enge Freundinnen, und so fragte Citralekha Usa aus großer Neugier: "Meine liebe, schöne Prinzessin, bis jetzt bist du noch nicht verheiratet, und du bist auch noch niemals einem Jüngling begegnet; daher wundert es mich, wie du so etwas rufen konntest. Nach wem sehnst du dich? Wer ist dein Auserwählter?"

Usa antwortete: "Meine liebe Freundin, ich sah im Traum einen anmutigen Jüngling, der sehr, sehr schön war. Seine Hautfarbe ist schwärzlich, seine Augen gleichen den Blütenblättern einer Lotosblume, und er trägt gelbe Gewänder. Seine Arme sind sehr lang, und sein ganzes Äußeres ist so wunderbar, daß sich jedes junge Mädchen zu ihm hingezogen fühlen würde. Es macht mich sehr stolz, sagen zu können, daß dieser wunderschöne Jüngling mich küßte, und voller Zufriedenheit genoß ich den Nektar seiner Küsse. Doch leider ist er gerade danach verschwunden, so daß ich in den Strudel der Enttäuschung geworfen wurde. Meine liebe Freundin, mich verlangt es sehr danach, diesen wunderbaren Jüngling, den ersehnten Herrn meines Herzens, wiederzusehen."

Nachdem Citralekha Usas Worte gehört hatte, sprach sie sogleich: "Ich kann deinen Kummer verstehen, und ich versichere dir, wenn es diesen Jüngling irgendwo in den drei Welten, auf den oberen, mittleren oder niederen Planetensystemen, gibt, werde ich ihn finden, um dich glücklich zu machen. Wenn du dich an sein Aussehen im Traum erinnern kannst, werde ich dir den inneren Frieden zurückbringen können. Jetzt werde ich verschiedene Bilder malen, und wenn eines davon dem Jüngling, den du heiraten möchtest, gleicht, so laß es mich wissen. Wo er auch sein mag, ich kenne die Kunst, ihn hierherzubringen. Sowie du ihn wiedererkennst, werde ich für alles weitere sorgen."

Noch während Citralekha sprach, begann sie Bilder zu malen, die die Halbgötter der höheren Planetensysteme darstellten. Dann malte sie Bilder von den Gandharvas, Siddhas, Caranas, Pannagas, Daityas, Vidyadharas und Yaksas sowie auch von vielen Menschen. (Die Aussagen des Srimad-Bhagavatam und anderer vedischer Schriften beweisen eindeutig, daß es auf jedem einzelnen Planeten Lebewesen in vielfältigen Lebensformen gibt. Deshalb ist es unsinnig zu behaupten, es existierten keine anderen Lebensformen als die auf der Erde.) So malte Citralekha viele Bilder, und als sie zu den Menschen kam, malte sie schließlich auch die Angehörigen der Vrsni-Dynastie, darunter Vasudeva, Krsnas Vater, Krsnas Großvater namens Surasena, Sri Balaramaji, Sri Krsna und viele andere. Als Usa das Bild Pradyumnas sah, errötete sie ein wenig, doch als sie dann das Bild Aniruddhas erblickte, regten sich in ihr solche Gefühle, daß sie den Kopf senkte und verlegen lächelte: Dies war der Jüngling ihrer Sehnsucht, der ihr das Herz gestohlen hatte.

Usa teilte Citralekha mit, daß sie den Jüngling wiedererkenne, und obwohl beide diesen abgebildeten Jüngling noch nie gesehen hatten oder auch nur seinen Namen kannten, wußte Citralekha, die eine große mystische yogini war, sofort, daß es sich um Aniruddha, einen Enkel Krsnas, handelte. Noch in der gleichen Nacht reiste Citralekha durch den Weltraum und erreichte nach kurzer Zeit die Stadt Dvaraka, die unter dem sicheren Schutz Krsnas stand. Sie betrat den Palast und fand Aniruddha in seinem Schlafgemach, wo er auf einem prunkvollen Bett schlief. Durch ihre mystische Kraft brachte sie Aniruddha, ohne ihn zu wecken, unverzüglich nach Sonitapura, damit Usa ihren ersehnten Gemahl sehen konnte. Usa blühte vor Glück auf, als sie Aniruddha sah, denn nun war ihre Gemeinschaft kein bloßer Traum mehr.

Der Palast, in dem Usa und Citralekha lebten, war so gut befestigt, daß es keinem Mann möglich war, einzudringen oder auch nur einen Blick hineinzuwerfen. In diesem Palast lebte Usa zusammen mit Aniruddha, und Tag für Tag nahm Usas Liebe zu Aniruddha um das Vierfache zu. Sie erfreute Aniruddha mit ihrer kostbaren Gewandung und mit Blumen, Girlanden, Duftölen und Räucherstäbchen. Um Aniruddha den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, hatte Usa neben seinem Polsterdiwan viele Köstlichkeiten bereitgestellt - erfrischende Getränke wie Milch und eisgekühlte Fruchtsäfte und wohlschmeckende Zubereitungen zum Kauen oder Schlucken. Darüber hinaus erfreute sie ihn mit süßen Worten und zuvorkommenden Diensten. Aniruddha wurde von Usa verehrt, als sei er die Höchste Persönlichkeit Gottes. Durch ihren vorzüglichen Dienst ließ sie Aniruddha alles andere vergessen, und es gelang ihr, seine Aufmerksamkeit und Liebe ohne Abweichung auf sich zu ziehen. So kam es, daß Aniruddha in dieser Atmosphäre der Liebe und des Bedientwerdens nicht mehr gewahrte, wie die Tage vergingen.

Nach einiger Zeit zeigten sich an Usas Körper gewisse Veränderungen, die erkennen ließen, daß sie eine Liebesbeziehung unterhielt. Diese Veränderungen waren so eindeutig, daß Usas Geheimnis niemandem mehr verborgen bleiben konnte. Usa war in Aniruddhas Gemeinschaft immer ausgelassen, aber sie vergaß in ihrem Glück, wo die Grenzen waren. Der Hofmeister und der Wächter des Palastes konnten ohne Mühe erkennen, daß Usa ein Verhältnis mit einem Mann hatte, und ohne weitere Entwicklungen abzuwarten, benachrichtigten sie ihren Meister, Banasura. Wenn ein unverheiratetes Mädchen mit einem Mann ein Liebesverhältnis hat, bedeutet dies nach vedischer Kultur die größte Schande für die Familie, und deshalb wollte es der Wächter seinem Meister schonend beibringen, daß bei Usa Anzeichen zu bemerken seien, die darauf hinwiesen, daß sie eine entehrende Beziehung unterhalte. Die Diener, die gerufen wurden, versicherten ihrem Herrn, daß sie sich bei der Bewachung des Palastes nicht die kleinste Nachlässigkeit erlaubt hätten, denn sie seien Tag und Nacht auf der Hut. Sie seien so vorsichtig, daß ein Mann nicht einmal sehen könne, was im Palast vor sich ginge, und so sei es ihnen unerklärlich, wie Usa berührt werden konnte. Weil sie alle ratlos waren, hatten sie sich zu ihrem Herrn begeben, um ihm die ganze Angelegenheit zu schildern.

Banasura war bestürzt, als er erfuhr, daß seine Tochter ihre Jungfräulichkeit verloren hatte. Diese Neuigkeit ging ihm schwer zu Herzen, und unverzüglich eilte er zum Palast, wo Usa wohnte, und dort ertappte er Usa und Aniruddha dabei, wie sie gerade beisammensaßen und sich unterhielten. Dieser Anblick war von beeindruckender Schönheit, da Aniruddha der Sohn Pradyumnas, des Liebesgottes in Person, war. Obwohl Banasura bemerkte, daß Usa und Aniruddha ein wunderbares Paar ergaben, billigte er diese Beziehung nicht im geringsten, denn sie schändete seine Familienehre. Er wußte zwar nicht, wer der Jüngling war, aber er mußte zugeben, daß Usa niemanden innerhalb der drei Welten hätte wählen können, der schöner gewesen wäre. Aniruddhas Körpertönung war dunkel und strahlend; er trug gelbe Gewänder und hatte Augen wie die Blütenblätter eines Lotos. Seine Arme waren sehr lang, und sein Haupt zierten elegante, bläuliche Locken. Die hellen Strahlen von seinen funkelnden Ohrringen und sein schönes Lächeln waren ohne Zweifel betörend. Trotz allem war Banasura außer sich vor Zorn.

Als Banasura also in das Gemach stürzte und Aniruddha erblickte, vergnügte sich dieser gerade mit Usa. Aniruddha war prächtig gekleidet, und Usa hatte ihn mit vielen schönen Blumen bekränzt. Rotes kunkuma-Puder, das die Frauen auf ihren Brüsten tragen, haftete auf Aniruddhas Blumengirlande, was verriet, daß Usa ihn umarmt hatte. Banasura konnte es nicht fassen, daß Aniruddha trotz seiner Gegenwart gelassen vor Usa sitzen blieb. Doch Aniruddha war sich sehr wohl bewußt, daß sein zukünftiger Schwiegervater alles andere als erfreut war und daß dieser bereits den ganzen Palast mit Soldaten besetzt hatte, die nur darauf warteten, ihn anzugreifen.

Weil Aniruddha keine andere Waffe finden konnte, ergriff er eine mächtige Eisenstange und stellte sich vor Banasura und seine Soldaten. Er sah so entschlossen aus, daß kein Zweifel darüber bestand, daß er alle Soldaten niederstrecken würde, wenn sie es wagen sollten, ihn anzugreifen. Als Banasura und seine Soldaten dem jungen Aniruddha gegenüberstanden, erschien er ihnen wie der Herr des Todes, der seinen unbezwingbaren Stab in der Hand hält. Auf Banasuras Befehl hin versuchten die Soldaten von allen Seiten, ihn zu ergreifen und gefangenzunehmen, doch als sie es wagten, Aniruddha nahezukommen, verteidigte sich dieser mit seiner Eisenstange und zerschlug ihnen die Köpfe, Beine und Arme, so daß einer nach dem anderen zu Boden stürzte. Aniruddha glich dem Anführer eines Falkenschwarms, der sich auf bellende Hunde stürzt und sie einen nach dem anderen tötet. Auf diese Weise gelang es Aniruddha, aus dem Palast zu entkommen. Banasura kannte jedoch viele Kampfkünste, und durch eine Segnung Sivas wußte er auch, wie man Feinde mit einer nagapasa, einer Schlange, die als Schlinge dient, fangen kann. Mit dieser Falle gelang es Banasura, Aniruddha zu fangen, gerade als er den Palast verlassen wollte. Als Usa erfuhr, daß Aniruddha in die Gewalt ihres Vaters geraten war, wurde sie von Kummer und Bestürzung überwältigt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und da sie sich nicht mehr zu beherrschen vermochte, begann sie laut zu weinen.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 61. Kapitel des Krsna-Buches: "Die Begegnung Usas mit Aniruddha".