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Die Transzendentalen Spiele Sri Krishnas
Von Seiner Heiligkeit A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada

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87. Kapitel: Die Rettung Sivas


Als reiner Geweihter Krsnas war König Pariksit bereits befreit, doch weil er einige Unklarheiten beseitigen wollte, stellte er Sukadeva Gosvami eine Reihe Fragen. Im vorangegangenen Kapitel hatte König Pariksit gefragt: "Was ist das endgültige Ziel der Veden?" Und Sukadeva Gosvami antwortete ihm, indem er die autoritativen Erklärungen der Schülernachfolge vortrug, die von Sanandana ausging und über Narayana Rsi, Narada und Vyasadeva bis zu ihm selbst herabreichte. Die Schlußfolgerung lautete, daß hingebungsvoller Dienst, bhakti, das endgültige Ziel der Veden ist. Ein neuer Gottgeweihter könnte nun fragen: "Wenn es das höchste Lebensziel und die Schlußfolgerung der Veden ist, daß man sich auf die Ebene des hingebungsvollen Dienstes erhebt, wie kommt es dann, daß ein Geweihter Sri Visnus meist materiell nicht besonders wohlhabend ist, wohingegen ein Geweihter Sivas in der Regel ziemlich reich ist?" Um diesen Punkt zu klären, fragte Maharaja Pariksit Sukadeva Gosvami: "Mein lieber Sukadeva Gosvami, für gewöhnlich kann man sehen, daß diejenigen, die Siva verehren, seien es Menschen, Dämonen oder Halbgötter, materiell sehr wohlhabend sind, obwohl Siva selbst in Armut lebt. Auf der anderen Seite scheinen die Geweihten Sri Visnus, des Herrn der Glücksgöttin, nie sehr reich zu sein, und manchmal sieht man sogar, daß sie überhaupt keinen Reichtum besitzen. Siva lebt unter einem Baum oder im Schnee des Himalaya. Er baut sich nicht einmal ein Haus, und dennoch sind die Verehrer Sivas sehr reich. Krsna, Sri Visnu, dagegen lebt sowohl in Vaikuntha als auch in der materiellen Welt in aller Pracht, und trotzdem scheinen Seine Geweihten in Armut zu leben. Warum ist dies so?"

Maharaja Pariksits Frage ist sehr intelligent. Die Geweihten Sivas und die Geweihten Visnus sind sich stets uneinig. Selbst heute noch kritisieren sich in Indien diese beiden Arten von Geweihten, und vor allem in Südindien halten die Anhänger Ramanujacaryas und die Anhänger Sankaracaryas hin und wieder Versammlungen ab, bei denen sie die vedischen Schlußfolgerungen erörtern. Die Anhänger Ramanujacaryas gehen in der Regel aus solchen Begegnungen siegreich hervor. Daher stellte Maharaja Pariksit nun diese Frage an Sukadeva Gosvami, um zu erfahren, wie der ganze Sachverhalt zu verstehen sei. Die Tatsache, daß Siva in Armut lebt, während seine Geweihten stets über großen Reichtum verfügen, und daß Sri Krsna, oder Sri Visnu, unvorstellbar reich ist, während Seine Geweihten in Armut leben, muß dem Außenstehenden widersprüchlich und verwunderlich erscheinen.

Um König Pariksits Frage nach diesen scheinbaren Widersprüchen zu beantworten, begann Sukadeva Gosvami sogleich mit seinen Erklärungen. Siva ist der Herr über die materielle Energie. Die materielle Energie wird von der Göttin Durga verkörpert, und sie ist die Gemahlin Sivas. Die Göttin Durga befindet sich völlig unter Sivas Kontrolle, und deshalb ist Siva der Herr der materiellen Energie. Die materielle Energie manifestiert sich in drei Erscheinungsweisen, nämlich Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit, und somit ist Siva der Herr über diese drei Erscheinungsweisen. Obgleich sich Siva zum Wohl der bedingten Lebewesen mit den materiellen Erscheinungsweisen befaßt, bleibt er ihr Lenker und wird nicht von ihnen beeinflußt. Die bedingte Seele wird von den drei Erscheinungsweisen beherrscht, doch weil Siva ihr Meister ist, gerät er niemals unter ihren Einfluß.

Aus den Erklärungen Sukadeva Gosvamis geht hervor, daß die Ergebnisse der Verehrung verschiedener Halbgötter nicht, wie es von einigen unintelligenten Menschen behauptet wird, die gleichen sind wie die der Verehrung Sri Visnus. Er sagt ganz deutlich, daß man durch die Verehrung Sivas einen anderen Gewinn erhält als durch die Verehrung Sri Visnus. Das gleiche wird in der Bhagavad-gita bestätigt: Diejenigen, die die Halbgötter verehren, bekommen ihren Wünschen entsprechend das, was die jeweiligen Halbgötter gewähren können. Ebenso erhalten diejenigen, die die materielle Energie oder die pitas verehren, ein dementsprechendes Ergebnis. Aber diejenigen, die sich im hingebungsvollen Dienst beschäftigen und den Höchsten Herrn, Visnu, oder Krsna, verehren, gelangen auf die Vaikuntha-Planeten oder nach Krsnaloka. Man kann dem transzendentalen Bereich, dem paravyoma oder spirituellen Himmel, nicht näherkommen, indem man Siva, Brahma oder irgendeinen anderen Halbgott verehrt.

Weil die materielle Welt ein Erzeugnis der drei Eigenschaften der materiellen Natur ist, sind all die vielfältigen Manifestationen aus diesen drei Eigenschaften entstanden. Mit Hilfe der materialistischen Wissenschaft hat die moderne Zivilisation viele Maschinen und Annehmlichkeiten geschaffen, doch auch diese Errungenschaften sind nichts anderes als verschiedene Erzeugnisse, die aus den Wechselwirkungen der materiellen Erscheinungsweisen entstanden sind. Obwohl die Geweihten Sivas oft viele materielle Güter bekommen, sollten wir doch bedenken, daß sie nur Erzeugnisse ansammeln, die von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur hervorgebracht wurden. Die drei Erscheinungsweisen unterteilen sich wiederum sechzehnfach, nämlich in die zehn Sinne (die fünf Arbeitssinne und die fünf wissenserwerbenden Sinne), den Geist und die fünf grobstofflichen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther). Diese sechzehn Elemente sind einfach nur weitere Ausdehnungen der drei Erscheinungsweisen. Materielles Glück oder materieller Wohlstand bezieht sich auf die Möglichkeiten, die Sinne zu befriedigen, insbesondere die Genitalien, die Zunge und den Geist. Mit Hilfe unseres Geistes schaffen wir viele Annehmlichkeiten, die ausschließlich für den Genuß der Genitalien und der Zunge bestimmt sind. Der Reichtum eines Menschen in der materiellen Weit wird daran gemessen, inwieweit er von seinen Genitalien und seiner Zunge Gebrauch machen kann oder, mit anderen Worten, wie gut er es vermag, seinen Geschlechtstrieb auszuschöpfen und seinen verwöhnten Gaumen mit köstlichen Speisen zu befriedigen. Zum materiellen Fortschritt der Zivilisation gehört unbedingt, daß man alle möglichen genußvollen Dinge erfindet, die einen auf der Grundlage dieser beiden Prinzipien glücklich machen sollen: Freuden für die Genitalien und Freuden für die Zunge. Dies war also Sukadeva Gosvamis Antwort auf König Pariksits Frage, weshalb die Verehrer Sivas so reich sind.

Die Geweihten Sivas sind nur in bezug auf materielle Eigenschaften reich. Im Grunde ist solch sogenannter Fortschritt der Zivilisation nur die Ursache weiterer Verstrickung ins materielle Dasein. Es ist kein wirklicher Fortschritt, sondern Erniedrigung. Zusammenfassend kann man also sagen, daß Siva der Meister der drei Erscheinungsweisen ist und daß deshalb seine Geweihten für die Befriedigung ihrer Sinne nur Güter bekommen, die durch die Wechselwirkung dieser Erscheinungsweisen geschaffen wurden. Sri Krsna jedoch gibt uns in der Bhagavad-gita die Anweisung, das von den drei Erscheinungsweisen beeinflußte Dasein zu transzendieren. Nistrai-gunyo bhavarjuna: Es ist die Bestimmung des menschlichen Lebens, daß man transzendental zu den drei Erscheinungsweisen wird. Solange man nicht nistrai-gunyah ist, kann man nicht von der materiellen Verstrickung freikommen. Mit anderen Worten, die Segnungen Sivas sind in Wirklichkeit für die bedingten Seelen nicht von Nutzen, obwohl sie scheinbar zu großem Reichtum führen.

Sukadeva Gosvami fuhr fort: "Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Hari, ist transzendental zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur." In der Bhagavad-gita wird gesagt, daß jeder, der sich Ihm ergibt, dem Einfluß dieser drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur entkommt. Und wenn schon die Geweihten Haris transzendental zum Einfluß der materiellen Erscheinungsweisen sind, dann ist auch Hari Selbst zweifellos transzendental zu den Erscheinungsweisen. Im Srimad-Bhagavatam heißt es deshalb, daß Hari, d.h. Krsna, die ursprüngliche und Höchste Persönlichkeit ist. Es gibt zwei Arten von prakrtis oder Energien, nämlich die innere und die äußere Energie, und Krsna ist der Herr von beiden. Er ist sarva-drk, das heißt, Er wacht über alle Tätigkeiten der inneren und der äußeren Energie, und Er ist auch der upadrasta, der höchste Ratgeber. Weil Er der höchste Ratgeber ist, steht Er über allen Halbgöttern, die lediglich Seinen Befehlen folgen. Wenn man deshalb direkt den Anweisungen des Höchsten Herrn folgt, wie sie in der Bhagavad-gita und dem Srimad Bhagavatam enthalten sind, wird man allmählich nirguna, d.h. transzendental zu den Wechselwirkungen der materiellen Erscheinungsweisen. Nirguna zu sein bedeutet, keine materiellen Reichtümer zu besitzen, denn materieller Reichtum bedeutet, wie bereits erklärt wurde, eine Vergrößerung der Aktionen und Reaktionen der drei materiellen Erscheinungsweisen. Wenn wir jedoch die Höchste Persönlichkeit Gottes verehren, werden wir nicht wegen irgendwelcher materiellen Reichtümer eingebildet, sondern wir machen spirituellen Fortschritt und erlangen Krsna-bewußtes Wissen. Nirguna zu werden bedeutet, ewigen Frieden, Furchtlosigkeit, Religiosität, Wissen und Entsagung zu erreichen. All dies sind Merkmale der Befreiung von der Verunreinigung, die durch die materiellen Erscheinungsweisen verursacht wird.

Als Antwort auf Pariksit Maharajas Frage sprach Sukadeva Gosvami als nächstes über eine historische Begebenheit, die mit Maharaja Pariksits Großvater, König Yudhisthira, zusammenhing. Er sagte, daß König Yudhisthira, nachdem er das asvamedha-Opfer beendet hatte, an der großen Opferstätte in Gegenwart bedeutender Autoritäten die gleiche Frage stellte wie später sein Enkel - wie es nämlich komme, daß die Geweihten Sivas materiell wohlhabend seien, die Geweihten Visnus dagegen nicht. Sukadeva Gosvami bezeichnete dabei König Yudhisthira als "dein Großvater", um Maharaja Pariksit daran zu erinnern, daß er mit Krsna verwandt sei und daß seine Großväter eine enge Beziehung zur Höchsten Persönlichkeit Gottes hatten.

Krsna ist bereits von Natur aus stets zufrieden, doch als Er Maharaja Yudhisthiras Frage hörte, wurde Er noch zufriedener, denn Fragen solcher Art und die Antworten darauf sind für die gesamte Krsna-bewußte Gesellschaft von großer Bedeutung. Immer wenn Sri Krsna mit einem Gottgeweihten über etwas spricht, sind Seine Worte nicht nur für den betreffenden Gottgeweihten bestimmt, sondern für die gesamte Menschheit. Die Unterweisungen der Höchsten Persönlichkeit Gottes sind selbst für die Halbgötter, einschließlich ihrer Anführer Brahma und Siva, von großem Wert, und jemand, der die Unterweisungen der Höchsten Persönlichkeit Gottes, die zum Wohl aller Lebewesen in die materielle Welt herabsteigt, nicht nutzt, ist zweifellos sehr zu bedauern.

Sri Krsna beantwortete Maharaja Yudhisthiras Frage wie folgt: "Wenn Ich einem Gottgeweihten sehr günstig gesinnt bin und ihm ganz besonders helfen möchte, nehme Ich ihm als erstes allen Reichtum fort." Wenn der Gottgeweihte dann bettelarm wird oder zumindest in verhältnismäßig große Armut gerät, verlieren seine Verwandten und Familienangehörigen das Interesse an ihm, und in den meisten Fällen geben sie ihre Beziehung zu ihm gänzlich auf. Auf diese Weise wird der Gottgeweihte doppelt unglücklich: Zuerst einmal wird er unglücklich, weil ihm von Krsna aller Reichtum genommen wurde, und dann wird er noch unglücklicher, weil ihn die Verwandten seiner Armut wegen im Stich lassen. Wenn ein Gottgeweihter auf diese Weise in Not gerät, so müssen wir uns im klaren sein, daß dies nicht auf seine sündhaften Tätigkeiten, die karma-phala, zurückzuführen ist; vielmehr wird die Armut des Gottgeweihten von der Persönlichkeit Gottes Selbst geschaffen. Ebenso ist es nicht auf die frommen Tätigkeiten des Gottgeweihten zurückzuführen, wenn er materiell reich wird. Ob ein Gottgeweihter ärmer oder reicher wird - immer geschieht es durch die Fügung der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Krsna schafft solche Situationen für Seinen Geweihten, um ihn völlig von Sich abhängig zu machen und ihn von allen materiellen Pflichten zu befreien. Dann kann der Gottgeweihte seine Energien, seinen Geist und seinen Körper - alles - dem Dienst des Herrn widmen, und dies wird reiner hingebungsvoller Dienst genannt. Das Narada-pancaratra erklärt deshalb, daß der Gottgeweihte sarvopadhi-vinirmuktam, "von allen Bezeichnungen befreit", ist. Alles, was man für die Familie, die Gesellschaft, die Gemeinschaft, die Heimat oder die Menschheit tut, ist mit Bezeichnungen verbunden wie "Ich gehöre zu dieser Gesellschaft", "Ich gehöre zu dieser Gemeinschaft", "Ich gehöre zu dieser Nation" oder "Ich gehöre zu dieser Lebensform". Solche Selbstidentifizierungen sind jedoch nichts anderes als äußerliche Bezeichnungen. Wenn sich ein Gottgeweihter durch die Gnade des Herrn von allen Bezeichnungen befreit, wird sein hingebungsvoller Dienst tatsächlich naiskarma. Die jnanis fühlen sich sehr zur Stufe des naiskarma hingezogen, auf der die Tätigkeiten, die man ausführt, keine materiellen Folgen erzeugen. Wenn die Tätigkeiten eines Gottgeweihten von allen materiellen Reaktionen frei sind, gehören sie nicht mehr zur Kategorie des karma-phalam, der fruchtbringenden Tätigkeiten. Wie von den Veden in Person bereits erklärt wurde, werden das Glück und Leid des Gottgeweihten von der Höchsten Persönlichkeit Gottes für ihn geschaffen, und deshalb ist es dem Gottgeweihten gleichgültig, ob er sich in Glück oder Leid befindet. Er erfüllt einfach weiter seine Pflichten im hingebungsvollen Dienst. Und obwohl seine Tätigkeiten scheinbar den Aktionen und Reaktionen fruchtbringender Tätigkeiten unterworfen sind, ist der Gottgeweihte in Wirklichkeit davon befreit.

Aber warum wird ein Gottgeweihter überhaupt von der Höchsten Persönlichkeit Gottes in Schwierigkeiten gebracht? Die Antwort ist, daß man dieses Verhalten des Herrn mit dem eines Vaters vergleichen kann, der sich seinen Söhnen gegenüber manchmal streng zeigt. Der Gottgeweihte ist eine hingegebene Seele, und der Höchste Herr hat Sich seiner persönlich angenommen. Wenn der Gottgeweihte deshalb in bestimmte Lebensumstände versetzt wird - seien sie nun glücklich oder leidvoll -, muß man verstehen, daß hinter jeder Fügung der große Plan der Persönlichkeit Gottes steht. So ließ Sri Krsna zum Beispiel die Pandavas in solche Not geraten, daß selbst Großvater Bhisma nicht begriff, wie dies geschehen konnte. Er klagte, daß die Pandava-Familie all diese Nöte ertragen müsse, obwohl sie von König Yudhisthira, dem frömmsten König, und von den beiden mächtigen Kriegern Bhima und Arjuna beschützt werde und obwohl die Pandavas darüber hinaus enge Freunde und Verwandte Sri Krsnas seien. Später jedoch stellte sich heraus, daß dies alles ein Plan der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Krsna, gewesen war, nämlich als Teil Seiner großen Mission, die Gottlosen zu vernichten und die Gottgeweihten zu beschützen.

An dieser Stelle könnte sich eine weitere Frage erheben: Worin besteht der Unterschied, wenn ein Gottgeweihter durch den Willen der Höchsten Persönlichkeit Gottes in glückliche bzw. unglückliche Situationen versetzt wird und wenn ein gewöhnlicher Mensch als Ergebnis seiner früheren Tätigkeiten in solche Lebensumstände gerät? In welchem Sinne befindet sich der Gottgeweihte in einer besseren Lage als der gewöhnliche karmi? Die Antwort lautet, daß sich die karmis und die Gottgeweihten niemals auf der gleichen Ebene befinden. Ganz gleich in welcher Lebenslage sich der karmibefindet, er bleibt in jedem Fall dem Kreislauf von Geburt und Tod unterworfen, da der Same des karma, der fruchtbringenden Tätigkeiten, in ihm liegt und keimt, sobald sich die Gelegenheit bietet. Durch das Gesetz des karma ist der gewöhnliche Mensch fortgesetzt an wiederholte Geburten und Tode gefesselt, wohingegen das Glück und Leid eines Gottgeweihten, das nicht dem Gesetz des karma untersteht, Teil einer zeitweiligen Fügung der Höchsten Persönlichkeit Gottes ist, die den Gottgeweihten nicht fesselt. Solche zeitweiligen Fügungen läßt der Herr nur für einen ganz bestimmten Zweck geschehen. Wenn ein karmi segensreiche Werke vollbringt, wird er zu den himmlischen Planeten erhoben, und wenn er gottlos handelt, wird er in höllische Lebensumstände versetzt. Doch ob ein Gottgeweihter auf scheinbar fromme oder unfromme Weise handelt - er wird nicht erhoben und fällt auch nicht, sondern er gelangt in das spirituelle Königreich. Deshalb befinden sich das Glück und Leid eines Gottgeweihten und das eines karmi nicht auf der gleichen Ebene. Diese Tatsache wird auch in den Unterweisungen Yamarajas bestätigt, die er einst seinen Dienern im Zusammenhang mit der Befreiung Ajamilas erteilte. Dabei trug Yamaraja seinen Schergen auf, alle Menschen zu ergreifen, die niemals den Heiligen Namen des Herrn ausgesprochen und auch niemals an die Gestalt, die Eigenschaften und die Spiele des Herrn gedacht haben. Gleichzeitig gab Yamaraja seinen Dienern auch die Anweisung, niemals die Gottgeweihten zu bedrohen. Darüber hinaus befahl er ihnen, jedem Gottgeweihten, dem sie begegneten, ihre achtungsvollen Ehrerbietungen darzubringen. Es steht somit außer Frage, daß ein Gottgeweihter innerhalb der materiellen Welt erhoben wird oder herabfällt. Ebenso wie ein himmelweiter Unterschied besteht, ob man von der Mutter oder von einem Feind bestraft wird, so ist auch die Notlage eines Gottgeweihten etwas völlig anderes als die eines gewöhnlichen karmi.

Eine weitere Frage, die man stellen könnte, lautet: Wenn Gott allmächtig ist, warum sollte Er dann versuchen, Seinen Geweihten zu bessern, indem Er ihn in Schwierigkeiten bringt? Die Antwort darauf lautet, daß es nicht ohne Absicht geschieht, wenn der Höchste Herr Seinen Geweihten in eine schwierige Situation bringt. Manchmal besteht der Grund darin, daß sich bei einem Gottgeweihten, der in eine Notlage gerät, die Gefühle der Anhaftung an Krsna noch mehr steigern. Als Krsna zum Beispiel einmal die Hauptstadt der Pandavas verlassen wollte und Seine Angehörigen um die Erlaubnis bat, nach Hause zurückzukehren, sagte Kuntidevi: "Mein lieber Krsna, wenn wir uns in Not befinden, weilst Du stets bei uns; nun aber, wo wir zu Königswürden gelangt sind, verläßt Du uns. Deshalb würde ich lieber weiterhin in Not leben als Dich verlieren." Wenn ein Gottgeweihter in Not gerät, steigern sich seine Bemühungen im hingebungsvollen Dienst. Deshalb versetzt der Herr Seinen Geweihten manchmal in Not, um ihm eine besondere Gunst zu erweisen. Außerdem ist, wie man sagt, die Süße des Glücks süßer für diejenigen, die Bitterkeit gekostet haben. Der Höchste Herr kommt in die materielle Welt herab, nur um Seine Geweihten aus Notlagen zu erretten, mit anderen Worten, der Herr müßte nicht erscheinen, wenn sich Seine Geweihten nicht in Not befänden. Was die Vernichtung der Dämonen und Atheisten betrifft, so kann dies ohne weiteres von Seinen vielfachen Energien erledigt werden; zum Beispiel werden viele asuras durch die äußere Energie, die Göttin Durga, getötet. Der Herr braucht also nicht persönlich zu erscheinen, um die Dämonen zu töten. Er fühlt Sich jedoch verpflichtet zu kommen, wenn Sein Geweihter in Not ist. Sri Nrsimhadeva erschien nicht, um Hiranyakasipu zu töten, sondern um Prahlada zu sehen und ihn zu segnen. Der Herr erschien also, weil sich Prahlada Maharaja in Not befand.

Wenn nach der finsteren Nacht schließlich am Morgen die Sonne aufgeht, ist dies sehr angenehm. Bei sengender Hitze empfindet man kaltes Wasser als sehr wohltuend, und in der eisigen Kälte des Winters freut man sich über warmes Wasser. Wenn ein Gottgeweihter auf diese Weise die Bedingungen der materiellen Welt erfahren hat und dann die spirituelle Glückseligkeit kostet, die ihm der Herr schenkt, wird sein Dasein noch glückseliger und freudvoller.

Der Herr fuhr fort: "Wenn Mein Geweihter aller materiellen Güter beraubt ist und wenn ihn seine Verwandten, Freunde und Familienangehörigen verlassen haben, sucht er rückhaltlos bei den Lotosfüßen des Herrn Zuflucht, da er niemanden sonst hat, der sich seiner annimmt." Srila Narottama dasa Thakura sagt deshalb in einem seiner Lieder: "Mein lieber Sri Krsna, o Sohn Nanda Maharajas, nun bist Du zusammen mit Srimati Radharani, der Tochter König Vrsabhanus, vor mir erschienen. Ich gebe mich Dir hin. Bitte nimm Dich meiner an. Bitte stoße mich nicht von Dir. Ich habe keine andere Zuflucht als Dich."

Wenn ein Gottgeweihter in scheinbar beklagenswerte Umstände gerät und ohne Familie und materiellen Reichtum dasteht, versucht er zunächst, seinen früheren materiellen Wohlstand wiederzuerlangen, doch obwohl er es immer wieder versucht, nimmt ihm Krsna seinen Besitz immer wieder weg. So wird der Gottgeweihte schließlich all seiner materiellen Bemühungen müde, und auf dieser Stufe der Enttäuschung, nachdem er in materieller Hinsicht versagt hat, kann er sich der Höchsten Persönlichkeit Gottes vollkommen hingeben. Solchen Menschen gibt der Herr von innen her den Rat, die Gemeinschaft von Gottgeweihten aufzusuchen. Wenn sie dann mit Gottgeweihten zusammen sind, entwickeln sie ganz von selbst die Neigung, dem Höchsten Herrn zu dienen, und bekommen sogleich von Ihm alle Möglichkeiten, im Krsna-Bewußtsein Fortschritte zu machen. Die Nichtgottgeweihten dagegen sind sehr darauf bedacht, ihren materiellen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Für gewöhnlich kommen sie nicht zu dem Punkt, wo sie die Höchste Persönlichkeit Gottes verehren, sondern sie verehren Siva und andere Halbgötter, um sich schnell materiellen Gewinn zu verschaffen. In der Bhagavad-gita wird deshalb gesagt: kanksantah karmanam siddhim yajanta iha devatah. "Die karmis verehren die verschiedenen Halbgötter, um in der materiellen Welt zu Erfolg zu gelangen." Sri Krsna sagt auch, daß diejenigen, die die Halbgötter verehren, keine reife Intelligenz besitzen. Deshalb begehen die Geweihten Krsnas aufgrund ihrer starken Zuneigung zu Ihm nicht den törichten Fehler, die Halbgötter zu verehren.

Sri Krsna sagte weiter zu König Yudhisthira: "Mein Geweihter läßt sich durch widrige Lebensumstände nicht beirren; er bleibt immer fest und stetig. Daher schenke Ich ihm Mich Selbst, und Ich erweise ihm Meine Gunst, so daß er den höchsten Erfolg im Leben erreichen kann." Die Gnade, die die Höchste Persönlichkeit Gottes dem Gottgeweihten, der sich in dieser Prüfung bewährt hat, erweist, wird als brahman beschrieben, was darauf hinweist, daß die Größe dieser Gnade nur mit der Größe des alldurchdringenden Brahmans verglichen werden kann. Brahman bedeutet "grenzenlos groß" und "sich grenzenlos ausdehnend". Krsnas Barmherzigkeit wird auch als parama beschrieben, denn sie kann mit nichts in der materiellen Welt verglichen werden, und manchmal wird sie auch als suksmam bezeichnet, was "höchst vortrefflich" bedeutet. Die Barmherzigkeit des Herrn gegenüber dem bewährten Gottgeweihten ist nämlich nicht nur groß und dehnt sich grenzenlos aus, sondern sie ist auch von der vortrefflichsten transzendentalen Liebe durchdrungen, die der Gottgeweihte und der Herr füreinander empfinden. Diese Barmherzigkeit wird weiter als cinmatram, "völlig spirituell", bezeichnet. Das Wort matram bezieht sich auf etwas absolut Spirituelles, das nicht von der geringsten Spur materieller Eigenschaften verunreinigt ist. Krsnas Barmherzigkeit wird auch als sat (ewig) und anantakam (unbegrenzt) bezeichnet. Warum sollte der Gottgeweihte, dem ein solch grenzenloser spiritueller Segen zuteil wird, noch die Halbgötter verehren? Ein Geweihter Krsnas verehrt weder Siva noch Brahma, noch irgendeinen anderen untergeordneten Halbgott. Er weiht sich ganz dem transzendentalen liebevollen Dienst der Höchsten Persönlichkeit Gottes.

Sukadeva Gosvami fuhr fort: "Die Halbgötter wie Indra, Candra, Varuna und andere, die von Brahma und Siva angeführt werden, neigen dazu, sehr schnell Wohlgefallen zu zeigen, wenn sie von ihren Geweihten verehrt werden, und sehr schnell zornig zu werden, wenn diese Fehler begehen. Aber bei der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Visnu, ist dies nicht der Fall." Dies bedeutet, daß jedes Lebewesen in der materiellen Welt, einschließlich der Halbgötter, von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur gelenkt wird, und deshalb herrschen in der materiellen Welt die Erscheinungsweisen der Unwissenheit und Leidenschaft vor. Diejenigen, die die Halbgötter verehren und nach ihren Segnungen streben, sind ebenfalls von den materiellen Erscheinungsweisen verunreinigt, vor allem von Leidenschaft und Unwissenheit. Sri Krsna erklärt deshalb in der Bhagavad-gita, daß es nicht besonders klug ist, die Halbgötter um Segnungen zu bitten, denn die Ergebnisse solcher Segnungen sind vergänglich. Es ist ein leichtes, durch die Verehrung der Halbgötter zu materiellem Reichtum zu gelangen, doch die Folgen sind oftmals verhängnisvoll. Deshalb werden die Segnungen der Halbgötter nur von unintelligenten Menschen geschätzt. Diejenigen, die Segnungen von den Halbgöttern empfangen, werden mit der Zeit stolz auf ihren materiellen Reichtum und mißachten ihre Gönner.

Sukadeva Gosvami erklärte König Pariksit: "Mein lieber König, Brahma, Visnu und Siva, die drei führenden Persönlichkeiten der materiellen Schöpfung, können jeden segnen oder verdammen. Brahma und Siva sind sehr leicht zufriedenzustellen, aber sie werden auch sehr schnell zornig. Wenn sie zufrieden sind, erteilen sie ohne viel Überlegung ihre Segnungen, und wenn sie in Zorn geraten, verfluchen sie ihren Geweihten ohne Überlegung. Sri Visnu dagegen ist sehr bedachtsam. Wenn ein Gottgeweihter etwas von Sri Visnu haben möchte, erwägt Sri Visnu zuerst, ob die Segnung für Seinen Geweihten wirklich gut ist. Sri Visnu gewährt niemals eine Segnung, die sich letzten Endes für den Gottgeweihten als verhängnisvoll erweist. Er ist aufgrund Seines transzendentalen Wesens stets voller Barmherzigkeit, und deshalb überlegt Er vor der Erteilung einer Segnung, ob diese für Seinen Geweihten auch tatsächlich vorteilhaft ist. Weil der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, immer Barmherzigkeit zeigt, ist Sein Verhalten immer segensreich, selbst wenn Er einen Dämon tötet oder wenn Er auf einen Gottgeweihten scheinbar zornig wird. Krsna wird deshalb als absolut gut bezeichnet. Alles, was Er tut, ist gut."

Was die Segnungen der Halbgötter wie Siva betrifft, so gibt es in diesem Zusammenhang eine historische Begebenheit, von der die großen Weisen berichten. Es geschah einmal, daß Siva, nachdem er dem Dämon Vrkasura, dem Sohn Sakunis, eine Segnung erteilt hatte, selbst in eine äußerst gefahrvolle Lage geriet. Vrkasura trachtete nach einer ganz bestimmten Segnung, und deshalb versuchte er herauszufinden, welche der drei führenden Gottheiten er verehren müsse, damit sein Wunsch erfüllt werde. Eines Tages traf er den großen Weisen Narada, und er fragte ihn, an wen er sich wenden solle, um so schnell wie möglich die Ergebnisse seiner Entsagung zu erhalten. Er fragte: "Welche der drei Gottheiten Brahma, Visnu und Siva ist am schnellsten zufriedenzustellen?" Narada durchschaute die Absicht des Dämons, und deshalb riet er ihm: "Das beste ist, du verehrst Siva; dann wirst du sehr schnell das ersehnte Ergebnis bekommen. Siva ist sehr schnell zufrieden und wird auch sehr schnell zornig. Versuche also Sivas Wohlgefallen zu erringen." Narada führte auch Beispiele von Dämonen wie Ravana und Banasura an, die zu großem Reichtum kamen, einfach weil sie mit ihren Gebeten Siva zufriedenstellten. Weil der große Weise das Wesen des Dämons Vrkasura kannte, riet er ihm nicht, sich an Visnu oder Brahma zu wenden; denn Menschen wie Vrkasura, die sich in der materiellen Erscheinungsweise der Unwissenheit befinden, sind nicht in der Lage, sich der Verehrung Visnus zu weihen.

Nachdem der Dämon Vrkasura Naradas Unterweisung vernommen hatte, begab er sich nach Kedaranatha. Dieser Pilgerort, der in der Nähe von Kaschmir liegt, existiert noch heute. Er ist fast immer von Schnee bedeckt, doch einmal im Jahr, während des Monats Juli, ist es möglich, dort die Bildgestalt Sivas zu besuchen. Dann pilgern die Geweihten Sivas dorthin, um der Bildgestalt ihre Verehrung darzubringen. Kedaranatha ist nur für die Geweihten Sivas bestimmt. Die vedischen Prinzipien schreiben vor, daß man Speisen, die man einer Bildgestalt opfern will, in einem Feuer darbringen muß. Deshalb ist bei allen Zeremonien ein Opferfeuer notwendig. Wenn man den Halbgöttern Speisen opfern will, so weisen die sastras besonders nachdrücklich darauf hin, daß dieses Opfer durch das Feuer geschehen muß. So begab sich der Dämon Vrkasura nach Kedaranatha und entfachte dort ein Opferfeuer, um Siva zu erfreuen.

Als das zu Sivas Verehrung bestimmte Feuer brannte, machte sich Vrkasura daran, sein eigenes Fleisch zu opfern, indem er es aus seinem Körper schnitt. So wollte er Sivas besonderes Wohlgefallen erwecken. Dies ist ein Beispiel für Verehrung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. In der Bhagavad-gita werden verschiedene Arten von Opfern aufgeführt. Einige befinden sich in der Erscheinungsweise der Tugend, andere in Leidenschaft und wieder andere in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. Es gibt verschiedene Arten der tapasya und der Verehrung, weil es auf der Welt so viele verschiedene Arten von Menschen gibt. Doch die reinste Form der tapasya, das Krsna-Bewußtsein, ist der höchste yoga und das höchste Opfer. Wie in der Bhagavad-gita bestätigt wird, besteht der höchste yoga darin, ständig im Herzen an Sri Krsna zu denken, und diese höchste Form von yajna ist der sankirtana-yajna.

In der Bhagavad-gita wird gesagt, daß die Verehrer der Halbgötter ihre Intelligenz verloren haben. Wie wir später in diesem Kapitel erfahren werden, wollte Vrkasura Siva zufriedenstellen, um eine materielle Segnung dritten Ranges zu erhalten, die vergänglich und ohne wirklichen Nutzen war. Nur die asuras und die Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit sind bestrebt, von den Halbgöttern solche Segnungen zu bekommen. Im Gegensatz zu diesem Opfer in der Erscheinungsweise der Unwissenheit ist der arcana-viddhi-Vorgang der Verehrung Visnus oder Krsnas sehr einfach. Sri Krsna sagt in der Bhagavad-gita, daß Er von Seinem Geweihten schon eine kleine Frucht, eine Blume oder etwas Wasser annimmt, was sich jeder, ob arm oder reich, ohne weiteres beschaffen kann. Natürlich sollten Menschen, die wohlhabend sind, dem Herrn nicht nur ein wenig Wasser, eine kleine Frucht oder ein Blatt opfern. Wenn ein reicher Mann ein Opfer darbringen will, dann sollte dieses Opfer seiner Stellung entsprechen. Doch wenn ein Gottgeweihter in großer Armut lebt, wird der Herr von ihm auch die bescheidenste Gabe annehmen. Die Verehrung Sri Visnus, Krsnas, ist sehr einfach und kann von jedem auf dieser Welt durchgeführt werden. Die Verehrung in der Erscheinungsweise der Unwissenheit dagegen, wie sie von Vrkasura durchgeführt wurde, ist nicht nur überaus schwierig und leidvoll, sondern sie ist auch eine sinnlose Zeitverschwendung. Aus diesem Grunde sagt die Bhagavad-gita, daß die Verehrer der Halbgötter jeglicher Intelligenz beraubt sind. Ihr Vorgang der Verehrung ist äußerst schwierig, und die Ergebnisse, die sie dafür erhalten, sind unstet und vergänglich.

Obgleich Vrkasura sein Opfer sechs Tage lang fortsetzte, gelang es ihm nicht, Siva persönlich zu Gesicht zu bekommen, was sein Ziel gewesen war. Er wollte aber Siva unmittelbar vor sich sehen, um ihn um eine Segnung zu bitten. Hier sehen wir einen weiteren Unterschied zwischen den Dämonen und den Gottgeweihten. Ein Gottgeweihter hat volles Vertrauen darin, daß alles, was er der Bildgestalt mit Liebe und Hingabe darbringt, vom Herrn angenommen wird. Der Dämon dagegen möchte die von ihm verehrte Gottheit von Angesicht zu Angesicht sehen, damit er sich die gewünschte Segnung direkt geben lassen kann. Der Gottgeweihte verehrt Visnu, Sri Krsna, nicht um einer Segnung willen, und deshalb wird ein Gottgeweihter als akama oder "frei von allen Wünschen" bezeichnet, der Nichtgottgeweihte hingegen als sarva-kama, "voll von den verschiedensten Wünschen". Am siebten Tag schließlich beschloß der Dämon, sich den Kopf abzuschlagen und ihn zu opfern, um Siva zufriedenzustellen. Er nahm also ein Bad im nahegelegenen See, und ohne zuvor Körper und Haare abzutrocknen, schickte er sich an, sich zu enthaupten. Nach den vedischen Vorschriften muß ein Tier, das man als Opfer darbringen will, zuerst gebadet werden, und es muß geopfert werden, während es noch naß ist. Als Siva sah, wie sich der Dämon den Kopf abschlagen wollte, empfand er großes Mitleid. Mitleid ist ein Merkmal der Erscheinungsweise der Tugend. Siva wird trilinga genannt, und deshalb war es ein Zeichen seiner Tugend, daß er mit dem Dämon Mitleid hatte. Sivas Mitleid wurde erregt, weil der Dämon sein eigenes Fleisch im Opferfeuer darbrachte. Solches Mitleid ist ganz natürlich, und es ist in jedem Lebewesen zu finden. Selbst ein gewöhnlicher Mensch sieht es als seine Pflicht an, einen Menschen zu retten, der sich gerade das Leben nehmen will, und er wird dies von sich aus tun, ohne daß man ihn erst darum zu bitten braucht. Als daher Siva schließlich aus dem Feuer erschien, um den Dämon am Selbstmord zu hindern, bedeutete dies nicht, daß der Dämon eine besondere Gunst erlangt hatte.

Der Dämon wurde durch die Berührung Sivas vor dem Selbstmord bewahrt; seine Wunden heilten sogleich, und sein Körper wurde wiederhergestellt, wie er zuvor gewesen war. Darauf sprach Siva zu dem Dämon: "Mein lieber Vrkasura, du brauchst dir nicht den Kopf abzuschlagen. Du kannst mich bitten, worum du willst, und ich werde dir jeden Wunsch erfüllen. Es ist mir unverständlich, warum du dir den Kopf abschlagen wolltest, um mich zu erfreuen, denn ich bin schon zufrieden, wenn man mir nur ein wenig Wasser opfert." Tatsächlich ist es so, daß nach vedischem Brauch die Siva-linga, die Form Sivas im Tempel, nur durch das Opfern von Gangeswasser verehrt wird, denn es heißt, daß Siva sehr erfreut ist, wenn Gangeswasser auf sein Haupt gegossen wird. Deshalb opfern ihm seine Geweihten gewöhnlich Gangeswasser und die Blätter des bilva-Baumes, die ganz besonders als Opfer für Siva und die Göttin Durga gedacht sind. Auch die Früchte dieses Baumes werden Siva dargebracht. Siva erklärte Vrkasura, daß er schon mit einer sehr einfachen Art der Verehrung zufrieden sei; warum also wolle er sich den Kopf abschlagen, und warum füge er sich so großen Schmerz zu, nur um seinen Körper in Stücke zu schneiden und diese im Feuer zu opfern? Es bestehe keine Notwendigkeit, sich solch schweren Bußen zu unterziehen. So kam es, daß sich Siva aus Mitleid und Zuneigung bereit erklärte, dem Dämon Vrkasura jede Segnung zu erteilen, die er sich wünschte.

Als Siva dem Dämon jede beliebige Segnung anbot, sprach dieser einen furchtbaren und niederträchtigen Wunsch aus. Der Dämon Vrkasura war sehr sündhaft, und Menschen, die ständig Sünden begehen, wissen nicht, welche Segnungen man von der verehrten Gottheit erbitten soll. Deshalb bat er Siva, mit der Kraft gesegnet zu werden, den Kopf eines jeden einfach dadurch, daß er ihn mit seiner Hand berühre, in Stücke zerspringen zu lassen, um den Betreffenden dadurch zu töten. Die Dämonen werden in der Bhagavad-gita als duskrtina oder Schurken bezeichnet. Krti bedeutet "sehr lobenswert", doch wenn die Vorsilbe dus hinzugefügt wird, ergibt sich die Bedeutung "abscheulich". Statt sich der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu ergeben, verehren die duskrtinas Halbgötter, um abscheuliche materielle Segnungen zu erhalten. Manchmal erfinden solche Dämonen, wie zum Beispiel die materialistischen Wissenschaftler, todbringende Waffen; statt anerkennenswerte Fähigkeiten zu zeigen, indem sie etwas entdecken, was den Menschen vor dem Tod rettet, erfinden sie Waffen, die den Tod nur noch beschleunigen. Da Siva so mächtig ist, daß er jede Segnung gewähren kann, hätte der Dämon ihn um etwas bitten können, was der gesamten Menschheit zum Wohl gereicht hätte, aber aus Selbstsucht wünschte er sich, daß jeder, dessen Kopf er mit der Hand berühre, auf der Stelle sterben werde.

Siva erkannte nun die Beweggründe des Dämons und bereute es, daß er versprochen hatte, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Er nahm sein Versprechen nicht zurück, aber im Herzen tat es ihm sehr leid, daß er Vrkasura eine Segnung geben mußte, die für die Menschheit so bedrohlich war. Die Dämonen werden als duskrtinas oder Schurken bezeichnet, weil sie die Intelligenz und die Fähigkeiten, die sie besitzen, dazu gebrauchen, abscheuliche Handlungen zu begehen. So erfinden zum Beispiel die materialistischen Dämonen manchmal neue, tödliche Waffen; die wissenschaftliche Forschungsarbeit für solche Erfindungen erfordert unzweifelhaft viel Intelligenz, doch statt etwas zu erfinden, was dem Wohl der gesamten Menschheit dient, schaffen sie etwas, was den Tod, der ohnehin bereits jedem Menschen gewiß ist, nur noch schneller herbeiführt. Genau dasselbe tat Vrkasura: Statt Siva um etwas zu bitten, was für alle Menschen segensreich gewesen wäre, zog er eine Segnung vor, die der Menschheit sehr gefährlich werden konnte. Deshalb war Siva sehr bekümmert. Die Geweihten der Persönlichkeit Gottes jedoch bitten Sri Visnu, oder Krsna, niemals um eine Segnung, und wenn sie Ihn doch einmal um etwas bitten, ist es für die Menschheit in keiner Weise gefährlich. Darin zeigt sich der Unterschied zwischen den Dämonen und den Gottgeweihten, bzw. zwischen den Verehrern Sivas und den Verehrern Visnus.

Als Sukadeva Gosvami die Geschichte von Vrkasura erzählte, nannte er Maharaja Pariksit "Bharata", womit er an König Pariksits Geburt in einer Familie von Gottgeweihten erinnerte. Maharaja Pariksit war einst von Krsna gerettet worden, als er sich noch im Schoß seiner Mutter befunden hatte. Ebenso hätte er nun Krsna bitten können, ihn vor dem Fluch des brahmana zu retten, doch er tat es nicht. Der Dämon dagegen wollte jeden durch die Berührung mit seiner Hand töten und dadurch unsterblich werden. Siva wußte dies, doch weil er sein Versprechen gegeben hatte, erteilte er ihm die gewünschte Segnung.

Der Dämon jedoch, verrucht wie er war, beschloß sogleich, mit seiner neuen Kraft Siva zu töten, um Gauri* zu entführen und ihre Gemeinschaft zu genießen. Er wollte deshalb sofort seine Hand auf Sivas Kopf legen. So geriet Siva, bedroht durch seine eigene Segnung, die er einem Dämon erteilt hatte, in äußerste Bedrängnis. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie ein materialistischer Halbgottverehrer die von seiner verehrten Gottheit erhaltene Macht mißbraucht.

Ohne lange zu überlegen, trat Vrkasura auf Siva zu, um ihn am Kopf zu berühren. Großer Schrecken durchfuhr Siva, und zitternd ergriff er sogleich die Flucht - von der Erde in den Himmel und dort von einem Planeten zum anderen, bis er schließlich hoch über den höchsten Planetensystemen die Grenzen des Universums erreichte. Obwohl Siva von einem Ort zum anderen floh, konnte er den Dämon nicht abschütteln. Selbst die Halbgötter, die über die verschiedenen Planeten herrschen, wie Brahma, Indra und Candra, sahen keine Möglichkeit, um Siva aus der drohenden Gefahr zu retten. Überall, wo Siva hinkam, verharrten sie in Schweigen.

Zuletzt wandte sich Siva an Sri Visnu, der in unserem Universum auf dem Planeten namens Svetadvipa weilt. Svetadvipa ist ein Vaikuntha-Planet in unserem Universum, der sich jedoch jenseits des Einflußbereichs der äußeren Energie befindet. Sri Visnu befindet Sich in Seinem alldurchdringenden Aspekt überall; aber dort, wo Er Sich persönlich aufhält, ist Vaikuntha. In der Bhagavad-gita heißt es, daß der Herr im Herzen aller Lebewesen weilt. Er befindet Sich also auch im Herzen der niederen Lebewesen, was jedoch nicht bedeutet, daß Er ebenfalls von niedriger Geburt ist. Jeder Ort, an dem Er Sich aufhält, wird in Vaikuntha verwandelt. Der Planet Svetadvipa in unserem Universum ist deshalb ebenfalls Vaikunthaloka. Wie in den sastras erklärt wird, befindet sich das Wohnen im Wald in der Erscheinungsweise der Tugend, das Wohnen in Großstädten, Städten und Dörfern in der Erscheinungsweise der Leidenschaft, und das Wohnen in einer Umgebung, in der die vier sündhaften Tätigkeiten, nämlich unzulässige Sexualität, Berauschung, Fleischessen und die Veranstaltung von Glücksspielen vorherrschen, in der Erscheinungsweise der Unwissenheit. Wer jedoch in einem Tempel Visnus, des Höchsten Herrn, wohnt, lebt in Vaikuntha. Es ist nicht wichtig, wo der Tempel steht - der Tempel selbst, wo auch immer er sich befindet, ist Vaikuntha. Ebenso ist auch der Planet Svetadvipa Vaikuntha, obwohl er sich in der materiellen Welt befindet. Siva gelangte also schließlich nach Svetadvipa, Vaikuntha. Auf Svetadvipa leben große Heilige, die vom Neid der materiellen Welt völlig frei sind und die über dem Bereich der vier Prinzipien des materiellen Lebens - Religiosität, wirtschaftlicher Fortschritt, Sinnenbefriedigung und Befreiung - stehen. Jeder, der einmal auf diesen Planeten gelangt, kehrt nie wieder in die materielle Welt zurück. Sri Narayana ist dafür berühmt, daß Er Seine Geweihten sehr liebt; sobald Er deshalb erkannte, daß Siva in großer Gefahr schwebte, nahm Er die Gestalt eines brahmacari an und ging Siva persönlich entgegen, um ihn von weitem zu begrüßen. Der Herr sah aus wie ein echter brahmacari. Er trug einen Gurt um die Hüfte, eine heilige Schnur, eine Hirschhaut, einen brahmacari-Stab und eine raudra-Perlenkette** . Auf diese Weise erschien Sri Narayana vor Siva als brahmacari. Die leuchtende Ausstrahlung, die von Seinem Körper ausging, zog nicht nur Siva an, sondern auch den Dämon Vrkasura.

Sri Narayana erwies Vrkasura sogleich Seine Ehrerbietungen, nur um dessen Aufmerksamkeit und Wohlwollen zu gewinnen. Auf diese Weise hielt Er den Dämon auf und sagte zu ihm: "Mein lieber Sohn Sakunis, du siehst sehr müde aus, als habest du einen weiten Weg hinter dir. Was ist dein Anliegen? Warum bist du von so weit hergekommen? Ich sehe, daß du sehr erschöpft bist, und deshalb bitte Ich dich - ruhe dich doch ein wenig aus! Du solltest deinen Körper nicht unnötig überanstrengen. Jeder weiß, wie wertvoll der Körper ist, denn nur mit dem Körper kann man sich alle Wünsche des Geistes erfüllen. Wir sollten daher den Körper nicht unnötig plagen."

Der brahmacari sprach Vrkasura als "Sohn Sakunis" an, um ihm so das Gefühl zu geben, Er kenne seinen Vater Sakuni. Vrkasura betrachtete Ihn tatsächlich als einen Bekannten seiner Familie, und die freundlichen Worte des brahmacari sprachen ihn sehr an. Ehe der Dämon einwenden konnte, er habe keine Zeit, sich auszuruhen, machte der Herr ihn auf die Wichtigkeit des Körpers aufmerksam, was den Dämon überzeugte. Jeder Mensch, besonders wenn er ein Dämon ist, sieht den Körper als etwas überaus Wichtiges an, und so ließ sich auch Vrkasura überzeugen. Um den Dämon weiter zu beschwichtigen, sagte der brahmacari: "Mein lieber Herr, wenn du meinst, du dürfest mir den Grund verraten, weshalb du dir die Mühe gemacht hast, hierherzukommen, dann sage es Mir bitte. Vielleicht kann Ich dir helfen, so daß dein Wunsch sehr leicht in Erfüllung geht." Indirekt gab ihm der Herr damit zu verstehen, daß Er, als das Höchste Brahman, ohne weiteres in der Lage war, das Unheil abzuwenden, das Siva heraufbeschworen hatte. Der Dämon wurde durch die süßen Worte Narayanas in der Gestalt des brahmacari besänftigt, und so vertraute er Ihm schließlich alles an, was im Zusammenhang mit Sivas Segnung geschehen war. Der Herr sagte daraufhin: "Ich kann nicht glauben, daß Siva dir wirklich eine solche Segnung gewährt hat. Soviel ich weiß, befindet sich Siva nicht in einer gesunden Geistesverfassung. Er hatte Streit mit seinem Schwiegervater Daksa, der ihn verfluchte, ein pisaca*** zu werden. So ist er zum Oberhaupt der Geister und Kobolde geworden. Ich traue deshalb seinen Worten nicht. Doch wenn du, mein lieber König der Dämonen, den Worten Sivas immer noch glaubst, warum machst du dann nicht eine Probe, indem du dir die Hand auf den Kopf legst? Wenn sich herausstellt, daß die Segnung ein Betrug war, kannst du Siva, diesen Lügner, auf der Stelle töten, so daß er es nicht noch einmal wagen kann, falsche Segnungen zu erteilen."

Auf diese Weise wurde der Dämon durch Narayanas betörende Worte und den Einfluß Seiner höheren, illusionierenden Energie verwirrt und vergaß tatsächlich die Macht Sivas und seiner Segnung. Er ließ sich also dazu verleiten, die Hand an Seinen Kopf zu führen, und sowie der Dämon dies tat, zersprang sein Kopf wie vom Blitz getroffen, und er war auf der Stelle tot. Als die Halbgötter des Himmels sahen, daß Vrkasura tot war, überschütteten sie Sri Narayana mit Blumen, priesen voller Dankbarkeit Seine Herrlichkeit und brachten Ihm ihre Ehrerbietungen dar, und auch die anderen Bewohner der himmlischen Planetensysteme - die pitas, die Gandharvas und die Bewohner Janalokas - ließen Blumen auf die Persönlichkeit Gottes herabregnen. So rettete Sri Visnu in der Gestalt eines brahmacari Siva aus höchster Gefahr und wandte alles zum Guten. Sri Narayana erklärte Siva dann, daß Vrkasura als Folge seiner sündhaften Handlungen getötet worden sei, insbesondere wegen seines frevelhaften Vergehens, als er versuchte, seine eigene Macht gegen Siva zu wenden, der sein Meister war. Des weiteren sagte Sri Narayana zu Siva: "Lieber Herr, wer sich ein Vergehen gegen große Seelen zuschulden kommen läßt, kann nicht weiter am Leben bleiben. Er wird durch seine eigenen Sünden vernichtet, und dies war ganz offensichtlich bei diesem Dämon der Fall, der ein solch schweres Vergehen gegen dich begangen hat."

Auf diese Weise wurde Siva durch die Gnade der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Narayana, der transzendental zu allen materiellen Erscheinungsweisen ist, davor gerettet, von einem Dämon getötet zu werden. Jeder, der diese Geschichte mit Glauben und Hingabe hört, wird mit Sicherheit aus der Verstrickung des materiellen Daseins wie auch aus der Gewalt seiner Feinde befreit werden.


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* anderer Name für Parvati, die Gemahlin Sivas
** raudra-Perlenketten sind nicht mit tulasi-Ketten zu verwechseln. Sie werden von den Geweihten Sivas benutzt.
*** ein Geist


Hiermit enden die Bhaktivedanta-Erläuterungen zum 87. Kapitel des Krsna-Buches: "Die Rettung Sivas".