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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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62. Kapitel: Sri Krsna kämpft mit  Banasura

Als die vier Monate der Regenzeit verstrichen waren und Aniruddha immer noch nicht nach Hause zurückgekehrt war, gerieten die Mitglieder der Yadu-Dynastie in große Sorge. Sie konnten sich nicht erklären, wo Aniruddha geblieben war. Glücklicherweise erschien eines Tages der große Weise Narada Muni und verriet ihnen alles, was geschehen war - wie Aniruddha aus dem Palast verschwand und nach Sonitapura, der Hauptstadt von Banasuras Königreich, gebracht wurde, bis hin zu Aniruddhas Sieg über Banasuras Soldaten und seiner Gefangennahme durch Banasuras nagapasa-Falle. Auf diese Weise erzählte Narada Muni die ganze Geschichte, ohne irgend etwas auszulassen. Daraufhin trafen die Angehörigen der Yadu-Dynastie, die alle große Zuneigung zu Krsna empfanden, Vorbereitungen, um die Stadt Sonitapura anzugreifen. Pradyumna, Satyaki, Gada, Samba, Sarana, Nanda, Upananda und Bhadra sowie alle anderen Führer der Familie, von denen kaum einer fehlte, schlossen sich zusammen und stellten eine Schlachtreihe von achtzehn aksauhini-Kampfeinheiten auf. Dann zogen sie alle nach Sonitapura und umzingelten die Stadt mit Soldaten, Elefanten, Pferden und Streitwagen.

Als Banasura gemeldet wurde, daß die Soldaten der Yadu-Dynastie seine Stadt bestürmten und schon einige Mauern, Tore und umliegende Parkanlagen zerstört hatten, wurde er sehr zornig und befahl seinen Soldaten, die dem Yadu-Heer zahlenmäßig ebenbürtig waren, auszurücken und dem Feind entgegenzutreten. Weil Siva Banasura so wohlgesinnt war, erschien er zusammen mit seinen heldenhaften Söhnen Karttikeya und Ganapati persönlich auf dem Schauplatz und führte Banasuras Streitmächte als Oberbefehlshaber an. Siva saß auf dem Rücken seines Lieblingsstieres Nandisvara, und von dort aus führte er die Schlacht gegen Sri Krsna und Balarama an. Wir können uns kaum vorstellen, wie erbittert diese Schlacht war - Siva und seine kühnen Söhne auf der einen Seite und Sri Krsna, die Höchste Persönlichkeit Gottes, mit Seinem älteren Bruder Sri Balaramaji auf der anderen. Die Schlacht nahm so gewaltige Ausmaße an, daß denjenigen, die sie sahen, vor Entsetzen die Haare zu Berge standen. Siva kämpfte direkt mit Sri Krsna; Pradyumna kämpfte mit Karttikeya, und Sri Balarama kämpfte mit Banasuras Heerführer Kumbhanda, der von Kupakarna Beistand erhielt. Samba, der Sohn Krsnas, nahm den Kampf gegen Banasuras Sohn auf, und Banasura selbst kämpfte mit Satyaki, dem Oberbefehlshaber der Yadu-Dynastie. Auf diese Weise tobte die Schlacht hin und her.

Die Nachricht von der Schlacht verbreitete sich durch das ganze Universum. Halbgötter wie Brahma, große Heilige und Weise, Siddhas, Caranas und Gandharvas verließen die höheren Planetensysteme und schwebten in ihren Himmelsflugzeugen über dem Schlachtfeld, da sie alle äußerst begierig waren, dem Kampf zwischen Siva und Sri Krsna und ihren Streitmächten zuzusehen. Ein anderer Name Sivas lautet Bhutanatha, denn er wird stets, wie auch in dieser Schlacht, von verschiedenen Arten mächtiger Geister und Bewohner des Infernos unterstützt, wie von den bhutas, pretas, pramathas, guhyakas, dakinis, pisacas, kusmandas, vetaIas, vinayakas und brahma-raksasas. (Von allen Geistern sind die brahma-raksasas die mächtigsten. Es sind brahmanas, die den Körper von Geistern annehmen mußten.)

Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Sri Krsna, vertrieb all diese Geister vom Schlachtfeld, indem Er sie einfach mit Seinem berühmten Bogen namens Sarngadhanu angriff. Siva griff daraufhin zu seinen wirksamsten Waffen und feuerte sie auf die Höchste Persönlichkeit Gottes ab, doch Sri Krsna wehrte sie alle mühelos mit den entsprechenden Gegenwaffen ab. So begegnete Er der brahmastra, einer Waffe, die mit der Atombombe vergleichbar ist, mit einer anderen brahmastra und einer Windwaffe mit einer Bergwaffe. Das heißt, als Siva eine Waffe abschoß, die einen heftigen Wirbelsturm auf dem Schlachtfeld hervorrief, setzte Sri Krsna ihr genau das entgegengesetzte Element entgegen, nämlich eine Bergwaffe, die den Wirbelsturm augenblicklich abblockte. Und als Siva mit seiner nächsten Waffe ein vernichtendes Feuer entfachte, machte Krsna es mit Regengüssen unschädlich.

Als Siva zuletzt seine persönliche Waffe, die pasupata-sastra, losfeuerte, vernichtete Krsna sie auf der Stelle mit Seiner narayana-sastra. Dieser Verlust er- schütterte Siva, und Krsna nahm sogleich die Gelegenheit wahr, um Seine Gähnwaffe abzuschießen. Diese Waffe macht die Gegner so müde, daß sie anfangen zu gähnen und den Kampf einstellen. Siva wurde tatsächlich so müde, daß er sich weigerte, weiterzukämpfen. Daher konnte Krsna nun Seine Aufmerksamkeit auf Banasura richten, und so machte Er Sich daran, die Soldaten von Banasuras Eskorte mit Schwertern und Keulen zu töten. An einer anderen Stelle kämpfte Sri Krsnas Sohn Pradyumna erbittert mit Karttikeya, dem Oberbefehlshaber der Halbgötter. Karttikeya war bereits stark verletzt, und er blutete aus vielen Wunden. Deshalb sah auch er sich gezwungen, das Schlachtfeld zu verlassen, und ritt auf dem Rücken seines Pfaus davon. Ebenso erfolgreich kämpfte Sri Balarama, und Seine Opfer waren Kumbhanda, Banasuras General, und Kupakarna. Im Laufe der Schlacht waren beide unter Balaramas Keulenschlägen zusammengebrochen, wobei der General nicht mit dem Leben davon gekommen war. Nunmehr führerlos, verstreuten sich Banasuras Soldaten in alle Richtungen.

Als Banasura erkannte, daß seine Soldaten und Befehlshaber geschlagen waren, steigerte sich seine Wut nur noch mehr. Er hielt es für klug, zu diesem Zeitpunkt vom Kampf mit Satyaki, dem General Krsnas, abzulassen und statt dessen direkt Sri Krsna anzugreifen. Nun hatte er endlich Gelegenheit, von seinen tausend Händen Gebrauch zu machen: Er stürzte auf Krsna zu und schoß von seinen fünfhundert Bogen gleichzeitig zweitausend Pfeile ab. Ein solcher Narr kann niemals verstehen, wie groß Krsnas Stärke ist. Krsna wehrte diesen Angriff ohne jede Schwierigkeit ab und schoß Seinerseits jeden von Banasuras Bögen entzwei, und um seine Schnelligkeit zu schwächen, streckte Er Banasuras Pferde nieder, worauf auch sein Streitwagen in Stücke brach. Nach dieser Tat blies Krsna in Sein Muschelhorn Pancajanya.

Banasura hatte stets eine Halbgöttin namens Kotara verehrt, und zwischen ihnen bestand eine Beziehung wie zwischen Mutter und Sohn. Mutter Kotara war sehr erregt, als sie sah, daß Banasura in Lebensgefahr schwebte. So erschien sie plötzlich auf dem Schlachtfeld und trat nackt und mit wirrem Haar vor Krsna. Sri Krsna war der Anblick dieser nackten Frau zuwider, und um sie nicht sehen zu müssen, wandte Er Sein Gesicht ab. Banasura nutzte sofort diese Gelegenheit und verließ das Schlachtfeld, um Krsnas Angriff zu entgehen. Alle seine Bogensehnen waren durchtrennt, und kein einziger Streitwagen oder Wagenlenker stand ihm mehr zur Verfügung; es blieb ihm also nichts anderes übrig, als in die Stadt zurückzukehren. Alles hatte er in der Schlacht verloren.

Schließlich konnten sich auch die letzten der Gesellen Sivas, die Kobolde und die geisterhaften bhutas, pretas und ksatriyas, nicht mehr Krsnas Pfeilen erwehren, und so verließen sie das Schlachtfeld. Da unternahm Siva einen letzten Versuch, und er setzte seine tödlichste Waffe, den Sivajvara, ein, die durch ungeheure Hitze alles vernichtet. Es heißt, daß die Sonne am Ende der Schöpfung zwölfmal so heiß wird wie gewöhnlich, und diese Hitze, die zwölfmal stärker ist als die der Sonne, bezeichnet man als Sivajvara. Der Sivajvara in Person, der von Siva losgelassen wurde, hatte drei Köpfe und drei Beine, und als er auf Krsna zukam, schien alles um ihn herum in Feuer aufzugehen. Er war so mächtig, daß mit jedem seiner Schritte gewaltige Feuerwogen in alle Richtungen davonschossen, und Krsna bemerkte, daß er geradewegs auf Ihn zukam.

So wie es eine Sivajvara-Waffe gibt, gibt es auch eine Narayanajvara-Waffe, die sich durch extreme Kälte auszeichnet. Extreme Hitze kann noch irgendwie ertragen werden, doch bei extremer Kälte kommt alles zum Erliegen. Dies wird zum Zeitpunkt des Todes erfahren, denn in dieser Situation steigt die Körpertemperatur zunächst auf 42 Grad an, doch dann bricht der ganze Organismus zusammen, und der Körper wird im Nu so kalt wie Eis. Um der sengenden Hitze des Sivajvara entgegenzuwirken, gab es keine andere Waffe als den Narayanajvara.

Als Sri Krsna sah, daß Siva den Sivajvara losgelassen hatte, blieb Ihm keine andere Wahl, als Narayanajvara einzusetzen. Sri Krsna ist der ursprüngliche Narayana, und als solcher ist Er der Gebieter der Narayanajvara-Waffe. Sowie der Narayanajvara zum Einsatz kam, begann ein heftiger Kampf zwischen den beiden jvaras. Wenn äußerste Hitze auf äußerste Kälte trifft, ist es die natürliche Folge, daß sich die Hitze allmählich verringert, und dies war auch im Kampf zwischen Sivajvara und Narayanajvara der Fall. Sivajvara mußte erkennen, daß seine Hitze allmählich nachließ, und so rief er Siva um Hilfe an, doch Siva war nicht in der Lage, ihm in der Gegenwart des Narayanajvara zu helfen. Nun, da der Sivajvara von Siva keine Hilfe erhoffen konnte, erkannte er, daß es für ihn keinen anderen Ausweg gab, als sich Narayana, Sri Krsna Selbst, zu ergeben. Wenn nicht einmal Siva, der größte Halbgott, mächtig genug war, um ihm zu helfen, was hätte er dann von den untergeordneten Halbgöttern erwarten können? So kam Sivajvara schließlich zum Entschluß, sich Krsna zu ergeben, und er verneigte sich vor Krsna und brachte Ihm ein Gebet dar, um den Herrn zu erfreuen und Ihn um Schutz zu bitten.

Dieser Kampf zwischen Sivas und Krsnas gewaltigsten Waffen bestätigt, daß jemand, der von Krsna beschützt wird, von niemandem getötet werden kann und daß jemand, der nicht unter Krsnas Schutz steht, von niemandem gerettet werden kann. Siva wird Mahadeva, der größte der Halbgötter, genannt, obwohl manchmal auch Brahma als der größte Halbgott bezeichnet wird, weil er die Macht hat zu erschaffen; Siva auf der anderen Seite hat die Macht, Brahmas Schöpfungen zu vernichten. Auf jeden Fall sind sowohl Brahma als auch Siva nicht in der Lage, mehr als eine Funktion auszuüben: Brahma erschafft, und Siva vernichtet, aber keiner von ihnen kann die Schöpfung erhalten. Sri Visnu dagegen erhält nicht nur, sondern erschafft und vernichtet auch. Im Grunde genommen wird die Schöpfung nämlich nicht von Brahma bewirkt, denn Brahma selbst wird von Sri Visnu erschaffen. Siva seinerseits geht von Brahma aus, das heißt, er wird von ihm geboren. Daher erkannte Sivajvara, daß ihm niemand außer Krsna, Narayana, helfen konnte. Deshalb tat er das einzig Richtige und suchte bei Sri Krsna Zuflucht, und mit gefalteten Händen brachte er Ihm Gebete dar.

"Lieber Herr, ich bringe Dir meine achtungsvollen Ehrerbietungen dar, denn Du besitzt unbegrenzte Kräfte. Niemand kann Deine Kräfte übertreffen, und deshalb bist Du der Herr eines jeden. Im allgemeinen halten die Menschen Siva für die mächtigste Persönlichkeit in der materiellen Welt; doch Siva ist nicht allmächtig. Die Wahrheit ist, daß Du der Allmächtige bist. Du bist das ursprüngliche Bewußtsein, und Du bist das ursprüngliche Wissen. Ohne Wissen und Bewußtsein kann nichts Macht entfalten. Einem materiellen Objekt mag noch so große Macht innewohnen, doch ohne die Berührung mit Bewußtsein und Wissen kann es nicht in Funktion treten. Eine materielle Maschine mag noch so kompliziert und gigantisch sein, aber ohne von jemandem, der Wissen und Bewußtsein besitzt, betrieben zu werden, ist diese materielle Maschine tot und nutzlos. O Herr, Du bist das vollkommene Wissen, und in Deiner Persönlichkeit gibt es nicht die geringste Spur von materieller Verunreinigung. Siva und Brahma sind zweifellos mächtige Halbgötter, da sie die Macht besitzen, die gesamte Schöpfung zu vernichten bzw. zu erschaffen, doch in Wirklichkeit sind weder Brahma noch Siva die Ursache der kosmischen Manifestation. Du bist die Absolute Wahrheit, das Höchste Brahman, und Du bist die ursprüngliche Ursache. Deshalb ist es falsch, zu sagen, daß die unpersönliche Brahman-Ausstrahlung die ursprüngliche Ursache der kosmischen Manifestation sei; vielmehr ist es so, daß dieses unpersönliche Brahman von Deiner Persönlichkeit ausgeht. Die Bhagavad-gita bestätigt ebenfalls, daß Sri Krsna die Ursache des unpersönlichen Brahmans ist. Die Brahman-Ausstrahlung wird mit dem Sonnenlicht verglichen, das vom Sonnenplaneten ausgeht. Deshalb kann das unpersönliche Brahman nicht die endgültige Ursache sein. Die endgültige Ursache aller Dinge ist die höchste, ewige Gestalt Krsnas. Alle materiellen Aktionen und Reaktionen finden im unpersönlichen Brahman statt, doch im persönlichen Brahman, in der ewigen Gestalt Krsnas, gibt es weder Aktion noch Reaktion. Mein lieber Herr, Dein Körper ist daher von vollkommenem Frieden und von vollkommener Glückseligkeit erfüllt, und er ist frei von aller materiellen Verunreinigung."

"Im materiellen Körper finden Aktionen und Reaktionen der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur statt, und hinzu kommt als wichtigster Faktor die Zeit, die allen anderen Elementen übergeordnet ist, da die gesamte materielle Manifestation aufgrund der Wirkung der Zeit in Erscheinung tritt. Auf diese Weise entsteht die materielle Erscheinungswelt, und diese Erscheinungen der materiellen Natur ziehen sofort fruchtbringende Handlungen nach sich. Als Ergebnis dieser fruchtbringenden Handlungen nimmt das Lebewesen eine bestimmte Lebensform an und entwickelt damit auch eine besondere Wesensart; auf diese Weise wird das Lebewesen von einem feinstofflichen und einem grobstofflichen Körper bedeckt, der aus der Lebensluft, dem Ego, den zehn Sinnesorganen, dem Geist und den fünf grobstofflichen Elementen besteht. Diese Faktoren bilden eine bestimmte Art von Körper, der dann die Wurzel oder Ursache verschiedener anderer Körper wird, die die Seele im Kreislauf von Geburt und Tod durchläuft. All diese Phänomene entstehen aus der Wechselwirkung Deiner materiellen Energie. Du bist die Ursache dieser äußeren Energie, aber Du wirst von den Aktionen und Reaktionen der verschiedenen Elemente nicht berührt. Du befindest Dich jenseits des Diktats der materiellen Energie, und deshalb stellst Du den höchsten Frieden dar. Dich zu erreichen ist der höchste Aspekt der Freiheit von materieller Verunreinigung. Daher gebe ich jede andere Zuflucht auf und suche allein bei Deinen Lotosfüßen Schutz."

"Mein lieber Herr, Dein Erscheinen als Vasudevas Sohn in der Rolle eines Menschen ist eines Deiner transzendentalen Spiele, die Du in Deiner absoluten Freiheit durchführst. Um die Gottgeweihten zu segnen und die Nichtgottgeweihten zu vernichten, erscheinst Du in mannigfachen Inkarnationen. All diese Inkarnationen steigen in die materielle Welt hinab, so wie Du es in der Bhagavad-gita versprochen hast, wo Du sagst, daß Du immer dann erscheinst, wenn die Menschen vom Pfad des spirituellen Fortschritts abweichen. Wenn durch irreligiöse Prinzipien Störungen auftreten, erscheinst Du, o Herr, kraft Deiner inneren Energie, um in erster Linie die Halbgötter und die spirituell interessierten Menschen zu beschützen und zu versorgen sowie die Gültigkeit der Gesetze und der Ordnung in der materiellen Welt aufrechtzuerhalten. Dabei richtest Du es gleichzeitig ein, daß die Schurken und Dämonen so bestraft werden, wie sie es verdienen. Dies ist nicht das erste Mal, daß Du in die materielle Welt hinabgestiegen bist, ja Du bist bereits viele, viele Male zuvor erschienen."

"Mein lieber Herr, bitte gestatte mir, darauf hinzuweisen, daß ich durch Deinen Narayanajvara sehr hart bestraft worden bin. Er hat zweifellos eine kühlende Wirkung, doch zugleich ist er sehr gefährlich und für uns alle unerträglich. Mein lieber Herr, das Lebewesen, das einen materiellen Körper angenommen hat, steht unter dem Bann materieller Wünsche, so daß es das Krsna-Bewußtsein vergißt, und weil es nichts von der endgültigen Zuflucht Deiner Lotosfüße weiß, ist es den drei leidvollen Bedingungen der materiellen Natur unterworfen. Weil man sich Dir nicht hingibt, muß man endlos weiterleiden."

Als Sri Krsna die Worte des Sivajvara vernommen hatte, antwortete Er: "O Dreiköpfiger, deine Worte haben Mich sehr erfreut. Sei getrost, daß dir der Narayanajvara kein Leid mehr zufügen wird. Und es ist nicht nur so, daß du dich nicht mehr zu fürchten brauchst, sondern jeder, der sich in Zukunft an diesen Kampf zwischen Sivajvara und Narayanajvara erinnert, wird ebenfalls von allen Arten der Furcht frei sein." Nach dieser Antwort brachte der Sivajvara den Lotosfüßen der Höchsten Persönlichkeit Gottes seine achtungsvollen Ehrerbietungen dar und entfernte sich dann.

In der Zwischenzeit war es Banasura irgendwie gelungen, sich von seiner Niederlage zu erholen, und er nahm mit neuer Kraft den Kampf wieder auf. Diesmal hatte sich Banasura mit den vielseitigsten Waffen ausgerüstet, und rasend vor Wut stürmte er auf Sri Krsna zu, der auf Seinem Streitwagen saß. Mit seinen tausend Armen ließ der zornige Banasura ein ganzes Arsenal von Waffen auf Sri Krsna niederregnen, und als Sri Krsna sah, wie all diese Waffen auf Ihn zugeschossen kamen, so dicht wie die Wasserstrahlen aus einer Brause, griff Er zu Seinem Feuerrad, dem scharfen Sudarsana-cakra, und schnitt dem Dämon einen Arm nach dem anderen ab, genau wie ein Gärtner mit einer Schere die Zweige eines Baumes stutzt. Als Siva sah, daß sein Geweihter Banasura trotz seiner Gegenwart nicht gerettet werden konnte, kam er wieder zur Vernunft und trat persönlich vor Sri Krsna, um Ihn durch das folgende Gebet zu besänftigen.

Siva sagte: "O mein Herr, alle vedischen Hymnen haben das Ziel, Dich zu verehren. Wer Dich nicht kennt, hält das unpersönliche brahmajyoti für die endgültige Höchste Absolute Wahrheit, ohne zu wissen, daß Du Dich hinter Deiner spirituellen Ausstrahlung in Deinem ewigen Reich aufhältst. Deshalb wirst Du, o Herr, param brahman genannt, ein Wort, das auch in der Bhagavad-gita verwendet wird, um Deine Identität zu beschreiben. Die Heiligen, die ihre Herzen völlig von aller materiellen Verschmutzung gereinigt haben, können Deine transzendentale Gestalt wahrnehmen, obwohl Du alldurchdringend wie der Himmel bist und von keinem materiellen Objekt berührt wirst. Nur Deine Geweihten können Dich sehen, und niemand sonst. Nach der Auffassung, die die Unpersönlichkeitsphilosophen von der Form Deiner höchsten Existenz haben, ist der Himmel Dein Nabel, das Feuer Dein Mund und das Wasser Dein Samen. Die himmlischen Planeten sind Dein Kopf, die Himmelsrichtungen sind Deine Ohren, der Planet Urvi stellt Deine Lotosfüße dar, der Mond ist Dein Geist, und die Sonne ist Dein Auge. Was mich betrifft, so stelle ich Dein Ego dar. Der Ozean stellt Deinen Bauch dar und der Himmelskönig Indra Deine Arme. Die Bäume und Pflanzen sind die Haare auf Deinem Körper, die Wolken sind das Haar auf Deinem Haupt, und Brahma ist Deine Intelligenz. All die großen Stammväter, die Prajapatis, sind Deine symbolischen Repräsentanten, und Religion ist Dein Herz. Auf diese Weise wird der unpersönliche Aspekt Deines absoluten Körpers wahrgenommen, doch Du Selbst bist letztlich die Höchste Person. Der unpersönliche Aspekt Deines erhabenen Körpers ist nur eine kleine Erweiterung Deiner Energie. Du wirst mit dem ursprünglichen Feuer verglichen, und all Deine Erweiterungen sind wie Licht und Wärme, die von diesem Feuer ausgehen."

Siva fuhr fort: "Mein lieber Herr, obwohl Du Dich universal manifestierst, sind die verschiedenen Teile des Universums bestimmte Teile Deines Körpers; durch Deine unermeßliche Energie ist es Dir möglich, Dich gleichzeitig lokalisiert und universal zu manifestieren. In diesem Zusammenhang wird in der Brahma-samhita erklärt, daß Du, obwohl Du immer in Deinem Reich Goloka Vrndavana weilst, trotzdem überall gegenwärtig bist. Und in der Bhagavad-gita heißt es, daß Du erscheinst, um die Gottgeweihten zu beschützen, was für das gesamte Universum glückverheißend ist. Die Halbgötter sind nur durch Deine Gnade in der Lage, die verschiedenen Angelegenheiten im Universum zu regeln. Dies bedeutet, daß auch die sieben höheren Planetensysteme nur durch Deine Gnade erhalten werden. Am Ende der Schöpfung gehen alle Manifestationen Deiner Energien in Dich ein, ganz gleich, ob sie die Form von Halbgöttern, Menschen oder Tieren haben; dann ruhen alle unmittelbaren und mittelbaren Ursachen der kosmischen Manifestation in Dir und verlieren alle unterschiedlichen Daseinsmerkmale. Im absoluten Sinne kann man zwischen Dir und allem, was sich auf gleicher Ebene mit Dir befindet oder Dir untergeordnet ist, keine Unterschiede machen, denn Du bist gleichzeitig sowohl der Ursprung der kosmischen Manifestation als auch ihre Bestandteile. Du bist das höchste Ganze, der Eine ohne einen zweiten. In der manifestierten Erscheinungswelt gibt es drei verschiedene Zustände der Existenz: die Stufe des Bewußtseins, die Stufe des Halbbewußtseins, d.h. des Träumens, und die Stufe der Bewußtlosigkeit. Doch Du, o Herr, bist transzendental zu all diesen materiellen Daseinsstufen. Daher befindest Du Dich in einer vierten Dimension, und Dein Erscheinen und Fortgehen sind von nichts anderem abhängig als von Dir Selbst. Du bist die höchste Ursache von allem, doch für Dich gibt es keine Ursache. Du allein verursachst Dein Erscheinen und Fortgehen. Trotz Deiner transzendentalen Stellung, o Herr, bist Du kraft Deiner persönlichen Manifestation in verschiedenen Inkarnationen als Fisch, Schildkröte, Eber, Nrsimiha, Kesava usw. erschienen, um vor aller Welt Deine sechs Füllen zu entfalten und Deine transzendentalen Eigenschaften zu offenbaren; darüber hinaus bist Du durch Deine abgesonderten Manifestationen in Form der verschiedenen Lebewesen erschienen. Durch Deine innere Energie erscheinst Du als die verschiedenen Inkarnationen Visnus, und durch Deine äußere Energie erscheinst Du als die Erscheinungswelt."

"Wenn der Himmel bewölkt ist, meint der gewöhnliche Mensch, die Sonne sei verdeckt; aber in Wirklichkeit ist es die Sonne, die mit ihren Strahlen die Wolken erzeugt hat, und selbst wenn der Himmel voller Wolken ist, können diese Wolken niemals die Sonne verdecken. Ebenso behaupten die weniger intelligenten Menschen, es gäbe keinen Gott; doch diejenigen Menschen, die mit tatsächlichem Wissen erleuchtet sind, können angesichts der Manifestation der verschiedenen Lebewesen und ihrer Tätigkeiten in allem Deine Gegenwart wahrnehmen, in jedem Atom und in den Manifestationen Deiner äußeren und marginalen Energie. Das Wirken Deiner unbegrenzten Energien kann nur von den fortgeschrittensten Gottgeweihten wahrgenommen werden, aber diejenigen, die unter dem Bann Deiner äußeren Energie stehen, identifizieren sich mit der materiellen Welt und entwickeln Anhaftung an Gesellschaft, Freundschaft und Liebe. Auf diese Weise rennen sie in die Arme der dreifachen Leiden des materiellen Daseins und geraten unter den Einfluß der Dualität von Glück und Leid. Sie treiben im Ozean der Anhaftungen und versinken darin, um dann wieder herausgerissen zu werden."

"Mein lieber Herr, nur durch Deine Barmherzigkeit und Gnade erhält das Lebewesen die menschliche Form des Lebens, die ihm die Möglichkeit bietet, dem leidvollen Zustand der materiellen Existenz zu entkommen. Wenn man aber als Mensch seine Sinne nicht zu beherrschen vermag, wird man von den Wellen der Sinnenbefriedigung verschlungen, und so ist es einem nicht mehr möglich, bei Deinen Lotosfüßen Zuflucht zu suchen und sich in Deinem hingebungsvollen Dienst zu beschäftigen. Das Leben eines solchen Menschen ist sehr elend, und jeder, der ein derartiges Leben in Dunkelheit führt, betrügt zweifellos sich selbst und somit auch andere. Aus diesem Grunde ist die menschliche Gesellschaft ohne Krsna-Bewußtsein eine Gesellschaft von Betrügern und Betrogenen."

"O Herr, Du bist die Überseele aller Lebewesen, das höchste Ziel aller Liebe, und Du bist der höchste Beherrschende aller Dinge. Unter der Macht der Illusion fürchtet sich der Mensch vor dem Tod, aber weil er ausschließlich dem materiellen Genuß ergeben ist, nimmt er freiwillig das leidvolle materielle Dasein auf sich und rennt dem Irrlicht der Sinnenbefriedigung nach. Ein solcher Mensch ist zweifellos der größte Narr, denn er trinkt Gift und weist den Nektar zurück. Mein lieber Herr, alle Halbgötter, einschließlich meinerselbst und Brahmas, sowie alle großen Heiligen und Weisen, deren Herz von materieller Anhaftung gereinigt ist, haben durch Deine Gnade rückhaltlos bei Deinen Lotosfüßen Zuflucht gesucht. Wir alle haben uns Deinen Lotosfüßen ergeben, weil wir Dich als den Höchsten Herrn erkannt haben; Du bist unser ein und alles, das einzige Ziel unserer Liebe. Du bist die ursprüngliche Ursache der kosmischen Mani- festation. Du bist ihr höchster Erhalter, und Du bist auch die Ursache ihrer Auflösung. Du bist jedem gleichgesinnt, o höchster Freund, der Du allen Lebewesen Frieden spendest. Du bist für jeden von uns das höchste Ziel aller Verehrung. Mein lieber Herr, bitte beschäftige uns immer in Deinem transzendentalen hingebungsvollen Dienst, so daß wir von der materiellen Verstrickung frei werden können."

"Zum Schluß, o Herr, erlaube mir, Dir zu sagen, daß mir Banasura sehr lieb ist. Er erwies mir wertvolle Dienste, und deshalb möchte ich ihn immer glücklich sehen. Da ich mit Banasura zufrieden war, versprach ich ihm Sicherheit vor allen Gefahren. O Herr, erhöre daher meine Bitte und finde Gefallen an ihm, so wie Du an seinen Vorfahren, König Prahlada und Bali Maharaja, Gefallen gefunden hast."

Als Sri Krsna diese Gebete Sivas gehört hatte, sprach Er Seinerseits Siva auch mit "Herr" an und sagte: "Lieber Herr, Siva, Ich stimme deinen Worten zu, und ebenso werde Ich Banasura verschonen, wie es dein Wunsch ist. Ich weiß, daß Banasura der Sohn Bali Maharajas ist, und deshalb kann Ich ihn nicht töten, denn sonst würde Ich Mein Versprechen, das Ich König Prahlada gegeben habe, brechen. Vor langer Zeit gab Ich ihm nämlich die Segnung, niemals einen asura, der in seiner Familie erscheinen würde, zu töten. Deshalb habe Ich Banasura nicht getötet, sondern ihm einfach nur die Arme abgetrennt, um seinem Hochmut ein Ende zu bereiten. Seine gewaltigen Legionen lasteten schwer auf der Erde, und um die Erde von dieser Bürde zu befreien, habe Ich alle seine Soldaten getötet. Nun besitzt Banasura noch vier Arme, und er wird unsterblich bleiben, ohne jemals von materiellen Leiden oder Freuden berührt zu werden. Ich weiß, daß er einer deiner größten Geweihten ist, und so versichere Ich dir, daß er künftig nichts mehr zu befürchten hat."

Als Banasura auf diese Weise von Sri Krsna gesegnet wurde, trat er vor den Herrn und verneigte sich vor Ihm, indem er mit dem Haupt die Erde berührte. Er sorgte augenblicklich dafür, daß Aniruddha sowie auch seine Tochter Usa in einer prächtigen Kutsche herbeigebracht wurden, und führte sie vor Sri Krsna, der das junge Paar, das inzwischen durch Sivas Segen materiell sehr reich ge- worden war, in Seine Obhut nahm. Darauf schickte Sri Krsna eine aksauhini-Einheit von Soldaten voraus und machte Sich zusammen mit den anderen ebenfalls auf den Rückweg nach Dvaraka. Die Kunde, daß Sri Krsna zusammen mit Usa und Aniruddha Seine siegreiche Heimkehr angetreten hatte, erreichte schnell die Bewohner Dvarakas, und so schmückten sie jeden Winkel der Stadt mit Fahnen, Girlanden und Blumenketten. Alle großen Straßen und Kreuzungen wurden sorgfältig gereinigt und mit Sandelholzwasser besprengt, so daß sich überallhin der Duft von Sandelholz verbreitete. Alle Bürger versammelten sich zusammen mit ihren Freunden und Verwandten, und als Sri Krsna Dvaraka erreichte, bereitete Ihm diese gewaltige jubelnde Menschenmenge einen triumphalen Empfang. Fanfaren ertönten, und gleichzeitig wurden unzählige Muschelhörner geblasen und Trommeln geschlagen, um den Herrn zu begrüßen. So hielt Krsna, die Höchste Persönlichkeit Gottes, Einzug in Seine Hauptstadt, Dvaraka.

Sukadeva Gosvami versicherte König Pariksit, daß die Erzählung von der Schlacht zwischen Siva und Krsna in keiner Weise unheilvoll sei wie die Schilderungen gewöhnlicher Kriege; vielmehr werde jeder, der sich morgens an die Beschreibung dieser Schlacht erinnere und sich über Sri Krsnas Sieg freue, in seinem Lebenskampf niemals eine Niederlage erleiden.

Banasuras Kampf mit Krsna und seine spätere Rettung durch die Gnade Sivas bestätigen die Aussage der Bhagavad-gita, daß die Verehrer der Halbgötter ohne die Einwilligung Krsnas, des Höchsten Herrn, keine Segnung empfangen können. Banasura war ein großer Geweihter Sivas, doch wie wir gesehen haben, war Siva nicht in der Lage, Banasura zu beschützen, als Krsna ihn mit dem Tod bedrohte. Vielmehr mußte Siva sich persönlich an Krsna wenden und Ihn bitten, seinen Geweihten zu verschonen, und erst dann konnte Banasura - mit Krsnas Einwilligung - gerettet werden. Das ist Sri Krsnas Stellung. Wörtlich heißt es in diesem Zusammenhang in der Bhagavad-gita: mayaiva vihitan hi tan. Dies bedeutet, daß kein Halbgott ohne die Einwilligung des Höchsten Herrn seinem Verehrer eine Segnung geben kann.

Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 62. Kapitel des Krsna-Buches: "Sri Krsna kämpft mit Banasura".