König Pariksit stellte Sukadeva Gosvami als nächstes
eine Frage über ein Thema, das für das Verstehen der
spirituellen Philosophie von großer Bedeutung ist. Diese
Frage lautete: "Das vedische Wissen behandelt
hauptsächlich die drei Erscheinungsweisen der materiellen
Natur - wie kann es dann also die Transzendenz erfassen,
die jenseits der Reichweite der materiellen Erscheinungsweisen liegt? Der Geist ist materiell, und Worte sind
materielle Klangschwingungen - wie also kann sich das
vedische Wissen, das mit materiellen Klangschwingungen
die Gedanken des Geistes ausdrückt, mit dem Thema der
Transzendenz befassen? Um ein Objekt zu beschreiben,
muß man seinen Ursprung, seine Eigenschaften und sein
Wirken beschreiben, und dies ist nur möglich, indem man
materielle Worte gebraucht, die die Gedanken des
materiellen Geistes ausdrücken. Unser
Ausdrucksvermögen geht nicht über den Bereich der
materiellen Eigenschaften hinaus, aber das Brahman, die
Absolute Wahrheit, hat keine materiellen Eigenschaften.
Wie kann das Brahman, die Absolute Wahrheit, dann mit
unseren Worten beschrieben werden? Ich begreife nicht,
wie es möglich sein soll, die Transzendenz durch solche
Ausdrücke materieller Klangschwingungen zu verstehen."
König Pariksit stellte seine Fragen mit der Absicht, daß
Sukadeva Gosvami erklären würde, ob die Veden die
Absolute Wahrheit letztlich als unpersönlich oder als
persönlich beschreiben. Wenn man im spirituellen
Verständnis fortschreitet, erkennt man die drei Aspekte
der Absoluten Wahrheit: das unpersönliche Brahman, den
Paramatma im Herzen eines jeden und schließlich die
Höchste Persönlichkeit Gottes, Krsna.
Die Veden behandeln drei verschiedene Bereiche von
Tätigkeiten: karma-kanda, d.h. Tätigkeiten nach den
Anweisungen der Veden, durch die man allmählich so
weit geläutert wird, daß man seine wesenseigene Stellung
erkennt; jnana-kanda, d.h. der Weg, sich der Absoluten
Wahrheit durch philosophische Spekulation zu nähern,
und upasana-kanda, die Verehrung der Höchsten Persönlichkeit Gottes und manchmal auch der Halbgötter.
Die Halbgötterverehrung,
wie sie in
den Veden
beschrieben wird, macht es notwendig, daß man die
Beziehung der Halbgötter zur Persönlichkeit Gottes
versteht. Die Höchste Persönlichkeit Gottes hat viele
Teile; die einen
bezeichnet man als
svamsa, Seine
persönlichen Erweiterungen,
und die anderen
als
vibhinnamsa, die Lebewesen.
All diese Erweiterungen, sowohl die svamsas als auch
die vibhinnamsas,
haben ihren
Ursprung in der
Persönlichkeit Gottes. Die svamsa-Erweiterungen werden
visnu-tattva genannt und die vibhinnamsa-Erweiterungen
jiva-tattva. Die Halbgötter gehören zum jiva-tattva. Die
bedingten Seelen werden im allgemeinen um der
Sinnenbefriedigung willen
in die
Tätigkeiten der
materiellen Welt
versetzt. Wie es in der Bhagavad-gita heißt, wird
deshalb zur Einschränkung derer, die zu stark nach
bestimmten Arten der Sinnenbefriedigung trachten,
manchmal die Verehrung von Halbgöttern empfohlen. So
empfehlen die
vedischen Schriften
zum Beispiel
denjenigen, die unbedingt Fleisch essen wollen, die
Verehrung der Göttin Kali. Wenn sie die Göttin Kali
entsprechend den Regeln des karma-kanda verehren und
ihr eine Ziege (und kein anderes Tier) opfern, dann erst ist
es ihnen erlaubt, Fleisch zu essen. Der Zweck dieser
Anweisung ist nicht etwa, das Fleischessen zu fördern,
sondern sie soll
einfach denjenigen, die
sich nicht
einschränken wollen, eine Möglichkeit geben, unter ganz
bestimmten Bedingungen Fleisch zu essen. Deshalb ist die
Halbgötterverehrung nicht dasselbe wie die Verehrung der
Absoluten Wahrheit, aber
sie erlaubt es einem auf
indirekte Weise, allmählich auf die Ebene zu kommen, wo
man die Höchste Persönlichkeit Gottes anerkennt. Dieser
indirekte Weg wird in der Bhagavad-gita als avidhi
bezeichnet, d.h. als "nicht autorisiert". Weil die Verehrung
der Halbgötter also nicht autorisiert ist, betonen die
Unpersönlichkeitsphilosophen die Meditation über den
unpersönlichen Aspekt der Absoluten Wahrheit.
Mit seiner Frage wollte König Pariksit also erfahren, was
das endgültige Ziel des
vedischen Wissens ist: die
Konzentration auf den unpersönlichen Aspekt der Absoluten Wahrheit oder die Konzentration auf den
persönlichen Aspekt. Diese Frage ist wichtig, denn
schließlich entziehen sich sowohl der unpersönliche als
auch der persönliche Aspekt des Höchsten Herrn unserem
materiellen Vorstellungsvermögen. Der unpersönliche
Aspekt des Absoluten, die Brahman-Ausstrahlung, ist
nichts anderes als die Ausstrahlung von Sri Krsnas
transzendentalem Körper. Diese Ausstrahlung erstreckt
sich über die gesamte Schöpfung, und den Teil der
Ausstrahlung, der von der materiellen Wolke verhüllt
wird, bezeichnet man als den erschaffenen Kosmos der
drei materiellen Erscheinungsweisen - sattva, rajas und
tamas. Wie also soll es möglich sein, daß diejenigen, die
sich unter dieser Wolke, d.h. in der materiellen Welt,
befinden, die Absolute Wahrheit durch philosophische
Spekulation erkennen können?
Als Antwort auf König Pariksits Frage erwiderte
Sukadeva Gosvami, daß die Höchste Persönlichkeit
Gottes die Sinne, den Geist und die Lebenskraft sowohl
zum Zwecke der Sinnenbefriedigung auf der Wanderung
von einem Körper zum anderen wie auch als Möglichkeit
zur Befreiung von der materiellen Bedingtheit geschaffen
habe. Mit anderen Worten, die Sinne, der Geist und die
Lebenskraft können entweder zur Befriedigung der Sinne
und zur Wanderung von Körper zu Körper gebraucht
werden oder aber zum Erlangen von Befreiung. Die
vedischen Anweisungen sollen der bedingten Seele die
Möglichkeit zu
einer durch
Prinzipien geregelten
Sinnenbefriedigung geben und ihr dadurch zugleich
helfen, zu höheren Lebensbedingungen zu gelangen.
Wenn ihr Bewußtsein dann schließlich gereinigt worden
ist, erlangt sie ihre ursprüngliche Stellung und kehrt nach
Hause, zu Gott, zurück.
Die Lebenskraft besitzt Intelligenz, und deshalb muß
man seine Intelligenz so gebrauchen, daß sie über den
Geist und die Sinne herrscht. Wenn der Geist und die
Sinne durch den richtigen Gebrauch der Intelligenz
geläutert sind, dann ist die bedingte Seele befreit. Wird
die Intelligenz jedoch nicht richtig verwendet, d.h. nicht
dazu, Sinne und Geist
zu beherrschen, wandert die
bedingte Seele
aufgrund ihres
Wunsches nach
Sinnenbefriedigung weiter von Körper zu Körper. Ein
anderer Punkt, den Sukadeva Gosvamiin seiner Antwort
deutlich hervorhob, ist die Tatsache, daß der Herr den
Geist, die Sinne und die Intelligenz der individuellen
Lebenskraft geschaffen hat; er hat jedoch nicht gesagt,
daß die Lebewesen an sich jemals erschaffen wurden. Wie
die leuchtenden Partikeln der Sonnenstrahlen immer
zusammen mit der Sonne existieren, so existieren auch die
Lebewesen ewig
als Bestandteile
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes. Obwohl die bedingten Seelen als
Teile des Höchsten Herrn ewig bestehen, werden sie
manchmal
von der
Wolke der
materiellen
Lebensauffassung bedeckt und fallen in die Dunkelheit
der Unwissenheit. Alle vedischen Anweisungen sind dazu
bestimmt, diese Dunkelheit zu vertreiben. Wenn die Sinne
und der Geist des bedingten Lebewesens schließlich völlig
gereinigt sind, erreicht es seine ursprüngliche Stellung,
das Krsna-Bewußtsein, und das ist Befreiung.
Der erste Aphorismus, oder sutra, im Vedanta-sutra
stellt die Frage nach der Absoluten Wahrheit: athato
brahma-jijnasa. "Was ist die Natur der Absoluten
Wahrheit?" Das darauffolgende sutra antwortet, daß die
Absolute Wahrheit der Ursprung von allem Existierenden
ist. Alles, was wir wahrnehmen, auch im materiellen,
bedingten Leben, ist nichts
weiter als eine von Ihr
ausgehende Erweiterung. Die Absolute Wahrheit schuf
den Geist, die Sinne und die Intelligenz, und daraus kann
man schließen, daß die Absolute Wahrheit Selbst nicht
ohne Geist, Intelligenz und Sinne ist. Mit anderen Worten,
sie ist nicht unpersönlich. Schon allein das Wort "schuf"
deutet darauf hin, daß
die Absolute Wahrheit eine
transzendentale Intelligenz besitzt. Wenn beispielsweise
ein Mann ein Kind zeugt, hat das Kind Sinne, weil auch
der Vater Sinne hat, und es hat Hände und Beine, weil
auch der Vater Hände und Beine hat. Deshalb heißt es
manchmal auch, daß der Mensch nach dem Ebenbild
Gottes geschaffen wurde. Die Absolute Wahrheit ist daher
die Höchste Persönlichkeit, die transzendentale Sinne,
einen transzendentalen
Geist und
transzendentale
Intelligenz besitzt. Wenn der Geist, die Intelligenz und die
Sinne des
Lebewesens
von der
materiellen
Verunreinigung frei geworden sind, kann es verstehen,
daß die Absolute Wahrheit in Ihrem ursprünglichen
Aspekt eine Person ist.
Die vedischen Anweisungen erheben die bedingte
Seele allmählich
von der
Erscheinungsweise der
Unwissenheit zur Erscheinungsweise der Leidenschaft
und von dort zur Erscheinungsweise der Tugend, und
diese Erscheinungsweise erhellt die Sicht der bedingten
Seele mit genügend Licht, um die Dinge so sehen zu
können, wie sie sind. Dies kann durch ein Beispiel
verdeutlicht werden: Aus der Erde wächst ein Baum; vom
Baum erhält man Brennholz, und mit Brennholz kann
man ein Feuer entfachen. Beim Anzünden entsteht zuerst
Rauch, dann Hitze und schließlich Feuer. Das Feuer kann
für viele Zwecke verwendet werden, und daher ist Feuer
das erstrebte Ziel. Ebenso ist auf der grobstofflichen Stufe
des materiellen Lebens die Erscheinungsweise der
Unwissenheit vorherrschend. Mit der allmählichen
Entwicklung vom Barbarendasein zum zivilisierten Leben
weicht diese Unwissenheit, und mit dem Erreichen einer
zivilisierten Lebensweise wird die Erscheinungsweise der
Leidenschaft
vorherrschend. Auf
der Stufe des
Barbarendaseins, in
der Erscheinungsweise
der
Unwissenheit, werden die Sinne auf sehr grobe Weise
befriedigt, während
in der
Erscheinungsweise der
Leidenschaft, d.h. auf der zivilisierten Stufe des Lebens,
die Sinnenbefriedigung eine verfeinerte Form annimmt.
Wenn man jedoch die Erscheinungsweise der Tugend
erreicht, kann man verstehen, daß sich die Sinne und der
Geist nur
deshalb mit
materiellen Tätigkeiten
beschäftigen, weil sie von einem widernatürlichen
Bewußtsein bedeckt
sind. Wenn dieses
verzerrte,
widernatürliche
Bewußtsein
allmählich in
Krsna-Bewußtsein umgewandelt wird, öffnet sich der
Pfad zur Befreiung. Mit anderen Worten, es ist nicht
unmöglich, sich mit Hilfe der Sinne und des Geistes der
Absoluten
Wahrheit zu
nähern. Die
richtige
Schlußfolgerung lautet somit, daß die Sinne, der Geist und
die Intelligenz, solange sie sich auf der grobstofflichen
Stufe der Verunreinigung befinden, das Wesen der
Absoluten Wahrheit nicht erkennen können; wenn die
Sinne, der Geist und die Intelligenz jedoch gereinigt sind,
sind sie sehr wohl in der Lage zu verstehen, was die
Absolute Wahrheit ist. Dieser Reinigungsvorgang ist der
hingebungsvolle Dienst, das Krsna-Bewußtsein.
In der Bhagavad-gita wird unmißverständlich gesagt,
daß es das Ziel des vedischen Wissens ist, Krsna zu
erkennen, und Krsna
wiederum ist nur durch
hingebungsvollen Dienst zu erkennen, der damit beginnt, daß
man sich Krsna hingibt. Die Bhagavad-gita gibt die
Anweisung, daß man ohne Unterlaß an Krsna denken muß
und daß man Ihm liebevollen Dienst darbringen, Ihn
verehren und sich vor Ihm verneigen muß. Nur durch
diesen Vorgang kann man in das Königreich Gottes
gelangen, und darüber besteht kein Zweifel.
Wenn das Lebewesen in der Erscheinungsweise der
Tugend durch den
Vorgang des hingebungsvollen
Dienstes erleuchtet wird, befreit es sich vom Einfluß der
Erscheinungsweisen der Unwissenheit und Leidenschaft.
Das Wort atmane bezeichnet die Stufe, auf der man all die
brahmanischen Eigenschaften erlangt hat, die zum
Studium der
Upanisaden erforderlich
sind. Diese
vedischen Texte beschreiben auf vielerlei Weise die
transzendentalen Eigenschaften des Höchsten Herrn, der
Absoluten Wahrheit, und eine dieser Bezeichnungen
lautet nirguna. Dies
bedeutet jedoch nicht,
daß der
Höchste Herr keine Eigenschaften hat. Im Gegenteil, nur
weil Er Eigenschaften hat, können auch die bedingten
Lebewesen Eigenschaften haben. Der Sinn des Studiums
der Upanisaden besteht
in der Erkenntnis, daß
die
Absolute Wahrheit transzendentale Eigenschaften hat, die
sich völlig von den materiellen Eigenschaften der
Unwissenheit, Leidenschaft und Tugend unterscheiden.
Das ist die vedische Sichtweise. Große Weise wie die vier
Kumaras, von denen Sanaka der führende ist, folgten
diesen Prinzipien des vedischen Wissens und gelangten
auf diese Weise allmählich von einer unpersönlichen
Auffassung der Absoluten Wahrheit zur persönlichen
Verehrung des Höchsten
Herrn. Es wird uns daher
empfohlen, dem Beispiel dieser großen Persönlichkeiten
zu folgen. Sukadeva Gosvami gehört selbst zu diesen
großen Persönlichkeiten, weshalb seine Antwort auf
Maharaja Pariksits Frage maßgeblich ist. Wer den
Fußstapfen solch großer Persönlichkeiten folgt, macht auf
dem Pfad der Befreiung
mit Sicherheit sehr leicht
Fortschritte und kehrt letzten Endes nach Hause, zu Gott,
zurück. Dies ist der
Vorgang, wie man die
Vollkommenheit des menschlichen Lebens erreicht.
Sukadeva Gosvami sagte weiter zu Pariksit Maharaja:
"Mein lieber König, in diesem Zusammenhang gibt es
eine interessante Geschichte, die ich dir erzählen möchte.
Diese Erzählung ist von großer Bedeutung, weil sie sich
auf Narayana, die Höchste Persönlichkeit Gottes, bezieht.
Sie schildert ein Gespräch zwischen Narayana Rsi und
dem großen Weisen Narada. Narayana Rsi hält Sich noch
heute in Badarikasrama auf, einem Ort im Gebirge des
Himalaya, und Er ist eine anerkannte Inkarnation
Narayanas. Als einst Narada, der große Geweihte und
Asket unter den Halbgöttern, verschiedene Planeten
bereiste, wollte er
auch den Asketen
Narayana in
Badarikasrama besuchen, um Ihm seine Ehrerbietungen
darzubringen. Narayana Rsi, die Inkarnation Gottes als
großer Weiser, unterzieht Sich schon seit Anbeginn der
Schöpfung schweren Bußen und Entsagungen, um die
Bewohner von Bharata-varsa zu lehren, wie man die
höchste Vollkommenheit des Lebens erreicht und zurück
zu Gott geht. Seine
Bußen und Entsagungen sind
beispielhaft für alle Menschen."
Badarikasrama liegt im nördlichsten Teil des Himalaya
und ist immer mit Schnee bedeckt. Auch heute noch gibt
es fromme Inder, die diesen Ort während des Sommers
besuchen, wenn es nicht so heftig schneit. Einst hielt Sich
Narayana Rsi, die
Inkarnation Gottes, in
dem Dorf
namens Kalapagrama auf, und dort saß Er inmitten vieler
Gottgeweihter. Natürlich handelte es sich dabei nicht um
gewöhnliche Weise, und so kam es, daß unter ihnen auch
der große Weise Narada erschien. Nachdem er Narayana Rsi seine Ehrerbietungen erwiesen hatte, stellte er Ihm die
gleiche Frage, die König Pariksit an Sukadeva Gosvami
gerichtet hatte. Narayana Rsi beantwortete daraufhin
Naradas Frage,
indem Er den
Fußstapfen Seiner
Vorgänger folgte, und Er erzählte, wie diese Frage vor
langer Zeit einmal auf dem Planeten Janaloka erörtert
wurde.
Janaloka
befindet
sich
oberhalb der
Svargaloka-Planeten, zu denen Planeten wie der Mond
und die Venus gehören. Auf diesen Planeten leben große
Weise und Heilige, und auch sie sprachen einstmals über
dasselbe Thema, nämlich das richtige Verständnis vom
Brahman und seiner wirklichen Identität.
Der große Weise Narayana sprach: "Mein lieber
Narada, Ich will dir nun von einer Begebenheit berichten,
die sich vor langer, langer Zeit zutrug. Es hielten einst die
Bewohner der
himmlischen Planeten
eine große
Zusammenkunft ab, an der fast ausnahmslos alle
bedeutenden brahmacaris teilnahmen, so wie die vier
Kumaras - Sanat, Sanandana, Sanaka und Sanatana.
Gegenstand ihres Gesprächs war das Verständnis von der
Absoluten Wahrheit, dem Brahman. Du selbst warst bei
dem Treffen nicht zugegen, da du dich damals auf die
Insel Svetadvipa begeben hattest, um Meine Erweiterung
Aniruddha zu besuchen. In jener Versammlung sprachen
die großen Weisen und
brahmacaris in aller Ausführlichkeit über die gleiche Frage, die auch du Mir heute
gestellt hast. Dieses Gespräch war äußerst interessant, und
es bewegte sich auf einer solch hohen Ebene, daß selbst
die Veden nicht imstande waren, die auftretenden
komplizierten Fragen zu beantworten."
Narayana Rsi sagte also zu Naradaji, daß dieselbe
Frage, die er Ihm
gestellt habe, bereits
bei dieser
Zusammenkunft auf Janaloka besprochen worden sei. Das
ist der Weg,
Wissen durch die
parampara, die
Schülernachfolge, zu erlangen. Maharaja Pariksit stellte
Sukadeva Gosvamieine Frage; Sukadeva Gosvamibezog
sich bei seiner Antwort
auf Narada, der seinerseits
Narayana Rsi gefragt hatte, und Narayana Rsi schließlich
berief Sich bei seiner
Antwort auf noch höhere
Autoritäten, die auf dem Planeten Janaloka residieren, wo
dieses Thema von den großen Kumaras - Sanat, Sanatana,
Sanaka und Sanandana - erörtert worden war. Diese vier
brahmacaris sind anerkannte Gelehrte der Veden und der
sastras. Ihr unbegrenzter, von Entsagungen und Bußen
gestützter Wissensschatz wird in ihrem erhabenen und
vorbildlichen Charakter
offenbart. Sie
sind sehr
liebenswürdig und zuvorkommend, und für sie gibt es
keinen Unterschied zwischen Freunden, Gönnern und
Feinden. Weil Persönlichkeiten wie die Kumaras in der
Transzendenz verankert sind, stehen sie über allen
materiellen Betrachtungen und sind materiellen Dualitäten
gegenüber stets gleichgültig. Bei der Diskussion, die die
vier Brüder miteinander führten, wählten sie einen von
ihnen, Sanandana, zum Sprecher, und die drei anderen
Brüder wurden seine Zuhörer.
Sanandana sagte: "Nach der Auflösung der gesamten
kosmischen Manifestation geht die Gesamtheit der
Energie und die ganze Schöpfung in ihrer Kernform in
den Körper GarbhodakasayiVisnus ein. Dann schläft der
Herr für eine unvorstellbar lange Zeit, und wenn wieder
eine Schöpfung notwendig wird, versammeln sich die
Veden in Person um Ihn und beginnen, Ihn zu lobpreisen,
indem sie Seine wundervollen transzendentalen Spiele
beschreiben. Dies ist mit dem Wecken eines Königs
vergleichbar: Wenn der König morgens noch schläft,
versammeln sich
auserwählte Sänger
in seinem
Schlafgemach und beginnen, seine Heldentaten zu
besingen, und während der König den Ruhm seiner Taten
hört, erwacht er allmählich.
Die Sprecher des vedischen Wissens, die Veden in
Person, tragen
die folgenden
Gesänge vor: 'O
Unüberwindlicher, Du bist die Höchste Persönlichkeit.
Niemand kommt Dir gleich, und niemand ist größer als
Du. Deine ruhmreichen Taten finden nicht ihresgleichen.
Sei gepriesen! Sei gepriesen über alles! Aufgrund Deiner
transzendentalen Natur besitzt Du alle sechs Füllen in
Vollkommenheit, und daher kannst Du alle bedingten
Seelen aus der Gewalt mayas befreien. O Herr, wir flehen
Dich inständig an, dies gütigerweise zu tun. Alle Lebewesen sind Deine Teile, und deshalb sind sie von Natur
aus glückselig, ewig und voller Wissen; doch in ihrer
eigenen
Unvollkommenheit
versuchen sie, Dich
nachzuahmen und selbst der höchste Genießer zu werden.
Auf diese Weise widersetzen sie sich Deiner höchsten
Herrschaft und werden zu Frevlern. Und genau wegen
dieser Vergehen sind sie unter das Joch Deiner materiellen
Energie
geraten,
worauf ihre
transzendentalen
Eigenschaften der Freude, der Glückseligkeit und des
Wissens von den
Wolken der drei
materiellen
Erscheinungsweisen bedeckt wurden. Die aus den drei
materiellen Erscheinungsweisen geschaffene kosmische
Manifestation ist wie ein Gefängnis für die bedingten
Seelen. Die bedingten Seelen kämpfen verzweifelt darum,
der materiellen Gefangenschaft zu entkommen, und
entsprechend ihren jeweiligen Lebensbedingungen sind
ihnen bestimmte Tätigkeiten zugeordnet worden. Aber all
ihre Tätigkeiten gründen sich auf das Wissen, das von Dir
kommt. Man kann nur fromme Werke ausführen, wenn
man durch Deine Barmherzigkeit dazu angeregt wird.
Deshalb kann niemand den Einfluß der materiellen
Energie überwinden,
ohne bei Deinen
Lotosfüßen
Zuflucht zu suchen. Wir, das personifizierte vedische
Wissen, beschäftigen uns ständig in Deinem Dienst, um
den bedingten Seelen zu helfen, Dich zu verstehen.' "
Dieses Gebet der Veden in Person macht deutlich, daß
die Veden dazu bestimmt sind, den bedingten Seelen zu
helfen, Krsna zu erkennen. Alle versammelten srutis, oder
Veden in Person, lobpriesen den Herrn immer wieder,
indem sie "Jaya! Jaya!"
sangen. Auf diese Weise
verherrlichten sie die ruhmreichen Eigenschaften des
Herrn, und die wichtigste dieser Eigenschaften ist Seine
grundlose Barmherzigkeit gegenüber den bedingten
Seelen, indem Er sie aus der Gewalt mayas befreit und sie
zu Sich zurückruft.
Es
gibt
unzählige
Lebewesen
in den
verschiedenartigsten Körpern, von denen sich einige
bewegen und andere ortsgebunden sind. Das bedingte
Dasein dieser Lebewesen hat seine Ursache allein darin,
daß sie ihre ewige Beziehung zur Höchsten Persönlichkeit
Gottes vergessen haben. Wenn das Lebewesen über die
materielle Natur herrschen und Krsna nachahmen will,
wird es sogleich von der materiellen Energie gefangen
und bekommt je nach Wunsch eine der 8.400.000
verschiedenen Körperformen. Obgleich das Lebewesen
ständig von den dreifachen Leiden des materiellen
Daseins gepeinigt wird, hält es sich in seiner Illusion
fälschlicherweise für den
Herrn über alles, was es
wahrnimmt. Unter dem Bann der materiellen Energie, die
die drei materiellen Erscheinungsweisen repräsentiert,
befindet sich das
Lebewesen in
einer solchen
Verstrickung, daß es nicht die geringste Möglichkeit hat,
frei zu werden, wenn der Herr ihm nicht gnädig ist. Das
Lebewesen kann den Einfluß der Erscheinungsweisen der
materiellen Natur nicht durch eigene Anstrengung
überwinden; doch weil die materielle Natur unter der
Aufsicht des Höchsten Herrn wirkt, befindet Er Sich
jenseits ihres Einflußbereiches. Außer Ihm befinden sich
alle Lebewesen, von Brahma bis hinunter zur Ameise,
unter der Herrschaft der materiellen Natur.
Weil der Herr die sechs Füllen - Reichtum, Kraft,
Ruhm, Schönheit,
Wissen und
Entsagung - in
Vollkommenheit besitzt, steht Er als einziger nicht unter
dem Bann der materiellen Natur. Solange das Lebewesen
nicht Krsna-bewußt ist, kann es sich Gott, der Höchsten
Persönlichkeit, nicht nähern, doch Er in Seiner Allmacht
kann allen Lebewesen
von innen her als
Überseele
Anweisungen geben. In der Bhagavad-gita gibt Krsna die
Anweisung: "Alles, was du tust, tue für Mich; alles, was
du ißt, opfere zuerst Mir; alles, was du als Spende
fortgeben willst, solltest du zuerst Mir geben, und jede Art
der Buße und Entsagung, die du praktizierst, solltest du
für Mich auf dich nehmen." Auf diese Weise werden die
karmis dazu gebracht, allmählich ihr Krsna-Bewußtsein
zu entwickeln. Ebenso führt Krsna auch die Philosophen
und gibt ihnen Anweisungen, wie sie sich Ihm nähern
können, indem sie zwischen Brahman und maya zu
unterscheiden lernen. Diejenigen, die dann schließlich zu
reifem Wissen kommen, geben sich Krsna hin. Krsna
Selbst sagt in der Bhagavad-gita: "Nach vielen, vielen
Geburten kommt der Philosoph, der in Weisheit gründet,
zu dem Punkt, wo er sich Mir hingibt." Auch die yogis
werden dahin geführt, ihre Meditation auf Krsna zu
richten, wie Er Sich in ihrem Herzen befindet, und wenn
sie sich
ununterbrochen an
diesen Vorgang des
Krsna-Bewußtseins halten, können sie aus der Gewalt der
materiellen Energie befreit werden. Aber wie in der
Bhagavad-gita erklärt wird, werden die Gottgeweihten, da
sie sich von allem Anfang an mit Liebe und Hingabe im
hingebungsvollen Dienst beschäftigen, vom Herrn auf
eine solche Weise
geführt, daß sie sich
Ihm ohne
Schwierigkeiten und ohne Abweichung nähern können.
Einzig und allein durch die Gnade des Herrn ist es
möglich, die genaue Bedeutung von Brahman, Paramatma
und Bhagavan zu verstehen.
Die Worte der Veden in Person besagen eindeutig, daß
es das einzige Ziel der vedischen Schriften ist, ein
Verständnis von Krsna zu vermitteln. Ebenso wird in der Bhagavad-gita bestätigt, daß das Studium der Veden
einzig und allein dahin führen muß, Krsna zu verstehen.
Krsna ist immer damit beschäftigt, zu genießen, sei es in
der materiellen oder in der spirituellen Welt. Weil Er der
höchste Genießer ist, besteht für Ihn kein Unterschied
zwischen der materiellen Welt und der spirituellen Welt.
Die materielle Welt setzt den gewöhnlichen Lebewesen
Schranken, da diese stets von ihr beherrscht werden; doch
weil Krsna der Herr der materiellen Welt ist, gibt es für
Ihn keine Hindernisse. Die Veden erklären daher an
mehreren Stellen der Upanisaden: "Das Brahman ist
ewig, voller Wissen und voller Glückseligkeit, doch die
eine Höchste Persönlichkeit Gottes befindet Sich im
Herzen eines jeden Lebewesens." Weil Krsna, die Höchste
Persönlichkeit Gottes, alldurchdringend ist, vermag Er
nicht nur in die Herzen der Lebewesen einzugehen,
sondern auch in die Atome. Als Überseele lenkt Er alle
Tätigkeiten der Lebewesen. Er befindet Sich in ihren
Herzen und ist der Zeuge all ihrer Tätigkeiten. Er erlaubt
ihnen, nach ihren Wünschen zu handeln, und läßt ihnen
dann die Ergebnisse ihrer Tätigkeiten zukommen. Er ist
die Lebenskraft
in allem, und
trotzdem ist Er
transzendental zu allen materiellen Eigenschaften. Er ist
allmächtig; Er stellt alles in meisterhafter Weise her, und
durch Sein überlegenes, natürliches Wissen vermag Er
jeden unter Seine Führung zu bringen. Somit ist Er der
Meister eines jeden. Manchmal erscheint Er persönlich
auf der Erde, aber gleichzeitig weilt Er auch überall in der
Materie. Weil Er Sich wünschte, Sich in viele Formen zu
erweitern, warf Er einen Blick über die materielle Natur,
und so wurden unzählige Lebewesen manifestiert. Alles
wurde durch Seine höhere Energie erschaffen, und alles in
Seiner Schöpfung ist offensichtlich höchst vollkommen,
ohne die geringste Spur eines Mangels.
Diejenigen, die aus der materiellen Welt befreit werden
möchten, müssen daher die Höchste Persönlichkeit Gottes,
die ursprüngliche Ursache aller Ursachen, verehren. Er ist
mit der Gesamtmasse der Erde zu vergleichen, aus der
eine Vielzahl von Töpfen hergestellt wird: Die Töpfe
werden aus Erde hergestellt, dann stehen sie auf der Erde,
und wenn sie zerbrochen sind, gehen ihre Bestandteile
wieder in die Erde ein. Die Höchste Persönlichkeit Gottes
ist die ursprüngliche
Ursache aller Vielfalt
in der
Manifestation.
Dessenungeachtet
betonen die
Unpersönlichkeitsanhänger insbesondere den vedischen
Ausspruch: sarvam khalv idam brahma. "Alles ist
Brahman." Die Unpersönlichkeitsanhänger übersehen
jedoch die vielfältigen Manifestationen, die aus der
höchsten Ursache, dem Brahman, hervorgehen. Sie sehen
einfach nur, daß alles vom Brahman ausgeht, daß alles
nach der Zerstörung wieder in das Brahman eingeht und
daß der dazwischenliegende Zustand der Manifestation
ebenfalls Brahman ist. Obwohl die Mayavadis glauben,
der Kosmos sei vor der Schöpfung im Brahman gewesen,
er bleibe nach der Schöpfung im Brahman und werde
nach der Zerstörung wieder in das Brahman eingehen,
haben sie nicht die geringste Ahnung, was das Brahman in
Wirklichkeit ist. Der wirkliche Sachverhalt wird in der
Brahma-samhita unmißverständlich definiert: Die
Lebewesen, der Raum, die Zeit und die materiellen
Elemente, wie Feuer, Erde, Äther, Wasser und Geist,
bilden die Gesamtheit der kosmischen Manifestation, die
als bhur bhuvah svah bezeichnet wird und deren Ursprung
Govinda ist. Sie erblüht durch die Kraft Govindas, geht
nach der Vernichtung in Govinda ein und wird in Ihm
bewahrt. Brahma sagt deshalb: "Ich verehre Govinda, die
ursprüngliche Persönlichkeit, die Ursache aller Ursachen."
Das Wort Brahman bedeutet "das Größte von allem"
und "der
Erhalter
alles
Bestehenden". Die
Unpersönlichkeitsanhänger fühlen sich zur Größe und
Weite des Himmels hingezogen; doch weil sie nur ein
geringes Maß an Wissen haben, fühlen sie sich nicht zu
Krsnas Größe hingezogen. Indes können wir selbst in
unserem alltäglichen Leben sehen, daß wir von der Größe
einer Person angezogen werden, und nicht von der Größe
eines Berges. In Wirklichkeit kann der Begriff Brahman
nur auf Krsna bezogen werden. Deshalb sagt Arjuna in
der Bhagavad-gita, daß Sri Krsna das param brahman,
der höchste Ruheort alles Existierenden, ist.
Krsna ist das Höchste Brahman, weil Er über
grenzenloses Wissen, grenzenlose Energien, grenzenlose
Stärke, grenzenlose Macht, grenzenlose Schönheit und
grenzenlose Entsagung verfügt. Das ist der Grund,
weshalb das Wort Brahman nur auf Krsna bezogen
werden kann. Arjuna bestätigt, daß Krsna das param
brahman ist, weil das unpersönliche Brahman die
Ausstrahlung ist, die von Krsnas transzendentalem Körper
ausgeht. Alles ruht auf dem Brahman, doch das Brahman
seinerseits ruht auf Krsna. Deshalb ist Krsna das Höchste
Brahman, das param brahman. Die materiellen Elemente
gelten als die niederen Energien Krsnas, weil durch ihre
Wechselwirkung die kosmische Manifestation stattfindet,
auf Krsna ruht und nach ihrer Zerstörung als feinstoffliche
Energie wieder in Ihn eingeht. Krsna ist deshalb die
Ursache sowohl der Schöpfung als auch der Vernichtung.
Sarvam khalv idam brahma bedeutet, daß alles Krsna
ist. Das ist die Sicht der maha-bhagavatas, die alles in
Beziehung zu
Krsna sehen. Die
Verfechter der
Unpersönlichkeitslehre behaupten, Krsna sei zu vielen
geworden und daher sei alles Krsna und die Verehrung
von irgend etwas Beliebigem sei ebenfalls eine Verehrung
Krsnas. Diese falsche Behauptung wird von Krsna Selbst
in der Bhagavad-gita widerlegt. Es heißt dort, daß alles
zwar eine Umwandlung von Krsnas Energie ist, daß Er
jedoch persönlich nicht überall gegenwärtig ist. Er ist
gleichzeitig gegenwärtig und nicht gegenwärtig. Durch
Seine Energie ist Er
überall gegenwärtig, doch als
Energieursprung ist Er nicht überall gegenwärtig. Diese
gleichzeitige Gegenwart und Nichtgegenwart ist für
unsere derzeitigen
Sinne unfaßbar.
Doch in der
Isopanisad wird gleich am Anfang eine deutliche
Erklärung gegeben, die besagt, daß der Höchste Herr so
vollkommen ist, daß Sich Seine Persönlichkeit nicht im
geringsten wandelt, obwohl unbegrenzte Energien und
deren Umwandlungen von Ihm ausgehen. Weil Krsna die
Ursache aller Ursachen ist, sollten daher die intelligenten
Menschen bei Seinen Lotosfüßen Zuflucht suchen.
Krsna gibt jedem den Rat, sich Ihm allein hinzugeben,
und das ist letztlich
die Aussage aller vedischen
Anweisungen. Weil Krsna die Ursache aller Ursachen ist,
wird Er von allen
Weisen und Heiligen
durch das
Befolgen der regulierenden Prinzipien verehrt. Wenn die
Notwendigkeit zur Meditation besteht, meditieren große
Persönlichkeiten über die transzendentale Gestalt Krsnas
im Herzen, und auf diese Weise ist ihr Geist stets auf
Krsna gerichtet. Wenn die Gottgeweihten ihren Geist auf
Krsna fixiert haben, dann ist es völlig natürlich, daß sie in
ihrer Faszination nur noch über Krsna sprechen.
Über Krsna zu sprechen oder zu singen wird kirtana
genannt. Auch Sri Caitanya empfiehlt kirtaniyah sada
harih, das heißt, ständig an Krsna zu denken und über Ihn,
und nichts anderes, zu sprechen. Dies ist die Definition
des Krsna-Bewußtseins. Krsna-Bewußtsein ist so erhaben,
daß jeder, der diesen Vorgang aufnimmt, zur höchsten
Vollkommenheit des Lebens erhoben wird, einer Vollkommenheit, die den Gedanken der Befreiung weit
übersteigt. In der Bhagavad-gita rät Krsna deshalb jedem,
ständig an Ihn zu
denken, sich in Seinem
hingebungsvollen Dienst zu beschäftigen, Ihn zu verehren und
Ihm Ehrerbietungen darzubringen. Auf diese Weise wird
der Gottgeweihte völlig "Krsna-isiert", und weil er sich
immer auf der Ebene des Krsna-Bewußtseins befindet,
geht er schließlich zurück zu Krsna.
Obwohl in den Veden die Verehrung der Halbgötter,
die Bestandteile Krsnas sind, empfohlen wird, muß man
sich darüber im klaren sein, daß diese Anweisungen nur
für die weniger intelligenten Menschen bestimmt sind, die
noch immer zu materiellem Sinnengenuß neigen. Ein
Mensch dagegen, der die Bestimmung des menschlichen
Lebens auf vollkommene Weise erfüllen will, sollte einfach Sri Krsna verehren. Dies wird alles viel einfacher
machen, und darüber hinaus garantiert es einem den
vollen Erfolg des menschlichen Lebens. Obgleich sowohl
der Himmel als auch
das Wasser und das Land
Bestandteile der materiellen Welt sind, steht man natürlich
viel sicherer auf dem Land als in der Luft oder auf dem
Wasser. Ein intelligenter Mensch stellt sich deshalb nicht
unter den Schutz der Halbgötter, obwohl sie Teile Krsnas
sind. Er stützt sich vielmehr auf den festen Boden des
Krsna-Bewußtseins, und das gibt ihm einen soliden und
sicheren Stand.
Die Unpersönlichkeitsanhänger geben manchmal das
Beispiel, daß man sich auch auf einen Stein oder einen
Holzklotz stellen könne und dabei immer noch auf dem
Boden stehe, da der Stein oder der Holzklotz ja auf der
Erdoberfläche läge. Doch ihnen sei erwidert, daß
derjenige, der unmittelbar auf der Erde steht, auf einer
viel sichereren Grundlage steht als derjenige auf einem
Stein oder einem Holzklotz. Mit anderen Worten, beim
Paramatma oder beim unpersönlichen Brahman Zuflucht
zu suchen gewährleistet nicht eine solche Sicherheit, wie
wenn man direkt bei Krsna im Krsna-Bewußtsein
Zuflucht sucht. Die Stellung der jnanis und yogis ist also
nicht so sicher wie die Stellung der Geweihten Krsnas. Sri
Krsna sagt deshalb in der Bhagavad-gita, daß nur jemand,
der seine Vernunft verloren hat, die Halbgötter verehrt.
Und über Menschen, die sich zum unpersönlichen
Brahman
hingezogen
fühlen,
sagt das
Srimad-Bhagavatam: "Mein lieber Herr, diejenigen, die
sich einbilden, durch mentale Spekulation befreit worden
zu sein, sind in Wirklichkeit nicht von der Verunreinigung
der materiellen Natur befreit, da es ihnen nicht gelungen
ist, bei Deinen Lotosfüßen Zuflucht zu finden. Obwohl sie
zum transzendentalen Daseinszustand im unpersönlichen
Brahman aufsteigen mögen, fallen sie mit Sicherheit
wieder von dieser hohen
Stufe herab, da sie es
versäumten, ihre Wünsche auf Deine Lotosfüße zu
richten." Sri Krsna erklärt also, daß die Verehrer der
Halbgötter nicht sehr klug sind, da ihnen nur vergängliche
und erschöpfliche Ergebnisse zuteil werden. Deshalb sind
ihre nutzlosen Anstrengungen nichts anderes als ein
Beweis für ihre Torheit. Die Gottgeweihten dagegen, so
versichert der Herr, brauchen sich nicht zu fürchten,
jemals zu Fall zu kommen.
Die Veden in Person fuhren in ihrem Gebet fort:
"Lieber Herr, wenn man all diese Gesichtspunkte in
Betracht zieht, dann sollte man angesichts der Tatsache,
daß man ohnehin immer einen Höherstehenden verehren
muß, Deine Lotosfüße verehren, und sei es auch nur aus
einem Gefühl des
Anstandes heraus, denn
Du bist
schließlich der Höchste Herrscher über Schöpfung,
Erhaltung und Vernichtung. Du bist der Beherrscher der
drei Welten Bhur,
Bhuvar und Svar; Du
bist der
Beherrscher der vierzehn höheren und niederen Welten,
und Du bist auch der Beherrscher der drei materiellen
Erscheinungsweisen. Die
Halbgötter und
die im
spirituellen Wissen fortgeschrittenen Menschen hören und
chanten ständig über Deine transzendentalen Spiele, denn
dieses Hören und Chanten hat die besondere Kraft, alle
angesammelten Reaktionen auf vergangene Sünden
auszulöschen. Intelligente Menschen tauchen in den
Ozean Deiner nektargleichen Taten und hören über sie mit
großer Ausdauer. Auf diese Weise werden sie sofort von
der Verunreinigung durch die materiellen Eigenschaften
befreit, ohne sich harten Entsagungen und Bußen
unterziehen zu müssen, um im spirituellen Leben
Fortschritte zu machen. Das Chanten und Hören über
Deine transzendentalen Spiele ist der einfachste Weg zur
Selbstverwirklichung. Einfach durch das ergebene Hören
der spirituellen Botschaft reinigt man sein Herz von allen
unreinen
Dingen, und
so festigt
sich das
Krsna-Bewußtsein im Herzen des Gottgeweihten.
Auch die große Autorität Bhismadeva hat erklärt, daß
das Chanten und Hören über die Höchste Persönlichkeit
Gottes die Essenz aller vedischen Rituale ist. O Herr, ein
Gottgeweihter, der
sich durch den
Vorgang des
hingebungsvollen Dienstes erheben möchte, vor allem
durch Hören und Chanten, entkommt schon sehr bald der
Gewalt der Dualitäten des materiellen Daseins. Durch diesen einfachen Vorgang der Buße und Entsagung wird die
Überseele im Herzen des Gottgeweihten sehr erfreut, und
Sie führt den Gottgeweihten auf dem Weg zurück nach
Hause, zurück zu Gott. In der Bhagavad-gita wird erklärt,
daß jemand, der all seine Tätigkeiten und Sinne in den
Dienst des Herrn stellt, von Frieden erfüllt wird, da die
Überseele mit ihm zufrieden ist. So wird der Gottgeweihte
transzendental zu aller Dualität, wie Hitze und Kälte oder
Ehre und Schmach. Befreit von allen Dualitäten, erfährt er
transzendentale Glückseligkeit und leidet nicht mehr unter
den für das materielle Dasein typischen Sorgen und
Ängsten. Die Bhagavad-gita bestätigt, daß sich ein
Gottgeweihter, der ständig ins Krsna-Bewußtsein vertieft
ist, keine Sorgen um seine Erhaltung und seinen Schutz zu
machen braucht. Da er ständig ins Krsna-Bewußtsein
vertieft ist,
erreicht er
schließlich die höchste
Vollkommenheit. Für die Zeit, die er sich noch in der
materiellen Welt befindet, lebt er sehr friedvoll und
glücklich, frei von allen Sorgen und Ängsten, und wenn er
den Körper aufgibt, kehrt er nach Hause, zu Gott, zurück.
Der Herr erklärt in der Bhagavad-gita: 'Mein höchstes
Reich ist ein transzendentaler Ort, und wer ihn einmal
erreicht hat, kehrt nie mehr in die materielle Welt zurück.
Jeder, der auf der Stufe der Vollkommenheit steht, da er
sich in jenem ewigen Reich in Meinem hingebungsvollen
Dienst beschäftigt, hat die höchste Vollkommenheit des
menschlichen Lebens erreicht und braucht nicht wieder in
die leidvolle materielle Welt zurückzukehren.'
Lieber Herr, es ist von unumgänglicher Wichtigkeit,
daß sich
die Lebewesen
im Krsna-Bewußtsein
beschäftigen, Dir entsprechend den vorgeschriebenen
Vorgängen wie Hören und Chanten hingebungsvollen
Dienst darbringen und Deine Anordnungen ausführen.
Wenn sich ein Mensch nicht im hingebungsvollen Dienst,
dem Krsna-Bewußtsein, beschäftigt, ist es sinnlos, daß er
überhaupt Lebenszeichen von sich gibt. Gewöhnlich gilt
ein Mensch als lebendig, solange er noch atmet; doch ein
Mensch ohne Krsna-Bewußtsein ist mit dem Blasebalg
einer Schmiedewerkstatt zu vergleichen. Der Blasebalg ist
ein großer Sack aus Tierhaut, der Luft ein- und auspumpt,
und ein Mensch, der sich darauf beschränkt, einfach nur
in einem Sack aus Haut und Knochen zu leben, ohne sich
dem Krsna-Bewußtsein, dem liebenden hingebungsvollen
Dienst, zuzuwenden, ist nicht besser als ein Blasebalg. In
ähnlicher Weise
wird das
lange Leben eines
Nichtgottgeweihten mit dem eines Baumes verglichen,
seine ungezügelte Essenslust mit der von Hunden und
Schweinen und sein Genuß des Geschlechtslebens mit
dem der Schweine und Ziegen."
Die Erschaffung der kosmischen Manifestation wurde
möglich, weil die Höchste Persönlichkeit Gottes als
Maha-Visnu in die materielle Welt einging. Die gesamte
materielle Energie wird durch den Blick Maha-Visnus in
Bewegung gesetzt,
und erst dann
beginnen die
Wechselwirkungen
der
drei
materiellen
Erscheinungsweisen.
Deshalb
müssen wir
zur
Schlußfolgerung kommen, daß uns alle materiellen
Gegebenheiten, die wir zu genießen versuchen, nur dank
der Barmherzigkeit der Höchsten Persönlichkeit Gottes
zur Verfügung stehen.
Im Körper gibt es fünf verschiedene Stufen des
Daseins, die man als annamaya, pranamaya, manomaya,
vijnanamaya und schließlich als anandamaya bezeichnet.
Am Anfang
des Lebens
ist jedes Lebewesen
nahrungsbewußt. Ein kleines Kind oder ein Tier ist nur
dann zufrieden, wenn es etwas Gutes zu essen bekommt.
Diese Bewußtseinsebene, auf der das Hauptziel darin
besteht, gut zu essen, wird als annamaya bezeichnet (anna
bedeutet "Nahrung"). Als nächstes folgt die Stufe, auf der
sich das Lebewesen des eigenen Lebens bewußt wird.
Wenn man leben kann, ohne angegriffen oder zerstört zu
werden, wähnt man sich glücklich. Diese Stufe nennt sich
pranamaya oder "das Bewußtsein, daß man existiert". Die
nächste Stufe ist dadurch gekennzeichnet, daß man sich
auf der verstandesmäßigen Ebene bewegt, und dieses
Bewußtsein nennt man manomaya. Die Angehörigen der
materialistischen Zivilisation befinden sich hauptsächlich
auf diesen
drei Bewußtseinsebenen:
annamaya,
pranamaya und
manomaya. Das
erste Anliegen
zivilisierter Menschen ist wirtschaftliche Entwicklung;
darauf folgt das Bestreben, sich gegen Vernichtung zu
verteidigen, und die dritte Bewußtseinsstufe ist die des
mentalen Spekulierens, d.h. der philosophischen Suche
nach den Werten des Lebens.
Wenn man durch Fortschritte in der philosophischen
Betrachtung die Ebene der Intelligenz erreicht, auf der
man verstehen kann, daß man nicht der materielle Körper,
sondern eine spirituelle Seele ist, kommt man durch
allmähliche Fortschritte
im spirituellen
Leben zur
Erkenntnis der Existenz des Höchsten Herrn, der
Höchsten Seele. Wenn man dann seine Beziehung zu Ihm
entwickelt und hingebungsvollen Dienst ausführt, wird
diese Stufe Krsna-Bewußtsein oder die anandamaya-Stufe
genannt. Anandamaya ist das Leben der Glückseligkeit,
des Wissens und der Ewigkeit. Im Vedanta-sutra heißt es:
anandamayo 'bhyasat. Sowohl das Höchste Brahman als
auch das untergeordnete Brahman, d.h. sowohl die
Höchste Persönlichkeit Gottes als auch die Lebewesen,
sind von Natur aus voller Glückseligkeit. Solange sich die
Lebewesen auf den vier niederen Stufen des Daseins,
annamaya, pranamaya, manomaya und vijnanamaya,
befinden, sind sie immer noch durch das materielle Leben
bedingt. Doch sobald man die Stufe der anandamaya
erreicht, wird man zu einer befreiten Seele. Diese anandamaya-Stufe wird
in der
Bhagavad-gita als
brahma-bhuta-Stufe bezeichnet. Es heißt dort, daß es auf
der brahma-bhuta-Stufe keine Sorge und kein Verlangen
gibt. Diese Stufe beginnt, wenn man die Sicht erreicht hat,
daß man allen Lebewesen gleichgesinnt ist, und diese
Stufe entwickelt
sich weiter
zur Stufe des
Krsna-Bewußtseins, auf der man sich ständig danach
sehnt, der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu dienen.
Dieser Wunsch nach Fortschritt im hingebungsvollen
Dienst ist völlig
verschieden vom
Wunsch nach
Sinnenbefriedigung im materiellen Dasein. Mit anderen
Worten, Wünsche gibt es auch im spirituellen Leben, aber
auf dieser Stufe sind die Wünsche gereinigt. Wenn unsere
Sinne gereinigt werden, lösen sie sich von den materiellen
Bewußtseinsebenen - annamaya, pranamaya, manomaya
und vijnanamaya - und betätigen sich auf der höchsten
Ebene, der Stufe der anandamaya, des glückseligen
Lebens im Krsna-Bewußtsein. Die Mayavadi-Philosophen
glauben, anandamaya sei der Zustand, bei dem man in
den Höchsten eingegangen sei. Ihrer Auffassung nach
bedeutet anandamaya das Einswerden der Überseele und
der individuellen Seele. In Wirklichkeit jedoch bedeutet
Einssein nicht, in den Höchsten einzugehen und seine
individuelle Existenz zu verlieren. In das spirituelle
Dasein einzugehen bedeutet, daß das Lebewesen erkennt,
daß es qualitativ, d.h. in bezug auf die Aspekte der
Ewigkeit und des Wissens, mit dem Höchsten Herrn eins
ist. Doch die wirkliche
Stufe der anandamaya, der
Glückseligkeit, wird erst dann erreicht, wenn man sich im
hingebungsvollen Dienst beschäftigt. Dies wird in der
Bhagavad-gita mit den Worten mad-bhaktim labhate
param
bestätigt:
Die
brahma-bhuta- oder
anandamaya-Stufe ist erst dann vollkommen, wenn zwischen dem Höchsten und den untergeordneten Lebewesen
ein liebevoller Austausch stattfindet. Solange der Mensch
nicht zu dieser anandamaya-Stufe kommt, ist sein Atmen
wie das Atmen des Blasebalgs in der Schmiede, seine Lebensdauer ist wie die eines Baumes, und er selbst ist nicht
besser als die niederen Tiere, wie die Kamele, Schweine
und Hunde.
Das ewige Lebewesen kann niemals vernichtet
werden, darüber besteht kein Zweifel. Doch wenn sich das
Lebewesen in niederen Lebensformen befindet, muß es
leidvolle Umstände erdulden, wohingegen es sich im
hingebungsvollen Dienst für den Höchsten Herrn auf der
freudvollen anandamaya-Stufe des Lebens befindet. Alle
obenerwähnten Bewußtseinsebenen stehen in einer
bestimmten Beziehung zur Höchsten Persönlichkeit
Gottes. Obgleich sowohl die Höchste Persönlichkeit
Gottes als auch die Lebewesen in ihrer ewigen Existenz
unter keinen Umständen beeinträchtigt werden können,
besteht zwischen ihnen trotzdem
ein großer Unterschied: Die Höchste Persönlichkeit
Gottes befindet sich immer auf der anandamaya-Ebene,
wohingegen die
untergeordneten
Lebewesen als
fragmentarische Teilchen des Höchsten Herrn wegen ihrer
Winzigkeit dazu neigen, auf tiefere Daseinsebenen
herabzufallen. Obwohl der Höchste Herr wie auch die
Lebewesen auf allen Ebenen existieren, ist der Herr
immer transzendental zu unseren Lebensauffassungen,
unabhängig davon, ob wir materiell bedingt oder bereits
befreit sind. Die gesamte kosmische Manifestation wird
durch die Gnade des Höchsten Herrn geschaffen und
besteht durch die Gnade des Höchsten Herrn, und wenn
sie vernichtet wird, geht sie wieder in das Dasein des
Höchsten Herrn ein. Somit ist der Höchste Herr das
höchste Dasein und die Ursache aller Ursachen. Es ergibt
sich daher die Schlußfolgerung, daß unser Leben, wenn
wir kein Krsna-Bewußtsein entwickeln, nichts weiter als
ein Zeitverlust ist.
Diejenigen, die sehr materialistisch sind und die Natur
der spirituellen Welt nicht verstehen können, sind auch
unfähig, das Reich Sri Krsnas zu erkennen. Für solche
Menschen haben die großen Weisen einen yoga-Vorgang
empfohlen, bei dem man mit der Meditation über den
Bauch, der muladhara- oder manipuraka-Meditation,
beginnt und sich dann allmählich zu höheren Stufen
erhebt. Muladhara
und manipuraka
sind die
Sanskritbezeichnungen für die Eingeweide im Bauch. Die
grobmaterialistischen
Menschen
glauben, daß
wirtschaftlicher Fortschritt von größter Wichtigkeit sei, da
sie unter dem Eindruck stehen, das Lebewesen existiere
nur auf der Grundlage des Essens. Diese Materialisten
übersehen dabei jedoch, daß all die Nahrung, die wir zu
uns nehmen, und sei es noch so viel, nur Leiden wie
Verdauungsstörungen oder Übersäuerung hervorruft,
wenn sie nicht verdaut
wird. Um die Nahrung zu
verdauen, benötigen wir die Hilfe einer höheren Energie,
die in der Bhagavad-gita als vaisvanara beschrieben wird.
Sri Krsna erklärt in der Bhagavad-gita, daß Er in der
Form der vaisvanara für
die Verdauung sorgt. Die
Höchste Persönlichkeit Gottes ist alldurchdringend; daher
ist es nicht weiter verwunderlich, daß Er auch als vaisvanara gegenwärtig ist.
Krsna ist tatsächlich überall gegenwärtig. Der Vaisnava
kennzeichnet deshalb seinen Körper mit Tempeln Visnus.
Er malt zuerst einen tilaka-Tempel auf den Bauch, dann
einen auf die Brust, auf den Halsansatz zwischen den
Schlüsselbeinen, auf die Stirn und schließlich auf die
höchste Stelle des Kopfes, das brahma-randhra. Die
Namen der dreizehn Tempel aus tilaka, die den Körper
des Vaisnavas kennzeichnen, sind folgende: Auf der Stirn
befindet sich der Tempel Sri Kesavas, auf dem Bauch der
Tempel Sri Narayanas, auf der Brust der Tempel Sri
Madhavas und beim Halsansatz zwischen den beiden
Schlüsselbeinen der Tempel Sri Govindas. Auf der
rechten Seite der Taille befindet sich der Tempel Sri
Visnus, auf dem
rechten Arm der
Tempel Sri
Madhusudhanas und
auf der rechten
Seite des
Schlüsselbeines der Tempel Sri Trivikramas. Auf der
linken Seite der Taille befindet sich der Tempel Sri
Vamanadevas, auf dem linken Arm der Tempel Sridharas,
auf der linken Seite des Schlüsselbeines der Tempel
Hrsikesas, auf dem Nacken der Tempel Padmanabhas und
auf dem unteren
Teil des Rückens
der Tempel
Damodaras. Auf der höchsten Stelle der Schädeldecke
befindet sich der
Tempel Vasudevas. Dies
ist der
Vorgang, wie man über die Gegenwart des Herrn in den
verschiedenen Teilen des Körpers meditiert. Doch für
diejenigen, die keine Vaisnavas sind, empfehlen die
großen Weisen die Meditation über die körperliche
Auffassung des Lebens - die Meditation über die Eingeweide, das Herz, den Hals, die Augenbrauen, die Stirn
und dann die
Schädeldecke. Einige Weise
in der
Nachfolge des großen Heiligen Aruna meditieren über das
Herz, da im Herzen neben dem Lebewesen auch die
Überseele weilt. Dies wird im Fünfzehnten Kapitel der
Bhagavad-gita bestätigt, wo der Herr erklärt: "Ich weile
im Herzen eines jeden."
Für den Vaisnava ist der Schutz des Körpers
Bestandteil des hingebungsvollen Dienstes, denn er
benützt den Körper für den Dienst des Herrn; doch im Gegensatz zu ihm halten die groben Materialisten den
Körper für das Selbst. Sie verehren den Körper durch den
yoga-Vorgang der Meditation über einzelne Körperteile,
wie manipuraka, dahara und hrdaya, wobei sie langsam
zum brahma-randhra auf der Schädeldecke gelangen.
Wenn ein erstklassiger yogi die Vollkommenheit in der
Ausübung des besagten yoga-Vorgangs erreicht hat,
begibt er sich am Ende durch das brahma-randhra zu
einem beliebigen Planeten in der materiellen oder
spirituellen Welt. Auf welche Weise sich der yogi auf
einen anderen Planeten erhebt, wird ausführlich im
Zweiten Canto des Srimad Bhagavatam beschrieben.
In diesem Zusammenhang empfiehlt Sukadeva
Gosvami den Anfängern, den virata purusa, d.h. die
gigantische universale Form des Herrn, zu verehren.
Demjenigen, der nicht glauben kann, daß der Herr mit
gleichem Erfolg in der Form der transzendentalen
Bildgestalt, der arca-vigraha, verehrt werden kann, oder
der nicht imstande ist, seinen Geist auf diese Form zu
konzentrieren, wird
geraten, die universale Form des Herrn zu verehren.
Der untere Teil des Universums wird als die Füße und
Beine der universalen Form des Herrn angesehen, der
mittlere Teil gilt als Sein Nabel oder Bauch, die höheren
Planetensysteme, wie Janaloka und Maharloka, sind das
Herz des Herrn, und das höchste Planetensystem,
Brahmaloka, wird als die höchste Stelle Seines Hauptes
betrachtet. Es gibt viele verschiedene Vorgänge, die von
den Weisen, entsprechend der Bewußtseinsebene des
Verehrenden, empfohlen werden; doch das endgültige
Ziel aller Meditations- und yoga-Vorgänge ist die
Heimkehr zurück zu Gott. Wie in der Bhagavad-gita
erklärt wird, braucht niemand, der den höchsten Planeten,
das Reich
Krsnas, oder
auch nur
einen der
Vaikuntha-Planeten
erreicht, jemals
wieder zum
leidvollen Leben in der materiellen Welt zurückzukehren.
Die vedischen Schriften empfehlen uns deshalb, die
Lotosfüße Sri Visnus zum Ziel all unserer Bemühungen
zu machen. Tad visnoh paramam padam: Visnuloka, die
Visnu-Planeten, befinden sich jenseits aller materiellen
Planeten. Diese
Vaikuntha-Planeten
werden als
sanatana-dhama bezeichnet, und sie sind ewig, denn sie
werden niemals
vernichtet, nicht
einmal bei der
Vernichtung der materiellen Welt. Die Schlußfolgerung
lautet, daß ein Mensch, der die Bestimmung seines Lebens
nicht erfüllt, das heißt, der sich nicht der Verehrung des
Höchsten Herrn zuwendet und nicht zu Gott zurückkehrt,
den eigentlichen Sinn des menschlichen Lebens verpaßt
hat.
Das nächste Gebet, das die Veden in Person an den
Herrn richteten,
beschreibt, wie
Er, die Höchste
Persönlichkeit Gottes, in die verschiedenen Lebensformen
eingeht. Im Vierzehnten Kapitel der Bhagavad-gita wird
gesagt, daß in jeder Lebensart und in jeder Lebensform
die spirituelle Teilerweiterung des Höchsten Herrn
anwesend ist. Der Herr erklärt Selbst in der Gita, daß Er
der samengebende Vater aller Lebensarten und -formen
ist, und deshalb sind diese als Söhne des Herrn anzusehen.
Die Tatsache, daß der Höchste Herr als Paramatma in das
Herz eines jeden Lebewesens eingeht, verwirrt die
Unpersönlichkeitsanhänger bisweilen, da nach ihrer
Vorstellung die
Lebewesen dem
Höchsten Herrn
ebenbürtig sind. Sie glauben, weil der Höchste Herr
zusammen mit
der individuellen
Seele in die
verschiedenen Körper eingehe, bestehe zwischen dem
Herrn und den individuellen Lebewesen kein Unterschied.
Die Streitfrage, die sie aufwerfen, lautet: "Warum sollten
die individuellen Seelen den Paramatma, die Überseele,
verehren?" Ihrer Auffassung nach befinden sich die
Überseele und die individuelle Seele auf der gleichen
Ebene; sie seien eins, und es bestehe kein Unterschied
zwischen ihnen. Zwischen der Überseele und der individuellen Seele besteht in Wirklichkeit jedoch ein großer
Unterschied, und dies wird im Fünfzehnten Kapitel der
Bhagavad-gita erklärt, wo der Herr sagt, daß Er dem
Lebewesen übergeordnet ist, obwohl Er mit ihm im
gleichen Körper weilt. Er gibt der individuellen Seele von
innen Anweisungen und Intelligenz. In der Gita wird
eindeutig erklärt, daß der Herr der individuellen Seele
Intelligenz gibt und daß sowohl Erinnerung als auch
Vergessen auf den Einfluß der Überseele zurückzuführen
sind. Niemand kann unabhängig vom Einverständnis der
Überseele handeln. Die individuelle Seele handelt deshalb
entsprechend ihrem früheren karma, an das sie vom Herrn
erinnert wird. Es ist die Eigenschaft der individuellen
Seele, zu vergessen, doch der Herr in ihrem Herzen
erinnert sie daran, was sie in ihrem vorherigen Leben tun
wollte. Die Intelligenz der individuellen Seele manifestiert
sich wie das Feuer im Holz. Obwohl Feuer immer Feuer
ist, richtet sich seine Größe nach der Größe des Holzes. In
ähnlicher Weise verhält es sich mit der individuellen
Seele: Obwohl sie immer
qualitativ eins mit dem
Höchsten Herrn ist, entfaltet sie sich entsprechend den
Begrenzungen ihres jeweiligen Körpers.
Der Höchste Herr, oder
die Überseele, wird als
eka-rasa bezeichnet. Eka bedeutet "eins" und rasa
"Geschmack". Der Höchste Herr ist in Seiner transzendentalen Stellung stets voller Ewigkeit, Glückseligkeit
und Wissen. Seine eka-rasa-Stellung wandelt sich nicht
im geringsten, wenn Er zum Zeugen und Ratgeber der
individuellen Seele in jedem individuellen Körper wird.
Die individuelle Seele, von Brahma bis hinunter zur
Ameise, entfaltet ihre spirituelle Kraft je nach ihrem
Körper. Die Halbgötter gehören zur gleichen Kategorie
wie die individuellen
Seelen in den Körpern
von
Menschen und niederen Tieren. Intelligente Menschen
verehren deshalb nicht die Halbgötter, die nur winzige
Vertreter Krsnas sind, die sich in bedingten Körpern
manifestieren. Die individuelle Seele kann ihre Kräfte nur
entsprechend der Größe und Beschaffenheit ihres Körpers
entfalten, wohingegen die Höchste Persönlichkeit Gottes
Ihre vollkommenen Kräfte in jeder Form und Gestalt ohne
Einschränkung manifestieren
kann. Die These
der
Mayavadi-Philosophen, nach der Gott und die individuelle Seele ein und dasselbe sind, ist unannehmbar, da
die individuelle Seele
ihre Kräfte nur gemäß
der
Entwicklung der verschiedenen Körper zu entfalten
vermag. Die individuelle Seele im Körper eines Säuglings
kann niemals die Kraft und Energie eines erwachsenen
Mannes aufbringen. Die Höchste Persönlichkeit Gottes,
Krsna, jedoch konnte sogar als kleines Kind auf dem
Schoß Seiner Mutter Seine ganze Kraft und Energie
entfalten, was sich zeigte, als Er Putana und andere
Dämonen, die Ihn angriffen, tötete. Aus diesem Grund
wird die spirituelle Kraft der Höchsten Persönlichkeit
Gottes als eka-rasa, "unveränderlich", bezeichnet. Die
Höchste Persönlichkeit
Gottes ist also
das einzig
verehrungswürdige Ziel, und diejenigen, die sich von dem
verunreinigenden Einfluß der materiellen Natur befreit
haben, sind sich dessen vollkommen bewußt. Mit anderen
Worten, nur
befreite Seelen
können die Höchste
Persönlichkeit Gottes verehren. Die unintelligenten
Mayavadis wenden sich der Verehrung von Halbgöttern
zu, da sie meinen, die Halbgötter befänden sich auf
derselben Stufe wie die Höchste Persönlichkeit Gottes.
Die Veden in Person brachten dem Herrn weiter ihre
Ehrerbietungen dar.
"Lieber Herr",
beteten sie,
"diejenigen, die nach vielen Leben tatsächlich weise
geworden sind, widmen sich in vollkommenem Wissen
der Verehrung Deiner Lotosfüße." Dies wird auch in der
Bhagavad-gita bestätigt, wo der Herr sagt, daß sich ein
mahatma, eine große Seele, nach vielen, vielen Leben
dem Herrn hingibt, da er erkannt hat, daß Vasudeva,
Krsna, die Ursache aller Ursachen ist. Die Veden fuhren
fort: "Wie wir bereits erklärt haben, werden uns der Geist,
die Intelligenz und die Sinne von Gott gegeben. Wenn
diese Werkzeuge tatsächlich geläutert worden sind, dann
gibt es keine andere Möglichkeit, als sie im hingebungsvollen Dienst des Herrn zu beschäftigen. Die
Lebewesen sind nur deshalb in den verschiedenen
Lebensformen gefangen, weil sie ihren Geist, ihre Intelligenz und ihre
Sinne für
materielle Tätigkeiten
mißbrauchen. Die verschiedenartigen Körper werden dem
Lebewesen als Ergebnis seiner Handlungen gegeben, und
sie werden nach dem Wunsch des Lebewesens von der
materiellen Natur geschaffen. Weil das Lebewesen eine
bestimmte Art von Körper begehrt und verdient, wird ihm
dieser auf Anordnung
des Höchsten Herrn von
der
materiellen Natur gegeben."
Im Dritten Canto des Srimad-Bhagavatam wird erklärt,
daß das Lebewesen unter der Aufsicht höherer Autorität
in den Samen eines männlichen Wesens versetzt und
später in den Schoß eines entsprechenden weiblichen
Wesens gegeben wird, so
daß es dort einen ganz
bestimmten Körper entwickeln kann. Das Lebewesen
gebraucht seine Sinne, seine Intelligenz, seinen Geist usw.
auf eine Art und Weise, die es selbst wählt, und entwickelt
so einen bestimmten
Körper, der dann zu
seinem
Gefängnis wird. So wird das Lebewesen, je nach den
Situationen und Umständen, in die verschiedensten
Lebensformen versetzt, sei
es in den Körper eines
Halbgottes, eines Menschen oder eines Tieres.
In den vedischen
Schriften wird erklärt,
daß die
Lebewesen, die in den verschiedenen Lebensformen
gefangen sind, winzige Bestandteile des Höchsten Herrn
sind. Die Mayavadi-Philosophen halten das Lebewesen
für den Paramatma, der
jedoch in Wirklichkeit das
Lebewesen als
Freund begleitet.
Weil Sich der
Paramatma, der
lokalisierte Aspekt
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, und das individuelle Lebewesen
gemeinsam im gleichen Körper befinden, tritt manchmal
das Mißverständnis auf, es gäbe zwischen ihnen keinen
Unterschied. In Wirklichkeit jedoch besteht zwischen der
individuellen Seele und der Überseele ein gewaltiger
Unterschied, und dieser Unterschied wird im Varaha Purana definiert. Der Höchste Herr hat zwei Arten von
Erweiterungen, die von Ihm ausgehen: das Lebewesen,
das vibhinnamsa genannt wird, und den Paramatma, die
vollständige Erweiterung des Höchsten Herrn, die svamsa
genannt wird. Die svamsa-Erweiterung des Höchsten
Herrn ist genauso mächtig wie Er Selbst. Es besteht nicht
der geringste Unterschied zwischen der Macht des Höchsten Herrn und Seiner vollständigen Erweiterung als
Paramatma, wohingegen die vibhinnamsa-Teile nur über
einen geringen Teil der Kräfte des Herrn verfügen. Das
Narayana-pancaratra erklärt, daß die Lebewesen, die die
marginale Energie des Herrn bilden, zweifellos qualitativ
von gleicher spiritueller Natur sind wie der Herr Selbst,
daß sie aber, im Gegensatz zu Ihm, dazu anfällig sind, von
den materiellen Erscheinungsweisen verunreinigt zu
werden. Weil das winzige Lebewesen dazu neigt, dem
Einfluß der materiellen Erscheinungsweisen zu erliegen,
nennt man es jiva. Manchmal wird die Höchste
Persönlichkeit Gottes auch Siva, "der in jeder Hinsicht
Glückverheißende", genannt. Der Unterschied zwischen
Siva und jiva liegt darin, daß die in jeder Hinsicht
glückverheißende Höchste Persönlichkeit Gottes niemals
von den materiellen Erscheinungsweisen berührt wird,
wohingegen die
winzigen Teile
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes von den Erscheinungsweisen der
materiellen Natur beeinflußt werden können.
Die Überseele im Körper des individuellen Lebewesens
ist eine vollständige Teilerweiterung des Höchsten Herrn,
und als solche ist Sie für das individuelle Lebewesen
verehrungswürdig. Die großen Weisen sind deshalb zur
Schlußfolgerung gekommen, daß der Vorgang der
Meditation so beschaffen sein muß, daß das individuelle
Lebewesen seine Aufmerksamkeit auf die Lotosfüße der
Überseele, der Gestalt Visnus, richten kann. Das ist
wirklicher samadhi. Das Lebewesen kann nicht durch
eigene Kraft aus der materiellen Verstrickung befreit
werden; es muß sich deshalb dem hingebungsvollen
Dienst zu den Lotosfüßen des Herrn, der als Überseele in
seinem Herzen weilt, zuwenden. Sridhara Svami, der
große Kommentator des Srimad-Bhagavatam, verfaßte in
diesem Zusammenhang einen wunderbaren Vers: "Mein
lieber Herr, ich bin ewig Dein Teil; jedoch befinde ich
mich in der Gefangenschaft der materiellen Energie, die
ebenfalls von Dir ausgeht. Als Ursache aller Ursachen bist
Du in Form der Überseele in meinen Körper eingegangen,
und ich habe das Vorrecht, mich mit Dir zusammen des
höchsten glückseligen Lebens voller Wissen zu erfreuen.
Deshalb, mein lieber Herr, gib mir bitte den Befehl, Dir
liebevollen Dienst darzubringen, so daß ich wieder in
meine ursprüngliche Stellung der transzendentalen
Glückseligkeit erhoben werden kann."
Die großen
Persönlichkeiten verstehen,
daß ein
Lebewesen, das in der materiellen Welt gefangen ist, nicht
durch eigene Kraft freikommen kann. Mit festem
Vertrauen und unerschütterlicher Hingabe vertiefen sich
solche großen Persönlichkeiten darin, dem Herrn in Liebe
transzendentalen Dienst darzubringen. Dies ist die
Schlußfolgerung der Veden in Person.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, es ist
sehr schwierig, vollkommenes Wissen über die Absolute
Wahrheit zu erlangen. In Deiner Güte gegenüber den
gefallenen Seelen erscheinst Du, o Herr, in mannigfachen
Inkarnationen und vollbringst die verschiedensten Taten.
Du erscheinst sogar als historische Persönlichkeit der
materiellen Welt, und Deine Spiele werden in den vedischen Schriften ausführlich beschrieben. Diese Spiele sind
so anziehend
wie der
Ozean transzendentaler
Glückseligkeit. Die meisten Menschen haben die natürliche Neigung, Erzählungen zu lesen, in denen gewöhnliche
jivas gepriesen werden; wenn sie sich jedoch zu den
vedischen Schriften hingezogen fühlen, die Deine ewigen
Spiele beschreiben, tauchen sie wahrhaftig in den Ozean
der transzendentalen Glückseligkeit ein. So wie ein
erschöpfter Mensch erfrischt
wird, wenn er in ein
Gewässer taucht, wird eine bedingte Seele, die aller
materiellen Tätigkeiten müde ist, neu belebt und vergißt
alles Elend des materiellen Lebens, wenn sie einfach in
den transzendentalen Ozean Deiner Spiele taucht. Und am
Schluß geht sie in
den Ozean der transzendentalen
Glückseligkeit ein. Die intelligentesten Gottgeweihten
widmen sich daher keiner anderen Methode der Selbstverwirklichung als dem hingebungsvollen Dienst und den
neun verschiedenen Vorgängen des hingebungsvollen
Lebens, vor allem Hören und Chanten. Wenn Deine
Geweihten über Deine transzendentalen Spiele hören und
chanten, ist ihnen sogar die transzendentale Glückseligkeit
gleichgültig, die durch Befreiung oder das Eingehen in die
Existenz des Höchsten erlangt wird. Solchen Gottgeweihten liegt also nicht einmal etwas an sogenannter
Befreiung, und erst recht nicht an materiellen Tätigkeiten,
durch die man auf die himmlischen Planeten erhoben
wird, wo das Maß an Sinnenbefriedigung viel größer ist.
Reine Gottgeweihte suchen nur die Gemeinschaft von
paramahamsas, von großen, befreiten Gottgeweihten,
damit sie fortwährend über Deine Herrlichkeit hören und
chanten können. Zu
diesem Zweck sind die
reinen
Gottgeweihten bereit, auf alle Annehmlichkeiten des
Lebens, wie ein bequemes Familienleben und sogenannte
Gesellschaft, Freundschaft und Liebe, zu verzichten.
Diejenigen, die den Nektar der Hingabe gekostet haben,
indem sie an der transzendentalen Klangschwingung des
Chantens über Deine Herrlichkeit - Hare Krsna, Hare
Krsna, Krsna Krsna, Hare Hare / Hare Rama, Hare Rama,
Rama Rama, Hare Hare - Geschmack gefunden haben,
interessieren sich nicht im geringsten für irgendwelche
andere spirituelle Glückseligkeit oder für materielle
Annehmlichkeiten, die dem reinen Gottgeweihten weniger
bedeuten als das Stroh auf der Straße."
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, wenn es
jemandem gelingt, seinen Geist, seine Sinne und seine
Intelligenz durch hingebungsvollen Dienst in völligem
Krsna-Bewußtsein zu läutern, dann wird der Geist zum
Freund. Andernfalls ist der Geist stets ein Feind. Wenn
der Geist im
hingebungsvollen Dienst
des Herrn
beschäftigt ist, wird er zum guten Freund des Lebewesens,
weil der Geist dann fähig ist, immer an den Höchsten
Herrn zu denken. Du, o Herr, bist dem Lebewesen seit
aller Ewigkeit sehr lieb, und wenn daher der Geist in
Gedanken an Dich vertieft ist, erfährt man sogleich die
große Zufriedenheit, nach der man sich Leben für Leben
gesehnt hat. Wenn der Geist auf die Lotosfüße der
Höchsten Persönlichkeit Gottes gerichtet ist, besteht kein
Interesse mehr, sich irgendeiner anderen, niedrigeren Art
der Verehrung oder Selbstverwirklichung zuzuwenden.
Ein Lebewesen, das versucht, einen Halbgott zu verehren,
oder
das
irgendeinem
anderen
Weg zur
Selbstverwirklichung folgt, wird ein Opfer des Kreislaufes
von Geburt und Tod, und niemand kann sich vorstellen,
welche Erniedrigung es für das Lebewesen bedeutet,
wenn es in einer abscheulichen Lebensform wie der der
Katzen und Hunde geboren wird."
Sri Narottama dasa Thakura sagt in einem seiner
Lieder, daß
Menschen, die
sich nicht dem
hingebungsvollen Dienst des Herrn zuwenden, sondern an
philosophischer Spekulation und fruchtbringenden
Tätigkeiten Gefallen finden, die giftigen Ergebnisse dieser
Handlungen trinken müssen. Solche Menschen werden
dazu gezwungen, in den verschiedensten Lebensformen
wiedergeboren zu werden und widerliche Gewohnheiten,
wie Fleischessen
und Berauschung,
anzunehmen.
Materialistische Menschen verehren im allgemeinen den
vergänglichen materiellen Körper und vergessen darüber
das Wohl der spirituellen Seele im Körper. Einige von
ihnen suchen bei der materialistischen Wissenschaft Zuflucht, um so die Annehmlichkeiten für den Körper zu
verbessern, und andere wenden sich der Verehrung der
Halbgötter zu, um auf die himmlischen Planeten erhoben
zu werden. Ihr einziges Ziel im Leben ist es, dem
materiellen Körper Annehmlichkeiten zu verschaffen, und
so vergessen sie die Bedürfnisse der spirituellen Seele.
Solche Menschen werden in den vedischen Schriften als
selbstmörderisch bezeichnet, weil die Anhaftung an den
materiellen Körper und seine Freuden das Lebewesen
dazu zwingen, durch den Kreislauf von Geburt und Tod
zu wandern und als unumgängliche Folge davon die
Qualen des
materiellen Daseins
zu erleiden. Die
menschliche Form des Lebens bietet einem die Möglichkeit, seine wirkliche Identität zu verstehen, und deshalb
wenden sich die
intelligentesten Menschen dem
hingebungsvollen Dienst zu, um Geist, Sinne und Körper
ohne Abweichung im Dienst des Herrn zu beschäftigen.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, es gibt
viele mystische yogis, die sehr gelehrt sind und sich
entschlossen darum
bemühen, die
höchste Vollkommenheit des Lebens zu erreichen. Sie beschäftigen
sich in dem yoga-Vorgang, bei dem die Lebensluft im
Körper unter Kontrolle gebracht wird, während man den
Geist auf die Gestalt
Visnus richtet und die
Sinne
strengster Entsagung unterzieht. Obwohl sie sich diesem
yoga-Vorgang widmen und sich die verschiedensten
Entsagungen, Bußen und Opfer auferlegen, erreichen sie
letzten Endes den
gleichen Bestimmungsort wie
diejenigen, die Dir feindlich gesinnt sind. Mit anderen
Worten, sowohl die yogis als auch die großen und weisen
jnanis
erreichen
schließlich
die unpersönliche
Brahman-Ausstrahlung, die auch von den Dämonen,
Deinen erklärten Feinden, erreicht wird. Dämonen wie
Kamsa, Sisupala und Dantavakra gingen ebenfalls in die
Brahman-Ausstrahlung ein, da sie ständig über die
Höchste Persönlichkeit Gottes meditierten. Frauen wie die
gopis jedoch hingen in Liebe an Krsna, und sie waren von
Seiner Schönheit fasziniert, und ihre Meditation über
Krsna war durch sehnsüchtige Verlangen hervorgerufen
worden. Sie wollten von Krsnas Armen umschlossen
werden, die der wundervollen runden Form einer
Schlange gleichen. Ebenso meditieren auch wir, die
vedischen Hymnen, über Deine Lotosfüße. Frauen wie die
gopis meditieren über Dich aufgrund sehnsüchtiger
Verlangen, und wir meditieren über Deine Lotosfüße, um
nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Auch Deine Feinde
richten ihren Geist auf Dich, da sie immer daran denken,
wie sie Dich töten können, und die yogis nehmen viele
schwere Bußen und Entsagungen auf sich, um Deine
unpersönliche Ausstrahlung zu erreichen. Obwohl all
diese Personen auf unterschiedliche Weise über Dich
meditieren, erreichen sie alle, entsprechend ihrer jeweiligen Sichtweise, die spirituelle Vollkommenheit, da
Du allen Gottgeweihten gleichgesinnt bist."
In diesem Zusammenhang gibt es einen sehr schönen
Vers von Sridhara Svami: "Mein lieber Herr, immer an
Deine Lotosfüße zu denken ist sehr schwierig. Es ist dies
nur den großen Gottgeweihten möglich, die bereits Liebe
zu Dir entwickelt haben und Dir mit Liebe und Hingabe
dienen. Mein lieber Herr, ich wünsche mir, daß es auch
für meinen Geist möglich sein wird, sich irgendwie auf
Deine Lotosfüße zu richten, zumindest für einige Zeit."
Die Stufen der spirituellen Vollkommenheit, die die
verschiedenen Transzendentalisten erreichen, werden in
der Bhagavad-gita beschrieben, wo der Herr sagt, daß Er
Seinem Geweihten die erstrebte Vollkommenheit in dem
Maße gewährt, wie
dieser sich Ihm
hingibt. Die
Unpersönlichkeitsanhänger, die yogis und die Feinde des
Herrn gehen in Seine transzendentale Ausstrahlung ein,
wohingegen die Persönlichkeitsanhänger, die den
Fußstapfen der Einwohner Vrndavanas folgen oder sich
strikt an den Pfad des hingebungsvollen Dienstes halten,
in das persönliche Reich Krsnas, Goloka Vrndavana, oder
auf die Vaikuntha-Planeten erhoben werden. Sowohl die
Unpersönlichkeitsanhänger
als
auch die
Persönlichkeitsanhänger gelangen also in die spirituelle
Welt,
doch
der
Bestimmungsort der
Unpersönlichkeitsanhänger ist die unpersönliche Brahman-Ausstrahlung,
wohingegen die
Verehrer der
persönlichen Form des Herrn - gemäß ihrem Wunsch,
dem Herrn in einem bestimmten rasa zu dienen - auf
einem der
Vaikuntha-Planeten oder
auf dem
Vrndavana-Planeten aufgenommen werden.
Die personifizierten Veden sagten, daß diejenigen, die
nach der Schöpfung der materiellen Welt geboren wurden,
die Existenz der
Höchsten Persönlichkeit Gottes
unmöglich verstehen können, indem sie einfach nur ihr
materielles Wissen anstrengen. Ebensowenig wie jemand,
der in einer bestimmten Familie geboren wird, das Leben
seines Urgroßvaters verstehen kann, der lange vor der
neuen, gegenwärtigen Generation gelebt hat, können wir
die Höchste Persönlichkeit Gottes, Narayana, Sri Krsna,
der ewig in der spirituellen Welt lebt, verstehen. Im
Achten
Kapitel
der
Bhagavad-gita wird
unmißverständlich erklärt, daß man sich Krsna, der
Höchsten Person, der ewig in Seinem spirituellen Königreich
(sanatana-dhama)
weilt,
nur durch
hingebungsvollen Dienst nähern kann.
Brahma ist das
ersterschaffene Wesen
in der
materiellen Schöpfung. Vor Brahma gab es keine
Lebewesen in der materiellen Welt; sie war leer und finster, bis Brahma
auf der
Lotosblume, die aus
Garbhodakasayi Visnus Nabel hervorsproß, geboren
wurde. Garbhodakasayi Visnu ist eine Erweiterung
Karanodakasayi Visnus. Karanodakasayi Visnu ist eine
Erweiterung Sankarsanas,
und Sankarsana
ist eine
Erweiterung Balaramas. Balarama schließlich ist eine
direkte Erweiterung Sri Krsnas. Nach der Erschaffung
Brahmas wurden die zwei Arten von Halbgöttern geboren:
die Halbgötter wie die vier Kumara-Brüder - Sanaka,
Sanatana, Sananda und Sanat-kumara -, die das Beispiel
geben, der Welt zu entsagen; und die Halbgötter wie
Marici und seine Nachkommen, die dazu bestimmt sind,
die materielle Welt zu genießen. Von diesen beiden Arten
von Halbgöttern
wurden allmählich
alle anderen
Lebewesen im Universum, einschließlich der Menschen,
hervorgebracht. Deshalb ist jedes Lebewesen in der
materiellen Welt, auch Brahma, die anderen Halbgötter
und die raksasas, als jung anzusehen, und zwar in dem
Sinne, daß sie alle erst vor kurzer Zeit geboren wurden.
Ebenso wie jemand, der erst vor kurzem in einer Familie
geboren wurde, unmöglich seine entfernten Vorfahren
kennen kann, so kann niemand in der materiellen Welt die
Stellung des Herrn in der spirituellen Welt verstehen,
denn die materielle Welt wurde erst vor kurzer Zeit
geschaffen. Obwohl die Manifestationen der materiellen
Welt, nämlich die Zeitelemente, die Lebewesen, die
Veden und die
grobstofflichen und feinstofflichen
Elemente, von langer Existenzdauer sind, wurden sie doch
alle zu einem bestimmten Zeitpunkt einmal geschaffen.
Alles, was ein Erzeugnis dieser Schöpfung ist oder als
Mittel gilt, die ursprüngliche Ursache der Schöpfung zu
erkennen, ist als jung anzusehen.
Deshalb sind die Vorgänge der Selbstverwirklichung
bzw. Gotteserkenntnis in Form von fruchtbringenden
Tätigkeiten, philosophischer Spekulation und mystischem
yoga Wege, die einen nicht wirklich zur höchsten Quelle
aller Dinge führen. Wenn die Schöpfung vollständig
vernichtet ist, wenn weder die Veden noch die materielle
Zeit, noch die grob- und feinstofflichen Elemente
bestehen und
wenn alle
Lebewesen in einem
unmanifestierten Zustand in Narayana ruhen, werden all
diese künstlichen Vorgänge null und nichtig und haben
keine Wirkung mehr. Hingebungsvoller Dienst dagegen
wird in der ewigen spirituellen Welt ewig weitergeführt,
und deshalb ist der
einzige wirkliche Vorgang der
Selbstverwirklichung,
oder
Gotteserkenntnis, der
hingebungsvolle Dienst. Wenn man sich dem Vorgang
des hingebungsvollen Dienstes zuwendet, wendet man
sich dem wahren Vorgang der Gotteserkenntnis zu.
Deshalb heißt es in diesem Zusammenhang in Srila
Sridhara Svamis Vers, daß die höchste Quelle alles
Bestehenden, die Höchste Persönlichkeit Gottes, so groß
und unbegrenzt ist, daß es dem Lebewesen nicht möglich
ist, sie durch irgendwelche materiellen Errungenschaften
zu verstehen. Aus diesem Grund sollte jeder zum Herrn
beten, ewig in
Seinem hingebungsvollen Dienst
beschäftigt sein zu dürfen, so daß man durch Seine Gnade
die höchste Quelle der Schöpfung verstehen kann. Die
höchste Quelle der Schöpfung, der Höchste Herr,
offenbart Sich nur Seinem Geweihten. Im Vierten Kapitel
der Bhagavad-gita sagt der Herr zu Arjuna: "Mein lieber
Arjuna, weil du Mein Geweihter und Mein vertrauter
Freund bist, will Ich dir nun den Vorgang offenbaren,
durch den du Mich
verstehen kannst." Mit anderen
Worten, wir können die höchste Quelle der Schöpfung,
die Höchste Persönlichkeit Gottes, nicht kraft unserer
eigenen Bemühung verstehen. Wir müssen Ihn durch
hingebungsvollen Dienst erfreuen; dann wird Er Sich uns
offenbaren, und wir können Ihn bis zu einem gewissen
Maß verstehen.
Es gibt verschiedene Arten von Philosophen, die
versucht haben, die höchste Ursache durch mentale
Spekulation zu erfassen. Man unterscheidet im allgemeinen sechs Gruppen, die unter dem Begriff sad-darsana
zusammengefaßt werden. All diese Philosophen sind
Unpersönlichkeitsanhänger und werden als Mayavadis
bezeichnet. Jeder von ihnen hat versucht, seine eigene
Auffassung durchzusetzen, obwohl sie dann später
Kompromisse schlossen und erklärten, alle Auffassungen
führten zum gleichen Ziel und daher sei jede Auffassung
richtig. Doch wie aus den Gebeten der personifizierten
Veden hervorgeht, ist keine ihrer Auffassungen richtig,
denn der Vorgang, durch den sie sich ihr Wissen aneigneten, wurde in der zeitweiligen materiellen Welt
geschaffen. Sie alle haben das Grundlegendste und
Wichtigste nicht verstanden, daß nämlich die Höchste
Persönlichkeit Gottes, die Absolute Wahrheit, nur durch
hingebungsvollen Dienst verstanden werden kann.
Eine Gruppe von Philosophen, die Mimamsakas, die
von Weisen wie Jaimini vertreten werden, ist der Ansicht,
jeder müsse fromme Tätigkeiten ausführen und seine
vorgeschriebenen Pflichten
erfüllen, weil
dies zur
höchsten Vollkommenheit führen werde. Doch dieser
Auffassung wird im Neunten Kapitel der Bhagavad-gita
widersprochen, wo Sri Krsna erklärt, daß man durch
fromme Tätigkeiten zwar auf die himmlischen Planeten
gelangen kann, daß man aber, sobald der Lohn für die
frommen Tätigkeiten aufgebraucht ist, den Genuß des
höheren
materiellen
Lebensstandards
auf den
himmlischen Planeten verlassen und wieder zu den
niederen Planeten zurückkehren muß, wo die Lebensdauer
äußerst kurz und das Ausmaß materiellen Glücks viel
kleiner ist. Wörtlich heißt es in der Bhagavad-gita in
diesem Zusammenhang: ksine punye martya-lokam
visanti.
Daher ist
die
Schlußfolgerung der
Mimamsaka-Philosophen, fromme Tätigkeiten führten
einen zur Absoluten Wahrheit, nicht richtig. Obwohl ein
reiner Gottgeweihter
von Natur aus
zu frommen
Tätigkeiten neigt, kann niemand allein durch fromme
Tätigkeiten die Gunst der Höchsten Persönlichkeit Gottes
erlangen. Durch fromme Tätigkeiten kann man zwar von
der durch Unwissenheit und Leidenschaft erzeugten
Verunreinigung geläutert werden, doch dies erreicht ein
Gottgeweihter automatisch, da er ständig in das Hören der
transzendentalen Botschaft in Form der Bhagavad-gita,
des Srimad-Bhagavatam und ähnlicher Schriften vertieft
ist. Aus der Bhagavad-gita erfahren wir, daß selbst ein
Mensch, der das vorgeschriebene Maß frommer Tätigkeiten nicht erfüllt, dafür aber absolut im hingebungsvollen
Dienst beschäftigt ist, als Gottgeweihter betrachtet werden
muß, der sich auf dem sicheren Pfad zur spirituellen
Vollkommenheit befindet.
Auch heißt es
in der
Bhagavad-gita, daß jemand, der sich mit Liebe und
Vertrauen im hingebungsvollen Dienst beschäftigt, von
innen her von der Höchsten Persönlichkeit Gottes gelenkt
wird. Der Höchste Herr gibt dem Gottgeweihten als
Paramatma, als spiritueller Meister im Herzen, genaue
Anweisungen, so daß er schließlich in das Reich Gottes
zurückkehren
kann. Die
Schlußfolgerung der
Mimamsaka-Philosophen ist also nicht die Wahrheit, die
den Menschen zum richtigen Verständnis führt.
Die Sankhya-Philosophen, eine andere Gruppe von
Philosophen, sind Metaphysiker und materialistische
Wissenschaftler, die die kosmische Manifestation mit
Hilfe ihrer selbsterfundenen wissenschaftlichen Methoden
studieren, aber die Höchste Autorität Gottes als Schöpfer
der kosmischen Manifestation nicht anerkennen. Statt
dessen gelangen sie zu dem falschen Schluß, daß die
Wechselwirkung
der
materiellen
Elemente die
ursprüngliche Ursache
der Schöpfung
sei. Die
Bhagavad-gita jedoch verwirft diese Theorie, indem sie
unmißverständlich erklärt, daß alles im Kosmos unter der
Führung der Höchsten Persönlichkeit Gottes steht. Diese
Tatsache wird auch in dem vedischen Aphorismus asad
va idam agra asit bestätigt, der besagt, daß der Ursprung
der Schöpfung schon vor der kosmischen Manifestation
existierte. Die materiellen Elemente können also nicht die
Ursache der materiellen Schöpfung sein. Die materiellen
Elemente werden zwar als materielle Ursachen anerkannt,
aber die
ursprüngliche Ursache
ist die Höchste
Persönlichkeit Gottes. Deshalb erklärt die Bhagavad-gita,
daß die materielle Natur unter Krsnas Führung arbeitet.
Die
Schlußfolgerung
der atheistischen
Sankhya-Philosophie lautet: Weil die Wirkungen der
materiellen Welten zeitweilig und illusorisch sind, muß
auch die
Ursache selbst
illusorisch sein. Die
Sankhya-Philosophen vertreten die Lehre vom Nichts; in
Wirklichkeit jedoch ist die ursprüngliche Ursache die
Höchste Persönlichkeit
Gottes, und die
kosmische
Manifestation ist die zeitweilige Manifestation der
materiellen Energie des Herrn. Wenn diese zeitweilige
Manifestation vernichtet wird, bleibt ihre Ursache, die
ewige spirituelle Welt, bestehen wie zuvor. Sie wird
deshalb auch sanatana-dhama, das ewige Reich, genannt.
Die Schlußfolgerung der Sankhya-Philosophen ist also
unrichtig.
Des weiteren gibt es eine Schule von Philosophen,
deren Führer Gautama und Kanada sind. Sie sind nach
eingehendem Studium der Ursache und der Wirkung der
materiellen Elemente zum Schluß gekommen, daß
Atomverbindungen die ursprüngliche Ursache der
Schöpfung seien.
Die heutigen
materialistischen
Wissenschaftler vertreten die gleichen Ansichten wie einst
Gautama und
Kanada, die
Begründer der
paramanuvada-Theorie. Dieser Theorie kann jedoch nicht
zugestimmt werden, da leblose Atome niemals die
ursprüngliche Ursache alles Bestehenden sein können.
Dies wird sowohl in der Bhagavad-gita und im
Srimad-Bhagavatam als auch in den Veden bestätigt, in
denen es unter anderem heißt: eko narayana asit, allein
Narayana
existierte
vor der
Schöpfung. Das
Srimad-Bhagavatam und das Vedanta-sutra erklären
ebenfalls, daß die ursprüngliche Ursache eine fühlende
Person ist, die sich sowohl indirekt als auch direkt aller
Dinge innerhalb der
Schöpfung bewußt ist.
In der
Bhagavad-gita sagt Krsna: aham sarvasya prabhavah.
"Ich bin die ursprüngliche Ursache aller Dinge." Und:
mattah sarvam
pravartate. "Von
Mir geht alles
Bestehende aus." Selbst
wenn die Atome also die
Grundverbindungen der materiellen Manifestationen
bilden, sind diese
Atome doch von der
Höchsten
Persönlichkeit Gottes erzeugt worden. Deshalb muß die
Philosophie Gautamas und Kanadas verworfen werden.
Des weiteren gibt es die Unpersönlichkeitsanhänger,
die von Astavakra und später von Sankaracarya angeführt
wurden, und sie
glauben, daß die
unpersönliche
Brahman-Ausstrahlung die Ursache von allem sei. Nach
ihrer Theorie ist die materielle Manifestation zeitweilig
und unwirklich,
wohingegen die
unpersönliche
Brahman-Ausstrahlung die Wirklichkeit darstelle. Doch
auch diese Theorie ist falsch, denn wie der Herr Selbst in
der Bhagavad-gita sagt, hat die Brahman-Ausstrahlung
ihre Ursache in Seiner Persönlichkeit. In der Brahma-samhita wird ebenfalls bestätigt, daß das leuchtende
Brahman die Ausstrahlung von Krsnas Körper ist. Daher
kann das unpersönliche Brahman nicht die ursprüngliche
Ursache der
kosmischen Manifestation
sein. Die
ursprüngliche Ursache ist die unendlich vollkommene und
bewußte Persönlichkeit Gottes, Govinda.
Die gefährlichste Theorie der
Unpersönlichkeitsanhänger besagt, daß Gott, wenn Er als
Inkarnation erscheint, einen materiellen Körper annehme,
der von den drei Erscheinungsweisen geschaffen sei.
Diese Mayavadi-Theorie wurde von Sri Caitanya als
übelste Blasphemie verurteilt. Er sagte, daß jeder, der den
transzendentalen Körper der Persönlichkeit Gottes für
eine Schöpfung der materiellen Natur halte, sich des
größten Vergehens gegen die Lotosfüße Sri Visnus
schuldig mache. Ebenso erklärt die Bhagavad-gita, daß
nur die Dummköpfe und Schurken Gott, die Höchste
Person, verspotten, wenn Er in einer menschlichen Gestalt
erscheint. So haben Sich Sri Krsna, Sri Rama und Sri
Caitanya, als Sie erschienen, tatsächlich wie Menschen
unter Menschen verhalten.
Die Veden in Person verurteilen die unpersönliche
Auffassung als grobe Entstellung der Wahrheit. In der
Brahma-samhita wird
der Körper der
Höchsten
Persönlichkeit
Gottes als
ananda-cin-maya-rasa
beschrieben. Die Höchste Persönlichkeit Gottes hat einen
spirituellen, keinen materiellen Körper. Krsna kann mit
jedem Teil Seines Körpers nach Belieben alles genießen,
und deshalb ist Er allmächtig. Die Teile eines materiellen
Körpers können nur jeweils eine bestimmte Funktion
erfüllen. Zum Beispiel können die Hände etwas festhalten,
aber man kann mit ihnen nicht sehen oder hören. Weil der
Körper
der
Höchsten
Persönlichkeit Gottes
ananda-cin-maya-rasa und sac-cid-ananda-vigraha ist,
kann Er mit jedem Seiner Körperteile alles genießen und
alles tun. Die Annahme, der spirituelle Körper des Herrn
sei materiell, entspringt dem Bestreben, die Höchste
Persönlichkeit Gottes
mit der
bedingten Seele
gleichzusetzen. Die bedingte Seele hat einen materiellen
Körper, und wenn deshalb Gott auch einen materiellen
Körper hat, dann wäre es sehr leicht, die unpersönliche
Theorie zu
verbreiten, die
besagt, die Höchste
Persönlichkeit Gottes und die Lebewesen seien in jeder
Beziehung gleich.
Die Wahrheit jedoch sieht anders aus. Wenn der Herr,
die Höchste Persönlichkeit Gottes, erscheint, entfaltet Er
mannigfaltige Spiele, aber es gibt keinen Unterschied
zwischen Seinem Körper, wenn Er als kleines Kind auf
Mutter Yasodas Schoß sitzt und wenn Er als sogenannter
Erwachsener mit Dämonen kämpft. Schon als Er als
kleines Kind mit Dämonen wie Putana, Trnavarta und
Aghasura kämpfte, offenbarte Sein Körper die gleiche
Kraft, mit der Er
in Seiner Jugend
Dämonen wie
Dantavakra, Sisupala und andere vernichtete. Wenn eine
bedingte Seele im materiellen Leben ihren Körper
wechselt, vergißt sie alles über ihren vorherigen Körper,
doch wie wir aus der Bhagavad-gita erfahren, vergaß
Krsna, da Er einen sac-cid-ananda-Körper hat, nicht, daß
Er vor Millionen von Jahren den Sonnengott in den
Lehren der Bhagavad-gita unterwiesen hatte. Weil der
Herr sowohl zur materiellen als auch zur spirituellen
Existenz transzendental ist, wird Er auch Purusottama
genannt. Daß Er die Ursache aller Ursachen ist, bedeutet,
daß Er die Ursache sowohl der materiellen als auch der
spirituellen Welt ist. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist
allmächtig und allwissend. Weil ein materieller Körper
weder allmächtig noch allwissend sein kann, ist der
Körper des Herrn ganz bestimmt nicht materiell. Die
Mayavadi-Theorie, nach der die Persönlichkeit Gottes in
einem materiellen Körper in die materielle Welt kommt,
kann somit unter keinen Umständen anerkannt werden.
Abschließend läßt sich sagen, daß alle Theorien der
materialistischen
Philosophen
vom zeitweiligen,
illusorischen Dasein hergeleitet werden und daher den
Schlußfolgerungen in einem Traum gleichen. Zweifellos
können uns solche Schlußfolgerungen nicht zur Absoluten
Wahrheit führen.
Wie der Herr
Selbst in der
Bhagavad-gita erklärt, kann die Absolute Wahrheit nur
durch hingebungsvollen Dienst verstanden werden:
bhaktya mam abhijanati. "Nur durch hingebungsvollen
Dienst bin Ich zu verstehen." In diesem Zusammenhang
hat Srila Sridhara Svami einen wunderschönen Vers
verfaßt: "Mein lieber
Herr, mögen andere sich
mit
falschen Argumenten und trockenen Spekulationen auseinandersetzen und über ihre großartigen philosophischen
Thesen theoretisieren; mögen sie in der Finsternis der
Unwissenheit und Illusion umherirren und sich in dem
falschen Glauben wiegen, hochbewanderte Gelehrte zu
sein, obwohl sie nicht das geringste Wissen über die
Höchste Persönlichkeit Gottes besitzen - was aber mich
betrifft, so wünsche ich mir, einfach nur durch das
Chanten der Heiligen Namen der Höchsten Persönlichkeit
Gottes befreit zu werden. Die Höchste Persönlichkeit
Gottes, die von unvergleichlicher Schönheit ist, besitzt
viele Namen - Madhava, Vamana, Trinayana, Sankarsana,
Sripati und
Govinda. Indem
ich einfach Seine
transzendentalen Namen chante, bitte ich darum, von der
Verunreinigung des materiellen Daseins frei zu werden."
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, wenn
ein Lebewesen durch Deine Gnade zum richtigen
Verständnis Deiner erhabenen, transzendentalen Stellung
gelangt, gibt es sich nicht mehr mit den Theorien ab, die
von
den
mentalen
Spekulanten
und den
Pseudo-Philosophen erdacht wurden." Diese Feststellung
bezieht sich auf die spekulativen Theorien Gautamas,
Kanadas, Patanjalis und Kapilas, der auch Nirisvara
genannt wird. Es gibt zwei Kapilas: Der eine Kapila, der
Sohn Kardama Munis, ist eine Inkarnation Gottes, und der
andere ist ein Atheist, der während des gegenwärtigen
Zeitalters erschienen ist. Der atheistische Kapila wird
irrtümlicherweise oft für die Höchste Persönlichkeit
Gottes gehalten, die vor unvorstellbar langer Zeit während
des Zeitalters Svayambhuva Manus als der Sohn Kardama
Munis erschienen ist. Das gegenwärtige Zeitalter ist das
Zeitalter Vaivasvata Manus; Kapila, die Inkarnation
Gottes, jedoch
erschien während
des Zeitalters
Svayambhuva Manus.
Die Mayavadi-Philosophie besagt, die manifestierte
Welt, d.h. die materielle Welt, sei falsch (mithya und
maya). Das Predigen der Mayavadis beruht auf dem
Grundsatz brahma-satya jagat-mithya; damit wollen sie
sagen, daß nur das leuchtende Brahman Wirklichkeit sei,
wohingegen die kosmische Manifestation illusorisch und
falsch sei. Doch nach der Vaisnava-Philosophie wurde die
kosmische Manifestation von der Höchsten Persönlichkeit
Gottes hervorgebracht. In der Bhagavad-gita erklärt der
Herr, daß
Er durch
eine Seiner
vollständigen
Teilerweiterungen in die materielle Welt eingeht, wodurch
die Schöpfung stattfindet. Auch aus den Veden geht
hervor, daß
die zeitweilige
(asat) kosmische
Manifestation ebenfalls eine Emanation des höchsten sat,
der höchsten Wirklichkeit, ist. Und im Vedanta-sutra
heißt es, daß
alles aus dem
Höchsten Brahman
hervorgegangen ist. Deshalb betrachten die Vaisnavas die
kosmische Manifestation nicht als falsch; nein, der
Vaisnava-Philosoph sieht alles in der materiellen Welt in
Beziehung zum Höchsten Herrn.
Diese Auffassung von der materiellen Welt ist von Srila
Rupa Gosvami sehr schön erklärt worden, der sagte, daß
jemand, der die materielle Welt als illusorisch und falsch
zurückweise, ohne zu
wissen, daß auch sie
eine
Manifestation des Höchsten Herrn ist, eine Entsagung
ausführe, die keinen praktischen Wert hat. Die Vaisnavas
jedoch sind völlig frei von Anhaftung an die materielle
Welt, die im
allgemeinen als
ein Objekt der
Sinnenbefriedigung angesehen wird. Den Vaisnavas ist
nichts an Sinnenbefriedigung gelegen, und deshalb fühlen
sie sich auch nicht zu materiellen Tätigkeiten hingezogen.
Die Vaisnavas benutzen die materielle Welt, indem sie
sich strikt an die regulierenden Prinzipien halten, die von
den Veden vorgeschrieben werden. Weil die Höchste
Persönlichkeit Gottes die ursprüngliche Ursache alles
Existierenden ist, sieht der Vaisnava alles, selbst die
Dinge in der materiellen Welt, in Beziehung zu Krsna.
Durch ein solch fortgeschrittenes Wissen wird alles
spiritualisiert. Mit
anderen Worten,
alles in der
materiellen Welt ist bereits spirituell, und nur weil es uns
an Wissen mangelt, sehen wir etwas als materiell.
Die Veden in Person gaben in diesem Zusammenhang
das Beispiel, daß jemand, der nach Gold sucht, niemals
goldene Ohrringe, goldene Armreife oder irgend etwas
anderes aus Gold zurückweist, nur weil diese Dinge von
anderer Form sind als das ursprüngliche Gold. Ebenso
sind alle Lebewesen als Bestandteile des Höchsten Herrn
qualitativ eins mit Ihm, doch gegenwärtig befinden sie
sich - genau wie das zu verschiedenen Schmuckstücken
verarbeitete Gold, das aus einer einzigen Mine stammt - in
den verschiedenen Körpern der 8.400.000 Lebensformen.
Ebenso wie jemand, der den Wert von Gold zu schätzen
weiß,
alle
verschieden
geformten goldenen
Schmuckstücke annimmt, so betrachtet ein Vaisnava alle
Lebewesen als ewige Diener Gottes, da er sich voll
darüber bewußt ist, daß
sie alle qualitativ mit
der
Höchsten Persönlichkeit Gottes eins sind. So hat man als
Vaisnava unerschöpfliche Gelegenheiten, der Höchsten
Persönlichkeit Gottes zu dienen, indem man diesen
bedingten, irregeführten
Lebewesen hilft,
sie im
Krsna-Bewußtsein unterweist und sie zurück nach Hause,
zurück zu Gott, führt. Heute jedoch ist es so, daß der Geist
der Lebewesen unter dem Einfluß der drei materiellen
Erscheinungsweisen völlig aufgewühlt ist, und deshalb
wandern die Lebewesen - wie in einem Traum - von
Körper zu Körper. Wenn sich ihr Bewußtsein jedoch zu
Krsna-Bewußtsein gewandelt hat, nehmen sie sogleich
Krsna fest in ihr Herz auf, und so öffnet sich ihnen der
Pfad zur Befreiung.
In allen Veden
wird erklärt, daß
die Höchste
Persönlichkeit Gottes und die Lebewesen die gleiche
Eigenschaft besitzen - sie sind caitanya, "spirituell". Dies
wird auch im Padma Purana bestätigt, in dem es heißt,
daß es zwei Arten von spirituellen Wesen gibt, die jivas
und den Höchsten Herrn. Angefangen mit Brahma bis
hinunter zur
Ameise, sind alle
Lebewesen jivas,
wohingegen der Herr der vierarmige höchste Visnu, oder
Janardana, ist. Das Wort atma kann sich eigentlich nur auf
die Höchste Persönlichkeit Gottes beziehen, doch weil die
Lebewesen Seine Bestandteile sind, werden auch sie
manchmal als atma bezeichnet. Das Lebewesen wird
daher jivatma und der Höchste Herr Paramatma genannt.
Da sich sowohl der Paramatma als auch der jivatma in der
materiellen Welt aufhalten, muß die materielle Welt
einem anderen Zweck dienen als der Sinnenbefriedigung.
Während die
Auffassung, das
Leben sei zur
Sinnenbefriedigung bestimmt, ein Trugschluß ist, ist die
Auffassung, daß der jivatma dem Paramatma dienen muß,
und dies auch in der materiellen Welt, alles andere als ein
Trugschluß. Ein Krsna-bewußter Mensch ist sich dessen
immer bewußt, und deshalb hält er die materielle Welt
nicht für falsch, sondern handelt auf der Ebene der
Wirklichkeit, das
heißt, er
beschäftigt sich im
transzendentalen Dienst. Der Gottgeweihte sieht deshalb
in allen Dingen der materiellen Welt eine Gelegenheit,
dem Herrn zu dienen. Er lehnt nichts als materiell ab,
sondern stellt alles in den Dienst des Herrn. Auf diese
Weise befindet sich der Gottgeweihte ständig auf der
transzendentalen Ebene, und alles, was er verwendet, wird
spirituell geläutert, weil
er es im Dienst
des Herrn
verwendet.
Sridhara Svami verfaßte hierzu einen schönen Vers:
"Ich verehre den Herrn, die Höchste Persönlichkeit
Gottes, der immer als Wirklichkeit manifestiert ist -selbst
in der materiellen Welt, die von einigen als unwirklich
angesehen wird." Die Auffassung, die materielle Welt sei
Trug, ist auf mangelndes Wissen zurückzuführen; aber ein
Mensch im Krsna-Bewußtsein sieht die Höchste Persönlichkeit Gottes in allem. Das ist die Verwirklichung der
wahren Bedeutung des vedischen Aphorismus: sarvam
khalv idam brahma. "Alles ist Brahman."
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, die
weniger intelligenten Menschen mögen sich anderen
Vorgängen der Selbstverwirklichung widmen; doch in
Wirklichkeit besteht nicht die geringste Möglichkeit, von
der materiellen Verunreinigung frei zu werden oder dem
Kreislauf von Geburt und Tod ein Ende zu bereiten,
solange man nicht ein völlig reiner Gottgeweihter ist.
Lieber Herr, alles ruht auf Deinen vielfachen Energien,
und wie in den Veden erklärt wird (eko bahunam yo
vidadhati kaman), wird ein jeder von Dir versorgt. Daher
bist Du, o Herr,
der Erhalter und
Versorger aller
Lebewesen - der Halbgötter, Menschen und Tiere. Jeder
wird von Dir erhalten, der Du Dich im Herzen eines jeden
befindest. Du bist
somit die Wurzel der
gesamten
Schöpfung. Diejenigen, die in Deinem hingebungsvollen
Dienst beschäftigt sind, ohne jemals abzuweichen,
bringen Dir deshalb ewiglich ihre Verehrung dar. Solche
Gottgeweihten begießen wahrlich die Wurzel des Baumes
des Universums. Durch hingebungsvollen Dienst stellt
man also nicht nur die Höchste Persönlichkeit Gottes
zufrieden, sondern auch alle anderen Lebewesen, da jedes
von Ihm erhalten und versorgt wird. Der Gottgeweihte ist
der wahre Philanthrop
und Altruist, weil
er das
alldurchdringende Wesen der Höchsten Persönlichkeit
Gottes versteht. Solche reinen Gottgeweihten, die sich
vollkommen
im
Krsna-Bewußtsein beschäftigen,
überwinden mit Leichtigkeit den Kreislauf von Geburt
und Tod und springen gleichsam über den Kopf des Todes
hinweg."
Ein Gottgeweihter fürchtet sich niemals vor dem Tod
oder dem Wechsel seines Körpers; sein Bewußtsein hat
sich zu Krsna-Bewußtsein gewandelt, und selbst wenn er
nicht sogleich zu Gott zurückkehrt, sondern einen
weiteren materiellen Körper annimmt, hat er nichts zu
befürchten. Ein
gutes Beispiel
für einen solchen
Gottgeweihten ist Bharata Maharaja. Obwohl er nach
seinem Tod den Körper eines Rehes annehmen mußte,
wurde er bereits im darauffolgenden Leben von aller
materiellen Verunreinigung vollkommen befreit und in
das Königreich Gottes erhoben. In der Bhagavad-gita
wird deshalb erklärt, daß ein Gottgeweihter niemals
vergeht. Dem Gottgeweihten ist die Rückkehr zum
spirituellen Königreich, die Heimkehr zu Gott, sicher.
Selbst wenn ihm in seinem Leben ein Fehltritt unterläuft,
erhebt ihn sein Festhalten am Krsna-Bewußtsein höher
und höher, bis er schließlich zu Gott zurückkehrt. Ein
reiner Gottgeweihter läutert nicht nur sein eigenes Dasein,
sondern auch das Dasein eines jeden, der sein Schüler
wird, so daß dieser schließlich ohne Schwierigkeit das
Königreich Gottes betreten kann. Ein reiner Gottgeweihter
überwindet also nicht nur selbst den Tod, sondern durch
seine Gnade können auch
all diejenigen, die ihm
nachfolgen, mühelos das gleiche Ziel erreichen. Die
Macht des hingebungsvollen Dienstes ist so groß, daß ein
reiner Gottgeweihter eine andere Person zu "elektrisieren"
vermag, wenn er seine transzendentale Anweisung gibt,
wie der Ozean der Unwissenheit zu überqueren ist.
Die Anweisungen eines reinen Gottgeweihten an seinen
Schüler sind zudem sehr einfach. Niemandem fällt es
schwer, den Fußstapfen eines reinen Gottgeweihten zu
folgen. Das Tor zur Befreiung öffnet sich jedem, der sich
einer Schülernachfolge anschließt, die auf autorisierte
Geweihte des Herrn zurückgeht, wie Brahma, Siva, die
Kumaras, Manu, Kapila, König Prahlada, König Janaka,
Sukadeva Gosvami, Yamaraja und andere. Diejenigen
hingegen, die keine Gottgeweihten sind, sondern sich
unsicheren Methoden der Selbstverwirklichung widmen,
wie denen des jnana, yoga und karma, sind zweifellos
immer noch verunreinigt. Obwohl solche verunreinigten
Menschen den Anschein erwecken mögen, als seien sie
auf dem Pfad der Selbstverwirklichung sehr weit
fortgeschritten, können sie sich nicht einmal selbst
befreien, ganz zu schweigen also von denen, die ihnen
folgen.
Solche
Nichtgottgeweihten
werden mit
angeketteten Tieren verglichen, da sie nicht in der Lage
sind, über
die Äußerlichkeiten
ihrer jeweiligen
Glaubensrichtung hinauszugehen. In der Bhagavad-gita
werden sie als veda-vadah verurteilt. Sie begreifen nicht,
daß sich die Veden nur mit Tätigkeiten unter dem Einfluß
der materiellen Erscheinungsweisen der Natur - Tugend,
Leidenschaft und Unwissenheit - befassen.
Sri Krsna gab Arjuna den Rat, die in den Veden
vorgeschriebenen Pflichten hinter sich zu lassen und sich
dem Krsna-Bewußtsein, dem hingebungsvollen Dienst,
zuzuwenden. In der Bhagavad-gita heißt es an dieser
Stelle: nistrai-gunyo bhavarjuna. "Mein lieber Arjuna,
erhebe dich über
die vedischen
Rituale." Diese
transzendentale
Stellung, die
sich jenseits der
Durchführung vedischer Rituale befindet, erreicht man im
hingebungsvollen Dienst. In der Bhagavad-gita sagt der
Herr deutlich, daß diejenigen, die sich ohne Verfälschung
in Seinem hingebungsvollen Dienst beschäftigen, die
Ebene des
Brahmans
erreicht
haben. Wahre
Brahman-Verwirklichung bedeutet Krsna-Bewußtsein und
die Beschäftigung im hingebungsvollen Dienst. Deshalb
sind die Gottgeweihten echte brahmacaris, denn ihre
Tätigkeiten befinden sich immer auf der Ebene des Krsna-Bewußtseins, des hingebungsvollen Dienstes.
Die Bewegung für Krsna-Bewußtsein ist ein Aufruf
von höchster Stelle an alle Arten von religiösen Menschen
und Transzendentalisten; sie alle werden hiermit mit
hoher Autorität aufgefordert, sich in dieser Bewegung zu
vereinigen, wo man lernen kann, Gott zu lieben und
dadurch alle vorgeschriebenen Regeln und Förmlichkeiten
der Schriften hinter sich zu lassen. Ein Mensch, der nicht
über die
Stufe stereotyper
religiöser Prinzipien
hinausgelangen kann, wird mit einem Tier verglichen, das
von seinem Meister an die Kette gelegt worden ist. Der
Sinn aller Religion besteht darin, Gott zu verstehen und
seine schlummernde Liebe zu Ihm zu erwecken. Wenn
man jedoch nur an den religiösen Formeln und Ritualen
festhält und keine Liebe zu Gott entwickelt, gilt man als
angekettetes Tier. Mit anderen Worten, jemand, der nicht
Krsna-bewußt ist, kann von der Verunreinigung des
materiellen Daseins nicht befreit werden.
In einem anderen Vers von Srila Sridhara Svami heißt
es: "Sollen andere sich strenge Entsagung auferlegen;
sollen andere sich von den Gipfeln der Berge zu Tode
stürzen; sollen andere zu vielen heiligen Pilgerstätten
reisen, um Befreiung zu erlangen, und sollen andere sich
in das eingehende Studium der Philosophie und der
vedischen Schriften versenken; laß die yogis sich ihrer
Meditation widmen, und laß die verschiedenen Religionen
sinnlos miteinander streiten, welche von ihnen die beste
sei. Die Wahrheit ist,
daß niemand den Ozean
des
materiellen Daseins
zu überqueren
vermag, ohne
Krsna-bewußt zu sein, ohne sich im hingebungsvollen
Dienst zu beschäftigen und ohne die Barmherzigkeit der
Höchsten Persönlichkeit
Gottes zu
erlangen." Ein
intelligenter Mensch gibt daher alle schablonenhaften
Vorstellungen auf und schließt sich der Bewegung für
Krsna-Bewußtsein an, um wirklich befreit zu werden.
Die Veden in Person fuhren mit ihren Gebeten fort,
indem sie sagten: "Lieber Herr, Dein unpersönlicher
Aspekt wird in den Veden wie folgt beschrieben: Du hast
keine Hände, doch Du
kannst alle Opfer, die
Dir
dargebracht werden, entgegennehmen; Du hast keine
Beine, doch Du kannst schneller laufen als jeder andere;
Du hast keine Augen, doch Du kannst alle Geschehnisse
der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sehen; Du
hast keine Ohren, doch Du kannst alles hören, was gesagt
wird, und obwohl Du keinen Geist hast, kennst Du alle
Wesen und ihre
vergangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen Handlungen. Und trotzdem weiß niemand,
wer Du bist. Du kennst alle, doch niemand kennt Dich;
deshalb bist Du
die älteste und
die Höchste
Persönlichkeit."
An einer anderen Stelle in den Veden heißt es: "Du
brauchst nichts zu tun. Du bist so vollkommen in Deinem
Wissen und Deiner Macht, daß sich allein durch Deinen
Willen alles manifestiert. Niemand kommt Dir gleich, und
niemand überragt Dich; vielmehr ist jeder Dein ewiger
Diener." Diese Aussagen der Veden erklären, daß der
Absolute weder Beine, Arme, Augen noch Ohren oder
einen Geist hat und
dennoch durch Seine Energien
handeln und die Bedürfnisse aller Lebewesen erfüllen
kann. Wie in der Bhagavad-gita erklärt wird, sind Seine
Arme und Beine überall; Er ist alldurchdringend. Die
Arme, Beine, Ohren und Augen der Lebewesen bewegen
sich und handeln unter der Führung der Überseele, die im
Herzen eines
jeden Lebewesens
weilt. Wenn die
Überseele nicht gegenwärtig wäre, könnten sich die Arme
und Beine nicht
bewegen. Der Herr, die
Höchste
Persönlichkeit Gottes, ist so allumfassend, unabhängig
und vollkommen, daß Er, obwohl Er keine Augen, Beine
und Ohren besitzt, in der Ausführung Seiner Handlungen
von niemandem abhängig ist. Im Gegenteil, alle anderen
sind im Gebrauch ihrer verschiedenen Sinnesorgane von
Ihm abhängig. Solange das Lebewesen nicht von der
Überseele inspiriert und geführt wird, kann es nicht
handeln.
Die Tatsache ist also, daß die Absolute Wahrheit in
Ihrem höchsten Aspekt eine Person ist. Doch weil Sie, die
Höchste Person, durch Ihre verschiedenen Energien wirkt,
die den groben Materialisten nicht sichtbar sind, glauben
diese, Sie sei unpersönlich. Wenn man zum Beispiel das
Gemälde einer Blume betrachtet, so kann man darin die
Kunstfertigkeit einer Person wahrnehmen, und man kann
verstehen, daß
die Komposition
des Bildes, die
Farbkombination und die vielen anderen Elemente die
sorgfältige Aufmerksamkeit des Künstlers erfordert
haben. Ein Gemälde, das blühende Blumen darstellt, weist
also eindeutig auf das Schaffen eines Künstlers hin, aber
weil der abgestumpfte Materialist nicht fähig ist, die Hand
Gottes in solchen Kunstwerken, wie es die wirklichen
Blumen in der Natur sind, zu erkennen, kommt er zu dem
Schluß, die Absolute Wahrheit sei unpersönlich. In
Wirklichkeit ist der
Absolute eine Person,
aber das
bedeutet nicht, daß Er von irgend etwas abhängig ist. Er
braucht nicht zu Pinsel und Farbe zu greifen, um die
Blumen zu malen; Seine Energien wirken so wunderbar,
daß es scheint, als seien die Blumen ohne die Hilfe eines
Künstlers entstanden. Die unpersönliche Auffassung von
der Absoluten Wahrheit wird von Menschen mit geringer
Intelligenz angenommen, weil diejenigen, die sich nicht
im Dienst des Herrn beschäftigen, nicht verstehen können,
wie der Höchste handelt; ja sie wissen nicht einmal, wie
Er heißt. Nur dem Gottgeweihten mit einer liebevollen,
dienenden Haltung wird die Wahrheit über die Taten und
die persönlichen Aspekte des Höchsten offenbart.
Wie es in der Bhagavad-gita unmißverständlich heißt
(bhoktaram yajna tapasam), ist der Höchste Herr der
Genießer aller Arten von Opfern und der Ergebnisse aller
Entsagung.
Des
weiteren
erklärt der
Herr:
sarva-loka-mahesvaram. "Ich bin der Besitzer aller
Planeten." Das ist die Stellung der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Obwohl Er in Vrndavana weilt und Sich
der Gemeinschaft Seiner ewigen Gefährten, der gopis und
Kuhhirtenjungen, erfreut, wirken Seine Energien unter
Seiner Führung überall in der Schöpfung, ohne jemals
Seine ewigen Spiele zu stören.
Nur durch
hingebungsvollen Dienst
kann man
verstehen, wie
Krsna durch Seine
unvorstellbaren
Energien gleichzeitig unpersönlich und als Person wirkt.
Er handelt wie der
höchste Kaiser, unter dessen
Oberherrschaft viele tausend Könige und Fürsten tätig
sind. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist der höchste
unabhängige Herrscher, und alle Halbgötter - selbst
Brahma, Siva, der Himmelskönig Indra, der König des
Mondes und der König der Sonne - handeln unter Seiner
Führung. Wie in den Veden bestätigt wird, bewirkt es die
Furcht vor der Höchsten Persönlichkeit Gottes, daß die
Sonne scheint, der Wind weht und das Feuer Wärme
abgibt. Die materielle Natur bringt die verschiedensten
Manifestationen hervor, sich bewegende und sich nicht
bewegende; aber keine von ihnen kann unabhängig vom
Höchsten Herrn, ohne Seine Führung, etwas tun oder
etwas erschaffen. Sie alle gleichen tributpflichtigen,
untergebenen Königen, die dem Kaiser ihre jährlichen
Abgaben entrichten müssen.
Nach vedischer Vorschrift sollte sich jedes Lebewesen
von den Überresten der
Speisen ernähren, die der
Persönlichkeit Gottes geopfert wurden. Die Anweisung
für die Durchführung großer Opfer lautet, daß Narayana
als die höchste vorherrschende Gottheit des Opfers
gegenwärtig sein sollte, und nach Beendigung des Opfers
werden die Überreste der Speisen unter den Halbgöttern
verteilt. Dies wird yajna-bhaga genannt. Jeder Halbgott
bekommt seinen bestimmten Anteil am yajna-bhaga, den
er als prasadam annimmt. Hieraus wird deutlich, daß die
Halbgötter in ihrer Macht nicht unabhängig sind. Sie
werden unter der Aufsicht der Höchsten Persönlichkeit
Gottes als Verwalter verschiedener Bereiche eingesetzt,
und sie essen prasadam, d.h. die Speisereste der Opfer.
Sie führen die Befehle des Höchsten Herrn genau nach
Seinem Plan aus. Er Selbst befindet Sich im Hintergrund
aller Dinge, während
Seine Befehle von
anderen
ausgeführt werden. Es sieht nur oberflächlich so aus, als
ob Er unpersönlich sei. Mit unseren grobstofflichen,
materialistischen Mitteln können wir uns nicht vorstellen,
wie die Höchste Person über den unpersönlichen
Vorgängen der materiellen Natur stehen kann. Deshalb
erklärt der Herr in der Bhagavad-gita, daß es nichts
Höheres gibt als Ihn und daß das unpersönliche Brahman,
als die Manifestation Seiner persönlichen Ausstrahlung,
Ihm untergeordnet ist. In diesem Zusammenhang verfaßte
Sripada Srila Sridhara Svami den folgenden Vers: "Ich
erweise meine achtungsvollen Ehrerbietungen dem Herrn,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes, der keine materiellen
Sinne hat, durch dessen Befehl und Willen aber alle
materiellen Sinne tätig sind. Er ist die höchste Kraft aller
materiellen Sinne und Sinnesorgane. Er ist allmächtig,
und Er ist der höchste Ausführende aller Dinge. Aus
diesem Grunde gebührt es Ihm, von jedem verehrt zu
werden. Dieser Höchsten Person bringe ich meine
achtungsvollen Ehrerbietungen dar."
Krsna erklärt in
der Bhagavad-gita,
daß Er
Purusottama, die Höchste Persönlichkeit, ist. Purusa
bedeutet "Person-, und uttama bedeutet "höchste" oder
"transzendental". Wie Krsna Selbst in der Bhagavad-gita
erklärt, ist Er deshalb als Purusottama berühmt, weil Er
sowohl zu den fehlbaren als auch zu den unfehlbaren
Lebewesen transzendental ist. An einer anderen Stelle sagt
der Herr, daß sich jeder in Ihm befindet wie die Luft im
alldurchdringenden Raum und daß jeder unter Seiner
Führung handelt.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, Du bist
jedem gleichgesinnt; Du bist keiner Art von Lebewesen
besonders zugetan oder abgeneigt. Alle Lebewesen sind
Deine Bestandteile, und sie genießen und leiden unter
verschiedenen Lebensbedingungen. Sie sind wie die
Funken eines Feuers. Genau wie die Funken über einem
lodernden Feuer tanzen, so tanzen alle Lebewesen
aufgrund Deiner Hilfe. Du versorgst sie mit allem, was sie
sich wünschen, und doch bist Du nicht für ihre Freuden
und Leiden verantwortlich. Es gibt die verschiedensten
Arten von Lebewesen - Halbgötter, Menschen, Säugetiere,
Bäume, Vögel, Reptilien, Bakterien, Würmer, Insekten
und Wasserlebewesen -, und sie alle genießen und leiden
in ihrem Leben, während Du ihre Grundlage bist. Es gibt
zwei Arten von Lebewesen: die nitya-muktas, die ewig
befreiten, und die nitya-baddhas, die ewig bedingten. Die
nitya-mukta-Lebewesen befinden sich im spirituellen
Königreich, und die nitya-baddhas befinden sich in der
materiellen Welt."
In der spirituellen Welt befinden sich sowohl der Herr
als auch die Lebewesen in ihrem ursprünglichen Zustand,
so wie leuchtende Funken in einem Feuer. Der Herr ist in
der materiellen Welt in Seinem unpersönlichen Aspekt
überall gegenwärtig, aber dennoch haben die Lebewesen,
die sich in
der materiellen
Welt befinden, ihr
Krsna-Bewußtsein
verloren, ebenso
wie Funken
manchmal aus dem lodernden Feuer fallen und ihre
ursprüngliche Leuchtkraft verlieren. Einige der Funken
fallen auf trockenes Gras und entzünden ein neues großes
Feuer. Dieses Beispiel
bezieht sich auf die
reinen
Gottgeweihten, die sich der leidenden und unschuldigen
Lebewesen erbarmen. Der reine Gottgeweihte erleuchtet
die Herzen
der
bedingten
Lebewesen mit
Krsna-Bewußtsein, und so kommt das lodernde Feuer der
spirituellen Welt selbst in der materiellen Welt zum
Vorschein. Einige der Funken fallen auch ins Wasser, wo
sie augenblicklich ihr ursprüngliches Leuchten verlieren
und fast erlöschen. Mit
diesen Funken werden die
Lebewesen verglichen, die unter den groben Materialisten
geboren werden, wo ihr ursprüngliches Krsna-Bewußtsein
fast vollständig erlischt. Andere Funken wiederum fallen
auf den Boden, wo sie weder richtig brennen noch
erlöschen. Auf diese Weise gibt es Lebewesen, denen es
gänzlich an Krsna-Bewußtsein mangelt, Lebewesen, die
auf einer Zwischenstufe stehen, und solche, die sich
vollständig im
Krsna-Bewußtsein
befinden. Die
Halbgötter auf den himmlischen Planeten, wie Brahma,
Indra, Candra, der Sonnengott, der Mondgott und viele
andere Halbgötter, sind alle Krsna-bewußt. Die Menschen
stehen auf einer Stufe zwischen den Tieren und den
Halbgöttern, und deshalb gibt es einige, die mehr oder
weniger Krsna-bewußt sind, und andere, die das Krsna-Bewußtsein völlig vergessen haben. Die Lebewesen
dritten Ranges - die Tiere, Pflanzen, Wassertiere und
Wasserpflanzen - haben ihr Krsna-Bewußtsein völlig
vergessen. Dieses in den Veden angeführte Beispiel von
den Funken des lodernden Feuers ist sehr hilfreich, um die
Lage der verschiedenen Arten von Lebewesen zu
verstehen. Doch über allen Lebewesen steht die Höchste
Persönlichkeit Gottes, Krsna, oder Purusottama, der
immer von allen materiellen Bedingungen frei ist.
Hier könnte man die Frage stellen, warum die
Lebewesen durch
Zufall in
die verschiedenen
Lebensbedingungen gefallen sind. Um diese Frage
beantworten zu können, müssen wir zuerst verstehen, daß
der Zufall für die Lebewesen keinen Einfluß haben kann;
Zufall gibt es nur für unbelebte Dinge. Wie in den vedischen Schriften erklärt wird, besitzen die Lebewesen
Wissen, und deshalb werden sie caitanya genannt, was
"wissend" bedeutet.
Ihr Dasein unter
bestimmten
Lebensbedingungen ist deshalb nicht zufällig; es wurde
vielmehr durch ihre eigene Wahl herbeigeführt, denn wie
gesagt verfügen
sie alle über
Wissen. In der
Bhagavad-gita sagt der Herr: "Gib alles auf, und ergib
dich einfach Mir." Dieser Vorgang, durch den man die
Höchste Persönlichkeit Gottes erkennen kann, steht für
alle offen, doch es bleibt immer der Wahl des Lebewesens
überlassen, diesen
Vorschlag anzunehmen
oder
abzulehnen. Im letzten Teil der Bhagavad-gita sagt Sri
Krsna ganz offen zu Arjuna: "Mein lieber Arjuna, Ich
habe dir nun alles erklärt. Alles weitere hängt von deiner
Wahl ab" Ebenso ist
auch die Tatsache, daß
die
Lebewesen in die materielle Welt gekommen sind, auf
ihre eigene Entscheidung zurückzuführen, die materielle
Welt zu genießen. Es ist nicht etwa so, daß Krsna sie in
die materielle Welt geschickt hat. Die materielle Welt
wurde für den Genuß der Lebewesen geschaffen, die den
ewigen Dienst des Herrn aufgeben wollten, um selbst die
höchsten Genießer zu werden. Wenn sich ein Lebewesen
Sinnenbefriedigung wünscht und den Dienst des Herrn
vergessen will, so erklärt die Vaisnava-Philosophie, dann
wird ihm ein Platz in der materiellen Welt zugewiesen, wo
es ganz nach Belieben handeln kann, um sich in der Folge
Lebensbedingungen zu schaffen, unter denen es entweder
genießt oder leidet. Wir müssen uns darüber bewußt sein,
daß sowohl der Herr als auch die Lebewesen ewig bewußt
sind. Geburt und Tod gibt es weder für den Herrn noch
für die Lebewesen. Wenn die Schöpfung stattfindet, bedeutet dies nicht, daß die Lebewesen erschaffen werden.
Der Herr erschafft die materielle Welt, um den bedingten
Seelen eine Möglichkeit zu geben, auf die Ebene des
Krsna-Bewußtseins zu gelangen. Wenn die bedingte Seele
diese Gelegenheit nicht wahrnimmt, geht sie nach der
Auflösung der materiellen Welt in den Körper Narayanas
ein und bleibt dort in tiefem Schlaf, bis die nächste
Schöpfung stattfindet.
In diesem
Zusammenhang ist
das Beispiel der
Regenzeit sehr treffend. Der jahreszeitliche Regen kann
als Vertreter der Schöpfungskraft angesehen werden, denn
die nach dem Regen feucht gewordene Erde eignet sich
sehr gut für den Anbau aller möglichen Nutzpflanzen.
Wenn auf ähnliche Weise die Schöpfung stattfindet,
indem der Herr über
die materielle Natur blickt,
erscheinen sofort die Lebewesen in ihren verschiedenen
Lebensbedingungen, ebenso wie nach dem Regen die
verschiedensten Pflanzen hervorsprießen. Der Regen ist
immer der gleiche, doch die Pflanzen, die erscheinen,
bilden eine große
Vielfalt. Der Regen
verteilt sich
gleichmäßig über das gesamte Feld, doch entsprechend
den Samen, die gesät wurden, sprießen Pflanzen der
verschiedensten Arten und Größen aus der Erde hervor.
Ebenso bilden die Samen unserer Wünsche eine große
Vielfalt. Jedes Lebewesen hat eine bestimmte Art des
Wunsches, und dieser Wunsch ist der Same, der das
Lebewesen in einem bestimmten Körper heranwachsen
läßt. Dies wird von Rupa Gosvami mit dem Ausdruck
papa-bija erklärt. Papa bedeutet "sündhaft". All unsere
materiellen Wünsche müssen als papa-bija, Samen von
Sünden, betrachtet werden. Die Bhagavad-gita erklärt,
daß unser sündhafter Wunsch darin besteht, daß wir uns
dem Höchsten Herrn nicht ergeben wollen. Der Herr
versichert uns deshalb in der Bhagavad-gita: "Ich werde
dich vor den Auswirkungen aller sündhaften Wünsche
beschützen." Diese sündhaften Wünsche zeigen sich in
den verschiedenen Arten von Körpern, deshalb kann
niemand den Höchsten Herrn beschuldigen, Er sei
voreingenommen, weil Er einem bestimmten Lebewesen
diesen Körper
gegeben habe und
einem anderen
Lebewesen jenen.
Alle Körper der
8.400.000
Lebensformen werden den individuellen Lebewesen
entsprechend der Ausrichtung ihres Geistes zugewiesen.
Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Purusottama, gibt
ihnen lediglich die Möglichkeit, so zu handeln, wie sie es
sich gewünscht haben,
und wenn die
Lebewesen
verschiedenen Handlungen nachgehen, dann nutzen sie
einfach nur die vom Herrn gegebenen Möglichkeiten.
Die Lebewesen werden aus dem transzendentalen
Körper des Herrn geboren. Die Beziehung zwischen dem
Herrn und den Lebewesen
wird in den vedischen
Schriften erklärt, wo es heißt, daß der Höchste Herr all
Seine Kinder erhält, indem Er ihnen gibt, was immer sie
wollen. In der Bhagavad-gita wird dies vom Herrn Selbst
bestätigt: "Ich
bin der
samengebende Vater aller
Lebewesen." Es ist nicht schwierig zu verstehen, daß der
Vater zwar für die Geburt der Kinder verantwortlich ist,
daß die Kinder dann aber nach ihren eigenen Wünschen
handeln. Daher ist der Vater später nicht für das Schicksal
seiner Kinder verantwortlich. Jedes Kind kann das
Eigentum und die Ratschläge seines Vaters nutzen, doch
obgleich allen Kindern der gleiche Erbteil und das gleiche
Maß an guten Ratschlägen zuteil wird, wählt sich jedes
Kind, je nach
seinen Wünschen,
seinen eigenen
Lebensweg und genießt bzw. leidet dementsprechend.
Ebenso sind die Anweisungen der Bhagavad-gita für
alle die gleichen: Jeder Mensch sollte sich dem Höchsten
Herrn ergeben; dafür wird Sich der Herr seiner annehmen
und ihn vor allen sündhaften Reaktionen beschützen.
Jedes Lebewesen in der Schöpfung des Herrn bekommt
auf gerechte Weise alles, was es zum Leben braucht.
Alles, was es auf der Welt gibt, sei es auf dem Land, im
Wasser oder in der
Luft, steht allen Lebewesen
gleichermaßen zur Verfügung.
Weil die Lebewesen die Söhne des Höchsten Herrn
sind, haben sie alle das Recht, sich der materiellen
Möglichkeiten zu bedienen, die ihnen der Herr gegeben
hat; doch unglückselige Lebewesen schaffen unerträgliche
Lebensbedingungen,
indem sie
sich gegenseitig
bekämpfen. Die Verantwortung für das Kämpfen und das
Schaffen günstiger und ungünstiger Lebensbedingungen
liegt bei den Lebewesen, und nicht bei der Höchsten
Persönlichkeit Gottes. Wenn die Lebewesen aber die
Anweisungen des Herrn in der Bhagavad-gita nutzen und
Krsna-Bewußtsein entwickeln, wird ihr Leben erhaben,
und sie können zu Gott zurückkehren.
Manche Menschen behaupten, Gott sei für die Zustände
in der materiellen Welt verantwortlich, da Er diese Welt
Selbst erschaffen habe. Zweifellos ist Er indirekt für die
Schöpfung und
Erhaltung der
materiellen Welt
verantwortlich, jedoch ist Er auf keinen Fall für die
jeweiligen
Lebensbedingungen
der Lebewesen
verantwortlich zu machen. Die von Gott bewirkte
Schöpfung der materiellen Welt wird oft mit der von der
Wolke bewirkten Schöpfung einer frischen Vegetation
verglichen. In der Regenzeit erzeugen die Wolken die
verschiedensten Arten von Pflanzen. Während sie dabei
ihr Wasser auf die Erdoberfläche niedergehen lassen,
berühren sie selbst niemals den Boden. Ebenso erschafft
der Herr die materielle Welt, indem Er einfach über die
materielle Energie blickt. Diese Tatsache wird in den
Veden bestätigt: "Er warf Seinen Blick über die materielle
Natur, und so fand die Schöpfung statt." Auch die
Bhagavad-gita bestätigt, daß der Herr nur durch Seinen
transzendentalen Blick
über die
materielle Natur
verschiedene Arten von Wesen erschafft - sowohl sich
bewegende als auch sich nicht bewegende, sowohl
lebende als auch tote.
Die Schöpfung der materiellen Welt kann daher als
eines der Spiele des Herrn verstanden werden; man
bezeichnet die Schöpfung deshalb als eines der Spiele des
Herrn, weil Er die materielle Welt erschafft, wenn Er es
wünscht. Dieser Wunsch des Höchsten Herrn ist ebenfalls
Seine ganz besondere Barmherzigkeit, denn Er gibt den
bedingten Seelen dadurch eine weitere Gelegenheit, ihr
ursprüngliches Bewußtsein wiederzuentwickeln und zu
Gott zurückzukehren.
Deshalb kann
niemand den
Höchsten Herrn wegen der Schöpfung der materiellen
Welt kritisieren.
Das Thema, von dem wir sprechen, vermittelt ein
klares Verständnis von dem Unterschied zwischen den
Unpersönlichkeitsanhängern
und
den Persönlichkeitsanhängern. Die Philosophie der Unpersönlichkeit
empfiehlt, in die Existenz des Höchsten einzugehen, und
die Philosophie der Leere empfiehlt, alle materielle
Vielfalt aufzulösen. Beide Philosophien werden als
Mayavada bezeichnet. Zweifellos ist es richtig, daß die
kosmische Manifestation ein Ende findet und leer wird,
wenn die Lebewesen in den Körper Narayanas eingehen,
um dort bis zur nächsten Schöpfung zu ruhen - und diesen
Zustand kann man auch als unpersönlichen Zustand
bezeichnen; doch wie dem auch sei, all diese Zustände
sind niemals ewig. Die Auflösung der Vielfalt in der
materiellen Welt und das Eingehen der Lebewesen in den
Körper des Höchsten sind nicht von ewiger Dauer, denn
die Schöpfung wird wieder aufs neue stattfinden, und die
Lebewesen, die in den Körper des Höchsten eingegangen
sind, ohne ihr Krsna-Bewußtsein entwickelt zu haben,
werden bei der nächsten Schöpfung erneut in der materiellen Welt erscheinen. Die Bhagavad-gita bestätigt die
Tatsache, daß die
materielle Welt
immer wieder
erschaffen und vernichtet wird. Dies wiederholt sich
unaufhörlich, und die
bedingten Seelen,
die kein
Krsna-Bewußtsein besitzen, kehren immer wieder in die
materielle Schöpfung zurück, sobald sie manifestiert wird.
Wenn solche bedingten Seelen jedoch die Gelegenheit
wahrnehmen, unter der direkten Führung des Herrn
Krsna-Bewußtsein zu entwickeln, werden sie in die
spirituelle Welt erhoben, von wo sie nicht wieder in die
materielle Schöpfung zurückzukehren brauchen. Deshalb
gelten die Vertreter der Philosophie der Leere und die
Unpersönlichkeitsanhänger als nicht sehr intelligente
Menschen, weil sie nicht bei den Lotosfüßen des Herrn
Zuflucht suchen. Und weil sie unintelligent sind, nehmen
sie die verschiedensten Entsagungen auf sich, um entweder die Stufe des nirvana, d.h. die Beendigung der
materiellen Daseinszustände, oder den Zustand des
Einsseins durch das Eingehen in den Körper des Herrn zu
erreichen. Sie alle kommen jedoch wieder zu Fall, weil sie
die Lotosfüße des Herrn mißachten.
Im Caitanya-caritamrta schreibt Krsnadasa Kaviraja
Gosvami, daß Krsna der einzige höchste Meister ist und
daß alle Lebewesen Seine ewigen Diener sind. Dieses
Urteil brachte der Verfasser des Caitanya-caritamrta zum
Ausdruck, nachdem er alle vedischen Schriften studiert
und von allen Autoritäten gehört hatte. Seine Erklärung
wird hier von den Gebeten der Veden in Person bestätigt.
Die Schlußfolgerung lautet daher, daß jeder unter der
Aufsicht der Höchsten Persönlichkeit Gottes steht, daß
jeder unter der Führung des Höchsten Herrn dessen
Diener ist und daß jeder den Höchsten Herrn fürchtet. Nur
aus Furcht vor Ihm
werden alle Tätigkeiten richtig
ausgeführt. Jeder ist dem Höchsten Herrn untergeordnet,
aber der Herr ist
den Lebewesen gegenüber nicht
voreingenommen. Er ist wie der grenzenlose Himmel;
genau wie Funken in einem Feuer tanzen, so sind die
Lebewesen wie Vögel, die am grenzenlosen Himmel
fliegen. Einige von ihnen fliegen in großer Höhe, andere
etwas tiefer, und wieder andere noch tiefer. Die Vögel
fliegen also je nach ihren Fähigkeiten in unterschiedlichen
Höhen, doch der
Himmel hat nichts
mit ihren
Flugfähigkeiten zu tun.
Ebenso finden wir in der
Bhagavad-gita die
Erklärung, daß
der Herr den
verschiedenen Lebewesen
je nach ihrer
Hingabe
verschiedene Stellungen zuweist. Diese unterschiedliche
Belohnung der Lebewesen ist nicht auf die Parteilichkeit
der Höchsten Persönlichkeit Gottes zurückzuführen.
Obwohl sich die
Lebewesen in unterschiedlichen
Situationen,
Lebensbereichen
und Lebensformen
befinden, unterstehen sie alle stets der Aufsicht Gottes,
und dennoch ist Er in keinem Fall für ihre jeweiligen
Lebensumstände verantwortlich. Es ist also eine törichte
und künstliche Vorstellung, zu glauben, man sei der
Höchsten Persönlichkeit Gottes ebenbürtig, und noch
törichter ist es zu glauben, man hätte Gott noch nie
gesehen. Jeder sieht Gott, aber unter verschiedenen
Aspekten: Der Theist
sieht Gott als die
Höchste
Persönlichkeit, Krsna, das höchste Ziel aller Liebe, und
der Atheist sieht die Absolute Wahrheit in der Form des
Todes.
Die Veden in Person beteten weiter: "Unser Herr und
Meister, aus allen vedischen Aussagen geht hervor, daß
Du der Höchste Herrscher bist und daß alle Lebewesen
beherrscht werden." Sowohl
der Herr als auch die
Lebewesen werden als nitya, ewig, bezeichnet und sind
somit der Eigenschaft nach eins, doch der eine nitya, der
Höchste Herr, ist der Herrscher, wohingegen die vielen
anderen nityas beherrscht werden. Das beherrschte
individuelle Lebewesen befindet sich im Körper, wo auch
der höchste Herrscher als Überseele gegenwärtig ist, doch
die Überseele ist der individuellen Seele übergeordnet und
beherrscht sie. Das ist das Urteil der Veden. Würde die
individuelle Seele nicht von der Überseele kontrolliert,
wie wäre dann die Aussage der Veden zu erklären, daß das
Lebewesen von Körper zu Körper wandert und die Folgen
seiner früheren Taten genießt und erleidet? Manchmal
wird es zu einer höheren Lebensebene erhoben, und
manchmal wird es auf eine niedere Lebensebene versetzt.
Auf diese Weise befinden sich die bedingten Seelen nicht
nur unter der Herrschaft des Höchsten Herrn, sondern
auch unter der Herrschaft der materiellen Natur, durch die
sie bedingt werden. Diese Tatsache, daß die Lebewesen
vom Höchsten Herrn beherrscht werden, ist der eindeutige
Beweis, daß die
Überseele alldurchdringend ist,
wohingegen die individuellen Lebewesen niemals
alldurchdringend sein können. Wenn die individuellen
Seelen tatsächlich alldurchdringend wären, wie könnte es
dann möglich sein, daß
sie untergeordnet sind und
beherrscht werden. Die Theorie, daß die Überseele und
die individuelle
Seele gleich
seien, ist ein
widersprüchlicher Trugschluß, den kein vernünftiger
Mensch annehmen
kann. Statt
dessen sollte man
versuchen, die Unterschiede zwischen dem höchsten
Ewigen und dem untergeordneten Ewigen zu verstehen.
Die Veden in Person kamen deshalb zu folgendem
Schluß: "O Herr, sowohl Du als auch die begrenzten
dhruvas, die Lebewesen, sind ewig." Die Form des
unbegrenzten Ewigen wird manchmal als die universale
Form beschrieben, und in den vedischen Schriften wie
den Upanisaden werden auch die begrenzten Ewigen
ausführlich beschrieben.
Es heißt dort,
daß die
ursprüngliche spirituelle Form des Lebewesens so groß ist
wie der zehntausendste Teil einer Haarspitze. Es wird
erklärt, daß das Spirituelle größer als das Größte und
kleiner als
Kleinste sein
kann. Die individuellen
Lebewesen, die ewige Teile Gottes sind, sind kleiner als
das Kleinste. Mit unseren materiellen Sinnen können wir
weder den Höchsten wahrnehmen, der größer als das
Größte ist, noch die individuelle Seele, die kleiner als das
Kleinste ist. Deshalb müssen wir das Wissen über das
Größte und das Kleinste aus den autorisierten Quellen,
den vedischen
Schriften, beziehen.
Die vedischen
Schriften erklären, daß die Überseele im Körper des Lebewesens weilt und die Größe eines Daumens hat. An
dieser Stelle könnte man einwenden, wie es denn möglich
sei, daß etwas Daumengroßes in das Herz einer Ameise
passe. Die Erklärung ist, daß man sich die Daumengröße
der Überseele im Verhältnis zu dem Körper des jeweiligen
Lebewesens vorstellen muß. Unter keinen Umständen also
können die Überseele und die individuelle Seele als identisch angesehen werden, obwohl beide sich im gleichen
materiellen Körper aufhalten. Die Überseele befindet Sich
im Herzen, um die individuelle Seele zu lenken und zu
beaufsichtigen. Obwohl beide dhruva, ewig, sind, steht
das Lebewesen immer unter der Führung des Höchsten.
Manchmal bekommt man auch ein anderes Argument
zu hören: Weil die Lebewesen aus der materiellen Natur
geboren werden, sind sie alle gleich und unabhängig.
Demgegenüber erklären die vedischen Schriften, daß die
Höchste Persönlichkeit Gottes die materielle Natur mit
den Lebewesen befruchtet und daß diese erst dann in den
verschiedenen Lebensformen erscheinen. Somit ist das Erscheinen der Lebewesen nicht allein auf die materielle
Natur zurückzuführen, ebenso wie ein Kind, das von der
Mutter geboren wird, nicht von ihr allein hervorgebracht
wurde. Das Kind wird vom Mann gezeugt, und erst dann
kann es von der Frau geboren werden. Deshalb ist das
Kind der Mutter ein Teil des Vaters. Obwohl es so
aussieht, als würde die materielle Natur die Lebewesen
allein erzeugen, ist sie in Wirklichkeit nicht unabhängig.
Nur weil der Höchste
Vater die materielle Natur
befruchtete, sind die Lebewesen in ihr gegenwärtig. Aus
diesem Grund kann die Behauptung, die Lebewesen seien
nicht die Teile des Höchsten, nicht aufrechterhalten
werden. Die einzelnen Teile des Körpers können niemals
mit dem ganzen Körper gleichgesetzt werden, vielmehr ist
es der Körper, der die einzelnen Gliedmaßen beherrscht.
Ebenso sind die individuellen Teile des höchsten Ganzen
immer abhängig und werden immer von ihrem Ursprung
beherrscht. In der Bhagavad-gita wird in diesem
Zusammenhang das Wort mamaivamso verwendet, das
bestätigt, daß die Lebewesen Teile Krsnas sind. Kein
vernünftiger Mensch
wird deshalb
der Theorie
zustimmen, daß die Überseele und die individuelle Seele
zur gleichen Kategorie gehören. Sie sind zwar qualitativ
gleich, aber quantitativ ist die Überseele immer absolut,
und die individuelle Seele ist Ihr immer untergeordnet.
Das ist die Schlußfolgerung der Veden.
In diesem Zusammenhang werden zwei wichtige
Wörter verwendet, nämlich yanmaya und cinmaya.
Nach
der Grammatik des Sanskrit wird das Wort mayat im
Sinne von "Umwandlung" gebraucht, aber auch im Sinne
von "genügendes Ausmaß". Gemäß der Interpretation der
Mayavadi-Philosophen deuten die Worte yanmaya und
cinmaya darauf hin, daß das Lebewesen immer mit dem
Höchsten gleich ist. Man muß jedoch berücksichtigen,
ob das Affix mayat im Sinne von "genügendes Ausmaß"
oder "Umwandlung" gebraucht wird. Das Lebewesen
besitzt niemals etwas in genau dem gleichen Ausmaß wie
die Höchste Persönlichkeit Gottes, und daher kann das
Affix mayat unmöglich bedeuten, daß das Lebewesen in
sich selbst genügend sei. Das individuelle Lebewesen besitzt niemals genügendes Wissen; wie sonst hätte es unter
die Herrschaft mayas, der materiellen Energie, geraten
können? Das Wort
"genügend" kann daher
nur im
Verhältnis zur Größe des Lebewesens als zutreffende
Bedeutung anerkannt werden. Die spirituelle Einheit des
Höchsten Herrn und der Lebewesen darf auf keinen Fall
als Gleichartigkeit angesehen werden. Jedes Lebewesen
ist individuell. Wären alle Lebewesen gleichartig und
eins, so würde dies bedeuten, daß bei der Befreiung einer
einzigen individuellen Seele auch alle anderen individuellen Seelen sofort Befreiung erlangen würden. Doch die
Wirklichkeit sieht so aus, daß jede individuelle Seele in
der materiellen Welt auf unterschiedliche Weise genießt
und leidet.
Das Wort mayat
wird auch im
Sinne von
"Umwandlung" gebraucht, und manchmal bedeutet es
auch "Nebenprodukt". Die Theorie der Unpersönlichkeitsanhänger besagt,
das Brahman
selbst habe
verschiedene Körper angenommen und dies sei sein lila
oder Spiel. Es gibt jedoch Tausende und Abertausende
von
Lebensformen
in den
unterschiedlichsten
Lebensbedingungen, wie Menschen, Halbgötter, Tiere
und Vögel, und wenn sie alle Erweiterungen der Höchsten
Absoluten Wahrheit wären, wäre es für sie nicht nötig,
befreit zu werden, weil das Brahman ja bereits befreit ist.
Eine andere Theorie, die die Mayavadis aufgestellt haben,
besagt, daß die verschiedenen Arten von Körpern in jeder
Schöpfung manifestiert werden und daß am Ende des
Zeitalters dieser Schöpfung die vielen Körper, d.h. die
Erweiterungen des Brahmans, von selbst wieder eins
würden, wodurch sich alle Manifestationen auflösten. Im
nächsten Zeitalter dann, so besagt ihre Theorie, erweitert
sich das
Brahman aufs
neue in verschiedene
Körperformen. Wäre diese Vorstellung zutreffend, so
würde dies bedeuten, daß das Brahman einem Wandel
unterworfen wäre. Doch dies ist nicht möglich. Aus dem
Vedanta-sutra erfahren wir nämlich, daß das Brahman
von Natur aus voller Freude ist. Wie könnte es sich also in
einen Körper umwandeln, der Leiden unterworfen ist? In
Wirklichkeit ist es so, daß die Lebewesen als Teilchen des
Brahmans winzige Partikeln sind, die leicht von der
illusionierenden Energie bedeckt werden können. Wie
bereits erklärt wurde,
sind die winzigen Teile
des
Brahmans wie Funken, die voller Freude im Feuer tanzen;
aber für sie besteht die Möglichkeit, aus dem Feuer zu
fallen und zu Rauch zu werden, der im Grunde nur ein
anderer Zustand des Feuers ist. Die materielle Welt ist wie
der Rauch, und die spirituelle Welt ist wie das lodernde
Feuer. Die unzähligen Lebewesen neigen dazu, unter den
Einfluß der illusionierenden Energie zu geraten, und wenn
dies geschieht, fallen sie von der spirituellen Welt in die
materielle Welt; aber sie können auch wieder befreit
werden, wenn sie sich durch die Entwicklung wirklichen
Wissens von der Verunreinigung durch die materielle
Welt vollständig reinwaschen.
Die asuras vertreten die Theorie, daß die Lebewesen
aus der materiellen Natur, prakrti, entstanden seien,
nachdem diese vom purusa berührt wurde. Doch auch
diese Theorie kann nicht anerkannt werden, weil sowohl
die materielle Natur als auch die Höchste Persönlichkeit
Gottes ewig existieren. Weder die materielle Natur noch
die Höchste Persönlichkeit Gottes sind der Geburt
unterworfen. Der Höchste Herr wird deshalb als aja,
ungeboren, bezeichnet, und ebenso wird auch die
materielle Natur als aja bezeichnet. Beide Wörter, aja
sowie aja, bedeuten "ungeboren". Und weil sowohl die
materielle Natur als auch der Höchste Herr ungeboren
sind, ist es nicht möglich, daß sie die Lebewesen gezeugt
haben. Wie Wasser in Verbindung mit Luft unzählige
Bläschen erzeugt, so bewirkt die Verbindung der
materiellen Natur mit der Höchsten Person das Erscheinen
des Lebewesens in der materiellen Welt. Genau wie die
Luftblasen im Wasser in unterschiedlichen Größen
erscheinen, so erscheinen die Lebewesen unter dem
Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur in
verschiedenen Formen und Lebensumständen. Es ist daher
nicht falsch, den Schluß zu ziehen, daß alle Lebewesen,
die in der materiellen Welt in verschiedenen Formen
erscheinen, beispielsweise als Menschen, Halbgötter,
Tiere und Vögel, ihre jeweiligen Körper aufgrund ihrer
Wünsche bekommen. Niemand ist in der Lage zu sagen,
wann solche Wünsche in den Lebewesen erwacht sind,
und daher heißt es: anadi-karma. "Die Ursache des
materiellen Daseins ist unauffindbar." Niemand weiß,
wann das materielle Leben begann, was jedoch nichts an
der Tatsache ändert, daß es einen Anfang hat, denn
ursprünglich ist jedes Lebewesen ein spiritueller Funken.
Genau wie die Funken, die zu Boden gefallen sind, einen
Anfang haben, so haben auch die Lebewesen, die in die
materielle Welt gefallen sind, einen Anfang, aber wann
dies war, vermag niemand zu sagen. Selbst wenn zur Zeit
der Vernichtung diese Lebewesen in das spirituelle Dasein
des Höchsten
eingehen und
dort in einem
tiefschlafähnlichen Zustand verharren, verlöschen ihre
ursprünglichen Wünsche, über die materielle Welt zu
herrschen, nicht, und wenn erneut eine kosmische
Manifestation stattfindet, kommen die Lebewesen wieder
hervor, um sich die gleichen Wünsche zu erfüllen, und so
erscheinen sie in den verschiedenen Lebensformen.
Der Zustand der Lebewesen, wenn sie zur Zeit der
Vernichtung in den Höchsten eingehen, wird mit Honig
verglichen. In einer Honigwabe bleiben die Geschmäcker
der verschiedenen Blüten und Früchte, aus denen der
Honig gewonnen wurde, erhalten. Wenn man den Honig
kostet, kann man zwar nicht genau feststellen, welcher
Honig von welcher Blüte stammt, doch der köstliche
Geschmack des Honigs beweist, daß der Honig keine
einheitliche Masse ist, sondern eine Mischung aus
verschiedenen Geschmacksrichtungen. In diesem Zusammenhang gibt es auch noch ein anderes Beispiel:
Obwohl die Flüsse letztlich in das Meer strömen, bedeutet
dies nicht, daß sie ihre individuelle Identität verlieren.
Obwohl sich das Wasser des Ganges und der Yamuna mit
dem Wasser des Meeres vermischt, bleiben sowohl der
Ganges als auch die Yamuna weiterhin gesondert
bestehen. Beim Eingehen der Lebewesen in das Brahman
zur Zeit der Vernichtung werden auch die verschiedenen
Körperarten vernichtet. Was jedoch die Lebewesen
betrifft, so bleiben sie mit ihren verschiedenen Arten von
Wünschen als Individuen im Brahman, bis die nächste
materielle Schöpfung stattfindet. So wie sich der salzige
Geschmack des Meerwassers und der süße Geschmack
des Gangeswassers voneinander unterscheiden und dieser
Unterschied stets bestehenbleibt, so bleibt auch der
Unterschied zwischen dem Höchsten Herrn und den
Lebewesen ewig
bestehen, selbst
zur Zeit der
Vernichtung, wenn es so
aussieht, als würden sie
miteinander verschmelzen. Hieraus ergibt sich, daß die
Lebewesen, selbst wenn sie von allen Unreinheiten der
materiellen Bedingtheit frei werden und in das spirituelle
Königreich gelangen,
ihre individuellen
Arten des
Geschmacks in der Beziehung zum Höchsten Herrn
bewahren.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, unsere
Schlußfolgerung lautet, daß sich alle Lebewesen zu
Deiner materiellen Energie hingezogen fühlen, und ihre
irrtümliche Auffassung,
sie seien
Erzeugnisse der
materiellen Natur, verursacht,
daß sie ihre ewige
Beziehung zu Dir vergessen und von Körper zu Körper
wandern. Aus Unwissenheit identifizieren sich diese
Lebewesen
fälschlich
mit den
verschiedenen
Lebensformen, in denen sie sich befinden, und wenn sie
die menschliche Form des Lebens erreichen, glauben sie,
einer bestimmten Menschenklasse, Nation, Rasse und
sogenannten Religion anzugehören, weshalb sie ihre
wirkliche Identität als Deine ewigen Diener völlig
vergessen. Aufgrund dieser falschen Lebensauffassung
sind sie dem Kreislauf wiederholter Geburten und Tode
unterworfen. Wenn
eines von
Millionen solcher
Lebewesen zu wahrer Intelligenz kommt, erlangt es durch
die Gemeinschaft
mit reinen
Gottgeweihten ein
Verständnis vom Krsna-Bewußtsein und entkommt dem
Einfluß der materiellen Fehlauffassungen."
Im Caitanya-caritamrta erklärt Sri Caitanya, daß die
Lebewesen im Universum durch viele verschiedene
Lebensarten wandern; doch wenn eines von ihnen zu
ausreichender Intelligenz gelangt, kann es sich durch die
Barmherzigkeit des spirituellen Meisters und Krsnas, der
Höchsten Persönlichkeit Gottes, dem Krsna-Bewußtsein
zuwenden und sein hingebungsvolles Leben beginnen. Es
steht geschrieben: harim vina na mrtim taranti. "Ohne die
Hilfe der Höchsten Persönlichkeit Gottes kann man der
Gewalt der wiederholten Geburten und Tode nicht
entkommen." Mit anderen Worten, nur der Höchste Herr,
die Persönlichkeit Gottes, kann die bedingten Seelen aus
dem Kreislauf der sich wiederholenden Geburten und
Tode erlösen.
Die Veden in Person fuhren fort: "Der Einfluß der Zeit
- Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - und die
materiellen Leiden, wie sengende Hitze, klirrende Kälte,
Geburt, Tod, Alter und Krankheit, sind allesamt nichts
weiter als die Bewegung Deiner Augenbrauen. Alles
geschieht unter Deiner Führung." In der Bhagavad-gita
wird gesagt, daß alle materiellen Aktivitäten unter der
Führung der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Krsna,
vonstatten gehen. Für Menschen, die sich dem Herrn nicht
ergeben haben, stellen die Bedingungen des materiellen
Daseins nur Widrigkeiten dar, aber für die ergebenen
Seelen, die im Krsna-Bewußtsein völlig verankert sind,
können diese Umstände keine Quelle der Furcht sein. Als
Sri Nrsimhadeva erschien, fürchtete sich Prahlada Maharaja nicht im
geringsten vor Ihm,
wohingegen sein
atheistischer Vater
sogleich dem Tod
in Person
gegenüberstand und von Ihm getötet wurde. Während Sri
Nrsimhadeva Atheisten wie Hiranyakasipu als Tod
erscheint, ist Er für Gottgeweihte wie Prahlada stets der
Quell aller Güte und aller Freude. Ein reiner Gottgeweihter fürchtet sich daher nicht vor Geburt, Tod, Alter
und Krankheit.
Ein weiterer Vers von Sripada Sridhara Svami lautet:
"Mein lieber Herr, ich bin ein Lebewesen, das ständig
unter den Bedingungen des materiellen Daseins leidet. Ich
bin vom alles-niederwälzenden Rad des materiellen
Daseins in Stücke
gemahlen worden, und
weil ich
während meines Aufenthaltes in der materiellen Welt so
viele Sünden auf mich geladen habe, schmachte ich nun
im lodernden
Feuer materieller
Reaktionen. Auf
irgendeine Weise, mein lieber Herr, bin ich nun endlich
dahin gelangt, Zuflucht bei Deinen Lotosfüßen zu suchen.
Bitte nimm Dich meiner an, und gewähre mir Schutz."
Und in einem Gebet von Srila Narottama dasa Thakura
heißt es: "Mein lieber Herr, o Sohn Nanda Maharajas,
Gefährte der Tochter Vrsabhanus, nun endlich, nachdem
ich unter den materiellen Bedingungen des Lebens
furchtbar gelitten habe, suche ich Zuflucht bei Deinen
Lotosfüßen, und ich flehe Dich an, mir gnädig zu sein.
Bitte stoße mich nicht von Dir; ich habe keine andere
Zuflucht als Dich."
Die Schlußfolgerung lautet, daß jeder Vorgang zur
Selbstverwirklichung
und
Gotteserkenntnis außer
bhakti-yoga, dem hingebungsvollen Dienst, äußerst
schwierig ist. In ungeteiltem Krsna-Bewußtsein beim
hingebungsvollen Dienst für den Herrn Zuflucht zu
suchen ist deshalb, ganz besonders im gegenwärtigen
Zeitalter, der einzige Weg, von der Verunreinigung durch
das materielle, bedingte Leben frei zu werden. Diejenigen,
die sich
nicht im
Krsna-Bewußtsein betätigen,
verschwenden nur ihre
Zeit, und sie können
kein
wirkliches spirituelles Leben aufweisen.
Sri Ramacandra sagte einmal: "Jedem, der sich Mir
hingibt und endgültig beschließt, Mein ewiger Diener zu
sein, schenke Ich immer Vertrauen und Sicherheit, denn
das ist Meine natürliche Neigung." Ebenso sagt Sri Krsna
in der Bhagavad-gita: "Die Macht der materiellen Natur
ist unüberwindlich; doch wer sich Mir ergibt, kann die
Macht der materiellen
Natur sehr leicht
hinter sich
lassen." Die Gottgeweihten sind nicht im geringsten daran
interessiert, sich mit den Nichtgottgeweihten zu streiten,
um deren Theorien zu widerlegen. Statt ihre Zeit zu
verschwenden, widmen
sie sich in
ungetrübtem
Krsna-Bewußtsein dem liebevollen transzendentalen
Dienst des Herrn.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, die
großen mystischen yogis mögen zwar vollständige
Herrschaft über den Elefanten des Geistes und den Sturm
der Sinne besitzen, doch wenn sie nicht bei einem echten
spirituellen Meister Zuflucht suchen, fallen sie dem
Einfluß der materiellen Natur zum Opfer und erlangen in
ihren Bemühungen um Selbstverwirklichung niemals
Erfolg. Solche
führerlosen Menschen
werden mit
Kaufleuten verglichen, die versuchen, auf einem Schiff
ohne Kapitän über das Meer zu fahren. Durch eigene
Anstrengungen kann also niemand der Gewalt der
materiellen Natur
entkommen. Man
muß einen
autorisierten spirituellen Meister annehmen und nach
seiner Weisung handeln.
Erst dann kann man die
Unwissenheit der materiellen Bedingtheit überwinden."
Sripada
Sridhara Svami
verfaßte in
diesem
Zusammenhang einen sehr schönen Vers, in welchem er
sagt: "O allbarmherziger spiritueller Meister, Vertreter der
Höchsten Persönlichkeit Gottes, wann wird mein Geist
deinen Lotosfüßen völlig hingegeben sein? Erst dann
werde ich durch deine Gnade alle Hindernisse auf dem
Pfad des spirituellen Lebens überwinden können und immer voller Glückseligkeit sein."
Wahrer, ekstatischer samadhi, d.h. völlige Ausrichtung
der Gedanken auf die Höchste Persönlichkeit Gottes, kann
man dadurch erlangen, daß man sich ständig dem Dienst
des Herrn widmet, und diese ständige Beschäftigung ist
nur dann möglich, wenn man unter der Führung eines
autorisierten spirituellen Meisters handelt. Die Veden
geben deshalb die Anweisung, daß sich jeder, der die
Wissenschaft des hingebungsvollen Dienstes erlernen
will, einem echten spirituellen Meister unterwerfen muß.
Einen echten spirituellen Meister kann man daran
erkennen, daß er die Wissenschaft des hingebungsvollen
Dienstes von der Schülernachfolge erhalten hat. Diese
Schülernachfolge
wird
srotriyam
genannt. Das
Hauptmerkmal desjenigen, der ein spiritueller Meister in
der Schülernachfolge geworden ist, besteht darin, daß er
hundertprozentig im bhakti-yoga verankert ist. Manchmal
unterlassen es Menschen, einen spirituellen Meister anzunehmen, und versuchen statt dessen, durch den Vorgang
des mystischen yoga Selbstverwirklichung zu erlangen;
doch es gibt viele Beispiele von yogis, die auf diesem
Weg zu Fall gekommen sind, sogar solch große yogis wie
Visvamitra. In der Bhagavad-gita sagt Arjuna, daß es
ebenso schwierig sei, den Geist zu beherrschen, wie einen
Sturm aufzuhalten. Manchmal wird der Geist auch mit
einem verrückt gewordenen Elefanten verglichen. Ohne
den Anweisungen eines spirituellen Meisters zu folgen,
kann man den Geist und die Sinne nicht beherrschen. Mit
anderen Worten, wenn man mystischen yoga praktiziert,
aber keinen autorisierten spirituellen Meister annimmt,
wird man mit Sicherheit scheitern. Auf diese Weise
verliert man nur seine kostbare Zeit. Die Veden erklären,
daß niemand über vollkommenes Wissen verfügen kann,
ohne von einem acarya geführt zu werden. acaryavan
puruso veda: "Wer einen acarya angenommen hat, weiß,
was richtig und was falsch ist." Die Absolute Wahrheit
kann nicht durch Diskussionen verstanden werden. Wer
die vollkommene brahmanische Stufe erreicht hat,
entwickelt auf natürliche Weise Entsagung. Er strebt nicht
nach materiellem Gewinn, denn er ist durch spirituelles
Wissen zur Erkenntnis gekommen, daß es auf der Welt an
nichts mangelt. Die Höchste Persönlichkeit Gottes hat
alles in reichlichem Maße zur Verfügung gestellt. Ein
wirklicher brahmana bemüht sich deshalb nicht um
materielle Vollkommenheit; vielmehr wendet er sich an
einen echten
spirituellen Meister,
um von ihm
Anweisungen entgegenzunehmen. Das Merkmal, durch
das sich ein spiritueller Meister auszeichnet, wird als
brahma-nistham bezeichnet, was bedeutet, daß er alle
anderen Tätigkeiten
aufgegeben und
sein Leben
ausschließlich dem
Dienst Krsnas,
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, geweiht hat. Wenn sich ein echter
Schüler an einen echten spirituellen Meister wendet, betet
er ergeben zu dem spirituellen Meister: "O Meister, bitte
nimm mich als deinen Schüler an und unterweise mich, so
daß ich alle anderen Vorgänge der Selbstverwirklichung
aufgeben und mich einfach nur dem Krsna-Bewußtsein,
dem hingebungsvollen Dienst, widmen kann."
Der Gottgeweihte, der dem Herrn unter der Führung
eines spirituellen Meisters transzendentalen liebevollen
Dienst darbringt, denkt im Innern: "Mein lieber Herr, Du
bist der Quell aller Freude, und nun bist Du gegenwärtig.
Was ist im Vergleich dazu die vergängliche Freude wert,
die man aus Gesellschaft, Freundschaft und Liebe
gewinnt? Menschen, die nicht wissen, daß Du der höchste
Quell aller Freude bist, bemühen sich törichterweise,
Freude aus der Befriedigung der Sinne zu gewinnen, doch
diese Art der Freude ist vergänglich und illusorisch." In
diesem
Sinne
hat
Vidyapati,
ein großer
Vaisnava-Gottgeweihter und Dichter, folgenden Vers
verfaßt: "Mein lieber Herr, zweifellos ist in Gesellschaft,
Freundschaft und Liebe so etwas wie Freude zu finden,
auch wenn sie nur materiell ist; doch solche Freude kann
meinem Herzen,
das wie eine
Wüste ist, keine
Zufriedenheit schenken." In der Wüste ist ein ganzes Meer
von Wasser vonnöten. Was nützt es deshalb, wenn man
nur einen Tropfen Wasser auf den Wüstensand gießt?
Ebenso lassen sich die zahllosen Wünsche, die sich in
unserem materiell verunreinigten Herzen befinden, nicht
durch eine materielle Gesellschaft der Freundschaft und
Liebe zufriedenstellen. Wenn unser Herz jedoch Freude
aus dem höchsten Quell der Freude empfängt, können wir
wirkliche Zufriedenheit finden. Diese transzendentale
Zufriedenheit kann man nur im hingebungsvollen Dienst,
im vorbehaltlosen Krsna-Bewußtsein, erfahren.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, Du
bist sac-cid-ananda-vigraha, die ewige Persönlichkeit des
Wissens und der Glückseligkeit, und weil die Lebewesen
Deine Teile sind, sind sie sich in ihrem natürlichen
Daseinszustand Deiner völlig bewußt. Jeder in der
materiellen Welt, der solches Krsna-Bewußtsein erlangt,
hat kein Interesse mehr an der materialistischen Lebensweise. Ein Krsna-bewußter Mensch befreit sich von der
Anhaftung an das
Familienleben und
an üppige
Lebensverhältnisse, und er benötigt auch nur wenig, um
den Ansprüchen seines Körpers zu genügen. Mit anderen
Worten, ihm
ist überhaupt
nichts mehr an
Sinnenbefriedigung gelegen. Die Vollkommenheit des
menschlichen Lebens gründet sich auf Wissen und
Entsagung, doch es ist sehr schwer, die Stufe des Wissens
und der Entsagung zu erreichen, solange man sich noch
im Kreise seiner
Familie befindet. Krsna-bewußte
Menschen suchen deshalb Zuflucht in der Gemeinschaft
von Gottgeweihten und an heiligen Pilgerstätten. Sie sind
sich der Beziehung zwischen der Überseele und den
individuellen Lebewesen bewußt und werden niemals von
der körperlichen Auffassung des Lebens beeinflußt. Weil
sie Dich stets in vollkommenem Bewußtsein in ihrem
Herzen tragen, sind sie so rein, daß jeder Ort, den sie
besuchen, in eine Pilgerstätte verwandelt wird, und das
Wasser, mit dem ihre Füße gewaschen werden, hat die
Kraft, viele sündige Menschen, die in der materiellen Welt
umherirren, zu erlösen."
Als Prahlada Maharaja eines Tages von seinem
atheistischen Vater gefragt wurde, was denn das Beste sei,
was er gelernt habe, antwortete Prahlada, es sei für einen
Materialisten, der sich mit zeitweiligen und relativen
Wahrheiten befaßt und deshalb ständig voller Sorgen ist,
das beste, den dunklen Brunnen des Familienlebens zu
verlassen und in den Wald zu gehen, um dort beim Höchsten Herrn Zuflucht zu suchen. Die wirklich reinen
Gottgeweihten werden als mahatmas bezeichnet, als große
Weise und Persönlichkeiten, die vollkommenes Wissen
besitzen. Sie denken ständig an den Höchsten Herrn und
Seine Lotosfüße, was in sich schon Befreiung bedeutet.
Die Gottgeweihten, die sich ständig auf dieser Ebene
befinden, werden durch die unergründlichen Kräfte des
Herrn "elektrisiert", und so werden sie selbst zur Ursache
der Befreiung für ihre Anhänger und Geweihten. Eine
Krsna-bewußte Persönlichkeit ist mit spiritueller Kraft
aufgeladen, und daher wird jeder, der mit einem solchen
reinen Gottgeweihten in Berührung kommt oder bei ihm
Zuflucht sucht, ebenfalls mit spiritueller Kraft aufgeladen.
Ein solcher Gottgeweihter ist niemals stolz auf materielle
Füllen. Im allgemeinen bestehen materielle Füllen in guter
Herkunft, Bildung, Schönheit und Reichtum, aber selbst
wenn ein Gottgeweihter all diese vier materiellen Füllen
besitzt, läßt er sich niemals von Stolz verblenden, nur weil
er solche Vorzüge besitzt. Die großen Geweihten des
Herrn reisen durch die ganze Welt, von einer Pilgerstätte
zur anderen, wobei sie vielen bedingten Seelen begegnen,
die sie durch ihre Gemeinschaft und ihr transzendentales
Wissen befreien. Sie leben an Orten wie Vrndavana,
Mathura, Dvaraka, Jagannatha Puri und Navadvipa, denn
zu diesen Orten kommen nur Gottgeweihte hin. Auf diese
Weise ziehen sie aus der Gemeinschaft mit heiligen
Persönlichkeiten den vollen Nutzen, wodurch sie im
Krsna-Bewußtsein immer mehr Fortschritt machen.
Solcher Fortschritt ist im gewöhnlichen Familienleben, in
dem Krsna-Bewußtsein fehlt, nicht möglich.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, es gibt
zwei
Arten
von
Transzendentalisten, die
Unpersönlichkeitsanhänger und die Persönlichkeitsanhänger. Die Unpersönlichkeitsanhänger sind der Ansicht, die
materielle Welt sei Trug und nur die Absolute Wahrheit
sei Wirklichkeit. Die Persönlichkeitsanhänger dagegen
erklären, daß die
materielle Welt, obwohl
sie nur
zeitweilig besteht, keine Täuschung, sondern Wirklichkeit
ist. Die Transzendentalisten beider Richtungen führen
vielerlei Argumente an, um die Richtigkeit ihrer Philosophie zu beweisen. Im Grunde ist die materielle Welt
zugleich wirklich und unwirklich. Sie ist Wirklichkeit,
weil alles eine Erweiterung der Höchsten Absoluten
Wahrheit ist, und sie ist unwirklich, weil ihr Dasein
zeitweilig ist, denn sie wird erschaffen und vernichtet.
Weil sich die kosmische Manifestation ständig wandelt,
befindet sie sich nie
in einem bleibenden Zustand.
Diejenigen, die behaupten, die materielle Welt sei falsch,
sind berühmt für ihren Grundsatz: brahma satya jagan
mithya. Sie vertreten die Ansicht, daß in der materiellen
Welt alles aus Materie bestehe. Zum Beispiel gebe es
viele Dinge aus Ton wie irdene Wasserkrüge, Teller und
Töpfe. Nach ihrer Vernichtung würden sie zwar vielleicht
in andere materielle Dinge umgewandelt, doch unter allen
Umständen werde ihre Existenz als Ton beibehalten.
Wenn ein irdener Wassertopf zerbricht, werde er vielleicht
in einen Topf oder in einen Teller umgewandelt, doch die
Erde an sich bleibe immer die gleiche, unabhängig davon,
ob sie zu einem
Teller, einem Topf oder
einem
Wasserkrug geformt werde. Deshalb seien die Formen des
Wasserkruges, des Topfes und des Tellers Trug, ihre
Existenz als Erde hingegen Wirklichkeit. Das ist die
Ansicht der Unpersönlichkeitsphilosophen. Ebenso sei die
kosmische Manifestation zweifelsohne von der Absoluten
Wahrheit geschaffen worden, doch weil ihr Dasein
zeitweilig
ist,
sei
sie
falsch. Die
Unpersönlichkeitsphilosophen glauben also, die Absolute
Wahrheit sei die einzige Wahrheit, weil sie ewig bestehe.
Nach der Ansicht der anderen Transzendentalisten jedoch
ist die materielle Welt, da sie von der Absoluten Wahrheit
erzeugt wurde, ebenfalls wahr. Auf diesen Punkt hin
führen
die
Unpersönlichkeitsanhänger
das
Gegenargument an, daß die materielle Welt nicht Wirklichkeit sei, da man beobachten könne, daß manchmal
Materie von der spirituellen Seele und daß manchmal die
spirituelle Seele von der Materie erzeugt werde. Diese
Philosophen unterstützen ihre Theorie mit folgendem
Beispiel: Obwohl Kuhdung tote Materie sei, würden
manchmal Skorpione aus dem Kuhdung erscheinen, und
auf der anderen Seite könne man sehen, daß tote Materie,
wie Nägel und Haare, aus dem lebenden Körper
hervorgehe. Wenn deshalb ein Ding aus einem anderen
hervorgehe, bedeute dies nicht notwendigerweise, daß sie
beide von gleicher Natur sind. Auf dieses Argument
gestützt, sagen die Mayavadi-Philosophen, daß die
kosmische Manifestation, obwohl sie zweifellos von der
Absoluten
Wahrheit
ausgegangen
sei, nicht
notwendigerweise selbst Wahrheit sein müsse. Deshalb
kann ihrer Ansicht nach nur die Absolute Wahrheit, das
Brahman, als Wirklichkeit anerkannt werden, wohingegen
die kosmische Manifestation, obwohl sie ein Produkt der
Absoluten Wahrheit sei, niemals Wirklichkeit sein könne.
Die Bhagavad-gita jedoch entlarvt die Theorie der
Mayavadi-Philosophen, indem sie sagt, daß dies genau die
Theorie der asuras, der Dämonen, ist. So erklärt der Herr
in der Bhagavad-gita: asatyam apratistham te jagad ahur
anisvaram. "Die asuras vertreten die Ansicht, die ganze
kosmische Schöpfung sei unwirklich." Mit anderen
Worten, die asuras
glauben, daß die bloße
Wechselwirkung von Materie die Ursache der Schöpfung sei
und daß es keinen Gott, d.h. keinen Kontrollierenden,
gebe. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Aus dem
Siebten Kapitel der Bhagavad-gita erfahren wir, daß die
fünf grobstofflichen Elemente - Erde, Wasser, Feuer, Luft
und Äther - und die feinstofflichen Elemente - Geist,
Intelligenz und falsches Ego - die acht abgesonderten
Energien des Höchsten Herrn sind. Jenseits dieser
niederen, materiellen Energie gibt es die spirituelle
Energie, die Lebewesen. Die Lebewesen gehören zur
höheren Energie des Herrn. Die gesamte kosmische
Manifestation ist eine Verbindung
der niederen mit der höheren Energie. Der Ursprung
beider ist die Höchste Persönlichkeit Gottes. Die Höchste
Persönlichkeit Gottes besitzt viele verschiedene Arten von
Energien, und dies wird in den Veden bestätigt: parasya
saktir vividhaiva sruyate. Die transzendentalen Energien
des Herrn sind von mannigfaltiger Art, und weil diese
Mannigfaltigkeit vom Höchsten Herrn ausgegangen ist,
kann sie nicht unwirklich sein. Der Herr existiert ewig,
und auch Seine Energien existieren ewig. Ein Teil dieser
Energie ist zeitweilig,
das heißt, sie ist
manchmal
manifestiert und manchmal unmanifestiert, doch das
bedeutet keinesfalls, daß
diese Energie unwirklich ist. Dies kann an folgendem
Beispiel veranschaulicht werden: Wenn ein Mensch
zornig wird, tut er Dinge, die er gewöhnlich nicht täte;
doch die Tatsache, daß sein Zorn nur vorübergehend
erscheint und dann wieder vergeht, bedeutet nicht, daß die
Energie des Zornes unwirklich ist. Die Behauptung der
Mayavadi-Philosophen,
die materielle
Welt sei
unwirklich, wird daher von den Vaisnava-Philosophen
nicht angenommen. Der Herr Selbst bestätigt, daß die
Auffassung, es
gäbe keine
höchste Ursache der
kosmischen Manifestation, es existiere kein Gott und alles
Bestehende sei nur eine Schöpfung der Wechselwirkung
der Materie, die Auffassung der asuras ist.
Die Mayavadi-Philosophen führen manchmal das
Beispiel von der Schlange und dem Seil als Argument an:
Abends, wenn es dunkel ist, könne es vorkommen, daß
man ein aufgerolltes Seil für eine Schlange halte. Doch
auch dieses Beispiel der Mayavadis, mit dem sie die
Unwirklichkeit der materiellen Welt deutlich machen
wollen, ist nicht zutreffend, denn die Tatsache, daß man
ein Seil für eine Schlange hält, bedeutet nicht, daß das
Seil oder die Schlange unwirklich ist. Wenn man glaubt,
etwas, das es überhaupt nicht gibt, sei Wirklichkeit, dann
spricht man von "unwirklich". Doch wenn man einfach
nur etwas mit etwas anderem verwechselt, dann bedeutet
dies nicht, daß diese
Dinge unwirklich sind. Die
Vaisnavas gebrauchen in diesem Zusammenhang ein sehr
treffendes Beispiel, indem sie die materielle Welt mit
einem irdenen Topf vergleichen. Wenn wir vor uns einen
irdenen Topf sehen, verschwindet er nicht sogleich, um
sich in etwas anderes
zu verwandeln. Der Topf
ist
selbstverständlich zeitweilig, aber man kann ihn zum
Wassertragen benutzen, und so betrachten wir ihn
weiterhin als Topf. Nur weil der irdene Topf zeitweilig
und von der ursprünglichen Erde verschieden ist, können
wir nicht sagen, er sei unwirklich. Wir sollten vielmehr zu
dem Schluß kommen, daß sowohl die gesamte Erde als
auch der irdene Topf Wirklichkeit sind, denn das eine
geht aus dem anderen hervor. Aus der Bhagavad-gita
erfahren wir, daß die
materielle Energie nach der
Auflösung der kosmischen Manifestation in die Höchste
Persönlichkeit Gottes eingeht. Der Herr, die Höchste
Persönlichkeit Gottes,
existiert ewig
mit Seinen
mannigfachen Energien,
und weil die
kosmische
Manifestation von Ihm ausgeht, können wir nicht sagen,
sie sei aus dem Nichts entstanden. Krsna ist kein "Nichts".
Immer, wenn wir von Krsna sprechen, ist Er mit Seiner
Gestalt, Seinen Eigenschaften, Seinem Namen, Seiner
Umgebung und allem, was sonst noch zu Ihm gehört,
gegenwärtig. Deshalb ist Krsna nicht unpersönlich. Die
ursprüngliche Ursache alles Bestehenden ist weder das
Nichts noch etwas Unpersönliches, sondern die Höchste
Person. Dämonen mögen behaupten, die materielle
Schöpfung sei anisvara, d.h. ohne einen Kontrollierenden,
ohne Gott, doch letzten Endes sind solche Behauptungen
unhaltbar.
Das Beispiel der Mayavadi-Philosophen, daß unbelebte
Materie, wie Nägel und Haare, aus dem lebenden Körper
komme, ist kein sehr stichhaltiges Argument. Nägel und
Haare sind unzweifelhaft leblos, doch sie wachsen nicht
aus dem lebendigen Wesen, sondern aus dem leblosen
materiellen Körper. Ebensowenig ist das Beispiel, daß der
Skorpion aus dem Kuhdung komme, ein Beweis dafür,
daß das Lebewesen aus Materie entsteht. Der Skorpion,
der aus dem Kuhdung
herauskommt, ist zwar ein
Lebewesen, doch das
Lebewesen ist nicht aus
dem
Kuhdung entstanden. Nur der materielle Körper des
Lebewesens, d.h.
der Skorpionkörper,
wächst im
Kuhdung heran. Wie in der Bhagavad-gita erklärt wird,
werden die spirituellen Funken, die Lebewesen, in die
materielle Welt eingegeben, und dann erscheinen sie in
ihr. Der Körper des Lebewesens wird von der materiellen
Natur gegeben, doch das Lebewesen selbst wird vom
Höchsten Herrn gezeugt. Der Vater und die Mutter
erzeugen den Körper,
der notwendig ist,
damit das
Lebewesen in bestimmten Lebensumständen geboren
werden kann. Auf diese Weise wandert das Lebewesen
entsprechend seinen Wünschen von einem Körper zum
anderen. Die Wünsche in der feinstofflichen Form von
Intelligenz, Geist und falschem Ego begleiten das
Lebewesen von Körper zu Körper, und so wird es durch
höhere Fügung in den Schoß eines bestimmten materiellen
Körpers versetzt und entwickelt in der Folge einen ähnlichen Körper. Die spirituelle Seele entsteht also nicht aus
Materie, sondern sie nimmt unter höherer Führung einen
bestimmten materiellen Körper an. Unsere Erfahrung
zeigt uns die materielle Welt als eine Kombination von
materieller und spiritueller Energie. Die spirituelle
Energie bewegt die Materie. Die spirituelle Seele (das
Lebewesen) und Materie sind verschiedene Energien des
Höchsten Herrn. Weil beide Energien Produkte des
höchsten Ewigen, der höchsten Wahrheit, sind, sind sie
wirklich, und nicht falsch. Weil das Lebewesen ein Teil
des Höchsten ist, lebt es ewig, und deshalb kann von
Geburt und Tod keine Rede sein. Was man als Geburt und
Tod wahrnimmt, geschieht nur wegen des materiellen
Körpers. Der vedische Aphorismus sarvam khalv idam
brahma besagt, daß beide Energien vom Höchsten
Brahman ausgegangen sind und daß deshalb alles
innerhalb unserer
Erfahrung vom
Brahman nicht
verschieden ist.
Es gibt viele Erklärungen für das Vorhandensein der
materiellen
Welt,
doch
die philosophische
Schlußfolgerung der Vaisnavas ist die beste. Das Beispiel
mit dem irdenen Topf ist sehr treffend: Die Form des
irdenen Topfes mag zeitweilig sein, aber dennoch dient
der Topf einem bestimmten Zweck, nämlich dem Zweck
als Wasserbehälter. Ebenso dient auch unser materieller
Körper, obwohl er zeitweilig ist, einem bestimmten
Zweck. Vom Beginn der Schöpfung an bekommt das
Lebewesen die
Möglichkeit,
entsprechend seinen
Wünschen, die es schon seit unvordenklichen Zeiten
angesammelt hat,
bestimmte materielle
Körper zu
entwickeln und zu durchlaufen. Der menschliche Körper
bietet die
besondere Möglichkeit,
von einem
hochentwickelten Bewußtsein Gebrauch zu machen.
Manchmal erheben die Mayavadi-Philosophen auch
folgenden Einwand: Wenn die materielle Welt Wahrheit
ist, warum wird dann den Haushältern geraten, ihre
Verbindung mit der materiellen Welt aufzugeben und
sannyasa
anzunehmen?
Aber
für die
Vaisnava-Philosophen bedeutet sannyasa nicht, daß man
die materiellen Tätigkeiten aufgibt, nur weil man die Welt
für unwirklich hält.
Vielmehr besteht der
Sinn des
Vaisnava-sannyasa darin, alle Dinge ihrer eigentlichen
Bestimmung gemäß zu benutzen. Srila Rupa Gosvamihat
zwei Grundregeln formuliert,
wie man sich in der
materiellen Welt verhalten sollte. Wenn ein Vaisnava die
materialistische Lebensweise aufgibt und sannyasa
annimmt, tut er dies nicht, weil er die materielle Welt für
unwirklich hält, sondern weil er sich ganz der Aufgabe
widmen will, alles in den Dienst des Herrn zu stellen.
Srila Rupa Gosvamis Grundregeln lauten deshalb wie
folgt: Man sollte nicht an der materiellen Welt haften,
denn materielle Anhaftung ist unsinnig. Die ganze
materielle Welt, die gesamte kosmische Manifestation, ist
das Eigentum Gottes, Krsnas. Deshalb sollte alles für
Krsna gebraucht werden, und der Gottgeweihte sollte von
materiellen Dingen losgelöst sein. Das ist der Sinn des
Vaisnava-sannyasa. Ein Materialist hängt an der Welt,
weil er
Sinnenbefriedigung
begehrt, doch ein
Vaisnava-sannyasi, der die Kunst kennt, alles im Dienst
des Herrn zu benutzen,
nimmt nichts zur eigenen
Sinnenbefriedigung. Srila Rupa Gosvami kritisierte
deshalb die Mayavadi-sannyasis, da sie nicht wissen, daß
alles im Dienst des Herrn verwendet werden kann. Statt
dessen halten sie die Welt für Trug und bilden sich ein, sie
seien von der Unreinheit der materiellen Welt befreit.
Doch weil alles eine Erweiterung der Energie des Herrn
ist, sind die Erweiterungen ebenso Wirklichkeit wie der
Höchste Herr Selbst.
Daß die kosmische Welt nur zeitweilig manifestiert ist,
bedeutet keineswegs, daß sie unwirklich ist oder daß der
Ursprung ihrer Manifestation unwirklich ist. Da der
Ursprung der kosmischen Manifestation Wirklichkeit ist,
ist auch die Manifestation Wirklichkeit. Man muß nur
wissen, wie sie zu benutzen ist. Hier läßt sich noch einmal
das Beispiel des Topfes anführen: Der zeitweilige irdene
Topf wird aus Erde hergestellt, doch wenn er richtig
benutzt wird, ist er keineswegs eine Täuschung. Die
Vaisnava-Philosophen wissen, wie man die zeitweilige
Konstruktion der materiellen Welt benutzen muß, ebenso
wie ein vernünftiger Mensch weiß, wie die zeitweilige
Form eines irdenen Topfes zu benutzen ist. Wenn der
Topf jedoch für einen falschen Zweck benutzt wird, dann
ist er Täuschung. In ähnlicher Weise sind auch die
menschliche Lebensform und die materielle Welt Illusion,
wenn sie für die illusorische Befriedigung der Sinne
mißbraucht werden. Wenn aber der menschliche Körper
und die materielle Schöpfung in den Dienst des Höchsten
Herrn gestellt werden, sind diese Tätigkeiten keinesfalls
illusorisch. In der Bhagavad-gita wird deshalb bestätigt,
daß ein Mensch, der auch nur ein wenig die Neigung
zeigt, seinen Körper und die materielle Welt in den Dienst
des Herrn zu stellen, vor der größten Gefahr des Lebens
bewahrt wird. Wenn die höheren und niederen Energien,
die beide vom
Höchsten Herrn
ausgehen, richtig
verwendet werden, ist keine von ihnen illusorisch. Was
jedoch fruchtbringende Tätigkeiten betrifft, so gründen sie
hauptsächlich auf der Ebene der Sinnenbefriedigung.
Deshalb
beschäftigt
sich
jemand,
der im
Krsna-Bewußtsein
fortgeschritten ist,
nicht mit
fruchtbringenden Tätigkeiten. Das Ergebnis solcher
Tätigkeiten kann einen Menschen zwar auf die höheren
Planetensysteme erheben, doch wie in der Bhagavad-gita
erklärt wird, werden im himmlischen Königreich die
Ergebnisse dieser frommen Tätigkeiten aufgebraucht,
worauf die törichten Lebewesen wieder auf das niedere
Planetensystem zurückfallen,
um dort erneut zu
versuchen, auf die höheren Planeten zu gelangen. Das
einzige, was sie dabei ernten, sind die Schwierigkeiten des
Hin- und Zurückwanderns. Sie gleichen hierin den vielen
materiellen Wissenschaftlern unserer Tage, die ihre Zeit
mit dem Versuch verschwenden, zum Mond zu fliegen,
um dann wieder zurückzukehren. Diejenigen, die solchen
Tätigkeiten nachgehen, werden von den personifizierten
Veden als andha-parampara oder blinde Anhänger der
rituellen vedischen Zeremonien bezeichnet. Diese
Zeremonien werden zwar in den Veden erwähnt, doch sie
sind nicht für intelligente Menschen bestimmt. Nur
diejenigen, die zu sehr an materiellem Genuß hängen,
werden von der Vorstellung verlockt, auf die höheren
Planetensysteme erhoben zu werden, und deshalb widmen
sie sich solchen
rituellen Tätigkeiten.
Aber ein
intelligenter Mensch, d.h. jemand, der Zuflucht bei einem
spirituellen Meister gesucht
hat, um die Dinge zu
erkennen, wie sie wirklich sind, befaßt sich nicht mit
fruchtbringenden Tätigkeiten, sondern weiht sich dem
transzendentalen liebevollen Dienst für den Herrn.
Menschen, die nicht Gottgeweihte sind, wenden sich
aus materialistischen Gründen den vedischen Ritualen zu,
wodurch sie jedoch nur in Verwirrung geraten. In diesem
Zusammenhang gibt es ein anschauliches Beispiel: Ein
intelligenter Mensch, der Millionen von Dollars in
Banknoten besitzt, läßt sein Geld nicht ungenutzt, obwohl
er sehr gut weiß, daß die Geldscheine an sich nichts weiter
als Papier sind. Wenn
man eine Million Dollar
in
Banknoten besitzt, hat man im Grunde nur ein großes
Bündel Papier, doch wenn man das Geld für einen
bestimmten Zweck einsetzt, hat es seinen Nutzen. Ebenso
verhält es sich mit der materiellen Welt. Obwohl sie
illusorisch sein mag, ebenso wie das Geld nur aus Papier
besteht, hat sie einen großen Nutzen, wenn man sie richtig
gebraucht. Weil die Banknoten vom Staat in Umlauf
gesetzt wurden, haben sie großen Wert, obwohl sie nur
aus Papier bestehen. Ebenso mag die materielle Welt
unwirklich oder zeitweilig
sein; doch weil sie vom
Höchsten Herrn ausgeht, hat auch sie ihren Wert. Der
Vaisnava-Philosoph erkennt den Wert der materiellen
Welt und weiß, wie man sie richtig benutzt, wohingegen
der Mayavadi-Philosoph mit dem Geld nichts anzufangen
weiß und es zurückweist, weil er den Geldwert des
Papieres für unwirklich hält. Srila Rupa Gosvami erklärt
deshalb, daß jemand,
der die materielle Welt
als
unwirklich ablehnt, nur weil er ihre Bedeutung als Mittel,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu dienen, nicht kennt,
eine Art der Entsagung
praktiziert, die wertlos ist.
Wirkliche Entsagung bedeutet, daß man sich des wahren
Wertes der materiellen Welt bewußt ist und sie im Dienst
des Herrn verwendet und daß man nicht an die materielle
Welt angehaftet ist, sondern ihr entsagt, indem man sie
nicht zur Befriedigung seiner eigenen Sinne benutzt. Die
materielle Welt ist eine Erweiterung der materiellen
Energie des Herrn, und deshalb ist sie Wirklichkeit. Sie ist
nicht unwirklich oder illusorisch, wie manchmal aus dem
Beispiel mit der Schlange und dem Seil geschlossen wird.
Die Veden in Person fuhren fort: "Die kosmische
Manifestation erscheint weniger intelligenten Menschen
aufgrund der flackernden Natur ihres vorübergehenden
Daseins als unwirklich." Die Mayavadis nehmen die
flackernde Natur der kosmischen Manifestation als
Beweis für ihre
Theorie, die materielle
Welt sei
unwirklich. Laut den
Veden war die Welt
vor der
Schöpfung nicht existent
und wird auch nach der
Auflösung ihrer Manifestation nicht mehr existent sein.
Die Philosophen der Lehre vom Nichts machen sich diese
Aussage der Veden ebenfalls zunutze und interpretieren
sie in dem Sinne, daß der Ursprung der materiellen Welt
das Nichts sei. Die vedischen Schriften sagen jedoch
niemals, daß der Ursprung das Nichts sei. Die Veden
definieren den Ursprung der Schöpfung und Auflösung
mit den Worten: yato va imani bhutani jayante, "Er, aus
dem die kosmische Manifestation hervorgegangen ist und
in den nach der Vernichtung alles eingehen wird". Das
gleiche wird im Vedanta-sutra und im ersten Vers des
Srimad-Bhagavatam mit den Worten janmady asya
erklärt, was bedeutet: "Er, von dem alle Dinge ausgehen".
Alle diese vedischen Aussagen deuten darauf hin, daß die
kosmische Manifestation ihre Ursache in der Absoluten
Höchsten Persönlichkeit Gottes hat und daß sie, wenn sie
vernichtet wird, wieder in den Höchsten eingeht. Das
gleiche wird in der Bhagavad-gita bestätigt: Die kosmische Manifestation tritt ins Dasein, um daraufhin wieder
zerstört zu werden, und nach der Zerstörung geht sie ins
Dasein des Höchsten Herrn ein. Diese Aussage beweist
eindeutig, daß die bahiranga-maya, die äußere Energie,
obwohl von flackernder Natur, eine Energie des Höchsten
Herrn ist und als solche nicht unwirklich sein kann. Sie
scheint nur unwirklich zu sein. Weil die materielle Natur
vor der Schöpfung und nach der Vernichtung nicht
existent ist, glauben die Mayavadis, sie sei unwirklich.
Doch die genaue Bedeutung dieser Aussage der Veden
kann mit dem Beispiel des irdenen Topfes veranschaulicht
werden:
Obwohl die
Existenz
der einzelnen
Nebenprodukte der Absoluten Wahrheit zeitweilig ist, ist
die Energie des Höchsten Herrn ewig und unveränderlich.
Der irdene Topf mag zerbrochen oder zu etwas anderem
umgeformt werden, zum Beispiel zu einem Teller oder
einer Schüssel, doch das Material, das grundlegende
Element, Erde, bleibt immer dasselbe. Ebenso ist das
Grundprinzip der kosmischen Manifestation immer
dasselbe, nämlich das Brahman, die Absolute Wahrheit,
und deshalb ist die Mayavadi-Theorie, die Welt sei
unwirklich, nichts anderes als eine mentale Spekulation.
Daß die kosmische Manifestation flackernd und zeitweilig
ist, bedeutet nicht, daß sie unwirklich ist. Die Definition
für "unwirklich" lautet: "das, was es niemals gab, sondern
nur dem Namen nach existiert". So sind zum Beispiel
Pferdeeier, Luftblumen und Kaninchenhörner Dinge, die
nur dem Namen nach existieren. Die Pferde legen keine
Eier; es gibt keine Blumen, die in der Luft wachsen, und
es gibt auch keine Kaninchen mit Hörnern. Man könnte
noch viele Dinge nennen, die nur dem Namen nach oder
in der Phantasie existieren, doch die es im Grunde gar
nicht gibt. Solche Dinge werden zurecht als unwirklich
bezeichnet. Die materielle Welt jedoch kann von den
Vaisnavas nicht als unwirklich angesehen werden, nur
weil sie aufgrund ihrer zeitweiligen Natur Schöpfung und
Vernichtung unterworfen ist.
Die Veden in Person sagten als nächstes, daß die
Überseele und die individuelle Seele, d.h. der Paramatma
und der jivatma, einander niemals gleich sein können,
obwohl sie gemeinsam im gleichen Körper weilen wie
zwei Vögel auf einem Baum. In den Veden wird erklärt,
daß diese beiden Vögel,
obwohl sie als Freunde
nebeneinander sitzen, niemals identisch sind. Der eine
Vogel, der Paramatma, die Überseele, ist einfach nur der
Zeuge, während der andere Vogel, der jivatma, von den
Früchten des Baumes ißt. Wenn die kosmische Manifestation ins Dasein tritt, erscheinen die jivatmas, die
individuellen Seelen, entsprechend ihren früheren
fruchtbringenden Tätigkeiten in verschiedenen Lebensformen, und weil sie schon seit langer Zeit ihr
wirkliches Dasein vergessen haben, identifizieren sie sich
mit dem jeweiligen Körper, der ihnen durch die Gesetze
der materiellen Natur gegeben wird. Wenn der jivatma
einen materiellen Körper angenommen hat, wird er den
drei Erscheinungsweisen
der
materiellen Natur
unterworfen und handelt entsprechend ihrem Einfluß; so
setzt sich sein Dasein in der materiellen Welt fort.
Während die Seele in solche Unwissenheit eingehüllt ist,
sind ihre natürlichen Füllen, die sie in winzigem Ausmaß
besitzt, fast gänzlich verschwunden. Die Füllen der
Überseele, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, indes
verringern sich niemals, selbst wenn Sie in der materiellen
Welt erscheint.
Sie behält stets
alle Füllen und
Vollkommenheiten in unverändertem Ausmaß und bleibt
trotzdem von allen Leiden der materiellen Welt unberührt.
Die bedingte Seele verstrickt sich in die materielle Welt,
wohingegen die Überseele, die Höchste Persönlichkeit
Gottes, die materielle
Welt verläßt, ohne von
ihr
beeinflußt zu werden, ähnlich wie eine Schlange ihre Haut
abwirft. Der Unterschied zwischen der Überseele und der
bedingten individuellen Seele liegt darin, daß die
Überseele, die Höchste Persönlichkeit Gottes, immer Ihre
ursprünglichen Füllen behält, die man als sad-aisvarya,
asta-siddhi und asta-guna bezeichnet.
Weil die Mayavadi-Philosophen nur ein dürftiges Maß
an Wissen besitzen, entgeht ihnen die Tatsache, daß Krsna
immer von
Seinen sechs
Füllen, Seinen acht
transzendentalen
Eigenschaften und
Seinen acht
Vollkommenheiten erfüllt ist. Die sechs Füllen beziehen
sich auf die Tatsache, daß niemand in der Lage ist, Krsna
an Reichtum, Macht, Schönheit, Ruhm, Wissen und
Entsagung zu
übertreffen. Die
erste der acht
transzendentalen Eigenschaften Krsnas ist, daß Er niemals
von der Unreinheit des materiellen Daseins berührt wird.
Diese Eigenschaft wird auch in der Isopanisad erwähnt,
und zwar mit den Worten apapa-viddham: So wie die
Sonne niemals durch Verunreinigung befleckt wird, so
wird der Höchste Herr niemals durch irgendwelche
sündhaften Tätigkeiten
verunreinigt. Obwohl es
manchmal so aussieht, als seien Krsnas Taten unfromm,
wird Er dadurch
niemals befleckt.
Die zweite
transzendentale Eigenschaft Krsnas ist, daß Er niemals
stirbt. Im Vierten Kapitel der Bhagavad-gita teilt der Herr
Arjuna mit, daß sie beide schon viele Male in der
materiellen Welt erschienen seien, daß aber nur Er Sich
ihrer Tätigkeiten bewußt sei, sowohl der vergangenen als
auch der gegenwärtigen und der zukünftigen. Dies
bedeutet, daß Krsna niemals stirbt, denn Vergessen hat
seine Ursache im Tod. Wenn wir sterben, wechseln wir
unseren Körper, und dies bringt das Vergessen mit sich.
Krsna jedoch vergißt nie. Er kann Sich an alles erinnern,
was jemals geschah. Wie sonst hätte Er Sich erinnern
können, daß Er das yoga-System der Bhagavad-gita
zuerst dem Sonnengott Vivasvan mitteilte. Krsna stirbt
also nie, und ebenso wird Er auch niemals alt. Obwohl
Krsna bereits Urgroßvater war, als Er Sich auf dem
Schlachtfeld von Kuruksetra befand, erschien Er nicht als
alter Mann. Krsna kann niemals von Sünden befleckt
werden, Krsna stirbt nie, Krsna wird niemals alt, Krsna
braucht niemals zu klagen, Krsna ist niemals hungrig und
auch niemals durstig. Was auch immer Er wünscht, wird
sogleich zum
vollkommenen Gesetz,
und Seine
Entschlüsse können von niemandem geändert werden.
Dies sind die transzendentalen Eigenschaften Krsnas.
Darüber hinaus ist Krsna auch als Yogesvara bekannt. Er
besitzt die vollkommene Fülle aller mystischen Kräfte,
wie zum Beispiel der anima-siddhi, der Macht, kleiner als
das Kleinste zu werden. In der Brahma-samhita wird
erklärt, daß Krsna sogar in jedes Atom eingegangen ist
(andantarastha-paramanu cayantara-stham). Ebenso
weilt Krsna als Garbhodakasayi Visnu im riesigen
Universum und liegt als Maha-Visnu im Ozean der
Ursachen, und Sein Körper ist so unvorstellbar groß, daß
bei Seinem Ausatmen Millionen und Abermillionen von
Universen aus Ihm hervorgehen. Das wird mahima-siddhi
genannt. Krsna besitzt auch die Vollkommenheit der
laghima, das heißt, Er kann leichter als das Leichteste
werden. In der Bhagavad-gita wird erklärt, daß die
Planeten im Weltall
schweben, weil Krsna in
das
Universum und in die Atome eingegangen ist. Das ist die
Erklärung für die Schwerelosigkeit. Krsna besitzt auch die
Vollkommenheit der prapti: Er kann alles bekommen,
was Er will. Ebenso besitzt Er die Vollkommenheit der
isita, der Macht zu beherrschen. Deshalb heißt Er auch
Paramesvara, der Höchste Herrscher. Darüber hinaus kann
Krsna auch jeden unter Seinen Einfluß bringen, und diese
Macht wird als vasita bezeichnet.
Krsna ist
der
Besitzer
sämtlicher Füllen,
transzendentalen Eigenschaften und mystischen Kräfte.
Kein gewöhnliches Lebewesen kann mit Ihm verglichen
werden. Deshalb ist die Theorie der Mayavadis, daß die
Überseele und die individuelle Seele gleich sind, ein
Irrtum. Die Schlußfolgerung lautet daher, daß Krsna alle
Verehrung gebührt und daß alle anderen Lebewesen Seine
Diener
sind. Diese
Erkenntnis
nennt man
Selbstverwirklichung. Jedes Verständnis vom Selbst
außerhalb der Beziehung zu Krsna als ewiger Diener ist
vom Einfluß mayas verursacht worden. Es heißt deshalb,
maya gebrauche ihre letzte Schlinge, wenn sie dem
Lebewesen einflüstere zu versuchen, der Höchsten Persönlichkeit Gottes
ebenbürtig zu
werden. Der
Mayavadi-Philosoph behauptet, Gott ebenbürtig zu sein,
doch er kann keine Antwort auf die Frage geben, warum
er der materiellen Verstrickung zum Opfer gefallen sei.
Wenn er wirklich Gott ist, wie konnte er dann unter den
Einfluß sündhafter Tätigkeiten geraten und dadurch dem
leidbringenden Gesetz des karma unterworfen werden?
Wenn man den Mayavadis diese Frage stellt, sind sie um
eine gute Antwort verlegen. Die spekulative Behauptung,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes ebenbürtig zu sein, ist
ein Symptom sündhaften Lebens. Solange man nicht
vollständig von allen Sünden befreit ist, kann man sich
dem Krsna-Bewußtsein nicht zuwenden. Allein die
Tatsache, daß die Mayavadis behaupten, sie seien mit dem
Höchsten Herrn eins, zeigt, daß sie noch nicht von den
Reaktionen auf
ihre Sünden
befreit sind. Das
Srimad-Bhagavatam bezeichnet solche Menschen als
avisuddha-buddhaya, was bedeutet, daß sie sich fälschlich
für befreit halten, obwohl sie sich zugleich der Absoluten
Wahrheit ebenbürtig wähnen. Ihre Intelligenz ist nicht geläutert.
Die Veden in Person sagten, daß die yogis und jnanis in
ihrem Vorgang der Selbstverwirklichung niemals Erfolg
hätten, wenn sie sich
nicht von ihren sündhaften
Wünschen befreiten. "Lieber Herr", fuhren die Veden in
Person fort, "wenn die heiligen Persönlichkeiten nicht
darauf bedacht sind, alle Wurzeln sündhafter Wünsche
völlig zu beseitigen, können sie die Überseele niemals
wahrnehmen, obwohl Sie direkt neben der individuellen
Seele weilt." Samadhi oder Meditation bedeutet, die
Überseele im Innern zu erkennen. Wer jedoch nicht von
allen sündhaften Reaktionen frei ist, kann die Überseele
nicht sehen.
Wenn jemand
an seiner
Halskette ein
Juwelenmedaillon hängen hat, aber das Juwel vergißt, ist
es fast so, als besitze er gar keines. Ebenso hat eine
individuelle Seele, die meditiert, aber nicht die Gegenwart
der Überseele im Innern wahrnimmt, die Überseele nicht
erkannt. Menschen, die sich dem Pfad der Selbstverwirklichung zugewandt
haben, müssen
also sehr
vorsichtig sein,
nicht durch den
Einfluß mayas
verunreinigt zu werden. Srila Rupa Gosvami sagte, daß
ein Gottgeweihter von allen Arten materieller Wünsche
völlig frei sein sollte. Ein Gottgeweihter sollte auch nicht
von dem Gewinn durch
karma und jnana verlockt
werden. Man braucht einfach nur Krsna zu verstehen und
Seine Wünsche zu erfüllen. Das ist die Stufe reiner
Hingabe. Mystische yogis, die immer noch unreine
Wünsche nach Sinnenbefriedigung hegen, werden bei
ihren Bemühungen niemals Erfolg haben, und sie werden
auch niemals die Überseele im individuellen Selbst
erkennen. Die sogenannten yogis und jnanis, die ihre Zeit
mit verschiedenen
Arten der
Sinnenbefriedigung
verschwenden, indem sie sich entweder in mentalen
Spekulationen ergehen oder ihre begrenzten mystischen
Kräfte zur Schau stellen, werden deshalb nie aus dem
bedingten Leben befreit, und sie werden weiterhin durch
den Kreislauf wiederholter Geburten und Tode wandern.
Für solche Menschen werden sowohl das gegenwärtige als
auch das nächste Leben nichts anderes als eine Quelle des
Leids sein. Solche sündhaften Menschen leiden bereits im
gegenwärtigen Leben, und weil sie in ihrer Selbstverwirklichung nicht die Vollkommenheit erlangen, werden
sie auch im nächsten Leben von Leiden geplagt werden.
Trotz all ihrer Bemühungen, die Vollkommenheit zu
erlangen, werden solche yogis, die von Wünschen nach
Sinnenbefriedigung verunreinigt sind, im gegenwärtigen
wie auch im nächsten Leben weiterleiden.
Srila Visvanatha Cakravarti Thakura sagt in diesem
Zusammenhang, daß Menschen im Lebensstand der
Entsagung (sannyasis),
die ihr
Heim um der
Selbstverwirklichung willen verlassen haben, sich jedoch
nicht im hingebungsvollen Dienst für den Herrn betätigen,
sondern sich
statt dessen zu
Wohltätigkeitsarbeit
hinziehen lassen, wie dem Errichten von Bildungsstätten,
Krankenhäusern oder auch von Klöstern, Kirchen oder
Tempeln für Halbgötter, dadurch nur Schwierigkeiten
ernten werden, und zwar nicht nur in diesem Leben, sondern auch im nächsten. Sannyasis, die ihr Leben nicht
dazu nutzen, Krsna zu erkennen, vergeuden nur ihre Zeit
und Energie mit Tätigkeiten, die in Wirklichkeit mit der
Lebensstufe der Entsagung nichts zu tun haben. Doch die
Bemühung eines Gottgeweihten, der seine Kräfte für
Tätigkeiten wie die Errichtung eines Visnu-Tempels
einsetzt, ist nie umsonst. Solche Tätigkeiten werden
krsnarthe akhilacesta genannt, "Tätigkeiten zur Freude
Krsnas". Wenn ein Philanthrop eine Schule eröffnet und
ein Gottgeweihter einen Tempel errichtet, so befinden
sich diese Tätigkeiten nicht auf der gleichen Ebene.
Obwohl es ein frommes Werk sein mag, wenn ein
Philanthrop eine Schule gründet, fällt diese Tätigkeit
immer noch unter das Gesetz des karma, wohingegen der
Bau eines Tempels für Visnu hingebungsvoller Dienst ist.
Hingebungsvoller Dienst ist niemals dem Gesetz des
karma unterworfen. Wie in der Bhagavad-gita erklärt
wird, stehen die Gottgeweihten transzendental zu der
Wirkung der drei Erscheinungsweisen der materiellen
Natur, denn sie
befinden sich auf der
Ebene der
Brahman-Erkenntnis: brahma-bhuyaya kalpate. In der
Bhagavad-gita heißt
es: sa gunan
samatityaitan
brahma-bhuyaya
kalpate.
"Die
Geweihten der
Persönlichkeit Gottes transzendieren alle Reaktionen der
drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur und
befinden sich auf der transzendentalen Brahman-Ebene."
Die Gottgeweihten sind sowohl im gegenwärtigen als
auch im nächsten Leben befreit. Was immer in der
materiellen Welt für Yajna, d.h. Visnu, oder Krsna, getan
wird, gilt als Tätigkeit auf der Stufe der Befreiung; doch
solange man zu Acyuta, der Höchsten Persönlichkeit
Gottes, keine Beziehung entwickelt hat, ist es unmöglich,
den Reaktionen, die sich durch das Gesetz des karma
ergeben, ein Ende zu bereiten. Das Leben im Krsna-Bewußtsein ist
das Leben
der Befreiung. Ein
Gottgeweihter ist also durch die Gnade des Herrn sowohl
im gegenwärtigen als auch im nächsten Leben befreit,
wohingegen die karmis, jnanis und yogis niemals befreit
werden - weder im gegenwärtigen noch im nächsten
Leben.
Die Veden in Person fuhren fort: "Lieber Herr, jeder,
der durch Deine Gnade die Herrlichkeit Deiner Lotosfüße
erkannt hat, macht sich nichts aus materiellem Glück und
Leid." Materielle Tätigkeiten sind unvermeidlich, solange
wir uns in der
materiellen Welt befinden,
aber ein
Gottgeweihter lenkt seine Aufmerksamkeit niemals auf
solche Aktionen und Reaktionen, die lediglich Folgen
frommer und sündiger Tätigkeiten sind. Ebenso ist ein
Gottgeweihter auch nicht besonders betrübt oder erfreut,
wenn er von den Leuten geschmäht bzw. gelobt wird.
Manchmal
wird ein
Gottgeweihter
für seine
transzendentalen Tätigkeiten von den Leuten hoch gelobt,
und ein anderes Mal wird er kritisiert, obgleich gar kein
Grund dazu besteht. Ob ihn die Leute nun loben oder
kritisieren, der
reine Gottgeweihte
bleibt immer
gleichmütig. In Wirklichkeit befinden sich die Tätigkeiten
eines Gottgeweihten auf der transzendentalen Ebene, und
deshalb ist er nicht
daran interessiert, ob
ihn die
Menschen, die materiellen Tätigkeiten nachgehen, loben
oder kritisieren. Wenn sich der Gottgeweihte also in
seiner transzendentalen Stellung halten kann, ist seine
Befreiung sowohl im gegenwärtigen als auch im nächsten
Leben garantiert, wie die Höchste Persönlichkeit Gottes
Selbst bestätigt.
Die transzendentale
Stellung des
Gottgeweihten in der materiellen Welt wird dadurch
aufrechterhalten, daß er in der Gemeinschaft reiner
Gottgeweihter stets über die ruhmvollen Taten hört, die
der Herr in verschiedenen Zeitaltern und in der Form der
verschiedenen Inkarnationen vollbrachte.
Die Bewegung für Krsna-Bewußtsein beruht auf
diesem Prinzip. Srila Narottama dasa Thakura sagt in
einem seiner Lieder: "Mein lieber Herr, bitte beschäftige
mich in Deinem transzendentalen liebevollen Dienst, wie
es uns die vorangegangenen acaryas aufgetragen haben,
und laß mich
bitte in der
Gemeinschaft reiner
Gottgeweihter bleiben. Das ist mein Wunsch - Leben für
Leben." Mit
anderen Worten,
es kümmert einen
Gottgeweihten wenig, ob er befreit ist oder nicht; er sehnt
sich
lediglich
nach
hingebungsvollem Dienst.
Hingebungsvoller Dienst bedeutet, nichts unabhängig
vom Einverständnis der acaryas zu tun. Die Aktivitäten
der Bewegung für Krsna-Bewußtsein werden von den
vorangegangenen acaryas gelenkt, angeführt von Srila
Rupa Gosvami. In der Gemeinschaft von Gottgeweihten,
die diesen Prinzipien folgen, kann ein Gottgeweihter in
vollkommener Weise seine transzendentale Stellung
aufrechterhalten.
In der Bhagavad-gita sagt der Herr, daß Ihm ein
Gottgeweihter, der Ihn in Vollkommenheit kennt, sehr
lieb ist. Es gibt vier Arten frommer Menschen, die sich
dem hingebungsvollen Dienst zuwenden. Wenn ein
Mensch fromm ist, dann wendet er sich in Zeiten der Not
an den Herrn, damit dieser sein Leid vermindere. Ein
frommer Mensch, der materieller Hilfe bedarf, bittet
ebenfalls den Herrn, ihm zu helfen. Wenn sich ein
frommer Mensch tatsächlich dafür interessiert, etwas über
die Wissenschaft Gottes zu erfahren, dann wendet er sich
ebenfalls an die Höchste Persönlichkeit Gottes, Krsna.
Und wenn ein frommer Mensch einfach nur danach strebt,
die Wissenschaft Krsnas zu verstehen, dann wendet auch
er sich dem Höchsten Herrn zu. Von diesen vier Arten
frommer Menschen werden die letztgenannten von Krsna
persönlich in der Bhagavad-gita gelobt. Wer versucht,
Krsna mit Wissen und Hingabe zu verstehen, indem er
dem Beispiel der vorangegangenen acaryas, die mit dem
wissenschaftlichen Wissen über den Höchsten Herrn
vertraut sind,
folgt, ist
rühmenswert. Ein solcher
Gottgeweihter begreift, daß alle Lebenslagen, seien sie
angenehm oder unangenehm, durch den höchsten Willen
des Herrn entstehen. Und wenn er den Lotosfüßen des
Höchsten Herrn völlig ergeben ist, macht es ihm nichts
aus, ob seine Lebenslage angenehm oder unangenehm ist.
Ein Gottgeweihter sieht selbst widrige Umstände als eine
besondere Gnade der Persönlichkeit Gottes an. Im Grunde
gibt es für einen Gottgeweihten so etwas wie widrige
Umstände nicht. Ihm ist alles, was durch den Willen des
Herrn auf ihn zukommt, willkommen, und so erfüllt er in
jeder Lebenslage mit Begeisterung seine Aufgabe im
hingebungsvollen Dienst. Diese Haltung der Hingabe wird
in der Bhagavad-gita beschrieben, wo es heißt, daß ein
Gottgeweihter sich durch widrige Lebensumstände nicht
bekümmern läßt
und daß
er in angenehmen
Lebensumständen nicht frohlockt. Auf den höheren
Stufen des hingebungsvollen Dienstes kümmert sich der
Gottgeweihte nicht einmal
mehr um die Liste von
Geboten und Verboten. Eine solche Stufe kann man nur
erreichen, wenn man den Fußstapfen der acaryas folgt.
Weil ein reiner Gottgeweihter dem Beispiel der acaryas
folgt, sollte man verstehen, daß sich jede Handlung, die er
im hingebungsvollen
Dienst verrichtet,
auf der
transzendentalen Ebene befindet. Sri Krsna erklärt
deshalb, daß der acarya über alle Kritik erhaben ist. Ein
neuer Gottgeweihter sollte niemals denken, er befinde
sich auf der gleichen Stufe wie der acarya. Vielmehr
sollte er wissen, daß die acaryas auf der gleichen Stufe
stehen wie die Höchste Persönlichkeit Gottes, und deshalb
sollten die neuen Gottgeweihten weder Krsna noch Seinen
Repräsentanten kritisieren.
Die Veden in
Person verehrten
die Höchste
Persönlichkeit Gottes somit auf vielfältige Weise. Den
Höchsten Herrn durch Gebete zu verehren bedeutet, sich
an Seine transzendentalen Eigenschaften, Spiele und
Taten zu erinnern. Doch die Spiele und Eigenschaften des
Herrn sind unbegrenzt, und deshalb ist es uns nicht
möglich, an alle Eigenschaften des Herrn zu denken. Die
Veden in Person verehrten den Herrn daher nach bestem
Vermögen und schlossen mit folgenden Worten:
"Lieber Herr, obwohl Brahma, der über den höchsten
Planeten, Brahmaloka, herrschende Halbgott, und König
Indra, der über die himmlischen Planeten herrschende
Halbgott, sowie die herrschenden Halbgötter der Sonne,
des Mondes und der anderen Planeten als Lenker der
materiellen Welt sehr vertrauliche Stellungen einnehmen,
besitzen sie nur geringes Wissen über Dich. Was wissen
dann schon die gewöhnlichen Menschen und die
intellektuellen Spekulanten? Es gibt niemanden, o Herr,
der Deine unbegrenzten transzendentalen Eigenschaften
aufzählen könnte. Niemand, auch nicht die intellektuellen
Spekulanten und die
Halbgötter auf
den höheren
Planetensystemen, vermag das Ausmaß Deiner Gestalt
und Deiner Merkmale zu ergründen. Wir glauben, daß
selbst Du, o Herr, Deine transzendentalen Eigenschaften
nicht vollständig kennst.
Das liegt daran, daß Du
unbegrenzt bist. Obwohl es nicht sehr angebracht ist, zu
sagen, Du würdest Dich Selbst nicht kennen, ist es
nichtsdestoweniger hilfreich, wenn man versteht, daß
Deine Eigenschaften und Deine Energien sowie Dein
Wissen unbegrenzt sind und daß deshalb zwischen
Deinem Wissen und der Erweiterung Deiner Energien ein
unbegrenztes Wetteifern stattfindet."
Sowohl Gott als auch Sein Wissen sind unbegrenzt, und
deshalb sagten die Veden in Person, daß Gott, sobald Er
Sich einiger Seiner Energien bewußt wird, entdeckt, daß
Er immer noch mehr Energien hat. Auf diese Weise
nehmen sowohl Seine Energien als auch Sein Wissen
ständig zu. Da beides unbegrenzt ist, sind sowohl Seine
Energien als auch Sein Wissen, mit dem Er die Energien
erkennt, ohne Ende. Gott ist selbstverständlich allwissend,
doch die Veden in Person sagen, daß nicht einmal Gott
Selbst das vollständige Ausmaß Seiner Energien kennt.
Dies bedeutet nicht, daß Gott nicht allwissend ist. Wenn
jemand eine gewisse Tatsache nicht kennt, bezeichnet
man dies als Unwissenheit oder Mangel an Wissen. Dies
trifft jedoch nicht auf Gott zu, denn Er kennt Sich vollkommen, aber dennoch nehmen Seine Energien und Taten
ständig zu, und deshalb nimmt auch Sein Wissen zu, um
sie zu verstehen. Beides nimmt unbegrenzt zu, und diese
gegenseitige Steigerung hat kein Ende. In diesem Sinne
kann man sagen, daß sogar Gott Selbst die Grenze Seiner
Energien und Eigenschaften nicht kennt.
Jedes vernünftige und nüchtern denkende Lebewesen
kann sich eine annähernde Vorstellung davon machen,
wie grenzenlos Gott und die Erweiterung Seiner Energien
und Tätigkeiten sein müssen. In den vedischen Schriften
wird beschrieben,
daß unzählige
Universen aus
Maha-Visnu hervorgehen, wenn Er in Seinem yoga-nidra
ausatmet, und daß unzählige Universen in Seinen Körper
eingehen, wenn Er wieder einatmet. Wir müssen uns nur
einmal ausmalen, daß diese Universen, die sich in der
Sicht unseres begrenzten Wissens grenzenlos ausdehnen,
so riesengroß
sind, daß sich
ihre grobstofflichen
Bestandteile, d.h. die fünf Elemente der kosmischen
Manifestation - Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther -,
nicht nur in ihrem Inneren befinden, sondern sie sogar in
sieben Schichten einhüllen, von denen jede zehnmal so
dick ist wie die vorherige. So ist jedes einzelne Universum
sicher verschlossen, und es gibt unzählige Universen. Sie
alle schweben
in den
unzähligen Poren des
transzendentalen Körpers von Maha-Visnu. Es heißt, daß
ebenso, wie die Atome und Staubteilchen neben den
Vögeln in der Luft schweben und ihre Zahl unermeßlich
ist, auch unermeßlich viele Universen in den Poren des
transzendentalen Körpers des Herrn schweben. Aus
diesem Grund erklären die Veden, daß Sich Gott jenseits
der
Reichweite
unseres
Wissens befindet.
Avan-manasa-gocara: "Die Weite und das Ausmaß Gottes
zu verstehen entzieht sich dem Vermögen unserer
mentalen Spekulation. " Wer wahrhaft gelehrt und
vernünftig ist, behauptet
daher nicht, Gott zu
sein,
sondern versucht, Gott zu verstehen, indem er zwischen
spiritueller und materieller Natur unterscheidet. Durch
solch gründliche
Unterscheidung kann
man klar
verstehen, daß die höchste Seele sowohl zur höheren als
auch zur niederen Energie transzendental ist, obwohl Sie
mit beiden direkt verbunden ist. In der Bhagavad-gita
erklärt Sri Krsna, daß alles auf Seiner Energie ruht, daß Er
aber dennoch von Seiner Energie verschieden oder
getrennt ist.
Die Natur und die Lebewesen werden manchmal als
prakrti und
purusa bezeichnet.
Die kosmische
Manifestation ist eine zusammenwirkende Verbindung
von prakrti und purusa. Die Natur ist die Ursache der
Bestandteile, und die Lebewesen sind die bewirkende
Ursache. Diese beiden Ursachen verbinden sich, und das
Ergebnis ist die kosmische Manifestation. Wer so
glücklich ist,
zum richtigen
Verständnis von der
kosmischen Manifestation und von allem, was in ihr
geschieht, zu gelangen,
der weiß, daß die
Höchste
Persönlichkeit Gottes direkt und indirekt die Ursache
davon ist. Deshalb erklärt die Brahma-samhita zusammenfassend: isvarah paramah krsnah sac-cid-ananda
vigrahah / anadir adir govindah sarva-karana-karanam.
Wenn man
nach vielen
Betrachtungen und
Überlegungen die Vollkommenheit des Wissens erlangt,
kommt man zu der Schlußfolgerung, daß Krsna, Gott, die
ursprüngliche Ursache aller Ursachen ist. Statt über die
Größe
Gottes
Spekulationen
anzustellen oder
herumzuphilosophieren, sollte man die Schlußfolgerung
der Brahma-samhita annehmen: sarva karana karanam.
"Krsna, Gott, ist die Ursache aller Ursachen." Das ist die
Vollkommenheit des Wissens.
So trug Sanandana seinen Brüdern, die wie er Söhne
Brahmas waren, als erster in der Schülernachfolge die
Veda-stuti vor, die Gebete der Veden in Person an
Garbhodakasayi Visnu. Zu Beginn der Schöpfung schuf
Brahma zuerst die vier Kumaras, die deshalb purva-jata
genannt werden. In der Bhagavad-gita wird gesagt, daß
das parampara-System, die Nachfolge von spirituellen
Meistern, mit Krsna Selbst beginnt. Auch hier bei den
Gebeten der Veden in
Person sehen wir, daß
das
parampara-System mit der Persönlichkeit Gottes, nämlich
mit Narayana Rsi,
beginnt. Wir müssen uns
daran
erinnern, daß
diese Veda-stuti
von dem Kumara
Sanandana erzählt wurde, und diese Erzählung wurde nun
von Narayana Rsi in Bodi Asrama wiedergegeben.
Narayana Rsi ist die Inkarnation Krsnas, die uns den Pfad
der Selbstverwirklichung zeigt, auf dem man sich harter
Entsagung unterzieht. So wie im gegenwärtigen Zeitalter
Sri Caitanya in der Rolle eines reinen Gottgeweihten den
Pfad des reinen hingebungsvollen Dienstes wies, war
Narayana Rsi eine
Inkarnation Krsnas, die
in der
Vergangenheit erschienen ist, um Sich im Himalaya
schwere Entsagungen aufzuerlegen. Von Ihm also hatte
Sri Narada Muni viele Erklärungen gehört, die genau dem
entsprachen, was einst von Kumara Sanandana in Form
der Veda-stuti vorgetragen wurde. Aus Narayana Rsis
Erklärungen geht unmißverständlich hervor, daß Gott der
eine Höchste ist und daß alle anderen Seine Diener sind.
Im Caitanya-caritamrta heißt es: ekala isvara krsna.
"Krsna ist der einzige Höchste Gott." Ara saba bhrtya:
"Alle anderen sind Seine Diener." Yare yaiche nacaya, se
taiche kare nrtya: "Der Höchste Herr beschäftigt alle
Lebewesen ganz
nach Seinem
Willen in den
verschiedensten Tätigkeiten, und so entfalten sie ihre
unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen." Die
Veda-stuti stellt somit die ursprüngliche Unterweisung
bezüglich der Beziehung des Lebewesens zur Höchsten
Persönlichkeit Gottes dar. Die höchste Verwirklichung
besteht für das
Lebewesen darin,
die Stufe des
hingebungsvollen Lebens zu erreichen. Aber niemand
kann sich
dem hingebungsvollen
Leben, dem
Krsna-Bewußtsein, widmen, wenn er nicht frei von aller
materiellen Verunreinigung ist. Narayana Rsi teilte
Narada Muni mit, daß
die Essenz aller Veden
und
vedischen Schriften (der vier Veden, der Upanisaden und
der Puranas) in
der Lehre
besteht, dem Herrn
transzendentalen liebevollen Dienst darzubringen. In
diesem Zusammenhang gebrauchte Narayana Rsi ein ganz
bestimmtes Wort - rasa. Im hingebungsvollen Dienst ist
der rasa das Medium
oder die Grundlage für
den
Austausch einer Beziehung zwischen dem Herrn und dem
Lebewesen. Für rasa
wird in den Veden
auch der
Ausdruck isavasya verwendet, was bedeutet: "Der
Höchste Herr ist das
Behältnis aller Freude." Alle
vedischen Schriften, wie zum Beispiel die Puranas, die
Veden, die Upanisaden und das Vedanta-sutra, lehren das
Lebewesen, wie es die Stufe des rasa erreichen kann. Im
Srimad-Bhagavatam wird gesagt, daß die Darlegungen im
Mahapurana (d.h. im Srimad-Bhagavatam selbst) die
Essenz der rasas aller vedischen Schriften enthalten.
Nigama-kalpa-taror galitam phalam: "Das Bhagavatam
ist die Essenz der reifen Frucht am Baum der vedischen
Schriften."
Wie uns bekannt ist, gingen mit dem Atem Sri Visnus,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes, die vier Veden,
nämlich der Rg Veda, Sama Veda, Yajur Veda und
Atharva Veda, und die Geschichtsbücher von Ihm aus,
wie das Mahabharata und alle Puranas, die auch als die
Geschichtsbücher der Welt angesehen werden. Diese
vedischen Geschichtsbücher, wie die Puranas und das
Mahabharata, werden als der fünfte Veda bezeichnet.
Die Verse der Veda-stuti müssen als die Essenz des
gesamten vedischen Wissens betrachtet werden. Die vier
Kumaras und alle anderen anerkannten Weisen haben
vollkommen verstanden, daß hingebungsvoller Dienst im
Krsna-Bewußtsein die Essenz aller vedischen Schriften
darstellt, und dies verkünden sie auf vielen Planeten,
indem sie durch den Weltraum reisen. Es wird gesagt, daß
solche Weisen wie Narada Muni fast nie über Land reisen,
sondern immer durch den Weltraum.
Weise wie Narada und die Kumaras ziehen durch das
Universum, um die bedingten Seelen zu belehren und
ihnen zu zeigen, daß ihre Aufgabe in dieser Welt nicht in
Sinnenbefriedigung
besteht, sondern
darin, ihre
ursprüngliche Position im hingebungsvollen Dienst der
Höchsten Persönlichkeit Gottes wiedereinzunehmen. Wie
wir bereits an mehreren Stellen gehört haben, sind die
Lebewesen wie die Funken eines Feuers, und die Höchste
Persönlichkeit Gottes ist wie das Feuer selbst. Wenn die
Funken irgendwie aus dem Feuer springen, verlieren sie
ihre natürliche Leuchtkraft. Auf diese Weise wird erklärt,
daß die Lebewesen in die materielle Welt kommen wie
die Funken, die aus einem großen Feuer fallen. Das
Lebewesen möchte Krsna nachahmen und versucht
deshalb, über die materielle Natur zu herrschen. Auf diese
Weise vergißt es seine ursprüngliche Stellung, so daß
seine Leuchtkraft, seine spirituelle Identität, erlischt.
Wenn sich das Lebewesen jedoch dem Krsna-Bewußtsein
zuwendet, wird es wieder in seine ursprüngliche Stellung
erhoben. Die Weisen und Heiligen, wie Narada und die
Kumaras, reisen durch das ganze Universum, um den
Menschen Unterweisungen zu geben und ihre Schüler
anzuregen, den Vorgang des hingebungsvollen Dienstes
zu predigen, so daß alle bedingten Seelen die Möglichkeit
bekommen, ihr
ursprüngliches
Bewußtsein, das
Krsna-Bewußtsein, wiederzubeleben und auf diese Weise
vom materiellen
Leben und
seinen leidvollen
Bedingungen frei zu werden.
Sri Narada Muni ist ein naistika-brahmacari. Es gibt
vier Arten von brahmacaris, von denen man die erste
Kategorie savitra nennt. Mit savitra bezeichnet man einen
brahmacari, der nach seiner Einweihung und der
Heiligen-Schnur Zeremonie mindestens drei Tage im
Zölibat leben muß. Die zweite Kategorie wird prajapatya
genannt und bezieht sich auf den brahmacari, der nach
der Einweihung mindestens ein Jahr streng das Zölibat
einhält. Des weiteren gibt es den brahma-brahmacari, der
von der Einweihung bis zur Vollendung seines Studiums
der vedischen Schriften im Zölibat lebt, und schließlich
gibt es den brahmacari auf der naistika-Stufe, der sein
ganzes Leben lang unverheiratet bleibt. Die ersten drei
Arten von brahmacaris werden upakurvana genannt, was
bedeutet, daß sie heiraten können, wenn ihre Zeit als
brahmacari zu Ende ist. Der naistika-brahmacari jedoch
lehnt es völlig ab, jemals Umgang mit dem anderen
Geschlecht zu haben. Deshalb sind die Kumaras und
Narada als
naistika-brahmacaris
bekannt. Der
Lebensstand des brahmacari ist vor allem deshalb von
Vorteil, weil er das Erinnerungsvermögen und die
Entschlossenheit stärkt. In diesem Zusammenhang wird
besonders darauf hingewiesen, daß sich Narada, da er ein
naistika-brahmacari war, an alles erinnern konnte, was er
von seinem spirituellen Meister jemals gehört hatte, und
es niemals vergaß. Jemand, der sich immer an alles
erinnern kann,
wird sruta-dhara
genannt. Ein
sruta-dharabrahmacari ist in der Lage, alles, was er
einmal gehört hat, wortwörtlich zu wiederholen, ohne sich
mit Notizen oder Büchern behelfen zu müssen. Der große
Weise Narada besitzt diese Fähigkeit, und deshalb ist er
entsprechend den Unterweisungen Narayana Rsis damit
beschäftigt, die Philosophie des hingebungsvollen
Dienstes im ganzen Universum zu verkünden. Weil sich
solche Weise an alles erinnern können, sind sie sehr große
Denker und selbstverwirklichte Seelen, die im Dienst des
Herrn verankert sind. Nachdem der große Weise Narada
die Anweisungen seines spirituellen Meisters Narayana Rsi gehört hatte, erreichte er die Stufe vollkommener
Verwirklichung. Er gewann ungetrübte Einsicht in die
Wahrheit, und er wurde so glücklich, daß er Narayana Rsi
die in der Folge beschriebenen Gebete darbrachte.
Ein naistika-brahmacari wird auch vira-vrata genannt.
Narada Muni sprach Narayana Rsi als Inkarnation Krsnas
an und nannte Ihn den höchsten Gönner der bedingten
Seelen. In der Bhagavad-gita heißt es, daß Sri Krsna in
jedem Zeitalter erscheint, um die Gottgeweihten zu
beschützen und die Nichtgottgeweihten zu vernichten. So
wurde Narayana Rsi, der ebenfalls eine Inkarnation
Krsnas ist, als der wohlmeinende Freund und Gönner aller
bedingten
Seelen
angesprochen.
Wie in der
Bhagavad-gita gesagt wird, sollte jeder wissen, daß es
keinen großmütigeren Gönner als Krsna gibt. Jeder sollte
sich dessen bewußt sein und deshalb bei Krsna Zuflucht
suchen. Dann wird man stets zuversichtlich und zufrieden
sein, da man weiß, daß man jemanden hat, der einen
vollkommen beschützen kann. Krsna Selbst, Seine
Inkarnationen und Seine vollständigen Erweiterungen
sind die höchsten Gönner der bedingten Seelen, ja Krsna
ist sogar der Gönner der Dämonen, denn jeder Dämon,
der nach Vrndavana kam, um Ihn zu töten, wurde mit der
Erlösung gesegnet. Deshalb sind Krsnas wohlmeinende
Taten absolut, denn ob Er einen Dämon vernichtet oder
einen Gottgeweihten beschützt, ist das gleiche. So wird
zum Beispiel beschrieben, daß die Hexe Putana die
gleiche Stellung erlangte wie Krsnas Mutter. Deshalb darf
man nicht vergessen, daß ein Dämon die höchste Segnung
erlangt, wenn er von Krsna getötet wird. Ein reiner
Gottgeweihter jedoch wird vom Herrn immer beschützt.
Nachdem Narada Muni seinem spirituellen Meister
Ehrerbietungen dargebracht hatte, begab er sich zum
asrama Vyasadevas und erzählte die ganze Geschichte
seinem Schüler. Nachdem Narada Muni empfangen
worden war, wie es ihm gebührte, und in Vyasadevas
asrama Platz genommen hatte, wiederholte er vor seinem
Schüler alles, was er von Narayana Rsi gehört hatte.
Hiermit beantwortete Sukadeva Gosvami die Frage
Maharaja Pariksits nach der Essenz des vedischen
Wissens und der endgültigen Schlußfolgerung der Veden.
Es ist das
höchste Ziel im
Leben, nach den
transzendentalen Segnungen der Höchsten Persönlichkeit
Gottes zu streben und auf diese Weise im liebevollen
Dienst des Herrn beschäftigt zu werden. Man sollte in die
Fußstapfen Sukadeva
Gosvamis und
aller anderen
Vaisnavas in der Schülernachfolge treten und Sri Krsna,
der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Hari, achtungsvolle
Ehrerbietungen darbringen.
Die vier Zweige
der
Vaisnava-Schülernachfolge, nämlich die
Madhva-sampradaya, Ramanuja-sampradaya,
Visnusvami-sampradaya und Nimbarka-sampradaya,
erklären auf der Grundlage aller vedischen Schlußfolgerungen einstimmig,
daß man sich
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes hingeben muß.
Die vedischen Schriften sind in zwei Teile gegliedert,
die srutis und die smrtis. Die srutis bestehen aus den vier
Veden (Rg, Sama,
Atharva und
Yajur) und den
Upanisaden, und zu den smrtis gehören die Puranas und
das Mahabharata, das die Bhagavad-gita enthält. Die
Schlußfolgerung all dieser Schriften lautet, daß man
wissen muß, daß Sri Krsna die Höchste Persönlichkeit
Gottes ist. Er
ist der
Parampurusa, die Höchste
Persönlichkeit Gottes, unter dessen Oberaufsicht sich die
materielle Natur bewegt und geschaffen, erhalten und
vernichtet wird. Nach der Schöpfung erweitert Sich der
Höchste Herr in die drei guna-avataras, Brahma, Visnu
und Siva. Sie sind für die drei Erscheinungsweisen der
materiellen Natur zuständig, doch die endgültige Führung
liegt in Sri Visnus Händen. Der Ablauf aller Geschehnisse
in der materiellen Natur steht unter dem Einfluß der drei
Erscheinungsweisen, und diese stehen unter der Führung
Krsnas, der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Dies wird in
der Bhagavad-gita mit dem Wort nyadarsana und in den
Veden mit dem Ausdruck sa aiksala bestätigt.
Die atheistischen Sankhya-Philosophen behaupten, die
materielle kosmische Manifestation habe ihren Ursprung
in prakrti und purusa. Sie erklären, daß die Natur und die
materielle Energie sowohl die materielle Ursache als auch
die bewirkende Ursache seien. In Wahrheit aber ist Krsna
die Ursache aller Ursachen. Er ist die Ursache aller
materiellen und bewirkenden Ursachen. Prakrti und purusa sind also nicht die höchsten Ursachen. Oberflächlich
gesehen, scheint ein Kind aufgrund der Verbindung von
Vater und Mutter geboren zu werden, doch die letztliche
Ursache des Vaters und der Mutter ist Krsna. Er ist
deshalb die ursprüngliche Ursache, die Ursache aller
Ursachen, wie dies in der Brahma-samhita bestätigt wird.
Sowohl der Höchste Herr als auch die Lebewesen
gehen in die materielle Natur ein. Der Höchste Herr, Sri
Krsna, manifestiert Sich durch eine Seiner vollständigen
Erweiterungen als
Ksirodakasayi Visnu und
als
Maha-Visnu, die gigantische Form Visnus, die im Ozean
der Ursachen
liegt. Diese
gigantische Gestalt
Maha-Visnus erweitert Sich in GarbhodakasayiVisnu, der
in jedes Universum eingeht. Von Ihm gehen Brahma,
Visnu und Siva aus. Visnu geht in die Herzen aller
Lebewesen und in alle materiellen Elemente ein,
einschließlich der Atome. Die Brahma-samhita bestätigt
dies folgendermaßen:
andantarastha-paramanu-cayantara-stham. "Er weilt im
Universum wie auch in jedem einzelnen Atom."
Das Lebewesen hat einen kleinen materiellen Körper,
der zu einer der verschiedenen Lebensformen und -arten
gehört, und ebenso ist
das ganze Universum nichts
anderes als der
materielle Körper
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes. Dieser Körper wird in den sastras
als virata-rupa bezeichnet. Ebenso wie das individuelle
Lebewesen seinen Körper aufrechterhält, so erhält die
Höchste
Persönlichkeit Gottes die gesamte Schöpfung und
alles, was in ihr
existiert. Sobald das individuelle
Lebewesen seinen materiellen Körper verläßt, vergeht dieser, und ebenso
vergeht die
gesamte kosmische
Manifestation, wenn Sri Visnu sie verläßt. Nur dann,
wenn sich das Lebewesen der Höchsten Persönlichkeit
Gottes ergibt, ist ihm die Befreiung vom materiellen
Dasein gewiß. Dies wird in der Bhagavad-gita bestätigt:
mam eva ye prapadyante mayam etam taranti te.
Deshalb erlangt man nur durch Hingabe zur Höchsten
Persönlichkeit Gottes,
und durch nichts
anderes,
Befreiung. Auf welche Weise das Lebewesen, das sich der
Höchsten Persönlichkeit
Gottes hingibt,
von den
Erscheinungsweisen der materiellen Natur befreit wird,
verdeutlicht das Beispiel vom schlafenden Mann: Ein
schlafender Mann kann von jedem gesehen werden, doch
in Wirklichkeit befindet er sich nicht in seinem Körper,
denn während er schläft, vergißt er sein körperliches
Dasein, obwohl andere sehen können, daß sein Körper
immer noch anwesend ist. Ähnlich verhält es sich mit
einem
befreiten
Menschen,
der
sich dem
hingebungsvollen Dienst
des Herrn widmet.
Die
Menschen sehen
vielleicht, wie
er sich mit den
Familienpflichten der materiellen Welt befaßt, doch weil
sein Bewußtsein ganz auf Krsna gerichtet ist, lebt er nicht
in der materiellen Welt. Seine Tätigkeiten befinden sich
auf einer anderen Ebene, genau wie sich die Tätigkeiten
eines Schlafenden
von denen
seines Körpers
unterscheiden. In der Bhagavad-gita wird bestätigt, daß
ein Gottgeweihter,
der sein ganzes
Leben dem
transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn geweiht
hat, den Einfluß der drei Erscheinungsweisen der
materiellen Natur bereits überwunden hat. Er befindet sich
bereits auf
der Brahman-Ebene
des spirituellen
Bewußtseins, auch wenn es den Anschein hat, als lebe er
noch im Körper oder in der materiellen Welt.
In diesem Zusammenhang schreibt Srila Rupa
Gosvami in seinem Bhakti-rasamrta-sindhu: Wenn es
jemandes einziger
Wunsch ist,
der Höchsten
Persönlichkeit Gottes zu dienen, dann muß er, unabhängig
von den Umständen, in
denen er sich befindet,
als
jivan-mukta angesehen werden, das heißt, er ist schon in
seinem gegenwärtigen Körper befreit, obwohl er sich
noch in der materiellen Welt befindet. Daraus geht also
hervor, daß
jemand, der sich
vollkommen dem
Krsna-Bewußtsein geweiht hat, eine befreite Seele ist.
Eine solche Persönlichkeit hat im Grunde nichts mehr mit
der materiellen Welt zu schaffen. Diejenigen, die
nicht Krsna-bewußt sind, werden entweder als karmis
oder als jnanis bezeichnet; sie bewegen sich auf der
körperlichen und mentalen Ebene und sind daher nicht
befreit. Ihre Lage
beschreibt man mit den
Worten
kaivalya-nirasta-yoni. Ein Mensch jedoch, der sich auf
der transzendentalen Ebene befindet, wird vom Kreislauf
der Geburten und Tode befreit. Dies wird im Vierten
Kapitel der Bhagavad-gita bestätigt. Wenn man einfach
nur das transzendentale Wesen Krsnas, der Höchsten
Persönlichkeit Gottes, kennt, wird man von den Ketten
der wiederholten Geburten und Tode frei und geht nach
dem Verlassen des gegenwärtigen Körpers zurück nach
Hause, zurück zu Gott. So lautet die Schlußfolgerung aller
Veden. Wenn man die Gebete der Veden in Person verstanden hat, sollte man sich den Lotosfüßen Sri Krsnas
hingeben.
Hiermit
enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 86. Kapitel des Krsna-Buches:
"Die Gebete der Veden in Person".